VIELLEICHT MÜSSTE ER noch ein von dazwischenhängen, aber auch so prädestiniert ihn sein Name dazu, in jedem Roman über gebrochene Adelsherzen und andere tödliche Leidenschaften die tragende Rolle zu spielen.
Doch Beno Blumenstein ist einer Liebe verfallen, die still ist und ohne Tränen, Pistolen und Publikum auskommt. Wobei, das stimmt nicht ganz. Denn Beno Blumenstein sagt Sätze wie: Ohne sie kann ich nicht leben. Und: Einen Tag ohne, und etwas ganz Wichtiges würde fehlen. Und: Menschen, die sie nicht lieben, das kann ich mir nicht einmal vorstellen. Mit «sie» ist natürlich die Kunst gemeint. Natürlich ist mit «sie» seine Frau, Hanny Fries, mitgemeint. Und natürlich ist Hanny Fries von Beruf Künstlerin, und natürlich haben sich die beiden in einer Galerie kennengelernt.
So natürlich ist das aber gar nicht. Denn Beno Blumenstein ist in einem von Kunst gänzlich unbelasteten Elternhaus aufgewachsen. Aber dann besuchte er die Kunstgewerbeschule Zürich und wurde Grafiker. Und seither besteht sein Bekanntenkreis aus lauter Leuten, die sich für Kunst interessieren. Seine Ausbildung und seine Freunde machen, dass er sich kunstmässig auf dem Laufenden hält. Es ist die Umgebung, die einen Menschen prägt, sagt Beno Blumenstein, und er sagt auch: «Es ist in mir eine unversiegbare Neugier, ein Verlangen, eine gewisse Begehrlichkeit nach Kunst.»
Beno Blumenstein ist heute 76 Jahre alt und ein Dauergast im Kunsthaus Zürich. Da ist sein liebster Ort, seine Insel, seine Oase, eine Heimat. Da macht er Zeitreisen. Und Bilder, die ihm ein Anliegen sind, kann er immer und immer wieder anschauen. Die Expressionisten mag er, etwa Edvard Munchs «Musiker auf der Strasse» von 1889, das fahle Licht, wie dann die Trompeten der Musiker aufleuchten, die Stimmung, die erfahrbar wird, ein wunderbares Bild. Dann Félix Vallottons «Le bain au soir d'été» von 1892, die Auffassung von Landschaft, die Beziehung, die die Landschaft mit den Menschen eingeht, die Komposition, die Farben, grossartig! Von den Konkreten habe Zürich auch eine sehr schöne Sammlung. Ein Highlight sei natürlich der Füssli-Saal, überhängt zwar, aber schon schön.
Die Giacometti-Sammlung? Weltweit einmalig! Aber so unwürdig ausgestellt, wirklich schade! Heiss liebt Beno Blumenstein Ernst Ludwig Kirchner, er ist sein eigentlicher Liebling, ein wunderbarer Maler. Den frühen Chagall mag er. Die Cézanne-Ausstellung besuchte er bestimmt zwanzigmal. Einzig den Titel der Ausstellung «Vollendet - Unvollendet», den fand er verfehlt. Ein unvollendeter Cézanne? Gibt es nicht. Es gibt nur 120 Meisterwerke von Cézanne, sonst nichts, sagt er.
Dass er den Unterschied kennt zwischen guter und schlechter Kunst, verhindert, dass er selber malt; er könnte seinen Ansprüchen nie genügen, der Gedanke an ehemalige Mitschüler, die heute noch Schulmotive malen, macht ihn depressiv. Dass er den unendlich feinen, aber entscheidenden Unterschied zu erkennen vermag zwischen sehr guter Kunst und einem wahren Meisterwerk, ist die schöne Frucht eines langen Weges der Auseinandersetzung und macht ihn glücklich.
Beno Blumenstein, was waren die besten Momente Ihres bisherigen Lebens? - «Reisen und Kunst anschauen, das ist wirklich gut.»
Was ärgert Sie? - «Die beiden Räume hier, die das 14. und das 15. Jahrhundert repräsentieren. Da hängen so schwache Schwarten, die findet man in jeder Dorfkirche. Seit 60 Jahren besuche ich nun das Kunsthaus, und hier wurde einfach nichts verändert.»
Was wünschen Sie sich? - «Dass es dem Kunsthaus gut geht.»
Gibt es Gott? - «Ja, ja, schon möglich. Ich bin wohl kein sehr religiöser Mensch. Meine Gottesbilder sind stark von der Renaissancekunst geprägt.» - Die Fragen an Beno Blumenstein können noch so allgemein gehalten sein, seine Antworten suchen sich immer einen Weg, um ihn wieder über Kunst sprechen zu lassen.
Beno Blumenstein ist jeden Tag im Kunsthaus, meistens trifft er sich dort mit Hansueli Steger und Jacques Plancherel, Kollegen noch von der Kunstgewerbeschule. Nach ihrer Kunsttour sitzen die drei im Foyer, trinken Kaffee, und Beno Blumenstein, ruhig, uneitel, unbestechlich, freundlich, hüllt sich in den Rauch seiner Gauloise bleue und bringt sich so fast zum Verschwinden.