NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst?   Inhaltsverzeichnis

Überlebenskünstler

© Giorgio von Arb, Zürich
Max Grüter, 53, in seinem Atelier im Zürcher Kreis 4: «Ich erschaffe erwachsene Kunst voller kindlicher Wünsche.» Linktext
Ist Künstler ein Traumberuf oder nicht doch eher ein Albtraum? Atelierbesuche bei Max Grüter, Sidonie Nuoffer und David Renggli.

Von René Ammann

Wer im März 2008 das Magazin der «New York Times» durchblätterte, stiess in der Rubrik «Food: The Way We Eat» auf folgende Passage: «Anlässlich eines Diners für Roman Signer bei der Galerie Hauser & Wirth servierte man Raclette, um die Schweizer Herkunft des Künstlers zu würdigen.» Über dem Text eine Fotografie mit Silberbesteck und Stoffservietten und dem handgeschriebenen Kärtchen für den Ehrengast: Roman Signer.

Signer in der Rubrik «Essen» in der «New York Times»? Ein Name also, den man den kulinarisch interessierten Lesern des Blattes nicht weiter vorstellen muss? Vor drei Jahrzehnten war der Appenzeller Signer selbst in der Kunstwelt ein Unbekannter. Er arbeitete im Untergrund, genauer: im Keller einer Galerie in St. Gallen. Dort sprengte er Farben und zeichnete die Detonation auf Video auf. Nahm er zu viel Sprengstoff, färbte er die Wände, sich selber und die Galeristin Wilma Lock, die dann ein paar Tage lang mit gesprenkeltem Haar durch die Schmiedgasse lief. Die Galerie Hauser & Wirth gab es noch nicht. Iwan Wirth, heute einer der weltweit wichtigsten Kunsthändler, war damals noch in der Primarschule.

Die Anekdote zeigt – neben den erstaunlichen Karrieren von Signer, Hauser und Wirth – vor allem das: Im Bereich Kunst kann man nie wissen, wer sich wie entwickelt. Ob Künstler, Galerist, Kritiker oder Käufer. Zu diffus und subjektiv sind die Massstäbe, zu unterschiedlich die Lebensläufe, zu divers die Ausbildungen, zu undurchsichtig ist der Markt, zu einzigartig ein Werk, zu unberechenbar ein Künstler. Das gilt selbstredend auch für die drei hier Porträtierten: Max Grüter, Sidonie Nuoffer und David Renggli.

Die Auswahl könnte auch eine ganz andere sein. Aber welche Kriterien soll man anwenden, wenn allein im Jahr 2006 124 Absolventen ein gutes Dutzend staatlicher Schweizer Fachhochschulen verlassen haben, um Künstler zu werden? Wobei die Berufsbezeichnung «Künstler» genauso wenig geschützt ist wie «Schriftsteller» oder «Journalist» – Selbstdeklaration genügt. 51 Kuratoren, Galeristen und Kritiker müssen zu Werke gehen, um für das Schweizer Wirtschaftsmagazin «Bilanz» Hunderte von Künstlerleben auf Publikationen, Ausstellungen, Auszeichnungen, Stipendien und Sammlungsankäufe hin zu sezieren, um Jahr für Jahr die Rangliste der 50 angeblich «wichtigsten Künstler der Schweiz» herauszufiltern.

Die drei Künstler, die für diesen Text ausgewählt wurden, sind nicht unter diesen 50. Zumindest bis jetzt nicht. Wer weiss, ob sich das nicht noch ändert. Der 45-jährige Zürcher Galerist Peter Kilchmann gehört zu den Galeristen, die seit Jahren junge Künstler entdecken, aufbauen und international vertreten. Er formuliert die Anforderungen des Kunstmarkts so: «Kunst ist keine Rolle, kein Beruf, sondern eine Berufung.» Kilchmann sieht folgende fünf Gründe, weshalb ein Künstler sich durchsetzen kann – oder eben nicht.

Erstens: Der Künstler gibt zu früh auf. Er weicht aus, wenn es Probleme gibt, auch finanzielle. Er nimmt sich lieber einen Job, der ihm Sicherheit gibt, und vernachlässigt die Kunst.

