Alles war auf Zucker gebaut. Die Zuckerrohrpflanze, die Kolumbus 1493 bei seiner zweiten Amerikareise auf die Karibikinsel Hispaniola gebracht hatte, machte die französische Kolonie Saint-Domingue, das heutige Haiti, zur reichsten der Welt. «Perle der Antillen» wurde Haiti einst genannt, und die Hafenstadt Capa-Français war das «Paris der Karibik». Die Kolonialherren waren unermesslich reich, während die versklavten Plantagenarbeiter im Elend lebten.
Heute sind in Haiti fast alle arm, und der in Cap-Haïtien umbenannte Karibikhafen ist ein von stinkenden Elendsvierteln eingekesselter Flecken, wo spanische Uno-Soldaten versuchen, ein Mindestmass an Ordnung aufrechtzuerhalten. Die alten Plantagensiedlungen in der Plaine du Cul-de-sac hinter Port-au-Prince sind nur noch Ruinen. Da und dort ragen einzelne Schornsteine in die Höhe, findet man Überreste von Aquädukten, Fabrikanlagen und gemauerten Zellen für widerspenstige Sklaven. Die «Habitations» waren immer nach dem gleichen Schema angelegt: Neben dem Herrschaftshaus die Zuckermühle, die Siederei und die Ställe für die Zugtiere, dahinter die Hütten der Sklaven und rundherum die riesigen Zuckerrohrfelder.
Hier, wo im späten 18. Jahrhundert das Herz der Zuckerproduktion von Saint-Domingue pochte und Dutzende von Zuckerfabriken standen, befindet sich auch der vor kurzem von privaten Sponsoren errichtete Parc historique de la canne à sucre, ein dem Zucker gewidmetes Freilichtmuseum, wo die Überreste einer von Mauleseln betriebenen Zuckermühle zu sehen sind. Endlos marschierten die Tiere im Kreis, um das von den Sklaven geerntete Zuckerrohr durch die quietschenden Holzwalzen zu pressen und so den Zuckersaft zu gewinnen. Daneben stehen ein alter Schornstein und eine Schmalspurlokomotive aus dem
19. Jahrhundert. Damals versuchte man, mit modernen industriellen Methoden den Zuckerrohranbau wieder in Schwung zu bringen. Heute vermag die lokale Produktion noch gerade zwei bis drei Prozent des Zuckerkonsums der Haitianer zu decken.
In den Geschichtsbüchern ist es nachzulesen: Ohne Zucker keine Sklaven und ohne Sklaven kein Zucker. Um Zucker und später Kaffee anzubauen, brauchten zuerst die spanischen, dann die englischen und schliesslich die französischen Plantagenbesitzer auf den Karibikinseln immer mehr Arbeitskräfte. Zu Hunderttausenden wurden Männer und Frauen aus der Bucht von Benin, der afrikanischen «Sklavenküste», über den Atlantik auf die Westindischen Inseln, die Grossen und Kleinen Antillen, verfrachtet. Hier ersetzten sie die Tainos, die einheimischen Indios, die an der harten Arbeit und den aus Europa eingeschleppten Krankheiten während der ersten Jahre der spanischen Eroberung zugrunde gegangen waren. Kurz nach 1500 erreichten die ersten Schwarzafrikaner die Insel Hispaniola, die sich heute Haiti und die Dominikanische Republik teilen. Der spanische Chronist Fernández de Oviedo erkannte schon im 16. Jahrhundert den Kausalzusammenhang zwischen Zuckerproduktion und Sklavenimport, als er konstatierte, wegen der Zuckerplantagen gebe es auf Hispaniola schon «so viele Neger, dass dieses Land eine Effigie oder ein Abbild Äthiopiens zu sein scheint».
Allein in die französische Kolonie Saint-Domingue wurden bis 1770 – im Zuge der ersten Globalisierung der Weltwirtschaft – schätzungsweise 800 000 Sklaven verschleppt. Sie wurden benötigt, um neben 800 Zuckerplantagen 3000 Kaffeepflanzungen und 50 Kakaofarmen zu betreiben. Auf den Zuckerplantagen von Saint-Domingue formierte sich zur Zeit der Französischen Revolution der Widerstand der Sklaven gegen die Sklavenhalter, der 1804 mit der Ausrufung der ersten Republik von Schwarzen unter dem Namen Haiti endete.
