Einem künftigen Historiker, der in drei- oder siebenhundert Jahren auf unser Jahrhundert so distanziert zurückblicken könnte wie wir auf das Zeitalter des Barock oder des Spätmittelalters - was würde ihm als ideengeschichtliche Signatur unserer Zeit ins Auge springen? Welches Grossereignis, welche Gesamttendenz, welche Tiefenströmung würde sich für den Blick des entfernten Beobachters so überdeutlich abheben, dass das Zeitalter insgesamt nach ihr benannt werden müsste? Selbst wenn es gelänge, diese Fragen ernst zu nehmen, sollte man doch aus mehreren Gründen mit der Antwort zögern.
Aus einem geschichtsphilosophischen Grund: denn wer gibt unserer Welt und ihren Geschichtsschreibern noch Chancen für drei oder sieben Jahrhunderte? Aus einem methodischen Grund: müssen wir nicht damit rechnen, dass das Entscheidende an unserer Zeit etwas sein könnte, was unserem Blick entgeht? Aus einem prophetologischen Grund: müsste nicht eine korrekte Selbstdiagnose unserer Epoche wie eine self destroying prophecy wirken, so dass sie nur so lange wahr sein könnte, wie sie im Verborgenen bliebe?
Ich möchte ohne Rücksicht auf diese Bedenken an eine der grossen Selbstdeutungen unserer Zeit erinnern, deren diagnostische Kraft auch auf lange Sicht vom Wandel der Verhältnisse wenig zu fürchten hat. Dass die Moderne ein «Zeitalter der Neutralisierungen» sei: unter allen Diagnosen des gegenwärtigen Zeitalters kommt diesem Satz eine besondere Stellung zu - einem Satz, den Carl Schmitt in seiner Eigenschaft als Katholik, als Staatsrechtler, als Politologe und als «deutscher Mann» vor mehr als einem halben Jahrhundert formulierte. Schmitt war auf Grund seiner psychischen Struktur in besonderem Mass dazu prädisponiert, an unserem Zeitalter die Züge wahrzunehmen, in denen sich der Untergang einer älteren hochkulturellen Lebensform mitsamt den ihr zugehörigen Charakterfiguren ankündigte: den Zug zur Entpolarisierung, zur Vermischung, zur Zweideutigkeit; den Zug zur Entspannung, zur Vermittlung, zur Entscheidungslosigkeit; den Zug zu den paradoxen Bedürfnissen, zur Ermächtigung indirekter Gewalten und zur Effeminierung der Kultur.
Der dämonische Neutralismus der Neuzeit ist für Schmitt mehr als nur ein Aspekt des «Untergangs des Abendlandes»; er ist zugleich ein Stück negative Heilsgeschichte, Fortschritt im Bewusstsein der Abwendung von der christlich-europäischen Ordnungswelt. Mit ihm kommt der männliche Weltstil schlechthin ans Ende; die Scharfkantigkeit der Gegensätze von Gut und Böse, von Freund und Feind, von Recht und Unrecht, von Mann und Frau, von Oben und Unten, von Innen und Aussen - das alles löst sich auf in «Übergänge», in Kompromisse, in gemischte Formen.
Führung und Verführung lassen sich immer weniger unterscheiden. Ein politischer und moralischer Hermaphroditismus nimmt überhand. Tendenziell werden alle zu grossen Kindern; keiner weiss mehr, wie es war, als es noch um etwas ging. Was verworfen werden sollte, hat Anwälte, die plädieren, es positiv zu sehen. Neutralisierung setzt Positivierung des verworfenen Teils voraus; auf allen Feldern des Lebens kommt es zur Rehabilitierung der dunklen Hälften. Das ehemalige Böse bekommt Sitz und Stimme im Parlament, nichts ist schlecht, alles ist erlaubt, der neutralisierende Geist gibt sich lasziv, permissiv und kombinatorisch.
