NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

Schlüsselsätze -- Zweifelhafter Kompromiss?

Von Iso Camartin
Der Satz klingt so überaus vernünftig, es könnte ihn Eckermann im Gespräch mit dem alten Goethe oder aber ein vorsichtiger biederer Schweizer aufgezeichnet haben. Einer jedenfalls, der sich durch einseitige Parteinahme vorzeitig nichts vergeben möchte. Doch was da in dieser Sowohl-Als-auch-Mentalität moralisch so abgefedert daherkommt, stammt aus der Bibel und befindet sich dort inmitten von Schmähungen und Flüchen: «Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr verzehntet die Minze, Till und Kümmel, und lasset dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben. Dies sollte man thun und jenes nicht lassen. Ihr verblendete Leiter, die ihr Mücken seiget und Kameele verschluckt!» (Mt. 23, 23–24)

Wie gelangt diese zahme Weisheit in einen so rabiaten Kontext eingerahmt von Verwünschungen, Küchenkräutern und ausgesiebten Insekten? Das Gesetz forderte, dass man den zehnten Teil vom «Saatertrag des Feldes und von den Früchten der Bäume» (Lev. 27,30) abliefere. Einer anderen Schriftstelle gemäss umfasste die Zehntpflicht «alles frische Obst, Most und Korn» (Num. 18,22). Den Schriftgelehrten, die die Aufgabe hatten, die Überlieferungen auf die Bedürfnisse des Tages hin auszulegen, schien das Gebot noch nicht konkret genug. Deshalb erweiterten sie die Zehntpflicht auch auf die Gewürzkräuter und lieferten offenbar peinlich genau den zehnten Teil selbst ihrer Minze, ihres Dills und ihres Kümmels ab. (Bei Lukas 11,42 ist von «Minze, Raute und allerlei Kohl» die Rede.)

Nicht dagegen trat nun Jesus auf, sondern dass diese Gelehrten die wichtigen Dinge am religiösen Gesetz vernachlässigten und mehr auf die Kleinigkeiten achteten. Was sie nicht befolgten, war die Pflicht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, Barmherzigkeit mit den Schwachen zu üben und in Treu und Glauben mit Gott und der Welt zu leben. Diese Pedanten filterten ihr Getränk durch ein Tuch, um durch ein unreines Insekt die Reinheitsgebote nicht zu verletzen, aber es machte ihnen nichts aus, «ein Kamel zu verschlucken», nach dem Gesetz ein ebenso unreines Tier. Gegen diese Verlogenheit und Verkehrung des Gesetzessinnes rief hier einer in ungestümer Weise aus.

Passten eigentlich zu diesem Jesus, der doch auch ein Eiferer war, die Entweder-oder-Sätze nicht viel besser? Wäre es nicht radikaler und konsequenter gewesen, wenn der Evangelist ihn hätte ausrufen lassen: «Zum Teufel mit euren Kräuterabgaben! Kommet zum Wesentlichen und vergesst diesen Kleinkram!» Warum denn – gerade hier – das eine und das andere?

Die Theologen haben sicher ihre Erklärungen, weshalb auch die Erfüllung der unwichtigen Gebote noch wichtig bleibt. Aber ein anderes ist hier entscheidender. Auch die Worte der Evangelisten sind durchsetzt von Sprüchen und Aussagen, die auf ältere Schichten und Traditionen zurückgehen. Dieser Evangeliensatz, wonach das eine zu tun, das andere aber nicht zu unterlassen sei, hat schon im Alten Testament seine deutlichen Spuren. Hat sich hier nicht etwas eingeschlichen, das aus einem ganz anderen Weltverständnis herkommt? Auf das dritte vorchristliche Jahrhundert geht die Sammlung von Weisheitssprüchen zurück, deren Kompilator sich als «der Prediger» bezeichnet. Dort heisst es:

 «Sei nicht allzu gerecht  
 und gehabe dich nicht übertrieben  
 weise!  
 Warum möchtest du dich zugrunde  
 richten?  
 Frevle nicht allzusehr  
 und sei kein Tor!  
 Warum möchtest du vorzeitig  
 sterben?  
 Es ist gut, dass du das eine festhältst,  
 aber auch vom anderen deine Hand  
 nicht lässt.» (Prd. 7, 16–18)  

Eine merkwürdige Lebensauffassung kommt uns hier entgegen. Dass wir es mit der Weisheit nicht übertreiben – dafür sorgt die weitverbreitete Neigung, bis zum Lebensende auf Dummheiten nicht verzichten zu können. Dass man es aber selbst mit der Gerechtigkeit besser nicht zu genau nehme, dies ist ein ziemlich tollkühner Ratschlag für einen biblischen Lehrer. Selbst zu «freveln» erlaubt er uns offenbar, nur eben nicht zu sehr, damit wir uns dabei nicht ins Unglück stürzen. Ein sonderbarer Moralapostel, dieser Prediger.

Und doch, wenn man es ein zweitesmal bedenkt: Er hat recht! Kommt denn das grosse Elend nicht am meisten davon, dass wir die Dinge auf die Spitze treiben müssen, dass wir die Welt mit unseren Forderungen beschädigen, dass wir Dinge tun, die uns wirklich vorzeitig ins Grab bringen? Wir geilen uns an dem auf, was wir für richtig halten, und unterschätzen die Qualität dessen, was wir verachten. Was wir also bitter nötig haben, ist eine Moral, die das Leben schont.
Eine skeptische, aber auch heiter unbeschwerte Lebensphilosophie tritt uns in dieser Fassung des Sowohl-Als-auch entgegen. Jetzt schimmert antikische Weisheit durch unsern Satz, die Weisheit des vielleicht nicht goldenen, aber doch menschengerechten Mittelwegs. Die Unnachgiebigkeit und die Härte des Neuen Testaments in bezug auf das Wichtige und das Unwichtige sind wie weggeblasen. Ja selbst der zweifelhafte Kompromiss, der sich im alltäglichen Verständnis als der eigentliche Bedeutungskern des Satzes präsentiert, ist glücklich zurückgedrängt.

Manchmal muss man auch in den heiligen Schriften nur weit genug zurückgehen, um in einem Ausspruch jene Varianten der guten Botschaft zu finden, die noch zum eigenen Lebensgefühl passt. Wir wollen keine Insekten seihen und keine Kamele schlucken. Und Toren wollen wir auch nicht sein. In einer Welt, in der man oft das eine nicht tun und das andere lassen möchte, kommt es vor allem darauf an, nichts zu strapazieren. Halten wir kurzfristig das eine fest, das wir gerade haben, und lassen wir das andere, das erst greifbar wird, nicht ganz aus den Augen. Oder wie es der Prediger meint: Lassen wir vom andern nicht ganz unsere Hand. Die leichte Hand freilich, jene, die halten und – wenn es zur Schonung beiträgt – ebensogut lassen kann.

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