NZZ Folio 09/06 - Thema: Privatisierung   Inhaltsverzeichnis

Wer hat, der muss geben

© Todd Warnock, New York
Verdiene und verteile: Lewis Cullman, führender Kopf in der New Yorker Philanthropie-Szene, spendete 250 Millionen Dollar. Linktext
In den USA werden Bildung und Soziales zu einem erheblichen Teil von privaten Wohltätern finanziert. Die geben, weil es Gott gefällt, die Steuerlast senkt oder das Gewissen erleichtert. Doch ein solches System öffnet der Willkür Tür und Tore.

Von Steffan Heuer

Manhattan ist ein Haifischbecken, in dem sich Medienzare, Finanzbosse und allerlei Erben aus berühmtem Hause umkreisen, zu Zweckbündnissen zusammenrotten, ineinander verbeissen und mit Genuss hinterher in den Klatschseiten der Lokalblätter lesen, wer wo mit wem angestossen hat oder angeeckt ist. Aber zur alljährlichen Benefizgala des Museum of Modern Art (MoMA) wird das Raubfischbecken zur Bühne des Lächelns und der grossen Gesten.

Und so drängen sich knapp tausend Prominente und solche, die es laut Bankkonto auch sein könnten, durch
das vom japanischen Architekten Yoshio Taniguchi für 315 Millionen Dollar renovierte Gebäude. In Smoking oder Designerkleidern mit langen Schleppen. Sie tragen die Champagnerkelche vor sich her wie Speerspitzen, um sich einen Weg durch den zur Party umfunktionierten Skulpturengarten zu bahnen. Manche Damen der High Society tätscheln im Vorbeigehen die berühmte Ziege von Picasso – bei einem Ticketpreis von 1500 Dollar für einen guten Zweck drücken die Aufseher ein Auge zu.

Hier umringt eine Menschentraube Time Warners CEO Richard Parsons, vor der Band plauscht Jamie Niven, Sohn des berühmten Schauspielers. Auf der Terrasse zieht Schauspielerin Sarah Jessica Parker die Besucher in den Bann, und irgendwo – zwischen den Rockefellers, Tischs und Lauders – müssen Komödienstar Jerry Seinfeld und Rhythm-&-Blues-Künstler John Legend unterwegs sein.

Es geht an diesem Abend aber nicht nur darum, einen Blick auf die Stars zu erhaschen, sondern um Geld. Am Ende der Veranstaltung wird das MoMA netto 2,8 Millionen Dollar an Spenden verbuchen, die in den laufenden Haushalt fliessen. Benefizveranstaltungen wie «Die Party im Garten» finden fast jeden Tag irgendwo in den USA statt, wenn auch nicht immer mit so glamourösen Gästen. Sie werfen ein Schlaglicht auf die gut geölte Wohltätigkeitsindustrie Amerikas: Tue Gutes, verpflichte berühmte Spender, rede darüber – und wiederhole den Vorgang möglichst regelmässig.

Der Mechanismus, der an Bürgergewissen und Bürgerstolz gleichzeitig appelliert, funktioniert nicht nur an der Spitze der Einkommenspyramide, sondern quer durch alle Schichten der Gesellschaft. Wohlstand auf Erden ist in den von calvinistischer Ethik geprägten und im Vergleich zu Europa tief religiösen USA noch immer ein Zeichen gottgefälliger Lebensführung. Und wer mehr als andere angesammelt hat, sollte auch mehr in den Klingelbeutel legen. Es entbehrt nicht der Ironie, dass kaum eine andere Industrienation derart grosszügig private Gelder umverteilt wie das Land des ungezügelten Kapitalismus, der solchen Reichtum erst möglich macht und sich gerade anschickt, die Erbschaftssteuer so gut wie abzuschaffen.