Aus der Sicht des Antimodernismus jedoch sind all diese grossen Neutralen, alle die neuen Naturalisten und Positivnehmer nichts anderes als Opfer einer gewaltigen Verführung; sie wiederholen die Sünde Adams auf dem Niveau der neuzeitlichen Machtfülle. Sie verhalten sich ohne Ausnahme so, als hätten sie sich mit Spinoza von der Vollkommenheit der Natur überzeugt, die nur die Selbstauswirkung ihrer Kräfte kennt, die Unschuld des Werdens, das Spiel der Energien, die sich ohne letzte Zwecke verausgaben. Wenn Adam einst den Entschluss fasste, von der verbotenen Frucht zu essen, so war er nach Spinoza kein Opfer von Verführung, sondern er ass, weil er wollte - und damit gut; was hätte daran falsch sein können? Selbst wenn ein Verbot dem Biss in den Apfel entgegengestanden hätte - wer dürfte es sich herausnehmen, den Willen, den Appetit, den Vektor der Natur in Adam hemmen zu wollen? Ist Adam aber kein Verführter, sondern vielmehr eine handelnde Natur, so beging er nichts Böses, als er tat, was er im Einklang mit der wollenden Natur in ihm tun wollte. Eva ist dann auch keine Verführerin und die Schlange kein Dämon; beide spiegeln nur Adams eigene Tendenz, seine Macht, die identisch ist mit seiner Tugend. So ist Spinozas Adam der erste moderne Mensch, der Erstgeborene einer nachjudäochristlichen Unschuld des Werdens. Aus konservativer Sicht bleibt dieser modernisierte Adam jedoch - gerade als schuldunfähige Natur - der Verführte schlechthin, und Spinoza ist sein Teufel.
Wer nicht zum Bösen verführt wurde, sondern «von selbst» tut, was er will, ist das am meisten verführte Wesen - ein Opfer des Amoralismus des Willens zum Eigenwillen.
Damit bricht der schärfste mögliche Konflikt der Modernität auf: Er entflammt sich in seinem Streit um die Verführbarkeit des Menschen. Ist der Mensch, wenn er tut, was er selbst will, eben dadurch ein zum Eigenwillen, zum Ego-Satanismus Verführter? Ist es die Probe auf die Freiheit des Menschen, dass er unterlässt, wozu sein von äusseren Einflüsterern verstärkter Eigenwille ihn verführt? Oder heisst freier Wille den Appetiten der Natur in mir gegen alle Widerstände recht geben? In der Tiefe des Willens- und Freiheitsproblems haben die Theologen vor zwei Jahrtausenden einen Zeitzünder eingebaut; die Lehre vom Ich, so sagen sie, ist nur als Dämonologie möglich; Theorie der Freiheit ist nur als Theorie des Widerstands gegen Verführung denkbar; wo wir am meisten wir selbst zu sein scheinen, dort könnten wir die am rettungslosesten Verführten sein. Wäre es möglich, dass diese Mine erst heute hochgeht?
Wie fast alle Motive der europäischen Überlieferung gibt es auch das der Verführung doppelt: Die eine Version entstammt den griechischen, die andere den jüdischen Quellen. Weil Verführung seit je als Verführung zum Übel verstanden wurde, muss sich der Gegensatz von Athen und Jerusalem in der Auffassung des Übels notwendigerweise auch widerspiegeln in der Deutung der Verführung zu ihm. Nun ist in einer griechisch ausgelegten Welt wenig Platz für ein eigenmächtiges Böses; denn der Kosmos ist die Fülle des Guten, selbst Philosophie ist nur sinnvoll als Fortsetzung des kosmischen Staunens mit anderen Mitteln. Das Zauberwort Kosmos benennt die griechische Grunderfahrung, sich aufzuhalten im Gelungenen, Geschmückten, Glänzenden. Das Glänzendste sind die Sterne mit ihrem gottähnlichen Kreisen auf in sich selbst zurücklaufenden Bahnen; das Allerglänzendste jedoch, über ihnen, bleiben die Ideen, die dem menschlichen Geist einleuchten, sobald die Erinnerung an sie geweckt wird. Ein substantiell Böses hat in einer solchen Weltauffassung keinen Platz - Böses bedeutet ja nur Mangel an Sein, einen Entzug von Güte. Verführung kann dementsprechend kein grosses Thema des griechischen Denkens werden - wenn Griechen verführerisch auftreten, dann psychagogisch, im Sinn der Hinführung zum Guten, zur Ideenwelt, allenfalls in päderastischer Funktion. Verführung bleibt hier stets Hinaufführung, Weglockung von der sinnlichen Benommenheit zum höherrangigen Wesen.
Wo sich bei Griechen ein Vorschein von negativer Verführung meldet, kommen ontologische Sorgen ins Spiel. Platos Kritik der Malerei im 10. Buch der «Politeia» geht davon aus, dass im gemalten Bild nur ein Abbild des Abbildes des Urbildes vorliege - ein scheinbar urbildfernes Etwas mit stark ausgedünntem Seinsbezug, das sich dem puren Nichtsein als dem Schlechtesten nähert. Verführung durch Schein bedeutet in der griechischen Perspektive Verführung zum Nichts, zur Formlosigkeit, zu dem Chaos, in dem nichts ist, was am Sein der Formen Anteil hat. Gemeint ist hier eine Art von ontologischer Täuschung, die etwas als seiend und anwesend behauptet, wo in «Wahrheit» nichts ist - nichts «dahinter» oder vielmehr (weil wesenhaftes Sein oben ist) nichts «darüber».
