MAN KANN SICH NUR wundern, wie wenig bisweilen hierzulande «heimisches Schaffen» gilt. Da gibt es unzählige Weinfreunde, die in den höchsten Tönen den Gavi oder ähnlich harmlose Weinchen loben, den hiesigen Chasselas jedoch mit Verachtung strafen. Eigentlich schade. Denn Chasselas-Weine von guten Produzenten sind mit ihren erfrischenden Aromen und in ihrer süffigen Art eine Spezialität, die man gerade im Sommer nicht missen möchte. Der Chasselas ist ein idealer Apéritif, aber auch ein würdiger Begleiter zu vielen Speisen. Man versuche einmal einen Chasselas zu einem Tomme - die Kombination ist deliziös!
Eine Blinddegustation von sechzig 97er Waadtländer Chasselas - organisiert vom führenden Courtier André Linherr - zeigte einmal mehr, welche Vielfalt in den Chasselas-Weinen steckt und wie jede Appellation ihre eigenen charakteristischen Merkmale aufweist. Mit ausgezeichneter Frucht präsentierte sich der Château de Vufflens von Bolle aus der Appellation Morges; der Château de Vinzel des Hauses Obrist gefiel mit seiner guten Konzentration, und der Féchy von Jacques Pélichet war so, wie man sich idealerweise die im Gegensatz zum Lavaux-Gebiet eher femininen La Côte vorstellt: geschmeidig und auf eine unkomplizierte Art herrlich zu trinken.
Ganz allgemein ist der Jahrgang 1997 besonders zu empfehlen. Nahezu ideale Wachstumsbedingungen im August und September erbrachten bei der Lese Anfang Oktober ein gesundes Traubengut mit niederen Säurewerten. Es resultierten - bei der kleinsten Erntemenge seit 1981 - sortentypische Weine mit viel Charme, ohne die beim Chasselas unerwünschten grasig-grünen Aromen, die leider in einigen 96ern festzustellen waren.
Ein durchwegs hohes Niveau erreichte die unterschätzte Appellation Villette mit dem Wein von Daniel Porta & Fils an der Spitze. Sehr gelungen war der rassige Epesses von Michel & Pascal Fonjallaz. Zweifellos gehören die Gewächse aus der Gemeinde Epesses mit der Lage «Calamin» zu den gefragtesten Lavaux'.
Die besten und langlebigsten Weine der Waadt stammen vom Dézaley, einer überaus beeindruckenden Steillage mit Südexposition, die 1141 von burgundischen Mönchen angelegt wurde. Exzellent der mächtige, differenzierte «La Gruyre» des Winzers Louis Hegg, der 1997 sicherlich die Qualität des legendären, wuchtigen «Clos des Abbayes» erreichte. Aus der berühmten Appellation St-Saphorin überzeugte uns am meisten der konzentrierte, intensive «Vieilles Vignes» der Familie Bovy, aber auch derjenige von Pierre Monachon erreichte beachtliches Niveau. Enttäuschend war in diesem Jahr indes der sonst zu Recht hochgelobte «Cure d'Attalens» aus der Gemeinde Chardonne.
Aus dem Chablais, das nicht mehr am Genfersee liegt, sind Yvorne und Aigle hervorzuheben, wobei vor allem Yvorne in den letzten Jahren beeindruckende Weine hervorgebracht hat. Viele Rebberge von Yvorne sind auf dem Schuttkegel des Bergsturzes von 1584 angelegt und besitzen einen besonderen Boden, der den Weinen die unverwechselbare Würze verleiht. Einmal mehr begeisterten hier die dichten, fast mineralischen Weine der Commune d'Yvorne aus den Lagen «Clos de l'Abbaye» und «Trechene», aber auch Obrists renommierter «Clos du Rocher» war von herausragender Qualität.
In der Gemeinde Aigle führten der «Les Murailles» von Badoux und «Merveille des Roches» der Association Vinicole die Liste der Besten an. Eine höchst erfreuliche Überraschung bildeten die Weine von der Société Vinicole aus der Gemeinde Bex, die sich unmittelbar an der Grenze zum Wallis befindet. Der spezielle, teils gipshaltige Boden erbringt finessenreiche, zarte Weine von ganz eigenem Charakter, die weit mehr Beachtung verdienten.