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NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million Inhaltsverzeichnis
Schlagschatten -- Ballin, Imperator der Meere
© Angelo Boog
Von Wolf Schneider
In keinem hat sich die einst sprichwörtliche «deutsche Tüchtigkeit» kraftvoller verkörpert als in Albert Ballin, dem dreizehnten Kind eines dänischen Juden: aufgewachsen in einer Gasse am Hamburger Hafen, aufgestiegen zum Herrn über die grösste Handelsflotte und die gewaltigsten Schiffe auf Erden; mit dem deutschen Kaiser befreundet, vom Britischen Weltreich gefürchtet – und sechs Tage bevor der Erste Weltkrieg losbrach, von Winston Churchill umarmt.
Der Vater hatte 1852 in Hamburg eine Auswandereragentur gegründet, eine jener etwas anrüchigen Firmen, die sich von den Reedereien dafür bezahlen liessen, dass sie ihnen das Zwischendeck der Ozeandampfer mit Emigranten füllten. Der Vater starb 1874, als Albert 17 war. Der Sohn ergriff sogleich das Ruder, und trickreich und zäh trieb er die Agentur voran. Mit 22 besass er schon zwei Schiffe; mit 26 heiratete der kleine, schwarzhaarige, wieselflinke Mann eine drei Jahre ältere üppige Blondine aus dem Bürgertum.
Im Club der alten hanseatischen Familien wurde Ballin verachtet – und bald gefürchtet: Denn er machte den vornehmen Herren von der Hamburg-Amerika-Linie (der Hapag) mit bald fünf Auswandererschiffen Konkurrenz. Er reiste nach England, studierte den britischen Markt, lernte, sich wie ein Gentleman zu benehmen, und trug die feinsten Massanzüge. Mit seiner schönen Stimme parlierte er fliessend in drei Sprachen: gepflegtem Hochdeutsch mit spitzem S, Plattdeutsch für den Umgang mit Hafenarbeitern und Matrosen, Englisch für die Geschäfte mit der Welt.
Und da Ballin schneller dachte, härter arbeitete und abgebrühter war als die Konkurrenz, hatte er es mit 29 geschafft: Die Hapag willigte ein, für ihre und seine Schiffe eine gemeinsame Passage-Abteilung zu gründen, mit ihm als Chef. Das war die Einladung, die Hapag von innen zu erobern. Mit 31 stieg er ins Direktorium auf; 1898, mit 41 Jahren, war er der Generaldirektor und machte die Hapag bis 1914 zur grössten Reederei der Welt: mit 194 Ozeandampfern, Stützpunkten in 400 Häfen, Liniendiensten auch zwischen Genua und Buenos Aires, zwischen China und Kalifornien, auf dem Nil und auf dem Jangtsekiang – und Ballin war die Spinne im grössten Verkehrsnetz, das je die Erde überzogen hat.
Mit phänomenalem Spürsinn, rasender Ungeduld und den besten Beziehungen zu den Mächtigen der Erde hatte er das geschafft – und dabei war er der tausendäugige Inspizient geblieben, dem nichts entging, immer im Dienst: Toast zu kalt, Wein zu warm, Spinnweben in Kabine 167, Kellner ungehobelt – entlassen! Brüllen konnte er, wo er Borniertheit witterte oder gar Widerstand. Er hasste Gewerkschaften und Sozialdemokraten, und sie hassten ihn.
Kaiser Wilhelm II. lud ihn 1901 ins Neue Palais in Potsdam ein. «Liebste, was aus dem Menschen alles werden kann!» schrieb Ballin seiner Frau auf Briefpapier mit der Kaiserkrone. Mehrfach besuchte Wilhelm ihn zum Frühstück in seiner Hamburger Villa. Was Ballin am Kaiser fand, ist klar: den Glanz, der auf ihn und die Hapag fiel. Was aber fand der Kaiser an Ballin? Einen Menschen mit so glänzenden Kontakten in alle Welt wie kein anderer seiner Untertanen; den Mann mit dem Welterfolg auf allen Meeren, von dem der Kaiser erst träumte.