Ganz in der Nähe des heutigen Cap-Haïtien liegt Bois Caiman, das Rütli der Haitianer. Dort, so will es die Legende, versammelte der Voodoo-Priester Boukman in einer stürmischen Gewitternacht 1791 eine grosse Zahl von Sklaven aus den umliegenden Zuckerplantagen. Ein schwarzes Schwein wurde geschlachtet. Die Anwesenden tranken von seinem Blut und schworen ihrem Anführer bedingungslose Gefolgschaft im Aufstand gegen die Weissen.
Als sich die Sklaven vom Joch der Kolonialherrschaft befreit hatten, war es auch mit der Blüte der Zuckerwirtschaft vorbei: Die Unterdrücker wurden getötet oder vertrieben, ein Grossteil der Plantagen verkamen, und die befreiten Sklaven schworen, nie mehr für andere Herren zu schuften. Während der Zeit der Wirren, die zur Unabhängigkeit Haitis führten, schrumpfte der Export von Rohrzucker von 93 Millionen auf bescheidene 18 Millionen Pfund, jener von weissem Zucker von 70 Millionen auf 16000 Pfund.
Zuckerrohr, Bananen und Kaffee – die klassischen «Dessertwirtschaften» der Karibik und Zentralamerikas – sind arbeitsintensiv, bis heute kann nur beschränkt mit Maschinen geerntet werden. Mit der Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert entstand ein neues Landproletariat, denn billige Arbeitskräfte waren überall gefragt, und die Nachfrage nach Zucker stieg in Europa explosionsartig an. Wie ein Magnet zogen zunächst kubanische, zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch dominikanische Zuckerplantagen haitianische Wanderarbeiter an. In Haiti selber wurde der Boden knapp, und die Bevölkerung nahm ständig zu, was die Massenauswanderung förderte. Am Ende des Ersten Weltkriegs arbeiteten mehr als eine halbe Million haitianische Landarbeiter auf Zuckerplantagen in Kuba und in der Dominikanischen Republik – dies bei einer Gesamtbevölkerung Haitis von damals zwei Millionen Menschen.
Rum, der letzte Exportschlager
Eine knallgelbe Kartonbox, gefüllt mit jeweils fünf Flaschen Zuckerschnaps der Marke Barbancourt, gehört ins Handgepäck jedes Haitianers, der in Port-au-Prince das Flugzeug besteigt. «Le Rhum Barbancourt, c’est comme un patrimoine de la nation» – als nationales Erbe preist William Eliacin das goldgelbe Wasser. Um den Absatz macht sich der CEO des alteingesessenen Familienunternehmens keine Sorgen. Barbancourt verkaufe sich immer. Erstens sei die Marke von hoher Qualität, und zweitens könnten die Haitianer ohne ihren Rum nicht leben. Besonders in schlechten Zeiten wie den jetzigen helfe er den Menschen, ihre Sorgen zu ertränken.
Barbancourt ist der einzige Rum, der in Haiti in grösseren Mengen produziert wird. Zwei Millionen Liter waren es letztes Jahr. Die Hälfte konsumieren die Haitianer selber, ein Viertel wird im fabrikeigenen Duty-free-Shop am Flughafen abgesetzt und der Rest an Wiederverkäufer ins Ausland geliefert. Kenner nennen Barbancourt aus Haiti in einem Atemzug mit anderen Rum-Marken, die der Karibik zu ihrem festen Platz in jeder Bar verholfen haben: Bacardi aus Puerto Rico, Appleton aus Jamaica, Havana Club aus Kuba. Nicht selten verlangen Rezeptbücher ausdrücklich Barbancourt als Zutat, etwa dann, wenn es gilt, einen Cake vorsichtig in sanftem Rum zu baden, ohne ihn brutal im scharfen Alkohol zu ertränken.
Die Fahrt zur Rum-Fabrik am Rande der Hauptstadt Port-au-Prince führt durch ein Gewirr verstopfter Strassen, vorbei an hupenden Tap-Taps – den allgegenwärtigen bunt bemalten Bussen –, entlang an Markt- und Lottoständen und endlosen Zeilen schäbiger Häuschen. Die Quartiere an der Ausfallstrasse ins Landesinnere, der von Löchern und Kratern übersäten Route nationale 1, gelten als unsicher, als Hort von Ganoven und Entführern. Man tut gut daran, sich von einem bewaffneten Leibwächter bis vor die eisernen Tore des nach allen Seiten mit hohen Mauern geschützten Fabrikgeländes begleiten zu lassen. Das letzte Wegstück auf der staubigen Strasse führt durch lieblich grünes Zuckerrohr, das Rohmaterial, aus dem der Rum entsteht.
