Herr Cadisch, wie gross ist die Gefahr eines nuklearen Terroranschlags?
Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed al-Baradei, hat kürzlich gesagt: «Die Bedrohung durch den nuklearen Terrorismus ist real und aktuell.» Dieser Feststellung schliesse ich mich an.
Welche Szenarien sind real und aktuell?
Unter Experten unterscheiden wir drei Szenarien des Nuklearterrorismus: den Fall der selbstgebauten Atombombe, auch als «Bastlerbombe» bezeichnet, den Fall des Anschlags auf eine Kernenergieanlage und schliesslich den Fall der Dirty Bomb, der schmutzigen Bombe. Im ersten Szenario, bei der Atombombe, wird durch Kernspaltung von Uran oder Plutonium sehr viel Energie freigesetzt und damit eine gewaltige Explosion verursacht. Die Dirty Bomb dagegen ist keine Atombombe, sondern eine Bombe aus konventionellem Sprengstoff, dem radioaktives Material beigefügt worden ist. Dadurch wird die Umgebung mit radioaktivem Material verschmutzt.
Welches wären die Auswirkungen der zwei genannten Bombentypen?
Eine Atombombe hat eine enorme Zerstörungswirkung, es ist eine richtige Weapon of Mass Destruction, eine Massenvernichtungswaffe. Dass Terroristen sie einsetzen, erachten wir aber als sehr unwahrscheinlich. Die technischen Hürden, die man überwinden muss, um eine richtige Atombombe zu bauen, sind sehr hoch. Die schmutzige Bombe dagegen ist eine Weapon of Mass Disruption, eine Waffe der Massenstörung. Sie hätte zwar keine hohe Zahl von Toten und Verletzten zur Folge, aber volkswirtschaftlich, psychologisch und letztlich politisch würde sie grossen Schaden anrichten. Der Einsatz einer schmutzigen Bombe durch Terroristen ist aus meiner Sicht viel wahrscheinlicher als der Einsatz einer Bastlerbombe, weil sie viel einfacher herzustellen ist.
Ist es tatsächlich so schwierig, eine Atombombe zu bauen? Die Pläne sind ja im Internet zu finden.
Das ist im Prinzip richtig. Dennoch ist es nicht einfach, man braucht dazu viel Fachwissen. Aber auch wenn wir davon ausgehen, dass eine zielbewusste Terrorgruppe sich das Know-how zum Bau einer einfachen Atombombe verschaffen könnte, hat sie die entscheidende Schwierigkeit noch nicht überwunden: Das Hauptproblem ist der Zugang zum Material. Denn für den Bau einer Atombombe braucht es waffenfähiges Plutonium oder Uran. Terroristen würden wohl versuchen, an Uran zu kommen, weil damit die Bombe einfacher zu konstruieren ist. Nun brauchen sie für eine einfache Bombe aber mindestens 50 Kilogramm waffenfähiges, das heisst sehr reines Uran. Dieses Kaliber entspricht etwa jenem der Bombe von Hiroshima. Es ist kaum vorstellbar, dass eine Terrororganisation eine solche Menge an waffenfähigem Uran selbst herstellen kann.
Aber Uran wird ja auch gestohlen, geschmuggelt und auf dem Schwarzmarkt verkauft.
Sicher, das ist eine Gefahr. Nach unserer Kenntnis waren das aber bisher keine signifikanten Mengen. Dabei muss ich hier einschränken: Wir sind im Labor Spiez technische Experten und nicht ein Nachrichtendienst. Klar ist aber, dass es nur wenige Länder gibt, die offiziell oder inoffiziell Kernwaffen besitzen. Und bei allen ist das Material in den Händen des Militärs. Wir können davon ausgehen, dass überall die Sicherheitsvorkehrungen sehr hoch sind. Das grösste Risiko besteht, wenn Staaten zerfallen, wie wir dies im Fall der Sowjetunion erlebt haben.
Die Tschetschenen, die im Oktober 2002 das Moskauer Musicaltheater in ihre Gewalt brachten, hatten als eigentliches Ziel das Institut Kurtschatow, wo Atomwaffen gelagert werden. Was hätte da passieren können?
Soviel ich weiss, werden am Moskauer Kurtschatow-Institut heute keine Atomwaffen gelagert. Aber ich will Ihrer Frage nicht ausweichen. Selbst wenn eine solche Gruppe an Atomwaffen herankäme, könnte sie sie noch nicht zünden. Denn Atomwaffen sind mit aufwendigen Sicherheitssystemen ausgestattet. Will man eine solche Bombe scharfmachen, braucht man die Codes, und die sind sehr gut geschützt.