Philanthropie ist eine immense Industrie in den Vereinigten Staaten, die vergangenes Jahr rund 260 Milliarden Dollar an Spenden eintrieb (zum Vergleich: der Bildungsetat des Bundes umfasst 56 Milliarden Dollar). Drei Viertel der Gaben stammten von Privatleuten, weitere sieben Prozent waren Vermächtnisse. Die restlichen knapp zwanzig Prozent des Spendenkuchens entfielen auf Stiftungen und Unternehmen, die gemeinnützige Projekte unterstützen. Trotz mehreren Naturkatastrophen von Asien bis New Orleans machten Zuwendungen für Katastrophenopfer nur drei Prozent aller Spenden aus, ermittelte die Autorität auf diesem Gebiet, eine Stiftung namens Giving USA.

Was bei dieser Statistik des Wohltätertums noch ergänzt werden muss, sind die unzähligen Stunden an gemeinnütziger Arbeit, die US-Bürger Jahr für Jahr erbringen – sei es, um den Stadtpark oder einen Bach zu säubern, Häuser für bedürftige Familien zu bauen oder für die örtliche Kirche Nahrungsmittel an Arme zu verteilen. Nach einer Erhebung der Corporation for National and Community Service krempelte im Jahr 2005 knapp jeder dritte erwachsene US-Bürger die Ärmel hoch und leistete im Schnitt 50 Stunden Gemeinschaftsdienst. Die daraus resultierende Summe von 8,2 Milliarden Stunden freiwilliger Hilfsdienste ist noch einmal 150 Milliarden Dollar wert.

Einer der wohl aktivsten und grosszügigsten Mäzene der Stadt fehlte dieses Jahr beim Stelldichein der Mäzenaten im MoMA allerdings: Lewis Cullman. Mit seinen 86 Jahren ist der ehemalige Investor einer der führenden und lautstärksten Köpfe in New Yorks Philanthropie-Szene. Was etwas heissen will, denn New York wiederum ist aufgrund der Konzentration von alten und neuen Reichen, von multinationalen Unternehmen und von rund 27 000 gemeinnützigen Einrichtungen und Stiftungen der Fixstern, um den sich das Sonnensystem guter Taten im ganzen Land dreht. Für die Museumsgala fühlte sich Cullman ausnahmsweise unpässlich, obwohl er einen ganzen Tisch gesponsert hatte. Er blieb in seiner Villa an der Upper East Side.

Sein Name war dennoch in vieler Munde, denn das neue, achtstöckige «Lewis B. and Dorothy Cullman Education and Research Building» grenzt direkt an die Westseite des Skulpturengartens an. Die neue MoMA-Bibliothek samt Auditorium für 51 Millionen Dollar ist eines von Dutzenden von Projekten, für das Cullman und seine Frau gespendet haben. Mit rund einer Viertelmilliarde Dollar unterstützten sie bisher Büchereien, Museen, Theater, Universitäten und Krankenhäuser. Dazu finanzierten sie ein von Cullman ersonnenes Schachprogramm für Schulen in den armen Bezirken New Yorks. Bis zu seinem Tod will der ehemalige Financier sein restliches Vermögen zu guten Zwecken verteilen, anstatt es einer ewig währenden Stiftung zu überschreiben. Und Cullman liegt seinen vermögenden Freunden beständig im Ohr, es ihm gleichzutun. «Das habe ich schon von meiner Mutter gelernt: Einer der grössten Vorteile, erfolgreich zu sein und Geld zu verdienen, besteht darin, es mit Freuden wieder mit beiden Händen auszuteilen. Die Amerikaner spenden nicht nur, weil sie das Geld von der Steuer absetzen können. Das geht viel tiefer», sagt er in seinem Büro hoch über Manhattan und fügt hinzu: «Kein Wunder, dass die Welt uns um das amerikanische System beneidet.»

