NEIN, SAGT DIE JUNGE FRAU, Nein, und sie geht weiter. Sie schaut sich noch nicht einmal um. Immer sagt sie Nein. Und vor und nach jedem Nein macht sie eine Pause. Quer durch den Regent's Park spricht sie ihre Nein-Girlande in die frische, winterliche Luft. Gefolgt von ihrem Hund, der auf anderen Bahnen unterwegs ist, etwa auf der Höhe der Krähen und Möwen, denen er im Nein-Rhythmus nachjagt. Schon wieder sagt sie's. Ihr Hund gehorcht und findet einen vom Wind abgerissenen Ast, den er, so gut es geht, mitschleppt. Nein. So schnell kann sich der Hund nicht trennen von seiner hölzernen Beute und legt sich auf die Wiese daneben. Nein. Das folgsame Tier droht nun auf der Stelle einzuschlafen, doch wieder heisst es Nein. Was diesmal endlich Ja bedeutet. Schon springt er auf und nimmt sich einer der hühnergrossen Londoner Tauben an, die auf einem Baum sitzt. Da hockt er sich drunter, und in seinem dem Himmel, der Taube, den Möwen und Krähen zugewandten Hundegesicht lacht es.
Dieser lachende Ausdruck ist durchaus als «birdy attention» zu bezeichnen, die eine Eigenart der Engländer ist, obwohl die wenigsten zugeben, den Ausdruck zu kennen; viele bezweifeln gar, dass es ihn gibt, dabei liegt er auf der Hand und bedeutet eine Aufmerksamkeit, die nicht ohne Charme ist. Es gibt auch ein englisches Lied, das «Take her to birdland» empfiehlt. Und auch dieses Birdland muss etwas mit den englischen Parks zu tun haben, die, wie ich in London immer wieder dachte, selber fliegen. Jedenfalls sind sie leichter, offener und ein bisschen weiter oben als das sie umtosende Häuser-, Strassen- und Verkehrsgewirr.
Es sind vor allem die kleinen Parks, die an allen Ecken und eingelassen in das rumorende städtische Leben, sich unverhofft auftun, in denen gesessen, gespielt, gegangen und flaniert wird. Und viele dieser kleineren Anlagen sind ehemalige Friedhöfe, die Gräber und Grabsteine wild überwuchert oder in einer Ecke zusammengestapelt. Was man oft erst bemerkt, wenn es sozusagen schon zu spät ist. Im Eastend, umgeben von roten Häuserriegeln, öffnet sich so einer dieser Plätze, die vor allem aus Wiese und Bänken bestehen. Begrenzt von einem Bahndamm ohne Zug, mitten im Bengalen-Viertel gelegen, war dieser kleine Park auch der Sitz einer Stadtfarm. Zumindest besagte dies ein Schild am Zaun, hinter dem Pferde grasten. Honig und Eier gab es hier auch zu kaufen, irgendwie biologisch. Und oft habe ich die kleinen Bengalen neben den alten Männern stehen sehen, gleichermassen bemüht, die Pferde mit Gras oder freundlichen Worten anzulocken.
Solche Parks stehen in keinem Reiseführer. In ihnen aber bewegen sich die Menschen der verschiedensten Kulturen und Länder des ehemaligen Commonwealth über Grünflächen, die bei uns ja nie betreten werden dürfen, sitzen auf Bänken neben Blumenbeeten oder kleinen Seen und füttern heimlich, wenn auch nicht zu verheimlichen, Enten, Haubentaucher und Perlhühner. Was sich bereits viel zu idyllisch anhört, denn es geschieht viel selbstverständlicher.
Es sind kulturelle Rückstände, die in diesen Grünflächen zum Vorschein kommen und einer den Pflanzen und Tieren sehr zugeneigten, wenn auch kühlen Tradition eines Seefahrervolks entstammten. Ja, es ist parkfreundlich gestimmt. Egal, ob es regnet. Sobald sich im März die ersten Narzissen zeigen, sind auch die aus den Büros in Anzügen da, mit dem englischen Hut und eben in dieser parkfreundlichen Stimmung. Zu der sie Tee trinken. Und sich vom Fortleben der Pflanzen und der Tiere anrühren lassen, das vielleicht noch am ehesten für Meer, für unablässige Anbrandung steht, in einem nun tatsächlich bodenlos gewordenen urbanen Meer von Autos, Flugzeugen, Abgasen, Lärm. So dass beispielsweise die Flugzeuge, die den Himmel über London durchfurchen, vom Park aus gesehen, wo man selber einfach anders atmen kann, für einen Moment ihr stumpfes, brutales Aussehen verlieren. Und man überlegt, ob sie nicht doch eine Art fliegender Fisch im Himmel sein könnten, der seine Farbe vom Meer hat, das ja, und nun fällt es einem ein, gar nicht so weit entfernt von hier ans Land brandet, das eine Insel ist. Ja, der Himmel über London ist ein rechter Seefahrerhimmel, also unruhig, treibend, hoch.
