NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

Der Weg des Goldes

Die Schweiz als Edelmetall-Drehscheibe.

Von Beat Brenner

Im alten Ägypten stand es ebenso hoch im Kurs wie bei den Römern oder Griechen, geschätzt wurde es von den Reitervölkern Attilas und Dschingis-Khans, hohen Stellenwert genoss es bei den Azteken und Inkas, beliebt war es im Reich der russischen Zaren, und bis 1971 bildete es den Anker der internationalen Währungspolitik: Gold ist ohne Zweifel ein Metall besonderer Art. Warm anzufassen, gelb glänzend, sehr gut dehnbar (10 Gramm können zu einem Draht von rund 25 Kilometern gezogen werden) und praktisch unempfindlich gegen Alterung, ist das Element mit der Ordnungszahl 79 ein rarer Rohstoff, um den Kriege geführt und mit dem Friedensschlüsse bezahlt wurden. Keinerlei Reiz konnte hingegen Platon dem Metall abgewinnen, trägt es doch in seiner Auffassung massgeblich zum Niedergang der Stadt bei. («Jene Schatzkammer, die sich jeder mit Gold gefüllt hat, verdirbt die Verfassung.»)

Zugleich ist Gold fast überall zu finden - nur nicht in jenem Ausmass, das dem Rohstoff seinen relativen Seltenheitswert (die bestehenden Goldvorräte werden auf rund 90 000 Tonnen geschätzt) nähme. In der Schweiz wuschen bereits die Helvetier das Edelmetall aus den Wasserläufen. Gleichsam als Klassiker gelten die Gewässer des Napfgebietes, aus denen zwischen 1523 und 1800 rund 32 kg Gold gewaschen und zu 1500 Münzen geprägt wurden. Den Quarzgängen von Calanda bei Domat/Ems konnten weitere kleine Mengen abgetrotzt werden. Wohl dank dieser geringen Ergiebigkeit blieb der Schweiz jenes Schicksal erspart, das einem ihrer schillerndsten Auswanderer (bzw. «Wirtschaftsflüchtlinge»), dem späteren General Sutter, auf seinen Besitzungen in Kalifornien widerfuhr: Kaum hatte ein geschwätziger junger Solothurner mitbekommen, dass hier ein Goldfund gemacht worden war, erschien die Meldung in den Zeitungen, und das Gebiet wurde von Goldgräbern und Glücksrittern überflutet. Sutter verkaufte das Land und versoff seine Millionen. - Platon hätte sich in seiner Auffassung wohl mehr oder minder bestätigt gesehen.

Gold ist für die Schweiz heute in ganz anderem Zusammenhang ein Thema, was ein paar neuere Zahlen verdeutlichen mögen: 1990 produzierten die westlichen Goldminen insgesamt 1734 Tonnen Gold, wobei 605 Tonnen auf Südafrika (Marktanteil 1980 noch 70%), knapp 290 Tonnen auf die USA, 241 Tonnen auf Australien und 165 Tonnen auf Kanada entfielen. Der Anteil der Sowjetunion - die mehr oder minder grosse Unbekannte im Edelmetallgeschäft - dürfte rund 10?15% der gesamten westlichen Fördermenge ausmachen. Im selben Jahr wurden aber gemäss den Erhebungen der Eidgenössischen Oberzolldirektion 1399 Tonnen Gold in Rohform im Gesamtwert von 21,7 Milliarden Franken in die Schweiz eingeführt und 1095 Tonnen zu einem deklarierten Preis von 18,7 Milliarden Franken wieder exportiert. Ganz offensichtlich fungiert die Schweiz als bedeutende, wenn nicht als die bedeutendste Drehscheibe für den Handel mit physischem Gold. Sie dient ferner, wie die Tonnen- und Frankenangaben andeuten, auch als Zwischenlager, und schweizerische Firmen verarbeiten bzw. veredeln das Gold.

Dementsprechend finden sich die Schaltstellen dieses Geschäft zum einen hinter den nüchterneren oder prachtvolleren Fassaden der Banken und Finanzgesellschaften und zum anderen in einem Gürtel von unscheinbar wirkenden Fabriken, der vom Jura bis ins Tessin reicht. Beginnt man bei den Banken und Finanzgesellschaften, so stehen eindeutig die drei grössten der Branche, also die Schweizerische Bankgesellschaft, der Schweizerische Bankverein und die Schweizerische Kreditanstalt, an führender Stelle. Dabei geht es längst nicht nur darum, Gold am Schalter oder per Telefon zu kaufen und zu verkaufen. Ähnlich komplex wie zuweilen die geförderten Golderze sind mittlerweile auch die Folge- und Begleitgeschäfte geworden: Investitionskredite, Absicherungsgeschäfte und sogenannte Goldloans sind die banktechnische Konsequenz.

