NZZ Folio 03/92 - Thema: Karrieren   Inhaltsverzeichnis

Sie nutzen die Gunst der Stunde

Geldwechsler, Karrierefrauen und Würstchenverkäufer: Wege zum Geld im neuen Polen.

Von Marco Schmid

Polen, bald drei Jahre nach dem Kollaps des totalitären Systems: Die Regale in den zahlreicher gewordenen Geschäften haben sich gefüllt; die Auslagen in den Schaufenstern präsentieren sich reich assortiert mit bester Importware. Euroshops, Pizza- und Fast-food-Lokale haben sich ins Strassenbild gezwängt und verströmen in Warschau, aber auch in kleineren Provinzstädtchen das Flair westlicher Konsumwelt.

Freilich, auch die Preise haben westlichen Standard erreicht. Wer sich das Angebot leisten kann - der hat bestimmt Karriere gemacht. Er muss zur dünnen Schicht der neureichen Polen gehören, die nach westlichen Massstäben bezahlt werden, die eine prosperierende Firma führen oder als moderne Raubritter mit weniger feinen Methoden Kapital aus dem Umbau ihres Landes zu schlagen wussten.

Wie sich Begriffe ändern: Während der Diktatur war das berufliche Vorwärtskommen fast immer mit Zugeständnissen an die Machthaber und mit Anpassung verknüpft. Karriere hiess nicht in erster Linie höheres Einkommen oder luxuriöser Lebensstil, sondern vor allem Privilegien: Dienstwagen mit Chauffeur, Zugang zu Feriendomizilen von Regierung und Partei. Heute hingegen kann man sich eine Karriere nicht ohne sprudelnde Einnahmequellen vorstellen; Erfolg misst sich nun daran, wieviel Geld man besitzt und welchen Luxus man sich leisten kann.

Einem Künstler war früher Berühmtheit Ersatz für den süssen Luxus, den sein erfolgreicher Kollege im Westen gewohnt war. Im heutigen Kulturbetrieb, der einerseits von der Auflösung vieler Theater, Orchester und Ateliers gezeichnet ist, werden nun auf der andern Seite Spitzenleute mit enormen Summen honoriert. So haben etwa die beiden erst 17jährigen Gewinner des X. Internationalen Wieniawski-Violinwettbewerbs in Posen jüngst zusammen umgerechnet über 5000 Dollar Preisgeld erhalten. Auch für die folgenden acht Plätze gab es noch hohe Preisgelder von verschiedenen staatlichen und privaten Organisationen.

Mit den 15 000 Dollar, die der Geschäftsmann Aleksander Gawronik den beiden Musikern zusätzlich ausbezahlte, wurden nochmals neue Massstäbe gesetzt. Gawronik besitzt eine Kette von Wechselstuben und ist im Aussenhandel tätig. Wie viele seiner Kollegen tritt er nun als Sponsor kultureller und caritativer Veranstaltungen in Erscheinung. Er gilt in Polen als Wirtschafts-Wunderkind mit einer Bilderbuchkarriere. Gawroniks Aufstieg nahm seinen Anfang, als die Polen noch unter erschwerten Bedingungen (Visumspflicht) in Massen zum Shopping nach Berlin pilgerten. Rechtzeitig sicherte er sich einen Exklusivvertrag zur Rückerstattung der Mehrwertsteuer für deutsche Waren. Heute hat sich der Tätigkeitsbereich seines «Büros für Handel und Rechtsberatung» erheblich erweitert, unter anderem importiert Gawronik Treibstoff. Zahlen über seine Umsätze jedoch hütet er wie ein Geheimnis. Schätzungen gehen davon aus, dass es sich um Hunderte von Millionen Dollar handeln muss, was in Zloty Milliardenbeträge sind. Doch niemand kennt die Quellen dieses Reichtums wirklich. Wird Gawronik zum Beispiel an Pressekonferenzen gefragt, verweist er auf einen Mitarbeiter, weil er selber die Zahlen nicht präsent habe. Ruft man dann an, kommt man über eine Sekretärin nicht hinaus, die zu keiner Auskunft ermächtigt ist . . . Er selber erklärt höchstens, er habe in Lausanne einmal von der Grosszügigkeit einer Schweizer Familie profitiert und eine Schnupperlehre in deren Betrieb absolvieren dürfen; damals habe er verstanden, dass man auf ehrliche Art und Weise zu viel Geld kommen könne.