Heisst das mit anderen Worten, dass die Ängste vor einem nuklearen Terrorakt übertrieben sind?
Nicht unbedingt, ich erinnere noch einmal an die Warnung von al-Baradei. Es kommt aber sehr darauf an, was man damit meint. Das Dirty-Bomb-Szenario nehmen wir sehr ernst. Anhand von Szenarien und Übungen werden deshalb die Vorkehrungen überprüft und verbessert.
Wie sehen diese Szenarien aus?
Sehr unterschiedlich, da viele Faktoren den möglichen Schaden beeinflussen: Wind, Wetter, Beschaffenheit und Menge des radioaktiven Materials, Art des Sprengstoffs – dies alles ergibt eine sehr grosse Spannweite an Schadensszenarien. Eine kontaminierte Fläche könnte lediglich ein paar hundert Quadratmeter gross sein, unter anderen Annahmen könnte sie sich aber auch auf über hundert Quadratkilometer ausdehnen.
Nehmen wir an, in Genf gibt es einen Anschlag mit einer schmutzigen Bombe auf die Uno. Was geschähe da?
Zuerst einmal gibt es die konventionelle Explosion mit dem entsprechenden Schaden. Wichtig ist, dass die Einsatzkräfte, die als erstes vor Ort sind, die mit der Bombe freigesetzte Radioaktivität feststellen. Die Einsatzkräfte sind teilweise mit Messgeräten ausgerüstet, ausserdem haben wir in der Schweiz zwei dichte Netze von fest installierten Messgeräten im Dauerbetrieb; eines ist um die Kernkraftwerke herum placiert, das andere über das Land verteilt. Die würden mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung die erhöhte Radioaktivität erfassen.
Und dann?
Dann wird die Nationale Alarmzentrale avisiert. Diese alarmiert je nach Einschätzung der Lage die Bevölkerung und ordnet Verhaltensmassnahmen an. Parallel dazu werden verschiedene Messtrupps aufgeboten, um die Ausdehnung und das Ausmass der radioaktiven Kontamination genau zu bestimmen. Dabei würden auch die Fachleute und die Ausrüstung aus dem Labor Spiez eingesetzt. Wenn erkennbar ist, dass es sich um einen grossen Fall handelt, tritt der Leitende Ausschuss Radioaktivität in Aktion. Das ist ein Gremium aus Führungskräften der zuständigen Bundesämter, das die erforderlichen Schritte koordiniert. Über weitere Massnahmen müsste der Bundesrat entscheiden.
Wie viele Menschenleben würde ein solcher Anschlag mit einer schmutzigen Bombe in Genf fordern?
Es gäbe natürlich die Explosionswirkung, je nach Stärke der Bombe, mit den bekannten Folgen, wie bei einem gewöhnlichen Bombenanschlag. Die dabei freigesetzte Radioaktivität würde unmittelbar keine Toten oder Verletzten verursachen. Wenn wir zudem voraussetzen, dass die Gefahr rechtzeitig erkannt wird und die erforderlichen Schutzmassnahmen umgesetzt werden, können unmittelbare gesundheitliche Schäden wahrscheinlich vermieden werden. Langfristig jedoch könnte sich das Krebsrisiko geringfügig erhöhen.
Und wenn die Radioaktivität nicht erkannt würde?
Ich kann Ihnen dazu ein Beispiel erzählen: 1987 hat eine private Strahlentherapieklinik in Brasilien, in Goiânia, ein Bestrahlungsgerät nicht entsorgt. Sie zog in ein neues Gebäude um und liess das Gerät einfach im alten stehen. Altmetallhändler fanden es, und weil da viel Metall dran war, nahmen sie es mit und brachen es auf. Die Sache hat lange niemand entdeckt – Teile der Stadt wurden stark radioaktiv kontaminiert. Vier Personen, die das radioaktive Material längere Zeit bei sich gehabt hatten, starben. Zur Dekontamination mussten Häuser abgerissen werden. 100 000 Stadtbewohner wollten wissen, ob sie verstrahlt waren, bei 250 stellte man tatsächlich eine Kontamination fest. Der materielle Schaden ging in die Millionen. Dieser Unfall vermittelt einen Eindruck davon, was passieren könnte, wenn ein Anschlag mit radioaktivem Material nicht rechtzeitig erkannt würde.
Und wenn man ihn rechtzeitig erkennen würde? Man geht davon aus, dass die Kaida irgendwo eine schmutzige Bombe einsetzen will.