Wie ein Schutzwall umgeben 100 Hektaren Zuckerrohrfelder die Fabrik, eine Oase der unternehmerischen Beständigkeit, wo 250 Angestellte, die meisten schon ein halbes Leben lang, einen sicheren Arbeitsplatz haben. Ob Diktatur oder Demokratie, ob amerikanische Besetzung oder Wirtschaftsembargo, ob Dürrezeiten oder Wirbelstürme – seit 1862 produziert das Unternehmen den frisch destillierten weissen Rum und die edleren Spezialitäten, die bis zu 15 Jahre in Eichenfässern aus Frankreich gelagert werden. Sogar die populistische Regierung Aristide wagte es nicht, das nationale Heiligtum anzutasten. Dies ist umso erstaunlicher, als Unternehmer – ob Schwarze, Weisse oder Mulatten – in Haiti prinzipiell angefeindet werden, nur weil sie zur verfemten Bourgeoisie gehören. Trotz unruhigen Zeiten in Haiti ist bisher kein Lastwagen mit gefüllten Barbancourt-Flaschen geplündert oder überfallen worden. Der Fahrer bezahle vielleicht als Wegzoll ein paar Flaschen Rum, sagt Eliacin. Damit lasse sich jeder Übeltäter beruhigen.
In der Erntezeit zwischen November und Juli verwandelt Barbancourt 30 000 Tonnen reifes Zuckerrohr in Alkohol; jährlich steigt die Produktion um zehn Prozent. Ein Drittel des Rohmaterials stammt aus den betriebseigenen Zuckerplantagen. Der Rest wird von einigen wenigen Plantagen klein- und mittelgrosser Produzenten zugekauft, wo die Nachkommen der Sklaven wie eh und je in mühseliger Handarbeit mit der Machete den widerborstigen meterlangen Stengeln zu Leibe rücken. Barbancourt gehört zu den wenigen Rum-Produzenten, die ihrer Destillerie auch heute noch frisches Zuckerrohr aus der Umgebung und nicht zugekaufte Zuckermelasse zuführen. Zu Recht tragen die mit Goldmedaillen von Industriemessen aus aller Welt geschmückten Flaschenetiketten denn auch den Zusatz «Hand Crafted Traditional White Rum». Ihre immergleiche Farbe erhalten die gelagerten Rum-Sorten dank Zugabe einer selber gewonnenen Caramelmasse. Für viele Haitianer auf dem Land und in den Elendsvierteln ist Barbancourt der Rum für besondere Anlässe. Alltagsgetränk ist und bleibt der billige Clairin, ein hochprozentiger Fusel, dem schon die Piraten leidenschaftlich zusprachen.
Rauchende Schlote
Im Gegensatz zu Haiti ist in der Dominikanischen Republik, dem einst spanischen Teil von Hispaniola, die Zuckerproduktion nicht bloss eine Erinnerung an vergangene Zeiten. Selbst dem eiligen Touristen, der sonnenhungrig auf der Autobahn ostwärts von Santo Domingo den All-inclusive-Resorts an den Stränden von Punta Cana entgegenhetzt, fallen die Hochkamine in der flachen Landschaft auf. Sie markieren die Standorte der modernen, industriell betriebenen Zuckermühlen. Sie werden in der Dominikanischen Republik – wie auch auf Kuba und Puerto Rico – «Ingenios» genannt. Steigt Rauch auf, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Zuckerernte im Gang ist. Dann sind die Zuckerfabriken Tag und Nacht in Betrieb.
Auch die Zuckerindustrie der Dominikanischen Republik ist in einer schweren Krise. Die USA haben die Einfuhrquoten gekürzt, der Preis auf dem Weltmarkt war in den letzten Jahren tief, und andere Länder, allen voran Brasilien, produzieren besser und billiger.
Beim Ingenio Angelina in der Nähe der Hafenstadt San Pedro de Macarís stehen inmitten endloser Zuckerrohrfelder nur noch der Kamin und ein baufälliges Fabrikgebäude. «Es tut einem weh zu sehen, wie viele Plantagen nicht ausgelastet sind, wie viele Hektaren Land brachliegen, wie viele Ingenios halb oder ganz bankrott sind», sagt Manuel Payero, der Verwalter der Zuckerplantage Angelina. Trotzdem wollen er und die Besitzer, die auch politisch einflussreiche Unternehmerfamilie Vicini, nicht aufgeben.