Heute wagt Gawronik keinen Schritt mehr ohne seine Leibwache. Die polnische Bevölkerung ist fest davon überzeugt, dass er im Zuge der Einführung des Balcerowicz-Planes, mit dem 1990 die Wechselkurse freigegeben wurden und ein wirtschaftliches Reformprogramm eingeleitet wurde, dank den Informationen aus regierungsnahen Kreisen mit dem illegalen Devisenhandel sein Vermögen gemacht hat. Eine Rechtsübertretung war ihm bisher trotz drei noch hängigen Prozessen aber nicht nachzuweisen. Heute führt Gawronik seine Wechselstuben legal und erfreut sich offenbar des grössten Ansehens bei der internationalen Geschäftswelt, die mit ihm Millionengeschäfte zu unterzeichnen bereit ist.

In den Augen der meisten Polen ist jeder, der heute reich ist, unmoralisch oder nur mit Glück zu Geld gekommen. «Mit ehrlicher und redlicher Arbeit wird man in diesem Land nie reich», ist die gängige Meinung. Bestätigt wird sie immer wieder durch zahlreiche Affären, unter denen die grösseren, wenn sie denn publik werden, auch bei höchsten Staatsorganen Empörung auslösen. Wutentbrannt sprach Präsident Walesa vom «Raub an Kranken, Rentnern und Kriegsinvaliden», nachdem bekanntgeworden war, dass zwei junge Polen, die noch keine dreissig Jahre alt waren, durch die Ausnützung von Gesetzeslücken zu einem immensen Vermögen gekommen waren, das sie dann ins Ausland schafften. Der Trick: Sie hatten ein und dasselbe Guthaben auf verschiedenen staatlichen Banken mehrmals verzinsen lassen. 100 000 Dollar, welche die beiden aus bis heute unbekannter Quelle erhalten haben (Vermutungen deuten auf westliche Sektengemeinschaften), legten sie auf einem Bankkonto an, von dem sie später Teilsummen wieder abzogen und in einer anderen Bank anlegten. Nach polnischem Bankenrecht musste die erste Bank die Zinsen so lange weiter bezahlen, bis von der anderen Bank, die sofort Zinsen gutschrieb, die Eingangsbestätigung erfolgte - was auf dem Postweg unter Umständen mehrere Tage dauern konnte. Eine von den beiden jungen Hochstaplern mit dem lawinenartig anwachsenden Vermögen gegründete Holding beherrschte zuletzt mit insgesamt über 200 Ablegern, die alle auf dieselbe Art tätig wurden, weite Gebiete Polens. Für die Volkswirtschaft entstand ein gigantischer Schaden. Schätzungen reichten von einer halben Billion Zloty (umgerechnet etwa 43,5 Millionen Dollar) bis zu zwei Prozent des Bruttosozialproduktes, das 1990 umgerechnet 46,9 Milliarden Dollar betrug. Zwar wird die zweite Version von Mitarbeitern des Statistischen Zentralamtes als unrealistisch bezeichnet, doch hält sich das Gerücht in der Bevölkerung hartnäckig. Inzwischen haben sich die beiden Wirtschaftskriminellen nach Israel abgesetzt.

Obschon finanzielle Fortune im Polen der Gegenwart oft auf dunklen Machenschaften, Devisenschieberei oder Steuerhinterziehung gründet, finden sich auch Beispiele für redlichen Berufserfolg. So haben vor allem Kleinunternehmer die Gunst des Übergangs zu einer neuen Gesellschaftsordnung ohne Rückgriff auf zweifelhafte Methoden zu nutzen gewusst. Wirklich reich geworden sind dabei allerdings nur jene, die bereits vor der Wende von 1989 grosse Risiken eingegangen waren. Als ab 1986 die Bestimmungen in Richtung Gewerbefreiheit langsam gelockert wurden, zogen viele Polen einen Kleinhandel in Bereichen auf, wo besonderer Mangel herrschte - etwa in der Kleingastronomie. Als man in der Warteschlange vor Metzgereien noch Zeit und Nerven verlor, tauchten erste Hot-dog-Verkaufsstände auf. Sie brachten den Inhabern, die sich die Würste über Beziehungen in den staatlichen Fleischkombinaten oder auf dem Schwarzmarkt besorgten, einen ansehnlichen Reichtum. Da die meisten dieser Würstchenverkäufer keine amtliche Bewilligung besassen und von den Behörden zwar zum Teil geduldet, aber dann auch wieder bekämpft wurden, waren sie immer auf dem Sprung, um sich raschestens aus dem Staub zu machen. Ideale Verkaufsstände waren deshalb kleine Wohnwagenanhänger. Im Zentrum der Grossstädte sind sie inzwischen durch amerikanisch aussehende Spezialbuden ersetzt worden; am Stadtrand und in den Wohngegenden sieht man sie aber noch immer.