Verlässt das Gold die Mine, so können Devisen- und Zinsgeschäfte, Akkreditive und dergleichen mehr anfallen. Zwischenhändler und Verarbeiter wiederum sind genau gleich wie private und staatliche Anleger auf Lagermöglichkeiten und gute Verkehrsverbindungen angewiesen. Nicht zu vergessen gilt es daneben die Notenbanken, die zunehmend ihre Goldreserven nicht mehr als eisernen Bestand auffassen, sondern bei sich bietenden Marktgelegenheiten gerne (und natürlich diskret) einen goldenen Schnitt realisieren. Apropos Diskretion: Bis 1980 existierte selbstverständlich eine detaillierte schweizerische Ein- und Ausfuhrstatistik für Gold, die von der Eidgenössischen Oberzolldirektion gegen Entrichtung einer kleinen Gebühr jedermann abgegeben wurde. Doch die Spezialstatistik gab - zunehmend zum Leidwesen der Schweizer Banken und zur Freude der sich über die eigene Tätigkeit in Stillschweigen hüllenden Konkurrenz in London - auch Auskunft darüber, in welchem Ausmass etwa «sensitive Länder» wie die Sowjetunion oder Südafrika Goldtransaktionen über die Schweiz abwickelten.

Mit Blick auf die Umgehungsmöglichkeiten war zwar die Aussagekraft der Statistik nicht sonderlich gross. Doch als dann insbesondere in englischen Medien gar noch «irreführende Schlüsse» gezogen wurden, die Produzentenländer auf andere Plätze auszuweichen begannen und der branchenpolitische Druck wuchs, war das Schicksal der Spezialstatistik schnell besiegelt: Seit dem 1. Januar 1981 wissen allenfalls noch der Zoll und die Edelmetallkontrolle, auf welche Staaten sich der nunmehr als Bruttogrösse publizierte Wert verteilt, und die Grossbanken können wieder ungestört von Statistiken für gute Auslastung bestimmter Swissair-Destinationen mit goldener Fracht sorgen. Die Institute treten aber auch als weltweit angesehene Verarbeiter auf und runden damit die Palette der goldnahen Dienstleistungen erst richtig ab. Verarbeiten von Gold, das heisst prüfen, schmelzen und raffinieren von Minengold, Altgold, Produktionsabfällen und dergleichen mehr zu hochwertigen Zwischen- oder Endprodukten. Bei der Schweizerischen Bankgesellschaft ist die in Mendrisio domizilierte Argor-Heraeus S. A. (knapp 100 Beschäftigte) mit diesem Geschäft betraut, beim Schweizerischen Bankverein ist es die Neuenburger Métaux Précieux S. A. mit allein 569 Arbeitnehmern, und von Balerna aus wirkt für die Schweizerische Kreditanstalt die Valcambi S. A. mit 300 Mitarbeitern.

Nun wäre die Schweiz wohl kaum die Schweiz, gäbe es für diesen Bereich nicht eine gesetzliche Regelung. Im «Bundesgesetz über die Kontrolle des Verkehrs mit Edelmetallen und Edelmetallwaren» (zu dem sich - wie könnte es anders sein - eine 74 Seite starke Vollziehungsverordnung und eine Gebührenverordnung gesellen) besteht ein Erlass, der sich seit 1933 dem Schutz des Konsumenten vor Übervorteilung verpflichtet weiss, ferner den Fabrikanten vor unlauterer Konkurrenz bewahren und schliesslich den guten Ruf der Schweizer Qualität auf dem Edelmetallsektor erhalten möchte. Es dürfte sich dabei wohl um eines der ältesten schweizerischen Konsumentenschutzgesetze handeln, das seine Ursprünge im übrigen einer gemeinsamen Eingabe von Fabrikanten und Uhrenarbeitern aus dem Kanton Neuenburg verdankt.

Das Gesetz hat nach Ansicht von Kennern weltweit einzigartigen Charakter, legt es doch nicht nur unmissverständlich Minimalstandards und Kennzeichnungen für Edelmetallprodukte fest, sondern regelt und überwacht mit einer relativ unbekannten Behörde, der Eidgenössischen Edelmetallkontrolle, den Handel mit Edelmetallen in allen Firmen. Damit werden Ein- und Ausfuhr von Produkten aus Gold, Silber und Platin an der Grenze stichprobenweise kontrolliert (rund 5000 Beanstandungen pro Jahr bei Importprodukten) und ferner in unregelmässigen Abständen und unangemeldet sämtliche in irgendeiner Form mit Edelmetall handelnden Betriebe besucht.

Das Bundesgesetz hat ferner einen speziellen Berufsstand hervorgebracht, den amtlich vereidigten Edelmetallprüfer. Diesen Beamten kannten auch die alten Griechen. Die Wichtigkeit, die man seiner Arbeit als Qualitätsprüfer von Münzen beimass, kann dem entsprechenden Gesetz entnommen werden, in dem es unter anderem heisst: «Wenn der Prüfer nicht an seinem Platz sitzt oder nicht dem Gesetz entsprechend prüft, sollen ihm die syllogeis (d. h. die für die öffentliche Ordnung zuständigen Beamten) fünfzig Stockschläge verabreichen.» Heute üben in der Schweiz knapp 100 Personen den Monopolberuf des Edelmetallprüfers aus, und sie haben bei Verfehlungen nicht Hiebe, sondern unter anderem den Entzug des Diploms (bisher noch nie vorgekommen) zu gewärtigen. 6 Edelmetallprüfer sind beim Zentralamt in Bern und gut 55 bei den 17 über die ganze Schweiz verteilten Kontrollämtern tätig. Die Ausbildung umfasst eine zweijährige Aspirantenzeit, es folgt die amtliche Vereidigung und eine anschliessende fünfjährige Weiterbildung zum Edelmetalltechniker.