Noch werden die Felder von Angelina bewirtschaftet, wird Zuckerrohr meist von Hand, neuerdings auch mit Maschinen geerntet. Was nicht mehr rentiert, ist die Verarbeitung in der eigenen Mühle. Vor gut zwanzig Jahren wurde sie stillgelegt. Seither transportiert man das frisch geschlagene Zuckerrohr zu einer nahe gelegenen Fabrikanlage mit freier Kapazität. «Wir sind zu drastischen Umstellungen gezwungen, denn wenn wir die Produktivität nicht erhöhen, müssen wir dichtmachen», sagt Payero, der seit bald dreissig Jahren in der Zuckerindustrie arbeitet, davon zwanzig als Verwalter von Angelina. Schweren Herzens hat er vor fünf Jahren die Feldeisenbahn stillgelegt, die quer durch die Plantage führte und das Zuckerrohr einsammelte. Mit den neuen Trailern geht alles viel schneller, ist das Erntegut weniger lang der brütenden Hitze ausgesetzt, die den süssen Saft verdunsten lässt.
Im Kontor der Plantagenverwaltung, dort wo die Fäden des ganzen Betriebes zusammenlaufen, scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Mit seinem Haubendach aus rotem Zinkblech erinnert das einstöckige Holzgebäude an die Gründerjahre der dominikanischen Zuckerindustrie Ende des 19. Jahrhunderts. Anstelle einer Dachrinne zieht sich um das schlichte, im karibischen Kolonialstil errichtete Haus ein schmucker, feingezackter Fries. Doppelte Wände mit breiten, isolierenden Zwischenräumen und durchlässige Holzjalousien machen die tropische Hitze erträglicher.
In den hohen, mit einfachen Stukkaturen geschmückten Büroräumen arbeiten Ingenieure, Buchhalter und Sekretärinnen an abgewetzten Schreibtischen. Sepiafarbige Portraits der früheren Plantagenbesitzer schmücken die Wände, im fensterlosen Raum des Verwalters reihen sich auf einem Gestell die schwarzen Sammelbände mit den Dekreten aus der Zeit des Diktators Trujillo. 1917 hatte Felipe A. Vicini den Besitz erworben. Von 1922 bis 1924 diente ein Familienmitglied gar als Übergangspräsident der Republik. 1876 von einem Kubaner gegründet, ist Angelina die älteste industrielle Zuckermühle in der Dominikanischen Republik.
Rafael Belboda, ein hochgewachsener, stämmiger Afrokaribe, kennt die Plantage in- und auswendig. Seit zwanzig Jahren arbeitet er für die Familie Vicini auf Angelina. Seine Mutter stammt aus der niederländischen Antilleninsel Sint Maartin, sein Vater aus der ehemaligen englischen Kronkolonie Anguila. Damit ist er ein typischer Cocolo, Angehöriger einer ethnischen Minderheit, die von den Dominikanern noch bis weit ins 20. Jahrhundert diskriminiert wurde. Erst als junge Cocolos den dominikanischen Nationalsport, Baseball, erlernten und rasch zu Stars aufstiegen, wurden sie gesellschaftlich anerkannt.
Als Mayordomo, als Aufseher, ist Rafael für die Feldarbeit zuständig. Plötzlich taucht er hoch zu Ross bei einer Gruppe von schweissüberströmten Piqueros, den Zuckerrohrschneidern, auf und gibt seine Anweisungen. Ein andermal sieht man den Reiter mit der verwegenen Baseballmütze neben den schweren, von Ochsen gezogenen Karren zum Verwaltungsgebäude traben.
Nach Arbeitsschluss macht Rafael seine Freundschaftsrunde in einem der Bateyes, der Siedlungen für die Saisonarbeiter. Ein paar Dutzend junge Haitianer vergnügen sich mit den Vorbereitungen für einen Hahnenkampf, Frauen kochen im Freien, ein Händler, ebenfalls ein Haitianer, bietet auf einem Motorrad allerlei Waren zum Kauf an. Umgangssprache ist das Kreolische, des Spanischen bedient man sich nur, wenn man mit den Dominikanern zu tun hat. Die Hälfte der Feldarbeiter sind Congos, das heisst, sie schlagen zum ersten Mal Zuckerrohr in der Dominikanischen Republik.
Die aus Zementblöcken gebauten, von der Plantagenverwaltung zur Verfügung gestellten Unterkünfte sind spartanisch, und das Leben ist einfach, so wie es die Haitianer aus den Dörfern ihrer Heimat gewohnt sind. Hierher hat es sie verschlagen, weil sie zu Hause keine Arbeit finden. Fast alle haben sie die grüne Grenze im Bergland zwischen den beiden Ländern illegal überquert. Für den Staat sind sie unerwünschte Illegale, für die Plantagenbesitzer unentbehrliche Arbeitskräfte. Um ihren unsicheren Status zu regulieren, stellt man ihnen auf Angelina einen betriebseigenen Personalausweis aus, der sie vor Übergriffen der Polizei einigermassen schützen soll.