Das verglaste Penthouse im 36. Stock eines Hochhauses an der Third Avenue erinnert an die Zeiten, als Cullman noch ein erfolgreicher Investor war, der an der Wall Street mittat, kleinere Fische schluckte und später gewinnbringend wieder ausspuckte. Hinter getönten Scheiben steht ein Ensemble von beigen Ledercouches auf dickem Teppichboden, umringt von Kunstwerken aus aller Welt. In einer Ecke ein ausladender Schreibtisch mit einem fast verloren wirkenden Computer und auf den Fensterbrettern eine Sammlung ungewöhnlicher Schachbretter, die von Cullmans Leidenschaft für das strategisch wie taktisch anspruchsvolle Brettspiel zeugen. Nur die nachträglich installierten Notrufknöpfe im Marmorbad deuten darauf hin, dass hier ein Macher weit im hohen Rentenalter arbeitet.

Der Antrieb, anderen zu helfen, gründet bei vielen der berühmten US-Mäzene auch in der mit dem Alter wachsenden Einsicht, etwas an die Gesellschaft zurückzahlen zu wollen. «Die meisten Industriekapitäne dachten nicht an Philanthropie, bevor sie die 60 überschritten hatten», resümiert Cullman mit Blick auf berühmte Wohltäter des 19. Jahrhunderts wie den Stahlbaron Andrew Carnegie, den Bankier Andrew Mellon oder den Ölmagnaten John D. Rockefeller. «Das hat sicher etwas mit dem Nachsinnen über die eigene Sterblichkeit zu tun. Wer hat schon als junger Mensch den Tod vor Augen? Und die Frage, was von einem Leben übrigbleibt? Mir ging es nicht anders – ich habe mich erst 1999 aus dem Geschäftsleben zurückgezogen und meine Energien in die Philanthropie gesteckt.»

Im Werdegang vom Finanzgenie zum Förderer ähnelt Lewis Cullman seinem Zeitgenossen Warren Buffett. Der zweitreichste Mann der Welt sorgte Ende Juni für Schlagzeilen, als er im Alter von 75 Jahren den Grossteil seines Vermögens – rund 37 Milliarden Dollar – an die «Bill und Melinda Gates»-Stiftung überschrieb. «Das System des freien Marktes hat für arme Menschen versagt», begründete Buffett seine Entscheidung. Ebenso wenig glaube er «an dynastischen Reichtum». Wer wohlhabend aufwachse, gehöre bloss zum «Club der glücklichen Spermien», weswegen er, Buffett, sein Vermögen nicht den eigenen Kindern überschreibe.

Lewis Cullman begann seinen Aufstieg in die High Society sicherlich nicht bei null. Er wurde 1919 in Manhattan als Nachfahre von emigrierten Weinhändlern aus Bingen am Rhein geboren und wuchs in einer Villa am Central Park auf. Sein Vater und sein Bruder wurden als Tabakimporteure reich, doch Lewis wollte nicht ins Familiengeschäft einsteigen. Er studierte Meteorologie, verpflichtete sich bei der Luftwaffe und versuchte sich nach dem Krieg als Unternehmer, indem er massgeschneiderte Wettervorhersagen verkaufte.

Nach einigen Umwegen landete Cullman an der Wall Street und kann sich heute rühmen, die fremdfinanzierte Firmenübernahme in den 1960er Jahren erfunden zu haben – lange bevor das mit zweifelhaften Schuldverschreibungen finanzierte Übernahmefieber grassierte. Mit nur 1000 Dollar Bargeld brachte Cullman 1964 die Übernahme der Schädlingsbekämpfungsfirma Orkin für 62,4 Millionen Dollar zuwege und löste am Ende das 2500fache seiner Investition. Mitte der 1970er Jahre kaufte er den Kalenderhersteller Keith Clark für 13 Millionen, baute das Portfolio der Firma aus und verkaufte das Unternehmen 22 Jahre später für sage und schreibe 550 Millionen Dollar.