1912 holte Ballin aus zu seinem grössten Schlag: Da lief der erste von drei Vier schrauben-Turbinendampfern der Hapag vom Stapel, den mächtigsten bis dahin je gebauten Schiffen: die «Imperator», 291 Meter lang, 54 000 Bruttoregistertonnen gross; im Juni 1914 startete das zweite zur Jungfernfahrt, und der Kaiser taufte das dritte. Da war nun entschieden Grossmannssucht im Spiel. Ballin – nicht die deutsche Kriegsmarine – bedroht die britische Seeherrschaft! schrieb die englische Zeitung «Daily News Leader», und Winston Churchill, 37 Jahre alt und schon Erster Lord der Admiralität, liess ihn wissen: Er möge dem Kaiser verständlich machen, «mit welchen Gefühlen Grossbritannien als Inselstaat das unbarmherzige Heranwachsen einer rivalisierenden Seemacht von höchster Qualität verfolgt».
Am 25. Juli 1914 ist Ballin bei Churchill in London zu Gast. Wie kann nach Österreichs Ultimatum an Serbien ein grosser Krieg noch verhindert, wie kann wenigstens Grossbritannien aus ihm herausgehalten werden? Eine Lösung finden die beiden Männer nicht. Churchill, berichtet ein Zeuge, hat feuchte Augen, als er zum Abschied Ballin umarmt.
Am 4. August 1914 erklärt England Deutschland den Krieg, verhängt die totale Seeblockade und beschlagnahmt alle deutschen Schiffe auf den Meeren. Ballin sieht sein Lebenswerk zerstört. Am 8. November 1918 wird er in seiner Villa mit Mord bedroht. Er schluckt Tabletten – welche, wie viele, warum, bleibt ungeklärt. Nach schrecklichen Krämpfen stirbt er am 9. November, dem Tag, an dem sein Kaiser abdankt und nach Holland flieht.
Die Nazis zerschlagen 1933 Ballins Büsten, verbrennen die Bücher über ihn und tilgen seinen Namen. Vielleicht deshalb ist dieser erstaunliche Deutsche bis heute so wenig bekannt.
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
Leserbriefe:
Zu Schlagschatten -- Ballin, Imperator der Meere - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)
Karl-H. Walloch schreibt in seinem Leserbrief: "Die Nazis hassten Ballin, weil er jüdischen Glaubens war". Die Aussage kann falscher nicht sein. Denn sie intendiert, die Nazis seien Glaubenskrieger gewesen. Sie waren vielmehr biologistische Rassenfanatiker. Sie hassten Ballin, weil er Jude war. Der Glaube war ihnen schnurzpiepegal. Wie viele "getaufte" Juden mit Entsetzen feststellen mussten. Dr. Dieter Greuel, Baden-Baden
Zu Schlagschatten -- Ballin, Imperator der Meere - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)
Die Unterbringung der Auswanderer in den Auswandererheimen auf der Veddel wie auch auf den HAPAG-Schiffen war mehr als dürftig. Es ging dem kaiserlichen Reeder nur um einen satten Gewinn. Das war mit ein Grund, warum Ballin von den Sozialdemokraten und den Gewerkschaften nicht geliebt wurde. Dabei spielten auch die Unterschiede der Unterbringung der Besatzung auf den Schiffen eine grosse Rolle. Ballin war auch an der Gründung der Deutschen Werft auf der Elbinsel Hamburg-Finkenwerder beteiligt. Eine dekorative Büste von Albert Ballin stand bis zur Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 in der Halle der Reederei. Beherzte Mitarbeiter versenkten die Ballin-Bronze in der Binnenalster. Nach 1945 wurde diese wieder aus den Fluten der Alster herausgefischt und erneut in der Halle - heute HAPAG-LLOYD - aufgestellt. Die Nazis hassten Ballin, weil er jüdischen Glaubens war. Karl-H. Walloch, Hamburg
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