Auf der Linie des griechischen Vorurteils zugunsten des Seins bewegt sich bis heute jene Form von Nihilismuskritik, die den typischen Gebilden der modernen Welt vorwirft, es sei an ihnen substantiell nichts, weil sie nicht gedeckt seien durch Urbilder vom Anfang her. Dies soll insbesondere die modernen «Kinder des Nichts» treffen, die technischen Erfindungen, die weder durch geschaffene noch ungeschaffene Vorbilder vorbereitet waren, weder durch die Natur noch durch göttliche Stiftung.
In diesem Sinn ist eine gewisse bis heute virulente Technikkritik und Simulationskritik immer auch eine Kritik der Verführung; sie erhebt offen oder verdeckt einen platonisierenden Einspruch gegen das Neue, das Nichtige, das Urbildlose, das Simulierte, das Herbeigezauberte, das Überflüssige, das gleichsam Seinsverlassene, das, ohne einen Grund im Wesentlichen vorweisen zu können, sich ins Dasein eingeschlichen hat, um die Menschen in seine eigene Wesenlosigkeit zu verlocken.
Wo die Doktrinen vom Sein griechischen Stils weiterhin vorherrschen, vorab in der katholischen Welt, dort gelten die Protagonisten der Modernisierung, die Ingenieure und Medienmacher, als die eigentlichen Verführer der Menschheit; sie leisten Führungsarbeit auf dem Weg ins Nichts, bei der Zerstörung der Schöpfung und beim Umbau des Menschen zum Nicht-Ebenbild Gottes. Aber wie dramatisch solche Formeln auch klingen mögen: sie bleiben ihrem griechischen Ursprung darin treu, dass sie dem Übel, dem Schein, dem Trugbild keine Eigenständigkeit zusprechen, sondern es nur als Abwesenheit des Guten, des Wahren, des Eigentlichen bestimmen. Daher müsste, so aufgefasst, der verführerische Spuk im Licht der Wesenserkenntnis von selbst vergehen.
Ganz anders die jüdische These. Ihr zufolge ist das Böse und was zu ihm führt kein Nihil, sondern eine massive Substanz, ein entschiedenes Etwas, vielmehr ein Jemand, ein Willenszentrum von hoher Ambition und weitreichender Entschlossenheit. Das Böse ist der Böse. Ergibt Verführungskritik griechischen Stils in ihrer modernen Konsequenz Nihilismuskritik, so führt dieselbe auf dem Boden jüdisch-christlichen Denkens zur Dämonologie, spezifischer zur Satanologie, welche luziferische und mephistophelische Effekte einschliesst. Dies ist die Matrix, aus der alle Verkörperungen und Personifikationen des Bösen in den letzten zwei Jahrtausenden schöpfen. Verführung steigt in dem Mass zum moralischen Weltproblem auf, in dem der Rivale des guten Schöpfers, der Widersacher, der Geist, der stets verneint, alle bösen Kompetenzen in sich akkumuliert. Anfangs ist der Böse noch wenig attraktiv, denn er «geht um wie ein brüllender Löwe, suchend, wen er verschlinge». Schon im Volksbuch vom «Faust» hat der Teufel hinzugelernt: er ist der universelle Zuhälter, der dem süchtigen Gelehrten die Buhlerinnen zuführt. Bei Milton ist Satan melancholisch und tief geworden wie eine schöne Seele, und in Goethes «Faust» müssen die Hexen zweimal hinsehen, um zu begreifen, dass der zivilisierte Herr da ihr Herr und Meister ist. In gewisser Weise ist die abendländische Geistesgeschichte die Geschichte der Beseelung und Vermenschlichung des Teuflischen, man könnte auch sagen der Psychologisierung des Bösen, die die Verführung von Schuld befreit.