Zweitens: Die Galerie arbeitet nicht gut genug, oder der Künstler und seine Galerie passen nicht zusammen. Manche Galerien arbeiten lokal, manche regional. Die wenigsten aber spielen in der obersten Liga. Nur wenn sie es tun, werden die Werke eines Künstlers an den Kunstmessen in London, Miami oder Basel gezeigt, werden Ausstellungen in Museen oder anderen Spitzengalerien organisiert.

Drittens: Die Werke des Künstlers sind nicht gut genug, um international zu bestehen.

Viertens: Der Künstler und seine Galerie sind geographisch am falschen Ort, sprich: nicht in den Kunstmetropolen vertreten. Wer erstklassige Kunst macht, aber nicht von den wichtigen Märkten und Medien aufgenommen wird, weil er beispielsweise in Kroatien ausstellt, wird es schwer haben, wahrgenommen zu werden, weil ihm das Schaufenster fehlt.

Fünftens: Der Charakter des Künstlers verhindert seine Karriere. Vielleicht ist sie ihm nicht wichtig genug. Vielleicht sucht er die Öffentlichkeit zu wenig, interessiert sich nicht dafür, was in der zeitgenössischen Kunst geschieht, und baut kein Netzwerk auf.

Das Alter eines Künstlers hingegen spiele nicht zwingend eine Rolle, sagt Peter Kilchmann. Zwar nähmen die Galeristen gern Absolventen frisch von den Hochschulen, auch er tue das, aber es gebe genügend Gegenbeispiele: international gesehen etwa die Bildhauerin Louise Bourgeois, die erst im Alter von 80 entdeckt wurde, oder die 1988 verstorbene Brasilianerin Lygia Clark, deren Werke unter dem Label «Tropicalia» zwanzig Jahre lang kaum gezeigt wurden und die heute in grossen Museen hängen. Stellvertretend für die Schweiz nennt Kilchmann Walter Pfeiffer. Der 1946 in Beggingen SH geborene Zeichner und Fotograf erlebt nach ruhigeren Jahren geradezu stürmische Aufmerksamkeit: Jüngst erschienen zwei Fotobände, der amerikanische Modeschöpfer Tom Ford buchte Pfeiffer für eine Kampagne.

Max Grüter, der Astronaut

«Hey, Baby!» ruft die üppige Schwarze, schnalzt mit der Zunge und schnurrt: «Kummm hiiirrrr, Daaahling!» Das war der falsche Hinterhof. Das Gässchen zu Max Grüters Atelier liegt gleich daneben. Ganze 16 Kilometer weit sei er in seinem Leben gekommen, sagt der Mann und lacht laut und breit und gewinnend. «Präzis die Distanz von Horgen nach Zürich. Aber im Internet bin ich überall auf der Welt vertreten!» In Horgen am Zürichsee ist er aufgewachsen, Jahrgang 1955 und ausgebildeter Grafiker. Im Langstrassenquartier im Kreis 4 in Zürich hat er seine Denkfabrik in einem Häuschen, das früher eine Werkstatt gewesen sein muss. Im Atelier buhlen fünf «Bunnymen» um Aufmerksamkeit: nackte männliche Skulpturen mit aufgestellten Hasenohren. Daneben schaukelt ein Astronaut aus Aluminium auf seinem winzigen Planeten – Grüters Skulpturen. Eine Computergrafik zeigt zwei Astronauten unbestimmbaren Geschlechts, sie umarmen sich in der schwerelosen Leere, hilflos Verliebte, die sich nie vereinen werden.

Grüters Handy meldet sich, Juri Gagarin erscheint auf dem Display, der erste Mensch im Weltraum. «Gagarin ist meine Leitfigur», sagt Grüter, «oder besser: meine Beg-leitfigur. Wie Cassius Clay, der Boxer!» Max Grüter, Vater zweier erwachsener Kinder, mag Worte, er mag Wortspiele, er mag Träume, er mag vor allem Bubenträume: «Normalerweise kickt man die weg, das finde ich schade. Ich mag sie. Deshalb erschaffe ich erwachsene Kunst voller kindlicher Wünsche.»

