WOLLT IHR GEIGENSPIELEN lernen, liebe Kinder? Oder wollt ihr lieber eine flächendeckend durchgeführte Veranstaltung zur Instrumentenwahl besuchen? Die Jugendmusikschule einer schweizerischen Grossstadt hat sich für die zweite Formulierung entschieden. Und so falsch es wäre, mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen, so sehr bietet es sich an, an Hand eines Stückleins Alltagsprosa anschaulich zu machen, wie farblos, wie bürokratisch gebläht und akademisch verbogen man mit Eltern und Kindern reden kann, wenn man glaubt, da liege kein Problem.
Es sei bald die Zeit gekommen, wo entschieden werden sollte, ob das Kind ein Instrument erlernen möchte - so beginnt der Brief an die Eltern. In Ordnung. Nun weiter: «In diesem Entscheidungsprozess . . .» Schon damit hat der Absturz begonnen. Was fügt der «Prozess» der Entscheidung hinzu? Etwa so viel wie der Heilungsverlauf der Heilung (die ja keine wäre, wenn sie nicht verliefe). «Dabei» hätte völlig genügt. Warum die Prozesshaftigkeit typischer Entscheidungsverläufe herausstellen? Damit die Eltern es lieber lesen? Damit ihr Kind lieber zur Geige greift?
Und wer steht den Eltern und Kindern in diesem Prozess mit Rat und Tat zur Seite? «Die Musiklehrkraft. Im Verlauf des Monats wird sie . . .» Kein Lehrer also und keine Lehrerin, sondern eine Lehrkraft - ein bisschen abseits des Sprachgebrauchs, aber vorbildlich geschlechtsneutral. Mit dem Nachteil freilich, dass dann sie den Rat erteilt, selbst wenn sie ein Mann wäre. Das ist ja grammatisch nicht falsch, aber etwas verwirrend zu lesen, ähnlich, als wenn es von einer anderen Lehrkraft hiesse, dass sie ihrem Sohn ein guter Vater sei.
Auch könnte es männliche Leser oder Lehrer geben, die in dem sie eine fahrlässige oder listige Benachteiligung ihres Geschlechts aufspürten und folglich die Gegenforderung erhöben, die Geschlechtsneutralität in sauberem Wechsel so zu wahren, dass umgekehrt unter er auch eine Frau verstanden werden kann. Kein Problem! Man brauchte nur auf die Bezeichnung «Lehrkörper» für die Gesamtheit der Lehrkräfte zurückzugreifen: Dann dürfte man über fünf Lehrerinnen sagen, er erteile Musikunterricht, und das wäre nur gerecht.
Flächendeckend könnten die «Veranstaltungen zur Instrumentenwahl» erst in einigen Jahren durchgeführt werden, heisst es weiter. Flächendeckend! Welch schönes Wort für Handelsvertreter und Bomberkommandos. Wie man Flächen mit Veranstaltungen deckt, bleibt offen; ebenso, ob ein ganze Flächen abdeckendes Oboenkonzert auch nur dem geübten Ohr erfreulich wäre.
Wo und wie können Kinder und Eltern die Instrumentenlehrkräfte erleben? «Live auf der Bühne.» Das ist plötzlich eine Anleihe aus dem Jargon der Rock- und Popkonzerte («live in concert»), also erstens ein Stilbruch und zweitens überaus überflüssig: Wer auf der Bühne oder im Konzert agiert, hat es schwer, dies nicht «live» zu tun, und dass Lehrer live unterrichten, ist keines Hinweises würdig (erst in ein paar Jahren vielleicht, wenn der Lehrkörper im Computer hockt).
Und was können die Kinder tun? «Instrumente aus der Nähe besehen, befühlen und ausprobieren.» Wie um Himmels willen soll man ein Instrument befühlen, ohne es aus der Nähe zu sehen? Und wie reden Kinder: Darf ich mal dein Cello befühlen?
Da der Platz knapp sei, schliesst der Brief, sollten interessierte Eltern ihren Kindern den beigefügten Zettel mitgeben; «ohne Gegenbericht von Seiten der Jugendmusikschule können Sie davon ausgehen, dass aufgrund dieser Interessenerhebung genügend Platzkapazität vorhanden sein sollte». Auf deutsch: Wenn Sie nichts von uns hören, werden wir einen Platz für Sie haben. Gegenbericht! Interessenerhebung! Und was fügt die «Platzkapazität» dem Platz hinzu? Platz haben oder nicht, das war schon immer ein Kapazitätsproblem.
Stünde nun diesem Deutsch aus den Tiefen der Katasterämter ein einziger frischer Satz gegenüber oder käme zum Beispiel eine Klarinette vor, irgend etwas zum Anfassen - man wäre getröstet. Den Wettlauf mit Kapazität, Prozess und Erhebung aber muss «das Instrument» bestehen, der blasseste mögliche Oberbegriff. Welche Instrumente? Keine Auskunft. Führt der Lehrkörper auch eine Einweisung in Kontrabass und Tuba durch? Wenn ja - wie erstaunlich! Wenn nein - welche Pointe! («Tuba lehren wir zwar nicht, aber schon die Posaune ist kein Problem für uns.»)
Nichts für ungut, liebe Jugendmusikschulgebietsleiterin! Ihr Brief ist gut gemeint, sachlich einwandfrei und grammatisch völlig korrekt. Nur Musik hat er nicht. Wollten Sie nicht eigentlich werben dafür, dass möglichst viele Kinder sich ans Musizieren machen? Sollten Ihre Sätze dann nicht rote Backen haben? Sollten sie nicht ermuntern, sich auf das kleine Abenteuer einzulassen? Müssten sie nicht auch die Eltern motivieren? (Denn schliesslich kommen Kosten auf sie zu, viel Überzeugungskraft und manch schmerzliches Geräusch.) Wo bleibt die Anekdote von dem faulen Virtuosen, wo ein Spritzer Fröhlichkeit?
Das alles muss ja nicht sein. Etliche Kinder werden durchaus live in die Befühlstunde kommen. Es ist nur schade um jede Geige, die mit Hilfe solcher Sprachprozesse ungefidelt bleibt.