Aber nicht nur der Staat ist an diesen Spezialisten interessiert, die unter anderem immer goldrichtig darüber entscheiden müssen, ob es sich nun um achtzehnkarätiges Gelbgold (man nehme 750 Teile Gold und je 125 Teile Kupfer und Silber), Weissgold (750 Teile Gold und 250 Teile Nickel oder Palladium) oder bloss um Katzengold (verwitterter Glimmer) handelt. Weitere 40 Edelmetallspezialisten sind in jenen elf Betrieben tätig, deren Schmelzprodukte - versehen mit der Feingehaltsangabe und dem Prüfer-Schmelzer-Stempel - auf dem Schweizer Markt vorbehaltlos als erstklassige Ware zugelassen sind. Gleichsam noch höhere Weihen geniessen jene sechs Häuser, deren Produktekennzeichnungen international als «good delivery bars» anerkannt werden. Wie exklusiv dieser Kreis ist, mag etwa die Tatsache verdeutlichen, dass Südafrika und die Sowjetunion lediglich je ein entsprechendes Unternehmen vorweisen können.

Good Delivery bedingt unter anderem auch eine Goldfeinheit von mindestens 99,5% bzw. 995 in der Fachsprache. Die drei von den schweizerischen Grossbanken kontrollierten Schmelzen bieten auch erfolgreich Produkte mit einer Reinheit von mindestens «vier mal neun» (also 999,9), womit man höchstens einen Zehntausendstel an anderen Metallen wie etwa Kupfer oder Silber duldet. Zum hohen Qualitätsstandard gesellt sich die Tatsache, dass hinter den drei grossen Raffinerien auch die von den internationalen Kreditprüfungsinstitutionen durchwegs mit den Höchstnoten versehenen schweizerischen Grossbanken stehen. Aus der Sicht der Branche sind dies (neben dem Preis) Argumente, die etwa japanische Anleger genau gleich wie deutsche Zahnärzte oder lateinamerikanische Notenbanken veranlassen können, in Afrika oder Amerika gefördertes Gold zu erwerben, das den «Umweg» über eine schweizerische Raffinerie genommen hat.

Um diese Qualität dauernd zu gewährleisten, sind umfangreiche Investitionen in Technik, Sicherheit und Umweltschutz notwendig. Sicherzustellen ist auch eine rasche Abwicklung des Geschäfts, Gold ist schliesslich, neben allem Liebreiz, auch zinslos gebundenes Kapital. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass das Metall in unterschiedlicher Form und Reinheit täglich mit speziellen Sicherheitsfahrzeugen eingeliefert wird. 48 Stunden danach erhält der Kunde auf seinem Goldkonto die Gutschrift, abgerechnet wird auf ein Hundertstel Gramm genau. In der Raffinerie wird nun je nach Qualität entweder mittels Elektrolyse (rund 80% der Fälle) oder mit nasschemischen Verfahren Feingold als Zwischenprodukt hergestellt. Durch eine weitere Schmelze entstehen dann Feingoldbarren, Goldkörner (unter anderem für industrielle Legierungen), Halbzeuge oder Medaillen und Bijouterielegierungen. Die gesamte Durchlaufzeit beträgt zwischen 10 und 15 Tagen. Besucht oder erkundigt man sich bei einer der drei grossen Schweizer Raffinerien über deren Arbeit, so erhält der Wissensdurstige zwar detailliert Auskunft über den technischen Verarbeitungsprozess, und selbstverständlich beansprucht jedes Unternehmen Einzigartigkeit. Doch dann beginnt die Informationsbereitschaft rapide zu schrumpfen, über Kapazitäten, Ertragszahlen usw. schweigt man sich - branchenkonform - mehr oder minder deutlich aus, wobei man bei der Bankgesellschaft am ehesten bereit ist, über die in Mendrisio gebrüteten «goldenen Eier» zu sprechen.

Generell lässt sich aber zweierlei festhalten: Zusammen dürften die schweizerischen Unternehmen über eine Verarbeitungskapazität verfügen, die den Vergleich mit der weltgrössten Raffinerie, der Rand Refinery, unter keinem Titel zu scheuen braucht, und jede einzelne Unternehmung schreibt schwarze Zahlen, wobei angesichts der weltweit bestehenden Überkapazitäten auch nationale Schattierungen zu verzeichnen sein sollen. Wie dem auch sei: Zwar singt die Rockgruppe Led Zeppelin von einer «Lady who's sure, all that glitters is gold, and she's buying a stairway to heaven», doch von dieser Treppe zum Himmel ist weder im Jura noch im Tessin, geschweige denn an der Zürcher Bahnhofstrasse etwas zu sehen - verhindern würden das ja allein schon die Bauvorschriften.

Beat Brenner ist Wirtschaftsredaktor der NZZ


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.