Das war nicht nur sein Meisterstück, sondern zugleich der Wendepunkt in Cullmans Leben. «Ich glaube, dass Leute, die grosse Reichtümer anhäufen, die Verpflichtung haben, in gleichem Masse an die Gesellschaft zurückzugeben», schreibt Cullman in seinen Memoiren «Can’t Take It With You» (zu deutsch etwa: «Du kannst dein Geld nicht mit ins Grab nehmen»). Der Untertitel lautet: Die Kunst, Geld zu verdienen und zu verteilen.

Der heute 86-Jährige sucht die Empfänger seiner Gaben nach ähnlichen Prinzipien wie seine Anlageobjekte aus. «Früher hielt ich Ausschau nach Aktien von Firmen, deren Wert noch niemand erkannt hatte. Und auch heute suche ich nach unentdeckten Juwelen. Ich will das Gefühl haben, dass ich etwas bewirken und bei der Umsetzung mitmachen kann, statt nur einen Check auszustellen.»

Die richtige Auswahl zu treffen und über den reinen Geldbetrag hinaus engagiert zu bleiben, ist eine der grössten Herausforderungen der Philanthropie-Industrie. Otto Normalverbraucher in den USA spendet deswegen überwiegend an Einrichtungen, die er kennt und die in seiner Nähe liegen. Zwei von drei Privathaushalten spenden an Kirchen, die zweitbeliebteste Kategorie sind Bildungseinrichtungen, danach folgen soziale Hilfsdienste. Erstaunlicherweise stammen weit mehr als die Hälfte der privaten Spenden von US-Haushalten, die weniger als 100 000 Dollar im Jahr verdienen. Diese Familien in der Mittelschicht machen auch neun von zehn Steuerzahlern aus. Die restlichen 43 Prozent des Spendenkuchens steuert der obere Zehntel der Bevölkerung bei.

Professionelle Philanthropie kann man in den Vereinigten Staaten mittlerweile sogar studieren. So bietet die New York University Kurse zu den Themen «Psychologie des Fundraising», «Technologie für Fundraising» und «Auswahl und Training von Aufsichtsgremien» an. Die Nachfrage ist mit jährlich rund 1000 Studenten so gross, dass die Hochschule seit vergangenem Herbst einen eigenen Studiengang «Master in Fundraising» anbietet.

Wie die High Society ihr Vermögen in den kapitalistischen Kreislauf einspeist, findet in den Medien das meiste Interesse. Um diesen Transfer zu erleichtern, hat das amerikanische Steuerrecht die Rechtsform der Stiftung geschaffen. Das mag einfach klingen, aber es gibt eine fast unüberschaubare Vielfalt an Variationen: Stiftungen von Einzelpersonen oder Familien wie Cullman und Gates, Firmenstiftungen wie die Ford Foundation, Genossenschaftsstiftungen, Kommunalstiftungen und neuerdings sogar karitative Investmentfonds. Die Liste der Einrichtungen, die per Gesetz keinen Gewinn abwerfen dürfen und dafür steuerlich begünstigt werden, ist so lang, dass ihre Beobachtung eine eigene Industrie hervorgebracht hat.

An New Yorks nobler Fifth Avenue befindet sich das Foundation Center, das die Steuererklärungen und Spenden von annähernd 70 000 US-Stiftungen auswertet und vor allem Bewerbern für Zuwendungen als Informationsstelle dient. «Seit 1980 hat sich die Zahl privater Stiftungen mehr als verdreifacht, und vergangenes Jahr überschritten deren kombinierte Vermögenswerte zum ersten Mal die 500-Milliarden-Dollar-Schwelle», sagt die Forschungsleiterin des Zentrums, Loren Renz.

Damit sitzen die professionellen Philanthropen zwischen Seattle und Miami auf einem Finanzpolster, das etwa dem doppelten Bruttoinlandprodukt der Schweiz entspricht. Der Aufschwung der 1990er Jahre, eine ganze Generation neuer, bedeutend jüngerer Multimillionäre dank dem Internetboom und mehrere fette Jahre an der Börse haben diesen Trend gefördert. Selbst der Einbruch nach den Terroranschlägen vom 11. September konnte dem langfristigen Stiftungsboom nichts anhaben.

