NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Lianes Kunstwerk

© Christian Känzig
Liane Browar, letztes Jahr siebzig geworden, hat ihren Schöpferdrang an Objets trouvés und immer auch an ihren Wohnungen ausgelebt - auch an ihrer jetzigen in Zürich 6. Linktext
Von Lilli Binzegger

«HIER DRIN war früher ein violetter Spannteppich. Aber der war schon so abgenutzt, dass ich ihn herausriss. Mit dem Messer schnitt ich ihn in Streifen, damit er portioniert in den Abfallsack passte. Darunter musste ich dann erst den festgeklebten Waffelgummi abkratzen. Das gab riesig viel Staub. Kniend habe ich dann den Boden mit Kunstharzlack violett angemalt und von den Dämpfen eine Zahngeschichte bekommen.

Die Wände und die Gegenstände haben schon verschiedene Farben gehabt, ich male sie immer wieder neu an. Dabei mache ich das gar nicht gern, ich arbeite nicht gern. Und eigentlich besitze ich auch gar keine handwerklichen Fähigkeiten, ich habe nur eine feste Vorstellung, wie alles sein muss. Und dann fange ich einfach an. Mir fehlt meistens die Geduld, etwa vor dem Malen den Boden abzudecken. Und nachher habe ich jeweils viel mehr mit dem Putzen zu tun.

Ich lebe von einem absoluten Minimum an Geld, von der AHV mit Ergänzungsleistung. Das einzige, wofür ich Geld ausgebe, sind Farben. Die Möbel sind praktisch alle vom Brockenhaus oder aus der Abfuhrmulde, aus der ich schon Vorfenster holte, die ich je nach Bedarf mit Holz verlängerte, um sie als Gestellseitenwände zu gebrauchen oder dergleichen. Aus Cigarrenblechschachteln habe ich ein Regal für mein Nähzeug gebastelt. Die Porzellangriffe dazu fand ich in einem alten Werkzeuggeschäft auf dem Land. Manchmal ändere ich die Möbel auch wieder um. Letztes Jahr etwa sass ich eines Abends da und fand, das Büchergestell sei zu lang. Da habe ich die elektrische Säge geholt und das Gestell abgesägt. Bis Mitternacht war es gekürzt und neu angemalt, und ich war nudelfertig.

Ich sehe immer wieder etwas, was ich verändern muss. Von wo auch immer ich schaue, von jeder Ecke, von jedem Sitzplatz aus, alles muss in Harmonie sein. Wenn es das nicht ist, dann hole ich die Farbtöpfe und die Säge. Als nächstes kommt der Fernsehapparat dran, er nimmt mir zuviel Sicht, da muss unbedingt der Fuss gekürzt werden. Angemalt ist er schon, türkis. Vorher war er grau. So wie Fernseher eben sind.

Alte, verbrauchte Gegenstände wie zum Beispiel diese Büchse, aus der ich eine Lampe gemacht habe, schliesse ich ins Herz. Alles mache ich selber, auch das Elektrische. Wenn ich etwas am Hauptstrom mache, nehme ich vorher aber immer die Sicherungen heraus. Ich hatte noch nie einen Handwerker hier, ich würde auch gar keinen vermögen.

Es ist eine ganz, ganz billige Wohnung, sie hat kein Bad, und die Toilette ist einen halben Stock tiefer. Dafür kann ich hier schalten und walten, wie ich will. Als ich einzog, waren hier alles Wohnungen. Jetzt wohne ich als einzige hier, unten sind Büros. Unter mir eine Internetfirma und im Parterre eine Konzertagentur, alles junge Leute. Wir haben auch mit der weiteren Nachbarschaft ein fast familiäres Verhältnis und sind alle per Du.

Hier, wo jetzt die Stube ist, war auch schon das Esszimmer. Jetzt ist das Esszimmer dort, wo früher das Schlafzimmer war. Im Esszimmer war ein Ofen, den ich nicht mehr brauchte, also habe ich ihn herausgenommen, um Platz für ein Büchergestell zu schaffen. Das Ofenrohr liess ich stehen, weil es mir gefiel. Die Fenstersimse habe ich auch verbreitert, damit man darauf mehr abstellen kann. Der Boden ist dort im Augenblick grün.

Als ich vor zwanzig Jahren hierher zog, sagte ich: Liane, jetzt bist du ins Stöckli gezogen. Jetzt bist du ab von der Welt, nicht mehr am Puls des Lebens. Zuvor hatte ich in der Altstadt gewohnt, das war eine sehr intensive Zeit. Damals traf man mich oft in der Beiz, in den siebziger Jahren vor allem im >Eckstein>, früher im >Odeon> oder im >Select>. Das waren meine Stuben, das war meine Universität. Da konnte man den ganzen Tag zu Hause gearbeitet haben, konnte traurig sein, dann ging man schnell in die Kneipe und kehrte aufgeräumt wieder nach Hause zurück.

Damals wohnten hier in der Gegend nur alte Leute, die mich blöd anguckten. Einmal sagten zwei, als sie mich mit meinen bunten Kleidern und den vielen roten Haaren sahen, zueinander: Ach, ja, Putzfäden wollten wir ja auch noch kaufen. Jetzt hat sich das völlig verändert. Es gibt viele junge Leute, und alle mögen sie mich. Die Häuser sind nicht mehr so verschlossen und die Menschen auch nicht.

Ich habe schon immer alles selber gemacht, auch als ich noch verheiratet war. Wenn mein Mann am Mittag nach Hause kam, war manchmal die Stube in einem anderen Zimmer und die Wände hatten eine andere Farbe, und er wusste nicht, wo er seinen Mittagsschlaf machen soll. Das hat ihn schon genervt, aber die Ehe ist nicht deswegen auseinander gegangen. Ich liess meine ganze schöpferische Phantasie an der Wohnung aus. Und an der Fasnacht. Als es den Künstlermaskenball noch gab, habe ich immer Preise geholt. Mit Masken, die mich nur ein paar Franken kosteten. Ich brauchte dazu nur ein paar alte Bettfedern, Büchsen, Rädchen, Glühbirnen oder alte Gebisse. Später kam ich auf die Idee, auf die gleiche Weise Figuren anzufertigen, die dann immer eigenständiger und zu eigentlichen Objekten wurden und die ich da und dort auch auszustellen begann. Der Erlös hat aber meist nur gerade für die Galeriespesen gereicht.

In letzter Zeit hat die Energie etwas nachgelassen. Ich bin sehr oft nur noch daheim, fühle mich aber sehr wohl in meinen vier Wänden. Eigentlich bin ich in meine Wohnung fast ein bisschen verliebt.»


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.