Auf Grüters Siebdrucken taumeln Weltraumfahrer verloren durchs All. In der Weite des Internets drehen sich, auf einem Projekt von Google, Grüters dreidimensionale Figuren. Sie tragen Titel wie «Me, ­lying homeless on ur harddrive». Jedermann kann sich Grüters Werke auf den Computer laden, zehn Jahre Wissen und Erfahrung stellt der Künstler den Fremden in Irgendwo zur Verfügung, gratis, er ist ein grosszügiger Mensch, er kreiert «Besatzungen für Träume» – für fremde und für eigene.

Wie er zur Kunst gekommen ist? «Das war kein Entscheid, eher ein langsamer Prozess. Und eines Tages musste ich mir eingestehen, dass ich Künstler bin und von der Kunst leben will.» Das war und ist nicht immer einfach, und manchmal plagt ihn das schlechte Gewissen, weil er das tut, wozu er sich hingezogen fühlt. Wenn er etwas anderes machen muss, als sich mit seiner Kunst zu beschäftigen, ist Max Grüter missmutig, denn sein Wille und die Lust am Werk treiben ihn ins Atelier: «Ich bin stolz, dass ich es so weit gebracht habe, ohne allzu viele Kompromisse eingegangen zu sein.» Klar, manchmal arbeitete er für die Werbung, manchmal als Illustrator, klar, «in den Augen der Kunstwelt klebt mir das wie Dreck an den Füssen», aber das Geld war nötig zum Überleben. Er wurde mit einem Werkbeitrag des Kantons Zürich ausgezeichnet. Meist half sein Netzwerk.

«Ich bin ein Tauschhändler», sagt Grüter, «damit habe ich mich über Wasser gehalten.» Der Zahnarzt? Auch der kriegt Kunst. «Das funktioniert. Wobei mir gerade in den Sinn kommt, dass er sich noch etwas aussuchen sollte», sagt er grübelnd, «es wird wohl etwas Grösseres sein diesmal.» Für das NZZ Folio gestaltet Grüter seit 17 Jahren, von Anfang an, das Titelblatt, und für «Lettre International» fertigt er hin und wieder – und für Gottes Lohn – eine Illustration an.

Einzelausstellungen hatte Max Grüter rund ein Dutzend, eine Galerie, die für ihn arbeitete, hatte er auch, aber die ging eines Tages pleite. Das Scheitern ging ihm nah, er fühlte sich von seinem Ziel, als Künstler breiter wahrgenommen zu werden, «getrennt wie durch eine Membran». Seine Vision: bekannter zu werden. Nicht wegen des Ruhms, betont er: «Aber je bekannter man ist, desto weniger muss man sich erklären. Man muss nicht sagen: Ich bin der mit den Hasen, oder: Ich bin der Mann, der freidimensional denkt. Und je bekannter man ist, desto mehr Leute interessieren sich für die Kunst, die man macht.»

Seit 2005 wird Max Grüter von Stephan Witschi vertreten, einem Galeristen in Zürich. Grüters Anspruch an eine Galerie: Sie sollte nicht allein lokal tätig sein, sondern auch international an Kunstmessen teilnehmen. 2008 wird für ihn so oder so ein gutes Jahr: Das Haus für Kunst Uri in Altdorf stellt Max Grüters Werke aus, es ist seine erste grosse Einzelausstellung in einem Museum. «Achtung figurativ» lautet ihr Titel, und der Künstler stellt in seinem Atelier gerade mit viel Enthusiasmus eine grosse Installation für die Schau her: eine hölzerne Sitzgruppe. Aus Schleudersitzen.

Sidonie Nuoffer, die Treue

Ein Mädchen kauft eine Blume ohne Farben. So beginnt das Büchlein «La fleur sans couleur» von Sidonie Nuoffer. «Warum hast du keine Farbe?» fragt das Mädchen. Die Blume antwortet nach langem Weinen: «Dort, wo ich herkomme, hat man kein Recht, etwas zu vergessen. Tut man es doch, verliert man seine Farbe. Und weil ich alles vergessen habe, verlor ich alle Farben. Darum bin ich weggegangen.»

