NZZ Folio 04/92 - Thema: Drogenpolitik auf Irrwegen   Inhaltsverzeichnis

Postkarte -- Birmingham

Von David Lodge

Wenn Sie, geneigte Leser, dem Bauwerk auf diesem Bild, der Symphony Hall, vielleicht auch nichts abgewinnen können: den Bürgern von Birmingham bedeutet es viel, und das hat weniger mit seinem (zugegebenermassen eher unscheinbaren) architektonischen Äusseren zu tun als mit dem, was sich in seinem Inneren verbirgt - dem vielleicht schönsten modernen Konzertsaal Europas nämlich -, und mit dem Anspruch, für den es steht.

Birmingham hat sich nach aussen nie seiner eigentlichen Bedeutung entsprechend präsentiert. Die im 17. und 18. Jahrhundert durch ihre Büchsenmacherei und Messingverarbeitung bekannt gewordene kleine Marktstadt erlebte im 19. Jahrhundert dank der Dynamik der industriellen Revolution einen stürmischen Aufschwung. Der französische Historiker de Tocqueville zeigte sich 1837 beeindruckt von der kompromisslos kommerziellen und industriellen Prägung Birminghams: «Der ganze Ort besteht aus Strassen . . . Er ist eine einzige riesige Werkstatt, eine ungeheure Schmiede, eine gewaltige Fabrik. Man sieht nur geschäftige Menschen und russgeschwärzte Gesichter. Man hört nichts als das Stampfen der Hammerwerke und das Pfeifen von Dampf, der aus Kesseln entweicht.»

Trotz stetigem Wachstum - Birmingham ist jetzt die zweitgrösste Stadt Englands - und der Vereinnahmung umliegender Dörfer, die auch heute noch angenehme Vororte sind, blieb das Stadtzentrum klein und gesichtslos, es zeichnete sich weder durch Naturschönheiten noch durch Kulturdenkmäler aus, besass kein Schloss, keinen Fluss, keinen altehrwürdigen Dom, keinen Park.

Umfassende Bau- und Sanierungsmassnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg brachten keinerlei Verbesserung, sondern nahmen der Stadtmitte durch eine Ringschnellstrasse mit tosendem Verkehr die Luft zum Atmen und bescherten Birmingham billige, hässliche Bürohochhäuser, die allem Anschein nach ständig halb leer standen. Birmingham genoss bald den zweifelhaften Ruf, ein Inbegriff misslungener Stadtplanung zu sein, und diente dem Prinzen von Wales bei seiner Kampagne für eine neoklassische, auf menschliche Masse zurückgenommene Architektur als beliebte Zielscheibe der Kritik (das Bull-Ring-Einkaufszentrum bezeichnete er als «geplanten Unfall», die neue Bibliothek sah nach seinen Worten aus wie eine Stätte zum Verbrennen und nicht zum Bewahren von Büchern).

Die Brummies (wie die Bewohner von Birmingham umgangssprachlich heissen) reagierten auf all diese Anwürfe eher gelassen, denn ihr Lokalpatriotismus ist nicht sehr ausgeprägt. So hat man es mir, einem seit dreissig Jahren hier ansässigen Londoner, nie übelgenommen, dass ich gängige Vorurteile über Birmingham in etlichen Romanen, die in einer nur notdürftig als «Rummidge» getarnten Stadt spielen, literarisch ausgeschlachtet habe.

Vor sechs Jahren veröffentlichte die französische Zeitschrift «Point» eine per Computer ermittelte Beurteilung der «Lebensqualität» in fünfzig europäischen Städten mit über einer halben Million Einwohnern. Den ersten Platz belegte Stockholm; Birmingham stand - nur noch gefolgt von Istanbul - an 49. Stelle. Zwei Mitarbeiter der Zeitschrift flogen, um zu überprüfen, ob Birmingham wirklich so schlimm sei, von Paris ein, sahen sich kurz in der Stadtmitte um und fanden die Wertung voll bestätigt (ich weiss es, weil wir zusammen gegessen haben). Kämen sie heute wieder, wären sie wohl angenehm überrascht.