Zu den Privilegierten gehörten schliesslich stets diejenigen, die im Ausland arbeiten konnten und von dort Devisen nach Hause brachten. War dies in früheren Jahren Parteimitgliedern vorbehalten, so lockerten sich diese Bestimmungen gegen Ende der Diktatur. Nun genügten auch Beziehungen zu Direktoren von Aussenhandelsbetrieben, die es in Polen häufiger gab als in den sozialistischen Nachbarländern. Für weniger attraktive Destinationen, etwa den Irak, mussten gar Leute gesucht werden. Durchschnittlich konnte man so pro Jahr etwa 10 000 Dollar nach Hause bringen, die bei einem Durchschnittslohn von knapp 20 Dollar im Monat eine geradezu ungeheure Summe darstellten.

Heute reichen solche Beträge nicht mehr weit, weil es keinen Schwarzmarkt mehr gibt. Der Dollar ist nicht mehr wert als anderswo in der Welt, und mit 10 000 Dollar kann man höchstens noch einen Kleinstbetrieb gründen, dessen Erfolg noch nicht einmal garantiert ist. Zu Geld sind fast nur jene gekommen, die ihr Geschäft schon in den späten achtziger Jahren aufgebaut haben.

Eine von ihnen ist die heute 33jährige Grazyna Nowaczyk, Alleininhaberin der Aussenhandelsfirma Komyix. «Ich hätte mein Geld für einen luxuriösen Lebensstil, teure Kleider und schöne Ferien verschwenden können», sagt sie rückblickend. Statt dessen hat sie das Ersparte in eine eigene Firma investiert und beschäftigt heute 19 Angestellte. Komyix beliefert zur Hauptsache eine staatliche Institution mit Elektronikartikeln und Präzisionsapparaten. Aber auch Privatleute, die für solide Geschäftsbeziehungen einen höheren Preis zu zahlen bereit sind, zählen zu ihrer Kundschaft.

Der Lebenslauf von Grazyna Nowaczyk hat sich bis Anfang der achtziger Jahre in nichts vom Werdegang tausend anderer unterschieden. Mit 18 Jahren beendete sie eine der nicht besonders anspruchsvollen Berufsmittelschulen mit einem Diplom als Bautechnikerin. Danach trat sie eine Stelle an: im Projektbüro der Warynski-Werke in Warschau, eines Betriebes der Maschinenbauindustrie. Den Grundstein zu ihrer späteren Karriere legte sie, als sie 1979 für die Baufirma Exbud Kielce für ein Jahr nach Deutschland fahren durfte. Grazyna Nowaczyk: «Ich habe damals als Bürokraft für alle anfallenden Arbeiten viel gelernt, habe über die Abrechnungen den Bauprozess von der Grundsteinlegung bis zur Hausübergabe mitbekommen und gemerkt, dass alles nicht so schwierig war, wie ich es mir vorgestellt hatte.» Nach acht Monaten kehrte Grazyna Nowaczyk zurück und deponierte ihr ganzes Geld auf einem Devisenkonto.

Nun absolvierte sie ein viereinhalbjähriges Abendstudium in «Organisation und Verwaltung». Bereits während des letzten Studienjahres beschloss Grazyna Nowaczyk, zusammen mit zwei Jugendfreunden aus Danzig eine Firma zu gründen. Sie begann mit dem Import von Artikeln der Unterhaltungsindustrie. Nach zwei Jahren entzweite sich das Trio, Grazyna Nowaczyk verkaufte ihre Anteile und gründete die Firma Komyix.

Angesprochen auf genauere Umsatzzahlen oder Umsatzwachstum, winkt Grazyna Nowaczyk wie viele Jungunternehmer energisch ab. Denn in Polen betrachtet man die Presse zuweilen noch immer als Organ des Staates. Oder man fürchtet, der Journalist arbeite mit den Steuerbehörden zusammen. Das macht es schwierig, ein Unternehmen wie Komyix solide zu beurteilen. Und noch eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu - nämlich zu beurteilen, wieweit eben frühere Beziehungen und Verbindungen eine Rolle gespielt haben bei dieser Art von Firmen, die in den Medien als «Nomenklatura-GmbH» bezeichnet werden. Grazyna Nowacyzk verheimlicht nicht, dass sie 1977 als 18jährige in die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei eingetreten ist, und zwar aus Überzeugung. Auch heute sieht sie in der Partei eine politische Interessenvertretung, die mit stalinistischen Unmenschen nichts zu tun hatte. Deshalb habe sie ihre Mitgliedschaft bis zur Selbstauflösung der Partei auch nicht gekündigt. Vielmehr habe sie, so erzählt sie, in ihrer Stellung als persönliche Sekretärin und rechte Hand des Parteichefs eines Betriebes mit etwa 5000 Arbeitern, der elektrotechnische Geräte herstellt, Einblick erhalten in die Organisation der Handelstätigkeit. In den Augen von Antikommunisten haben solche Kontakte eine Karriere überhaupt erst ermöglicht, während andere junge Leute, die gegen das Unrecht gekämpft und ihre patriotischen Pflichten wahrgenommen hätten, von solchen Chancen nicht einmal hätten träumen dürfen. Dem entgegnet Grazyna Nowaczyk, dass ihr ohne eisernen Willen, Talent und Entschiedenheit all die Beziehungen herzlich wenig genützt hätten.