Theoretisch kann jedermann eine Stiftung für ein Gebiet schaffen, das ihm oder ihr am Herzen liegt, und wenn es sich um die «Rettung von Shitsu-Schosshunden» handelt. Ab einer Einlage von mindestens zwei Millionen Dollar lohnt es den Anwalts- und Verwaltungsaufwand, so Renz. Dass immer mehr Stiftungen ins Kraut schiessen, hat neben handfesten steuerlichen Vorteilen oft ebenso viel mit dem überdimensionierten Ego der Gründer zu tun. Wer spendet, will selten anonym bleiben. Nicht zuletzt deswegen offerieren Hochschulen, Museen und selbst botanische Gärten oder Aquarien den Namen neuer Gebäude, Sitzmöbel oder Lehrstühle dem höchsten Bieter.

Private Stiftungen sind zu einem bedeutenden Faktor geworden, wenn es darum geht, im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesen Prioritäten zu setzen – oft gerade, weil staatliches Engagement fehlt. Der Staat mag vielen Amerikanern suspekt sein, aber gegen die Einmischung des reichen Unternehmers haben sie nichts. Das neue Mäzenaten-Magazin «Contribute» etwa, das gute Taten auf Hochglanz zwischen Luxusinseraten feiert, spricht von der «Benefiz-Society»: «Amerikas Reiche definieren sich mehr durch das, was sie geben, als das, was sie einnehmen.»

An der Spitze der humanen Hitparade steht seit Warren Buffetts Paukenschlag die Stiftung des Microsoft-Ehepaares Gates. Die Stiftung verfügt über ein Vermögen von über 60 Milliarden und zahlte im vergangenen Jahr 1,4 Milliarden Dollar an Fördermitteln aus. An zweiter Stelle folgt die in New York beheimatete Ford Foundation mit einem Portefeuille im Wert von 11 Milliarden Dollar.

Stiftungen sind indes nicht zwingend Werkzeuge des Guten. Da sie keiner wirklichen öffentlichen Aufsicht unterstehen und nur selten, wenn überhaupt, vom Finanzamt geprüft werden, sind dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet – etwa als Vehikel für Politiker, die unter dem Deckmäntelchen der guten Tat Spendengelder von Grossunternehmen eintreiben können oder obskure Stiftungen mit Namen wie «Welt der Hoffnung» oder «Operation guter Nachbar» gezielt zur Förderung ihrer Agenda benutzen.

«Lobbyisten können über Stiftungen Audienzen bei Politikern oder Einfluss auf die Legislative kaufen. Was da passiert, ist nicht nur amoralisch, sondern ausgesprochen kriminell», klagt Rick Cohen, Direktor des National Committee for Responsive Philanthropy. «Passieren dann noch ein paar Skandale, entfremdet das die Bevölkerung vom Grundgedanken der Demokratie. Wer will noch spenden, wenn die ganze Branche solche schwarzen Schafe duldet?»

Cohen veröffentlicht regelmässig Berichte, in denen er Stiftungen von – meist konservativen – Politikern anprangert, wie die des wegen eines Korruptionsskandals aus dem Amt entfernten Abgeordneten Tom DeLay. Was Cohen aufs Korn nimmt, hat wenig mit dem hehren Image der Philanthropie zu tun: Angestellte ohne Fachwissen beziehen horrende Gehälter für angeblich karitative Tätigkeiten; Stiftungen arbeiten in Personalunion mit Wahlkampfbüros und finanzieren Projekte, die wenig bis gar nichts mit dem erklärten Zweck der Satzung zu tun haben.