Sidonie Nuoffer ist 1975 in Freiburg geboren, besuchte die Rudolf-Steiner-Schule in Lausanne, lebte in Paris und ein Jahr als Au-pair in Stuttgart, liess sich in der privaten Assenza-Malschule in Münchenstein in Baselland ausbilden und arbeitete frei in Berlin, bis ihr das Geld ausging. Dann zog sie nach Zürich und mietete ein günstiges Atelier an der Zweierstrasse: «Ich lebte bescheiden, aber es ging.»

An zwei Tagen pro Woche steht Sidonie Nuoffer am Hirschenplatz in Zürich in der kleinen mobilen Crêperie. Nach der Arbeit fährt sie nach Münchenstein in den Kanton Baselland. Dort ist sie mit ihrem Freund Eric Biegger in ein Haus gezogen. Im Erdgeschoss befindet sich die Galerie 39 von Biegger und Nuoffer, genannt nach der Hausnummer an der Tramstrasse, im Garten ist Sidonie Nuoffers Atelier- und Wohnhäuschen. «Zwei Tage Arbeit legen die Basis für mein Einkommen», sagt sie, «dann kann ich in Ruhe malen, weil ich malen möchte. Davor habe ich zum Überleben malen, zeichnen und illustrieren müssen.» Etwa für das Frauenmagazin «Annabelle». Ihr Ziel heute: «Eine Ausstellung pro Jahr – und dann ein Jahr lang davon existieren können.» Stipendien hat sie nie erhalten, allerdings auch nur einmal eines beantragt: jenes der Eidgenössischen Kunstkommission. «Mein Stil spricht nicht alle an», sagt Sidonie Nuoffer und zuckt die Schultern. «Ich wusste ja, das wird nichts, aber habe mich trotzdem beworben. Letztlich verlor ich dadurch bloss Zeit.»

In der Galerie in Münchenstein habe sie immer gut verkauft, sagt sie, ein Bild zu Preisen zwischen 900 und 2800 Franken. «Ich weiss nicht, ob ich das aushalten könnte, 50 Bilder malen zu müssen, weil so viele Ausstellungen anstehen. Früher dachte ich, wenn ich pro Tag nicht mindestens einen Strich mache, bin ich keine Künstlerin. Heute bin ich gemütlicher unterwegs. Als ich noch in Zürich lebte, war meine Forderung an mich: Erfolg! Was ist in? Gefällt es? Gefällt es nicht? Irgendwann beschloss ich, mir selber treu zu bleiben. Ich muss mögen, was ich male. Was du tust, ist es wert, egal, ob es jemandem gefällt oder nicht. Und lieber Qualität statt Menge. Wer auf Quantität abzielt, malt tendenziell das Gewohnte, weil er kein Risiko eingehen kann oder will. Ich produziere gerne kleine Sachen, Karten, Spiele, kleinformatige Bilder, damit jeder etwas kaufen kann.»

Und wie geht die Geschichte der farblosen Blume aus? Das Mädchen fliegt mit der Blume ins Land des goldenen Hasen, ins Land der rosafarbenen Erdbeeren und in jenes der grünen Giesskanne. Das Mädchen und die Blume sind glücklich, denn nach und nach erhält die Blume ihre Farben zurück: Sie ist gelb wie der goldene Hase, rosa wie die Königin der Erdbeeren und grün wie die Giesskanne.

David Renggli, der Spieler

Nach fünf Jahren Aufenthalt in Holland spricht der Zürcher David Renggli «heel goed nederlands». Der 34-Jährige ging in Amsterdam auf die Rietveldt Academie. Nach seiner Ausbildung im Bereich Fotografie wollte er allerdings nichts mehr mit der Kunstwelt zu tun haben, obwohl er sich von Kindesbeinen an als Künstler sah: «Ich hatte eine romantische Vorstellung von diesem Beruf und hielt Kunst für etwas extrem Ehrliches und zutiefst Emotionales. Doch die Realität war mir zu abgekartet.»

