NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt - Accessoires für ganze Kerle

© Patrick Rohner
Arbeitshandschuhe «Agraro Super», Leder und Baumwolle, Landi, 13 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen
Es tut jedem Städter gut, sich hin und ­wieder aufs Land zu bewegen und seine Sinne einem Reality Check zu unterziehen. Man fahre in die Pampa! Etwa nach Weinfelden Ost, wo von Dutzenden von Kreiseln durchsetzte Umfahrungsstrassen zuletzt in einer Schnittstelle zum Agrarland münden, wo keine Autobahn mehr ist, sondern nach der letzten Tankstelle nur noch Käffer mit Schweinezuchten kommen.

Dolce & Gabbana, Gucci, Dior? Interessiert hier keinen. Helly Hansen oder Fjällräven, das sind die Marken, die die robust gebauten, rotwangigen Männer kennen, die auf den Parkplätzen mit den Mähdreschern rangieren, die so gross sind wie Maisonnettewohnungen in der Stadt. Hier kauft man günstig und in der Grosspackung – natürlich in der Landi, die in Weinfelden einen strategisch gut placierten Riesenmarkt betreibt. Es riecht nach Grosspackungen von Tier­futter und Paletten, nach Harassen und Gummistiefeln. Die Angestellten sind in der Mitte breit und an den Schultern schmal, nicht wie in der Stadt, wo es genau umgekehrt gewünscht ist.

Die Landi ist hier etwa das, was die Storchengasse in Zürich ist: Treffpunkt, Flaniermeile und Anlaufstelle für den täglichen Bedarf. Der hier wäre: Regenschutz, Faserpelz, Südwester, Holzfällerhose, Stahlkappenschuhe und Arbeitshandschuhe. Kein fragiles Hermès-Zeug, womit man allenfalls das Lenkrad eines Vintage-Autos streicheln kann, sondern währschafte Zupackdinger, mit denen man Büsche roden, Holz fällen, Weidezaunpfähle einschlagen, Schweine verladen oder einen Ballen Heu herumschubsen kann.

Beliebt sind hier die Handschuhe des Typs «Agraro Super», hergestellt von der etwas wichtigtuerischen Landi-Hausmarke Noblessimo. Die Handschuhe sind oben, an der doppelt vliesverstärkten Manschette, mit einer grossen Öse ausgestattet, mittels deren man sie nach der Arbeit bequem an einem Karabiner am Hosengurt oder einem Nagel im Stall aufhängen kann. Die Handinnenflächen sind ganz aus stark genarbtem und stark nach Gerbstoffen riechendem Leder, innen ist ein Futter aus schweissabsorbierendem Frottéstoff eingelegt.

Die beiden mittleren Finger sind eingesetzt, der obere Teil des Zeigefingers dafür angeschnitten. Das verleiht dem Schnittbild des Arbeiterhandschuhs ein surreales Aussehen. Die Handoberseite ist aus einem stabilen Baumwolldrillich gefertigt und über den Knöcheln sowie an den Fingerspitzen mit einer Lederschicht gedoppelt. Alle Nähte sind an den stark beanspruchten Stellen mit einem Wild­lederband verstärkt. Ein eingenähtes ­Elas­ticband über dem Handrücken verhindert, dass die Handschuhe während der Arbeit abrutschen.

Diese Handschuhe «sitzen» nicht im herkömmlichen Sinne, im Gegenteil. Sie lassen mit ihrer primitiven Form jede noch so schöne Hand wie die eines wettergegerbten Stallknechts aussehen. In der Stadt würde man damit keinen noch so abartigen Schönheitswettbewerb gewinnen. Aber in Weinfelden, da wird Ihnen kennerhaft zugenickt, wenn Sie diesen robusten Bestseller an der Kasse aufs Band legen.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.




Leserbriefe:

Zu Zerlegt - Accessoires für ganze Kerle - NZZ-Folio Was wäre wenn . . . (08/08)

Da ist Jeroen van Rooijen ja fast eine Schmunzelsatire auf die ganzen Kerle und ihr Umfeld gelungen – gratuliere! Ist zugegebenermassen auch einfacher als ein Visa-Gold bewehrtes Trophy-Girl auf dem nachmittäglichen Shopping Trip zu begleiten – dies gäbe höchstens Stoff für eine ausgemachte Tragödie. Einiges im Artikel bedarf allerdings noch des Kommentars resp. der weiterführenden Erläuterung:
- Staunend nimmt der von der Restschweiz gedanklich bisher in den westlichen Ausläufern des Urals angesiedeltete Ostmärkler zur Kenntnis, dass er, aus welch geopolitischen Gründen auch immer, nun plötzlich zum Bewohner der Pampa mutiert wurde. Schluss mit Thur-Kosaken, nun sind wir Aachtal-Campesinos. Die liebe Globalisierung – ach ja…
- Nach der letzten Tankstelle vor Beginn der Steppe hat er nur noch Schweinezuchten gesichtet. Da hat ihm, dem Kreiselverwirrten, wohl ein Mähdrescher die Sicht auf Weiteres, Zuchtvolles genommen. Beispielsweise: Von Banken und Industrie als Kaderschmieden genutzte Schlösser mit Seesicht, bundesdeutsch „Heuschrecken“-Zuchten genannt; von fluglärmgeplagten Stadtflüchtlingen gebaute EFH-Siedlungen an ruhiger Lage, die sogenannten „Papierlithurgauer“-Zuchten; diverse (inter)national total angesagte Hotspots and Locations, bekannt als „In“-Zuchten; und dann die vielen Beizen, während der Fasnacht oft verschrien als „Un“-Zuchten.
- Stabbrechend über die leiblichen Proportionen des Landi-Personals herzufallen ist völlig verfehlt. Im Gegenteil, hier wäre der Goldlorbeer von „Wirtschaftsförderung Schweiz“ zu vergeben. Ist diesen Leuten doch der Schritt vom vorkapitalistischen Denken („Lieber en Ranze vom Ligge, als en Buggel vom Chrampfe“) in die cashhungrige Jetztzeit („freudigs Chrampfe und trotzdem en Ranze“) in genialer Manier gelungen. Welch dissertationswürdiger wirtschafts- und mentalitätsgeschichtlicher Quantensprung! Ja, der liebe wettergegerbte Stallknecht – es gibt ihn tatsächlich noch. Restexemplare können, mit ewas Glück, in entlegenen Eingeborenensiedlungen dabei beobachtet werden, wie sie sich um verladene Schweine und herumgeschubste Heu- und Hanfballen kümmern. Mehrheitlich wurde er aber ersetzt durch den Melkroboter und seinen Programmierer, der eine trägt INTEL, der andere „JSA mens-wear“ vom Fabriklädeli downtown Amriswil. Schluss mit tannigen Hosen!
- Ein Nachtrag zum „Agraro-Super“-Händsche scheint mir noch wichtig: Für die eingesessene Urbevölkerung bietet Landi-Thurgau zusätzlich eine Spezialgrösse an; Sie erraten’s vielleicht – ja genau: die mit den langen Fingern! Jubilate! So, nachdem nun alle Klischees bestätigt sind, finde ich endlich Zeit, den über ihren Cüplis eingeknickten Fashion Victims ermunternd zuzurufen: „Nicht depressiv werden Folks, denn: Moscht ond Saft get neui Chraft“. Und fern in der Pampa surrt leise der Mähdrescher mir sein Abendlied – ich nicke kennerhaft zu und bald ein….. .
Jakob Brüschweiler, Amriswil



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