Vor einiger Zeit musste der Stadtrat feststellen, dass die in den achtziger Jahren um ein Drittel geschrumpfte industrielle Grundlage der Stadt - Maschinenbau und Metallbearbeitung - die örtliche Wirtschaft allein nicht mehr tragen würde, und begann, die Stadt zu einem Mittelpunkt für Handel, Gewerbe und Tourismus auszubauen, wobei auch entsprechende Angebote für Kultur und Freizeit vorgesehen wurden. Speerspitze und Paradestück dieser Bestrebungen ist ein grosses Kongresszentrum, das grösste auf den Britischen Inseln, mit voller Absicht direkt in der Innenstadt angesiedelt, das neben elf Tagungssälen verschiedenster Grösse auch einen neuen Konzertsaal mit 2000 Plätzen für das City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) beherbergt.

Musik ist von jeher Birminghams grösster künstlerischer Aktivposten. Das 1834 nach dem Muster des Parthenon errichtete Rathaus, in dem sich Mendelssohn, Dvorák, Sibelius und Elgar ihre Werke anhörten oder sie selbst dirigierten, ist das eindrucksvollste Bauwerk der Stadt, die Akustik allerdings ist schlecht. Seit etlichen Jahren kann das CBSO unter der Leitung seines brillanten und charismatischen Dirigenten Simon Rattle aussergewöhnliche Erfolge im In- und Ausland verbuchen. Rattle ist trotz vielen verlockenden Angeboten Birmingham treu geblieben, und die Stadt war so klug, ihn mit dem Traum jedes Dirigenten zu belohnen, einem nach neusten technischen Erkenntnissen erbauten Konzertsaal.

Vor etwa einem Jahr wurde unter einhelligem Beifall von Musikern, Kritikern und Zuhörern die Symphony Hall eröffnet. Ihre äussere Form mag an einen Flughafenterminal erinnern, innen aber hat sie - wie die klassischen Konzertsäle in Wien und Amsterdam - die traditionelle «Schuhkarton»-Form, die auch nach Meinung moderner Akustikwissenschafter ideal zum Anhören von Musik ist. Sie verfügt über verschiedene verstellbare Wandflächen, Nachhallräume sowie einen riesigen akustischen Baldachin, der aussieht wie die fliegende Untertasse in «Close Encounters of the Third Kind» von unten, so dass man den Saal je nach Art der dargebotenen Musik «stimmen» kann. Musiker behaupten, dass sie ihre eigene Musik so hören können wie nie zuvor, und angesehene Orchester von ausserhalb stehen Schlange, um auch einmal diese Erfahrung zu machen.

Die neue Symphony Hall ist - vielleicht nicht architektonisch, wohl aber von der Funktion her - ein Bauwerk von Weltrang, vielleicht das einzige, das Birmingham besitzt. Der Bau hat dem Image und dem Selbstwertgefühl der Stadt kräftigen Auftrieb gegeben und zieht weitere Verbesserungen nach sich. Bisher besass Birmingham in der Stadtmitte keinen grossen öffentlichen Platz nach Art des Londoner Trafalgar Square oder der berühmten Plätze, Piazze oder Plazas auf dem Kontinent. Jetzt ist vor der Symphony Hall eine weiträumige offene Fläche, der Centenary Square, entstanden, hübsch gepflastert mit einem Muster wie ein Perserteppich.

Hierher kommen die Brummies am Wochenende, schlendern auf und ab, trinken einen Kaffee an der Bar des Repertory Theatre, erforschen das Kongresszentrum und die Treidelpfade des nahegelegenen Kanals - und werfen einen Blick in den neuen Konzertsaal, der auf Grund einer begrüssenswerten demokratischen Entscheidung zufällig vorbeikommenden Besuchern stets offensteht.

David Lodge lebt als Schriftsteller in Birmingham. Auf deutsch erschien zuletzt sein Roman «Saubere Arbeit» (Haffmans 1992).


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