Also entschied er sich, «lieber ein Hobbykünstler zu sein und dafür die Unschuld zu bewahren». Er übernahm Dekora­tionsjobs für das Restaurant Kaufleuten, er komponierte und spielte Tanzmusik, er war Teil der Band «Waldorf» und gab Konzerte in Clubs in Berlin, New York und Zürich.

Erst bestand «Waldorf» aus zwei, später aus vier Mitgliedern. Drei hatten – wie Renggli – Steiner-Schulen durchlaufen und «jonglierten mit der Ästhetik von Rudolf, mit Eurythmie und der anthroposophischen Gedankenwelt von Farbe und Form. Steiner hat ja so viel geschrieben! Wir übernahmen beispielsweise seine Lichtführung bei Konzerten: aufsteigendes grünes Licht von unten.» Auch in den Texten hinterliess der Goethe-Verehrer Rudolf Steiner Spuren: Ein Titel auf der CD «Age of Stupid» heisst «Erlkönig». Vor anderthalb Jahren starb David Rengglis Musikerfreund. Seither ist es um «Waldorf» ruhiger geworden.

Im Haus, in dem der junge Mann übte, war ein Fotostudio untergebracht. Als dort eine grosse Werbekampagne für den «Sonntagsblick» geschossen wurde, blieben stapelweise unbedruckte, aber geheftete Zeitungen übrig. Renggli nahm ein paar Exemplare mit und begann, sie vollzuzeichnen. «Nicht, dass das wichtige Arbeiten gewesen wären», sagt er, «aber sie brachten die Wende. Im Jahr 2001 entschloss ich mich, wieder Kunst zu machen. Mir war klar, dort liegt meine Stärke und darauf konzentriere ich mich künftig.»

Einzelne Ausstellungen folgten, im Jahr 2001 «Retrospektive David Renggli» des damals 27-Jährigen im «Messagesalon» in Zürich. Wovon er in jenen Jahren lebte? «Von kleinen Jobs. Von wenig Geld, sehr wenig Geld.» Ab und zu erhielt er einen Werkbeitrag. Überstiegen seine Einnahmen 2000 Franken, war es ein guter Monat. Inzwischen wird David Renggli von vier Galerien vertreten, eine in London, eine in Mailand, eine in Paris und eine in Zürich. Von einem gewissen Moment an verkauften sich seine Arbeiten so gut, dass er keine Nebenjobs mehr annehmen musste. Ein höheres Einkommen war auch aus einem anderen Grund nötig: Im letzten Jahr kam seine Tochter Carlotta zur Welt. Vatersein verändert vieles, auch Rengglis Tagesablauf: Er steht früh auf und geht ins Atelier an der Lessingstrasse in Zürich. «Pathetisch gesagt, arbeite ich immer. Und ich bin sehr dankbar, dass ich tun kann, was ich will.»

Sein Atelier ist voller Bilder, Skulpturen – fertige, halbfertige –, Materialien, und in einer Ecke steht ein Brennofen aus dem Brockenhaus. «Ich weiss noch nicht, wie er genau funktioniert, aber Keramik interessiert mich sehr.» In der anderen Ecke steht eine Skulptur, «extra hässlich geschweisst, damit man die Nähte sieht. Dann lasse ich das Metall verchromen. Für mich bedeutet Kunst Freiheit. Auch was das Medium angeht. Das ist mein Privileg des Künstlerdaseins. Es wäre schade, wenn ich mich beschränken würde auf Video, Malerei oder Installation, bloss um ein unverwechselbares Produkt herzustellen. Ich kenne junge Künstler, die haben ein solches Produkt und wagen es nicht mehr zu verändern, ich empfinde das als sehr beengend.» Renggli sieht sich im Atelier um. «Hm. Nicht ob­viously ein roter Faden ersichtlich», sagt er, «aber wenn das Werk grösser wird, dann wird auch das Universum grösser, und man sieht die Verbindungen.»