Der Schaden wäre dennoch gross. Denn viel verheerender als der Schaden an Leib und Leben wäre der wirtschaftliche und psychologische Effekt. Die grosse Gefahr bei der Radioaktivität ist die Verunsicherung der Bevölkerung. Stellen Sie sich eine Stadt vor, in der die Radioaktivität wegen eines Anschlags erhöht ist, nicht dramatisch, sondern nur in geringem Mass. Obwohl das Gesundheitsrisiko marginal wäre, würde die Attraktivität der Stadt für die Anwohner, die Unternehmen und natürlich auch für Touristen massiv sinken.
Aus der Sicht von Terroristen spricht also alles für eine schmutzige Bombe: Beschaffung und Handhabung sind viel einfacher als bei einer Atombombe, und der Effekt wäre immer noch enorm.
Die einfachere Realisierbarkeit spricht tatsächlich für diese Waffe. Man braucht nicht wie bei der Atombombe eine Mindestmenge eines ganz bestimmten Isotops in waffenfähiger Qualität, sondern kann jede beliebige starke radioaktive Quelle nutzen. Davon gibt es Hunderttausende.
Was sind das für Quellen?
Es gibt viele industrielle Anwendungen von radioaktiven Quellen, etwa zur Bestrahlung von Kunststoffen oder zur Sterilisation von pharmazeutischen Produkten. Ausserdem gibt es in der Medizin viele Apparate, die Radioaktivität einsetzen.
Kann man annehmen, dass Terroristen relativ einfach an solches Material herankommen können?
Einfach nicht, aber einfacher als an waffenfähiges Uran oder Plutonium. Dies ist übrigens auch schon geschehen. 1997 informierten tschetschenische Rebellen die Medien, sie hätten radioaktives Material mit Sprengstoff in einem Container in einem Park versteckt. Dem war tatsächlich so. Sie hatten eine schmutzige Bombe, und sie hätten sie zünden können. Aber sie taten es nicht.
Haben die sich dabei nicht selber gefährdet?
Ich nehme nicht an, dass für tschetschenische Rebellen die Strahlenschutzverordnung erste Priorität hat. Früher ging man davon aus, dass sich ein Terrorist nicht selber gefährden will. Einem Selbstmordattentäter aber, dem heutigen Typus des Terroristen, ist sein langfristiges Krebsrisiko wohl gleichgültig.
Ist der Einsatz einer schmutzigen Bombe bloss noch eine Frage der Zeit?
Eigentlich finde ich es erstaunlich, dass bis heute noch keine eingesetzt worden ist.
Was wird unternommen, diese Gefahr abzuwenden?
Die zentrale Aufgabe ist die Sicherung der radioaktiven Quellen. In der Schweiz haben wir einen hohen Standard erreicht, international ist noch einiges zu verbessern. Es gibt eine Initiative der Internationalen Atomenergiebehörde, weltweit alle radioaktiven Quellen zu sichern. Man will sie vom Hersteller bis zur Entsorgung lückenlos verfolgen können. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion laufen grosse Anstrengungen zur Sicherung der radioaktiven Quellen. Ich glaube, dass es für Terroristen heute viel schwieriger ist als vor zehn Jahren, an das Material heranzukommen.
Ist eine lückenlose Kontrolle nicht illusorisch?
Man kann nicht verhindern, dass hin und wieder etwas verloren geht. Aber man kann die Hürden deutlich höher machen.
Wie sieht es mit Bio- und Chemiewaffen aus? Sie sind viel leichter herzustellen als eine Atombombe und haben ein ähnliches Schadenpotential wie eine schmutzige Bombe. Sind sie heute das drängendere Problem?
Mit chemischen Waffen kann man sehr grossen Schaden anrichten und sehr viele Menschen töten. Sie sind scheusslich für jene, die es erwischt, und auch die Folgeschäden darf man nicht vergessen – aber die Wirkung ist lokal, eingrenzbar. Der biologische Terror mit einem übertragbaren Krankheitserreger hingegen hat das Schadenpotential eines Nuklearanschlags. Allerdings muss man auch hier sehen: Es ist nicht einfach, an solche Erreger heranzukommen. Es muss einer sein, gegen den es keinen wirksamen Schutz gibt und der hoch ansteckend ist. Aber dann ist er nicht mehr kontrollierbar und könnte auf die Basis der Terroristen zurückschlagen. Eine Epidemie wäre vor allem eine Gefahr für die nicht entwickelten Länder.
Was heisst das konkret?