Noch immer veranstalten die Schulen Wettläufe über die Hügel von Hampstead Heath rauf und runter, bei denen die Jungen in kurzen Hosen und dünnen Hemden im Schneeregen durch den Matsch laufen, um an den Wegkreuzungen von älteren Mitschülern vorwurfsvoll ermahnt und angetrieben zu werden. Wobei sich für einen Aussenstehenden keinerlei Regel erkennen lässt, nur diese kleinen, keuchenden, schlammverspritzten Körper, die über Hügel und Senken wimmeln, halb Krabbel-, halb Flugwesen - und wenn noch eine andere Hälfte da wäre, dann würde ich sagen: und halb Erdfisch. Im Kenwood House, an dem sie vorbeilaufen, hängt ein Selbstportrait von Rembrandt, wie er traurig, hadernd und ganz und gar individuell aus sich heraus in die Welt draussen schaut.
Im Holland Park schreiten, sobald die Sonne es zulässt, die Pfauen frei umher, im Gefieder die Augen des Argus, die er einstmals im irren Kopf hatte. Und ein bisschen irre sind auch die Pfauen. Viele der Bänke in diesem Park haben ein kleines Schild an der Rücklehne, das die Bank dem Gedenken eines Verstorbenen widmet, der an dieser Stelle im Park so gerne gesessen hatte, des Ausblicks wegen. So dass es einem geschehen kann, dass man sich da unverhofft auf dem Schoss eines Toten sitzen fühlt und den Horizont nach seinem besonders geschätzten Ausblick absucht. Und schon wünscht man sich, selber Argus sein zu können.
Einer der erstaunlichsten Sätze, der mir unter freiem Himmel angeflogen kam, war der eines Obdachlosen an einem Wintermittag im Regent's Park. Er hatte sich mit einigen anderen Obdachlosen auf den Bänken zwischen den im Kreis angelegten Blumenbeeten ein Lager hergerichtet. Nicht weit von den Klohäuschen entfernt, an deren Fenstern weisse Azaleen in Töpfen blühten und wo die Klofrau immer, wenn ich eintrat, eine Art Blues sang. Sie teilten sich ihren Lagerplatz mit den in diesem Park sehr häufigen Squirrels, die sich grau und eifrig und gar nicht menschenscheu, wie von Disney animiert, ihrem Bettel- und Buddelgeschäft hingaben. Ich ging schnell und hatte die Gruppe Männer nur undeutlich bemerkt, als einer von ihnen mir zurief: Could you please open the door, darling?
Ein Satz war das, der durchaus von dem weissen Kaninchen gerufen worden sein konnte, dank dem Alice ins Kaninchenloch und weiter ins Wunderland geriet. Und wie Alice, so war auch ich «puzzled». So ein Schwellensatz unter freiem Himmel, in vollendeter Höflichkeit geäussert, konnte nichts anderes als den Eintritt in eine andere Gegend bedeuten, die, wie ich schon vermutet hatte, im englischen Park begründet sein musste: Als würde hier etwas Untergründiges über der E rde zugänglich. Londons Parks sind die weissen Flecken in der Stadt, auch wenn diese Flecken nicht leer und höchstens so weiss wie das weisse Kaninchen aus Alice's Adventures sind. Im Gegenteil. Sie werden, sobald sich ein Sonnenstrahl zeigt, benutzt, begangen, gebraucht, egal, ob Winter oder Sommer. Es sind die Umkehrorte in der Stadt, ein angehaltener Raum. In dem klar wird, dass drinnen und draussen zumindest für Engländer keine zulässige Unterscheidung bedeutet.
Eines Sonntags sah ich einen dicken, traurigen Mann auf einer Bank im Viktoria Park sitzen, und der sang: o ja, mein Hund, o ja, und schlug ganz leicht den Takt dazu auf die Rücklehne. Auf der Nachbarbank sassen zwei kleine Mädchen eng nebeneinander und schauten stets nur zusammen zu ihm hinüber und gleich wieder weg. He's a seal, sagte eines der Mädchen. Yes, sagte das andere, he looks like. Und diesmal schauten sie noch genauer hin. Er nickte, er sang bzw. säuselte durch die Zahnlücke, die er natürlich hatte (wir kennen alle das englische Gesundheitssystem, und sei es nur vom Hörensagen, was ja schon reicht), und Sonntag, Sonntag ist's, sang er. Die Mädchen lachten nicht, sie sassen sehr gerade, sie waren sehr gnädig. Und nun schlug der Mann die Melodie einer bekannten Westernserie an und sang dazu den Text: my little dog. Ohne Hund sind in den Parks nur wenige unterwegs, und trotz den blutrünstigen Geschichten von englischen Hunden habe ich nie einen Hund einen anderen Hund, eine Ente oder gar einen kleinen Menschen anfallen sehen. Auch kein Gelärm. Auch Babys habe ich höchst selten im Park schreien gehört. Als ob die Kleinen genau wüssten, dass dieses Dach über dem Kopf im Park auf Kinderschreie nicht reagiert. Also warum schreien. Wenn sie dann älter sind, lesen sie von Pooh, dem Bären, der in einem Park wohnt, und Alice lebt auch in beziehungsweise unter einem Park, und Doktor Doolittle macht überall, wo er erscheint, einen Park auf, was an seiner Art des Umgangs mit den Tieren liegt.