Und was bedeutet ihm Erfolg? «Dranzubleiben. In Kauf zu nehmen, dass eine Arbeit auch einmal Mist sein kann. Noch grössere und noch coolere Dinge zu tun. Gute Orte für eine Ausstellung. Ein gutes Budget. Daran arbeite ich. Ich will weiterkommen.» Er bindet sich die ausgetretenen Turnschuhe. «Gute Arbeit leisten, das ist alles, was ich dazu tun kann. Und Glück zu haben, das gehört auch dazu. Dass man mit Leuten zusammenarbeiten kann, die an Kunst interessiert und gewillt sind, dafür Geld auszugeben.»

Renggli zupft seinen Kapuzenpullover zurecht. «Ja, ich weiss», fügt er an, «ich sehe den Kunstbetrieb heute nicht mehr so eng. Ich hege nicht mehr den jugendlichen Gedanken, Kunst sei eine heile Welt, in der es nicht um Geld geht.» Sechs Ausstellungen im Jahr genügen ihm, denn er will möglichst nie etwas zweimal zeigen – ausser der riesigen Installation mit 1001 Bildern, die er vergangenen Februar fertigstellte. Im Juni eröffnet das Kunsthaus Zürich die Ausstellung «Shifting Identities», eine Sicht auf das zeitgenössische Schweizer Kunstschaffen. Rengglis Arbeiten werden dabei sein.


Der Galerist Peter Kilchmann ist nonstop unterwegs. Gestern ist er aus Mexiko zurückgekehrt, der Koffer für Japan ist bereits gepackt. Er propagiert die Künstler seiner Galerie weltweit, ob sie aus der Schweiz stammen, aus Argentinien oder aus Bosnien. «Ich beschäftige mich jeden Tag mit Kunst», sagt Kilchmann, «darum sehe ich sofort, ob einer ein Vollblutkünstler ist oder nicht. Einer, den ich gefragt habe, was er nebenher so arbeite, schoss auf und schrie: ‹Ich mache ausschliesslich Kunst!›»

Wie sinnvoll ist die staatliche Förderung und Unterstützung von Künstlern? «Stipendien und Werkbeiträge fördern nicht notwendigerweise die Spitze, sondern die Breite», sagt Kilchmann. «Das spielt in die Hand jener Künstler, die noch jung sind. Ich gönne ihnen diese Unterstützung von Herzen, allen. Sie können sich über Jahre hinweg über Wasser halten, bis sie 30 sind oder 40. Aber dann geht es ums Hocharbeiten, ums Propagieren, international, um die neuen Fischli/Weiss, um den neuen Roman Signer. Das ist gut für die Stadt Zürich oder für das Land Schweiz. Nicht zwanzig Lisa Mosers. Einen Ugo Rondinone hätte man unterstützen müssen, einbetten, fördern. Zürich war seine Stadt, die Schweiz war sein Land. Aber er hat hier kaum Unterstützung erhalten. In New York, wo er heute lebt, sieht man eine Lichtarbeit von Rondinone am New Museum. Warum hängt die nicht in Zürich? Am Bellevue? Nein, sie hängt in New York, am einzigen zeitgenössischen Museum, das in den letzten Jahrzehnten eröffnet wurde. Jedes Kind in New York sieht Ugo Rondinone. Aber hier…»

Welches sind die Anforderungen des Galeristen an den Künstler? «Er soll nicht im stillen Kämmerchen schaffen und hoffen, er werde dann schon entdeckt. Er soll verfügbar sein, ein Netz aufbauen. Er soll einen Katalog herausgeben und sich fragen: Welcher Schreiber interessiert mich? Er soll selber aktiv werden, eine Sensibilität haben fürs Marketing…»

Muss ein Künstler in einem Zentrum leben wie New York oder London? «Nein, wo er lebt, ist nicht wichtig.» Und wie wichtig ist der Standort für eine Galerie? «Für meine Galerie? Wäre New York sicher besser als Zürich.»

René Ammannist Journalist; er lebt in Zürich.

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