Derzeit sind erst 380 Tagelöhner angestellt. Aufseher und Verwalter möchten mehr Männer, mindestens 600, damit sie alle bestellten Felder abernten können. Doch mit der Rekrutierung hapert es. An der Grenze zu Haiti führt die dominikanische Armee einmal mehr Razzien gegen illegale Einwanderer durch. Gleichzeitig absorbieren andere Industriezweige, allen voran das Baugewerbe, immer mehr ungelernte haitianische Arbeiter und offerieren bessere Löhne.
Dazu kommt: Zuckerrohrschneiden ist Schwerarbeit. Ein Arbeiter erntet pro Woche im Durchschnitt zehn Tonnen Rohr und kommt auf einen Taglohn von fünf Dollar. Auf dem Bau in der Hauptstadt Santo Domingo würde er vielleicht sieben Dollar verdienen. Um die Landarbeiter während der ganzen Saison an die Plantage zu binden, wird ihnen am Ende der Ernte ein Bonus von 2,5 Prozent des verdienten Salärs in Aussicht gestellt. Verdingen sie sich nächstes Jahr wieder auf der gleichen Plantage, erhalten sie nochmals eine gleich hohe Vergütung ausbezahlt.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts waren immer weniger Dominikaner bereit, die Schinderei im Zuckerrohr auf sich zu nehmen. Auf Druck der Plantagenbesitzer mussten die Regierungen Gastarbeiterkontingente bewilligen. Am liebs ten wären der dominikanischen Elite, die stolz auf ihre spanische Abstammung ist, weisse Einwanderer als Plantagenarbeiter gewesen. Weil diese kaum zu finden waren, holte man Afrokariben von den benachbarten Antilleninseln. Als auch dieses Arbeitskräftereservoir austrocknete, weil man keine attraktiven Löhne bezahlte, liess man nolens volens immer mehr Haitianer ins Land.
Traumatisches Massaker
In der Dominikanischen Republik sind die haitianischen Einwanderer, ob legale Saisonniers oder Sans-papiers, allerdings bis auf den heutigen Tag nicht willkommen. Inzwischen machen sie mehr als zehn Prozent der Bevölkerung aus, und Fremdenfeindlichkeit ist an der Tagesordnung. Die Dominikaner können nicht vergessen, dass Haiti ihr Land von 1822 bis 1844 annektiert hatte. Tief sitzt das Misstrauen gegen die schwarzen Eindringlinge in der geschundenen Volksseele, Schreckensgeschichten über Vergewaltigungen und Raub der haitianischen Invasoren werden über Generationen weitergegeben.
Die Haitianer ihrerseits trauen den Dominikanern nicht über den Weg. Sie tragen schwer am kollektiven Trauma des Massakers von 1937. Damals ordnete der Diktator Trujillo, selbst ein Mulatte, an, alle Haitianer auf dominikanischem Hoheitsgebiet zu verfolgen und zu beseitigen. Das grausame Gemetzel, dem innert weniger Tage mindestens 18 000 schwarze Haitianer zum Opfer fielen, trägt aus heutiger Sicht die Züge eines Genozids.
«Ekelhaft ist die Arbeit auf der Zuckerplantage, ja abscheulich. Nicht jeder will da arbeiten, aber wenn du arm bist, bleibt dir nichts anderes übrig. Die Besitzer der Zuckermühlen verdienen ihr gutes Geld damit. Viele von uns versuchen, anderswo eine Beschäftigung zu bekommen, denn vom Zucker kannst du nicht leben, nicht einmal für ein paar Hosen reicht es.» Das gab ein älterer Zuckerrohrarbeiter aus Haiti in einem dominikanischen Batey einer Ethnologin zu Protokoll.
In seinem Buch «Sucre amer» stellte 1981 der französische Journalist Maurice Lemoine die skandalösen Arbeitsbedingungen auf den Zuckerplantagen dar und verursachte damit Schlagzeilen in der Weltpresse. Die Internationale Arbeitsorganisation sandte eine Untersuchungskommission nach Santo Domingo und bestätigte den Befund: hier sei eine neue Art der Sklaverei entstanden.
Betroffen waren ausgerechnet Haitianer, die Nachfahren jener stolzen Afrokariben, die als erste die Zuckerplantagen der verhassten französischen Sklavenhalter eingeäschert hatten.
Richard Bauer ist Zentralamerika-Korrespondent der NZZ. Er lebt in Mexiko.