NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter   Inhaltsverzeichnis

Sportmärchen -- Der Fuchs und das Pferd

© Markus Roost
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Von Richard Reich
Ein reicher Bauer hatte ein Pferd, das tat ihm gute Dienste. Die Stute, Penelope mit Namen, war der Rasse nach ein schweres Warmblut, zu ihren Stammvätern gehörte das englische Vollblut Agamemnon, anno 1899 Sieger im Hindernisrennen von Hoppegarten. Penelope jedoch wusste nichts vom Sport, kannte weder ­Wassergraben noch Oxer. Sie war kein Rennpferd, sondern bloss ein bäurischer ­Trotter, etwas melancholisch, aber zuverlässig, zugwillig bis zur Erschöpfung. ­Ohnedies hätte sie jedem Pokal den ­Haferkübel vorgezogen, den ihr der Bauer am Feierabend vor die Vorderhufe stellte.

Indes wurde Penelope auch nicht jünger. Die schwere Arbeit in Feld und Wald ging ihr in die Hüfte, ihr Schritt wurde fassbeinig, bald musste sie zwei-, dreimal anziehen, bis sich die gefällten Bäume rührten. So sprach der Bauer eines Abends: «Brauchen kann ich dich freilich nicht mehr, doch ich will nicht undankbar sein. Gelingt es dir, über den Löschteich zu springen, wirst du dein Gnadenbrot erhalten.» Bei sich aber dachte er: «Soll die alte Mähre darin ersaufen!»

Traurig trottete Penelope fort vom Hof und dem Walde zu, um Schutz vor Nacht und Wetter zu suchen. Da begegnete ihr der Fuchs und sprach: «Was lässt du deine Mähne hängen?» – «Ach», antwortete Penelope, «Geist und Treue wohnen nicht in einem reichen Haus! Weil ich nicht mehr ackern kann, hat mich mein Herr fortgejagt.» – «Ohne allen Trost?» fragte der Fuchs. «Der Trost war schlecht», seufzte das Pferd, «er hat gesagt, wenn ich noch stark genug wäre, über den Löschteich zu springen, wollt er mich behalten. Dabei weiss er wohl, dass ich das nicht vermag.» Da sprach der Fuchs: «Lass mich auf deinen Rücken steigen. Wenn wir ordentlich üben, werden wir den Sprung schon schaffen, noch bevor der alte Geizhals sein Heu einbringt!»

Mit einem Satz sprang Gevatter Reineke auf Penelopes breiten Rücken und nahm dort wie ein Herrenreiter Platz. «Hü, Pferdchen, hü!» befahl er, «unweit von hier steht ein Arbeiterhäuschen mit einem kleinen Garten. So ein Zäunchen wirst du wohl schaffen?!» Und siehe da, als die beiden bei dem Zaun ankamen, tat Penelope einen mutigen Sprung, und schon standen sie im Garten. «Sehr brav!» lobte der Fuchs. «Zur Belohnung wollen wir die Erdbeeren kosten.» Damit machte er sich über die süssen Früchte her. Penelope knabberte derweil verschämt an einem Rhabarber.

Nun wischte sich der Rotpelz mit einem Kerbel vornehm die Schnauze und sprach: «Dies, meine Liebe, war zum Aufwärmen. Nun wollen wir ein richtiges Hindernis probieren!» Er trieb Penelope zum Mühlbach – und hopp! schon standen sie im Hof des Müllers, wo Berge ­frischen Hafers lagerten. «Wohl be­komms!» rief Reineke fröhlich, machte sich selber aber lieber über die Pfannkuchen her, welche die Müllerin zum Auskühlen aufs Fensterbrett gestellt hatte. Als beide satt waren, gingen sie weiter.

Als es Abend wurde, kamen sie zum Hof von Penelopes altem Brotherrn. «Jetzt gilts!» flüsterte der Fuchs der guten Stute ins Ohr – und allez hopp! schon standen Reiter und Pferd mitten im Hühnerhof. «Bravo, mein Ackergäulchen!» rief der Fuchs und machte sich flugs über die herumflatternden Hennen her; zum Nachtisch verspeiste er den zur Unzeit krähenden Gockel. Dies hörte der Bauer und holte die Schrotflinte aus dem Kleiderschrank. Allein, noch bevor der Alte angelegt hatte, waren Ross und Reiter in der Dunkelheit verschwunden.

«Tun wir nicht unrecht?» wieherte ­Penelope besorgt, als sie davonstoben. «Selbst ist das Tier, das wussten schon die Bremer Stadtmusikanten!» kläffte der Fuchs und steckte sich eine prächtige Schwanzfeder an den Hut. «Und sagt Gott, der Herr, nicht: Auge um Auge, Hahn um Hahn…?!» – «Aber was ist mit dem Löschteich?» fragte Penelope. «Vergiss dein Gnadenbrot, altes Mädchen!» bellte Reineke vergnügt, «wir fressen uns jetzt selber durch. Und zwar von hier bis China!»

PS: Neulich gewann der Springreiter Markus Fuchs auf seinem Pferd, dem Fuchs La Toya, den Grossen Preis am CSI von Zürich. Nächstes Ziel von Fuchs und Pferd ist womöglich der Olympiasieg in Peking.

Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.

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