Nehmen wir die Pest. Die kann man wirksam mit Antibiotika bekämpfen, die Industrieländer könnten einen Ausbruch also in den Griff bekommen. In den Ländern ohne gute medizinische Versorgung hingegen würde die Pest viel schlimmer wüten. Bei Pocken ist es dasselbe. Westliche Länder haben noch Vorräte an Impfstoff für den Fall der Fälle.
Und wie steht es mit Anthrax? Was wäre geschehen, wenn es nicht in kleinen Dosen per Brief verschickt, sondern aus einem Kleinflugzeug über einer Grossstadt versprüht worden wäre?
Anthrax ist zwar nicht ansteckend, aber wenn waffenfähige Anthrax sporen in genügender Menge versprüht würden, wäre der Schaden in der Tat viel grösser als durch die im Jahr 2001 verschickten Briefe. Solch waffenfähiges Material herzustellen, ist sehr anspruchsvoll. Der für den Anschlag in den USA verantwortlichen Täterschaft ist dies allerdings gelungen.
Mit schlimmen Folgen.
Es gab vier Briefe, fünf Tote und einen Schaden von über zwei Milliarden US Dollar! Das Capitol war sehr schnell dekontaminiert und wieder einsatzbereit. Aber die betroffenen Verteilzentren der Post standen ein, zwei Jahre nach dem Anschlag noch immer leer – nicht aus sachlichen Gründen, sondern aus juristischen und damit letztlich finanziellen. Die Betreiber fürchteten sich vor möglichen Haftungsklagen. Auch das ist eine Seite der neuen Bedrohungsformen.
Was empfehlen Sie als Experte für atomare, biologische und chemische Waffen einem Terroristen: A, B oder C?
Ich empfehle ihm, seine Ziele mit friedlichen Mitteln anzustreben.
Dann wäre er kein Terrorist mehr.
Meine Aufgabe ist der ABC-Schutz. Sie verstehen, dass ich keine Empfehlung für Terroristen abgebe.
B wäre das einfachste, oder nicht?
Ich möchte wirklich passen. Aber egal, ob atomar, biologisch oder chemisch: Ich fürchte, dass dies aus Sicht eines Terroristen attraktive Optionen sind. Konventionelle Attentate sind ja fast schon zur Routine geworden. Wer weiss denn noch, welche Attentate die Kaida und sympathisierende Gruppen in den vergangenen zwei Jahren rund um den Globus mit konventionellem Sprengstoff verübt haben? Da hätte eine schmutzige Bombe, ein Bio- oder Chemieterroranschlag eine ganz andere Medienwirkung.
Das tönt sehr beunruhigend.
Ich stelle fest, dass nicht einmal mehr die gezielte Gewalt gegen Kinder ein Tabu ist. Denken Sie an die Geiselnahme vom September 2004 in Beslan. Daraus kann man schliessen, dass solche Leute wahrscheinlich auch keine moralischen Skrupel hätten, ABC-Waffen einzusetzen. Andererseits ist aber das Bewusstsein der Behörden über diese Bedrohung stark gewachsen, und es sind grosse Anstrengungen unternommen worden, um die Hürden zu erhöhen. Als kleines Beispiel kann man die Vereinbarung zum Verbot der chemischen Waffen erwähnen. Diese schreibt unter anderem eine strikte Überwachung von potentiell gefährlichen Chemikalien vor. Das Labor Spiez als Teil der Nationalen Behörde übernimmt die Erfassung der Schweizer Deklarationen und unterstützt direkt die Organisation für das Verbot von chemischen Waffen mit seinem Know-how.
Das Labor Spiez
Marc Cadisch, 1962 in Thun geboren, leitet seit April 2003 das Labor Spiez, das zum Bundesamt für Bevölkerungsschutz gehört. Zuvor hat er nach einer Doktorarbeit in Chemie zehn Jahre in der Pharmaindustrie gearbeitet und ein Nachdiplomstudium in Unternehmensführung gemacht. Das Labor Spiez ist das schweizerische Fachinstitut für den Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Bedrohungen. Es erarbeitet Grundlagenwissen zum ABC-Schutz und erbringt für nationale und internationale Organisationen, Behörden und die Bevölkerung Dienstleistungen zur Prävention, zur Vorbereitung von Schutzmassnahmen und zur Bewältigung von Katastrophen und Notlagen. Es ist ein Vertrauenslabor der Organisation für das Verbot von chemischen Waffen in Den Haag. www.labor-spiez.ch
Daniel Weber und Andreas Dietrich sind Mitglieder der NZZ-Folio-Redaktion.