NZZ Folio 08/98 - Thema: Grossbauten   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Ursulas Schrebergarten

© Christian Känzig
Ursula Fischer war bis zu ihrer Pensionierung in der Altersarbeit tätig. Sie wohnt in Fällanden und ist Pächterin eines Schrebergartens auf einem nahegelegenen Areal. Linktext
Von Lilli Binzegger

«DIE WEGE waren schon da, als ich vor ungefähr 15 Jahren diesen Garten übernahm, der Rasen auch. Sonst habe ich fast alles verändert. Als erstes zur Strasse hin Hecken gepflanzt, die mich vor den Blicken und vor dem Nordwind schützen. Dann habe ich mir nach und nach die Wünsche erfüllt, die sich in der gartenlosen Zeit aufgestaut hatten. Während meiner Ehe hatten wir einen grossen Garten ums Haus, den ich nach der Scheidung verlor. Eine Angestellte von uns hatte damals diesen Schrebergarten gepachtet. Sie sagte immer: Ursula, nimm dir doch auch einen, was nützt dir dieses Leiden. Damals fand ich noch: ein Schrebergarten? Ach nein. Das war doch nicht meine Welt. Und dann schenkte mir jene Mitarbeiterin von ihrem Schrebergarten drei Beete, und ich brach vor Freude fast in Tränen aus. Als ihre Familie wegzog, übernahm ich ihn ganz.

Ich war anfangs ziemlich grün angehaucht, hatte die Absicht, rein biologisch zu gärtnern, und wollte nur einheimische Pflanzen. Die sind auch schön, sagte ich mir. Sie hätten aber dann das Seifenkraut sehen sollen! Das wucherte fürchterlich, das wurde ich fast nicht mehr los. Ich fand aber dennoch alles ganz nett, bis ich merkte, dass mir halt dieses und jenes auch gefiel, und ich mich in Klematis und Rosen verliebte. Aber: Rosen, ganz ohne zu spritzen? Ich beschloss: Wir leben doch im 20. Jahrhundert, und nicht alles, was wir erfunden haben, ist schlecht! Wo nötig, gebe ich jetzt eben auch einen Schprutz Chemie.

Wenn es schön ist, bin ich praktisch alle Tage einmal im Garten. Jetzt gerade ist es so trocken, dass man die Setzlinge giessen muss. Und wenn man schon einmal hier ist, dann sieht man noch dieses und jenes. Und dann ist vielleicht die Nachbarin hier. Und sagt: trinken wir eins? Sie ist Philippinin und hat zwei nette Kinder. Mit ihr spreche ich Englisch, was ich praktisch finde. Da kann ich üben. Zur anderen Seite sind Giuseppe und Maria. Wenn die mich weggehen sehen, rufen sie manchmal: Ursula, prendi un caffè! Einen Zwang zur Geselligkeit gibt es nicht. Dem könnte ich mich nie fügen.

Auf diesem Schrebergartenareal gibt es alle möglichen Leute. Manche haben einfach gern etwas Grünes, möchten sich aber nicht mit einem Haus mit Umschwung belasten. Anderen wieder ist die Selbstversorgung wichtig. Es sind viele Nationalitäten vertreten, es ist ein multikultureller Ort. Die Italiener, die haben ja zum Teil phantastisches Gemüse! Da kann ich einpacken.

Meine Abwesenheiten muss ich gut planen. Für dieses Jahr habe ich mit meiner Nichte für September eine Englandreise gebucht, zu den Gärten, aber nicht nur. Darum habe ich die Stangenbohnen extra spät gesteckt, nicht dass die dann gerade kommen. Vor zwei Jahren war ich im Juni weg, und als ich zurückkam, waren der Mohn und die Pfingstrosen verblüht! Das mache ich nie wieder. Das ist noch schlimmer, als wenn ich die Tomaten verpasse.

Für den Garten zahlt man dem Verein einen Pachtzins, ich bezahle für meine drei Aren zum Beispiel 190 Franken im Jahr. Für das Häuschen muss man selber besorgt sein. Manche machen daraus mit den Jahren kleine Villen, investieren eine Menge. Meines habe ich von den Vorgängern übernommen, da waren noch eine Eckbank und ein Klapptisch drin. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich im Winter sonntags herkomme, ein wenig Suppe mitnehme, den Ofen einheize und ein wenig im Hüttli sitze, und es rieche fein nach Holz. Das habe ich aber nicht so oft gemacht. Ich nahm die Bank dann heraus, damit es Platz für Gartengeräte und Düngersäcke und solche Dinge gab. Strom? Hat es nicht. Licht macht man mit Kerzen oder mit Petrol. Wenn man lang festet, wird es schon etwas prekär. Man glaubt gar nicht, wie dunkel es ausserhalb bewohnter Siedlungen sein kann. Übernachten darf man hier offiziell nicht. Und ich mache es auch nicht. Nicht weil ich so folgsam bin. Ich hätte Angst.

Ob es noch andere Auflagen gibt? O ja. Für die Häuschen, über ihre Grösse, über die Höhe der Pflanzen, den Abstand zum anderen Garten. Zweimal im Jahr kommen sie schauen und messen, und je nachdem bekommt man einen Brief mit der Bitte, etwas zu beseitigen oder zu kappen. Man ist aber recht grosszügig mit uns.

Ich komme das ganze Jahr über her. Sobald es ein wenig warm wird im Winter, hat man das Reissen. Könnte man nicht vielleicht schon etwas tun? Die Bäume schneiden? Etwas neu anlegen? Man sieht, wie die Knospen dick werden. Fürchtet: ach, das dort ist sicher erfroren. Und eine Woche später spriesst es dann doch. Der Garten ist auch verschneit sehr schön, und es gibt Januartage, die sind so warm, da kann man an der Wand vor dem Häuschen sitzen.

Den Quittenbaum und den Apfelbaum habe ich gepflanzt. Ich mag Äpfel und Quitten, aber noch lieber mag ich die Bäume wegen der Hängematte. Ich habe mir mein Leben lang eine Hängematte gewünscht, und nun musste ich siebzig werden, bis ich zu einer kam. Darin liegen, ein wenig schaukeln, ein wenig lesen oder auch nicht, einfach nur dasein. Ich habe auch ein Liegebett hier, aber wenn ich dort liege, sehe ich überall Arbeit. Die sehe ich von der Hängematte aus zwar auch, aber es ist ziemlich mühsam, aus einer Hängematte zu steigen. Das ist das Gute an ihr.

Es ist ein grosses Areal, 104 Gärten. Wer sich nicht auskennt, findet mich nicht. Manchmal bestelle ich mir eine Pizza, die lasse ich auf den Parkplatz des Friedhofs kommen. Der ist ganz in der Nähe. Unterdessen wissen sie es, aber am Anfang haben die gefragt: Eine Pizza auf den Friedhof? Wieso?»


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