Soviel ist klar: Wo das Böse so völlig personalisiert wird, dort muss seine Allgegenwart, die bis ins Innere reicht, nicht überraschen. Man hat sich zuwenig Gedanken gemacht über die Frage, warum Jesus im Vaterunser sagt: «. . . und führe uns nicht in Versuchung», als traue er dem Vater zu, als Führer in die Versuchung in Erscheinung zu treten. Der Versucher aber ist der Antivater - des Schöpfers schwarze Seite. Die Kehrseite Gottes zeigt sich nicht in seiner Abwesenheit, sondern in der Unverantwortlichkeit der Allmacht; diese ist es, die sich im Satan verkörpert, sofern dieser das Prinzip des Unwillens zur Vaterschaft in Reinheit darstellt. Als solcher wird er zum totalen Verführer, zum Demolierer der Schöpfung, zum ungütigen, narzisstischen Seelenjäger, zum Amüseur und Drogenhändler im Absoluten - dies alles zusammen mit Eva, der Frau, seinem Werkzeug, das ihm durch Sinnlichkeit, Verspieltheit, Verantwortungslosigkeit kongenial ist.
Der Pakt zwischen Weib und Teufel gegen die Welt des vaterförmigen Gottes brauchte nicht erst geschlossen zu werden - hier galt die prästabilierte Harmonie der subversiven Kräfte. Doch geht der Teufel über die Frau hinaus, wie der Meister über sein Werkzeug, insofern als sie nur für die Präliminarien verwendbar ist. In der dreistufigen Leiter der Korruption: Versuchung - Verführung - Verkehrung hat die Frau nur auf der ersten Sprosse Arbeit; sie spielt ihre Rolle beim Gefälligmachen des Bösen; sie führt in die Grauzone. Der zweite Schritt, die eigentliche Verführung, der Fehltritt ins Böse wird bereits vom aufgereizten Eigenwillen des Subjekts getan: Verführen heisst hier nur eine im Verführten schlummernde Bereitschaft zur Ordnungsverletzung wecken; im Grunde ist alle Verführung Selbstverführung. Der dritte Schritt führt auf die Höhe der bekennenden Bosheit; hier erhebt sich der Stolz in der Verworfenheit, das perverse Bewusstsein der dämonischen Melancholie, die ihre Gottebenbildlichkeit in der Verzweiflung geniesst. Von Augustinus bis Schelling und Dostojewski gründet die christliche Anthropologie in einer Metaphysik der Perversion. Diese Lehren versuchen den Menschen so zu beschreiben, dass aus dem Verführerischen unmittelbar das Abstossende wird: Im Herzen des Genusses sitzt die Verzweiflung über die Entfernung vom Zentrum des Guten. Gegen diese Doktrinen der bleichen Verführer hat Nietzsche radikal Protest erhoben. Er versuchte den Nachweis zu führen, dass die christliche Moral selbst der schlimmsten aller Verführungen zum Erfolg verholfen hat: der zur Absage an das Leben.
Doch angenommen, die christliche Anthropologie wäre im Recht gewesen - was wird aus den grossen Verkehrungen nach dem Tode Gottes? Was geschieht mit den Abwendungen des Willens von der Norm nach dem Zusammenbruch der Norm? Muss nicht mit dem Schöpfer auch der Widersacher verschwinden? Werden wir alle zu mediokren Unterteufeln, wenn nichts wahr und alles erlaubt ist?
Das Zeitalter der Neutralisierung hat uns hierin, gegen Carl Schmitt, eines Besseren belehrt. Tatsächlich ist alle Welt verführerisch geworden, doch nicht in einem moralischen, sondern in einem konstruktivistischen Sinn.
Wir alle sind Versucher - Essayisten. Was aber das Böse angeht, so stehen im Kern der Verführung zu ihm - wie sich nach der Reduktion der Metaphysik auf Psychologie gezeigt hat - die ungelösten Rätsel des Begehrens. Wir müssen von Verführung reden, um die Lage des Subjekts im Kraftfeld von Sucht und Sehnsucht besser zu verstehen. Wer regt sich noch auf über das kleine Geflunker, die Verführungen des Alltags, die eingespielten Lustgeschäfte? Ernst und schwer bleibt nur der Suchtverdacht gegen den Zivilisationsprozess überhaupt, sofern er uns eingesponnen hat in seinem Entlastungs- und Verwöhnungsschwindel. Alle Kritik am Verführerischen hat ihr Wahrheitsmoment in der Suchtkritik. Die stützt sich auf die These, dass Selbstzerstörung durch Genuss die Grundform von allem darstellt, was «im Irrtum sein» bedeutet.
Wer könnte leugnen, dass die Frage nach der Verführung, so verstanden, unsere Lebensformen im ganzen auf die Wahrheitsprobe stellt?
Peter Sloterdijk ist Philosoph und lebt in München und Südfrankreich.