Stärker noch als auf Postämtern, im Bus oder in der U-Bahn habe ich in den Londoner Parks etwas erlebt, was ich einfach nicht kannte. Nein, ich hatte es nie vorher erlebt: sie lassen einen in Ruhe. Und zwar so in Ruhe, dass man wirklich für sich sein kann, auch wenn auf der Wiese andere sitzen. Freundlich in Ruhe. So wie sie auch Bäume und Blumen, Seen und parkansässige Tiere in Ruhe lassen können. An einem wässrigen grauen Tag war ich unterwegs im Hyde Park in eine Ecke des Parks geraten, in der ich noch nie war, wo die Gärtnerhäuser stehen und sich ein riesiger Berg modernder, lauwarmer Pflanzenabfälle türmte, als mir «Blow up», der Film von Antonioni aus den sechziger Jahren, einfiel. Spielte der nicht im Hyde Park? Jedenfalls handelte er von einem Mord, den ein Fotograf unwissend fotografiert hatte. Erst im nachhinein drängte sich ihm die Tat aus dem Foto entgegen. Nun, diesen Prozess heraufdämmernder Erkenntnis im Kopf, die modernden Pflanzen in der Nase, sah ich nicht weit von mir entfernt eine Frau im Jogginganzug laufen, in einer Hand hielt sie, trotz heftigem Wind, einen Schirm, mit der anderen Hand schob sie im Lauftakt einen Kinderwagen vor sich her. Und ich wusste für einen Moment nicht mehr, ob dieses Dreigestirn - Läuferin, Schirm, Kinderwagen - nicht von einer Wolke hierhergebracht worden war.
Im Sommer öffnet der Physic Garden in Chelsea sonntags seine Tore. Auf das 17. Jahrhundert geht seine Gründung durch die Apothekergesellschaft zurück, und lange Zeit diente er der medizinischen Pflanzenforschung. Heutzutage werden dort sonntags selbstgezüchtete Pflanzen verkauft. In der kleinen, improvisierten Teeküche des Gartenhauses stehen die Gärtner mit Gärtnerschürzen und schlagen Sahne. Man sieht es den Gästen in bester Sonntagnachmittagteestimmung an, dass sie, gerade noch kauend, schluckend, schon dabei sind, die gekauften Pflanzen in den Garten zu setzen. Und mit noch etwas mehr Vorstellungskraft werden sie halbwegs zu diesen frisch eingepflanzten Pflanzen und beginnen langsam zu blühen. Bei diesem herrlichen Tee und dieser still exaltierten Stimmung hier im Garten, an langen Tischreihen sitzend. Drehen sie sich um, erkennt man den Blick einer halberblühten Pflanze.
Flaubert schreibt in seinem Wörterbuch der Gemeinplätze unter dem Stichwort Pflanze: Heilt ausnahmslos alle Körperteile, denen sie ähnlich ist. Um die Gesundheit von Pflanzen und Tieren allerdings hat sich an diesem Sonntagmorgen bereits der Mit- und Einsprachesender «Voice of London» gekümmert, zwischen sechs und sieben, wenn die Schlaflosen endlich doch am anderen Ufer des nächsten Tages angekommen sind, zerschlagen, verwirrt, doch da, alle da. In seiner Pet-Line-Sendung lässt er Tier- und Pflanzenfreunde mit ihren Sorgen, ihren Befremdungen und Erlebnissen in der Tier- und Pflanzenwelt zu Wort und über den Äther kommen. Einmal rief eine Frau an, sie habe eine Spinne an der Decke, die sich nicht bewege. Was soll sie mit ihr machen, fragt sie. Sie sehe aus, als lebe sie ganz in sich zurückgezogen, die Spinne. Ja, rät ihr die Tierärztin, das sei ein Weibchen, die könnten so in sich zurückgezogen den ganzen Winter bleiben. Aha, sagt die Frau, dann muss ich keine Angst mehr haben, dass sie krank ist. Denn einmal, gesteht sie nun, hatte ich ein Stück Leber, das habe ich ganz fest an die Decke geworfen, damit es hängenbleibt, was es auch tat. Und da habe ich geguckt, ob die Spinne davon isst, konnte aber nichts sehen, und wusste doch nicht, ob sie Leber verträgt. Vielleicht wäre ein Leberblümchen das Richtige gewesen.
Friederike Kretzen ist Schriftstellerin und lebt in Basel.