Cohen und Cullman sind sich vor allem bei einem Missstand mit vielen Philanthropen einig: Die meisten Stiftungen sind zu satten Selbstläufern geworden. Laut Steuerrecht müssen sie pro Jahr mindestens fünf Prozent ihres Vermögens an Fördermitteln vergeben – aber diese Summe beinhaltet den Verwaltungsaufwand. «Grosse Stiftungen spenden jährlich drei Prozent für gute Zwecke. Ein schmutziger Trick, den wenige kennen», sagt Cullman. «Das Kapital, das ein Mäzen eingezahlt hat und das er sofort steuerlich geltend machen kann, wird gar nie angetastet.»

Darum gibt es Stiftungen mit enormen Bürokratien, die auf ewig das Zinseinkommen verwalten und weiterwachsen wollen. «Das liegt in der Natur der Sache. Andernfalls würden sie sich selber abschaffen. Ein solches Verhalten ist angesichts der ungeheuren Reichtümer, die angehäuft werden, eine Schande für die Gesellschaft», zürnt Cullman. Das zu ändern, ist sein «Kreuzzug» – und konsequent handelt er danach: Er hat verfügt, dass alle nach dem Ableben von ihm und seiner Frau verbleibenden Gelder innerhalb eines Jahres verteilt werden. Je mehr sich der Staat aus sozialen Bereichen wie Krankenversicherung und Schulwesen zurückzieht, umso wichtiger werden philanthropische Einrichtungen, die in die Bresche springen. Das beste Beispiel ist Lewis Cullmans erstes und bis heute liebstes Wohltätigkeitsprojekt «Schach in der Schule».

Das massgeblich von ihm finanzierte Programm versucht, mit minimalem Aufwand die schlimmsten Versäumnisse an benachteiligten öffentlichen Schulen auszubügeln. Mehr als 30 000 Schüler an 120 Schulen in allen fünf Stadtteilen New Yorks spielen einmal pro Woche über mindestens ein halbes Schuljahr hinweg Schach im Unterricht. Sie bekommen einen Schachlehrer und jeder ein eigenes Brett samt Figuren, die die Stiftung in China für unter zwei Dollar das Set einkauft.

Der Effekt, so Cullman, sei enorm: «Kinder, die Schach spielen, lernen, wie man denkt, Situationen analysiert und plant. Das führt zu besserem Konzentrationsvermögen und Selbstbeherrschung.» Cullmans Idee hat Nachahmer in den gesamten USA gefunden – und es gibt eine Warteliste von Schulen, die Schach anbieten wollen. Die einzige Bedingung ist, dass ihre Schüler mit öffentlichen Mitteln verköstigt werden, weil deren Familien knapp an der Armutsschwelle leben – in New York trifft das auf drei von vier öffentlichen Schulen zu. Die Quote aller Kinder, die die High School abschliessen, liegt in New York City bei 54 Prozent. Wenn sie nach der dritten Klasse beim Schach dabei bleiben, schaffen 100 Prozent den Abschluss – und 98 Prozent gehen danach aufs College.

Das sind die Werte, an denen Cullman den Ertrag seiner Investitionen misst. Trotz seinem Alter geht er noch oft zu Schachturnieren. «Das muss man sich ansehen. Ein Saal voller Kinder, die sonst nicht stillsitzen und Randale machen würden, sitzen vor den Brettern und sind mucksmäuschenstill!»

«Ich sitze manchmal mit Leuten zusammen, die mehr Geld haben, als sie je ausgeben können», berichtet Cullman, der früher neunstellige Firmenübernahmen mit Pokermiene aushandelte, weil er nach eigenen Angaben «immer ein As mehr im Ärmel hatte» als sein Gegenüber. «Wenn sie mir damit kommen, sie könnten es sich nicht leisten, noch einen Check auszustellen, kann ich nur sagen: Ihr solltet euch schämen!» Cullman nennt das «instruktive Wut». Wut ist also keine schlechte Voraussetzung für eine gute Tat.

Steffan Heuer ist Amerikakorrespondent des deutschen Wirtschaftsmagazins «brand eins»; er lebt in San Francisco.


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