So oder so gehört Grazyna Nowaczyk zweifellos zum wachsenden Kreis erfolgreicher Geschäftsfrauen, die in Polen ein besonders auffälliges Phänomen sind. Es liegt wohl nicht zuletzt in der Geschichte des Landes begründet: In der langen Zeit von Kriegen, Besetzung und Teilung zwischen 1795 und 1918 hatten die Ehefrauen ihre Familien oft allein durchzubringen; die Männer und Söhne verloren ihr Leben oder gerieten für lange Zeit in Gefangenschaft.

Für Bozena Wawrzewska, stellvertretende Chefredaktorin der früheren Regierungszeitung «Rzeczpospolita» und Verantwortliche der wöchentlichen Beilage «Frau und Business», ist Grazyna Nowaczyk eine jener Geschäftsfrauen, die ihre ganze Kraft für den beruflichen Erfolg einsetzen und weniger an einer eigenen Familie interessiert sind: «Oft stammen diese Frauen aus einer zerrütteten Familie oder stehen kurz vor oder nach der Scheidung. Sie sind aber keineswegs nur knallharte Karrieregeschöpfe, sondern Frauen, denen Erfolg und ihr Geschäft einfach sehr viel bedeuten.»

In ihrer Arbeit hat Bozena Wawrzewska eine weitere Kategorie von Geschäftsfrauen kennengelernt. Es sind dies Intellektuelle mittleren Alters, meist tätig an Universitäten, die sich nach weiteren Verdienstquellen umsehen mussten, weil die mageren Akademikergehälter nicht mehr ausreichten. Stellte sich Erfolg ein, zog es diese Frauen meist nicht mehr an die Universitäten zurück.

Am einfachsten, fährt Bozena Wawrzewska fort, hat es da die dritte Kategorie - Ehefrauen finanziell unabhängiger Männer und mit Kindern, die schon relativ selbständig sind. Für sie ist die Berufstätigkeit nicht eine Frage des finanziellen Überlebens, sondern, neben der stets willkommenen Aufbesserung des Familienbudgets, vor allem Stärkung des Selbstwertgefühls.

Natürlich ist auch diese Dreiteilung, wie jede Klassifizierung, nur ein Versuch zur Ordnung der Wirklichkeit. Zu beobachten sind viele Zwischenformen. Zofia Rummel-Syska zum Beispiel ist Hochschulprofessorin und Unternehmerin. Ihre Consultingfirma gründete sie nicht wegen ihres kümmerlichen Akademikergehalts, denn ihr in der Tourismusbranche tätiger Ehemann verdient genug. Vielmehr bewogen sie der Drang nach Unabhängigkeit und der Wunsch nach praktischer Anwendung ihrer psychologischen Kenntnisse zur Gründung einer eigenen Firma.

Zofia Rummel-Syska erzählt, wie sie anlässlich eines Forschungsaufenthaltes in den USA mit Kollegen zusammenkam, die parallel zu ihrer akademischen Tätigkeit als Berater grosser Firmen wirkten. «Oft haben sie mich dann gefragt, weshalb ich das in Polen nicht auch versuche.» Als sich nach 1986 der Kollaps des sozialistischen Systems immer deutlicher abzeichnete, erinnerte sich die Betriebspsychologin an jenen Ratschlag und beschloss, ihre eigene Firma zu gründen. «Vom Universitätsbetrieb hatte ich die Nase voll», sagt sie. «Denn ich war immer von den akademischen Behörden abhängig; jederzeit konnte es einem parteihörigen Professor in den Sinn kommen, mir die Ausreise für die Teilnahme an einem Kongress zu verweigern. Und das war vor allem bei Leuten der Fall, die sich wissenschaftlich profilierten.» Mit der Universität sei sie zwar weiterhin verbunden, doch liege der Tag, an dem sie vom akademischen Betrieb endgültig Abschied nehme, nicht mehr fern.

Marco Schmid ist Korrespondent der NZZ in Warschau.


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