NZZ Folio 05/03 - Thema: Vorsorge   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Guido Brivio, Magister elegantiarum

© Caspar Martig
Botschafter der Tessiner Winzer: Guido Brivio, Präsident von «Ticinowine».
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Von Peter Rüedi

WIE SOLLEN wir uns einen Haufen von Individualisten im Gleichschritt vorstellen, Gross- und Kleinproduzenten, Genossenschaften und Selbstkelterer, Bewirtschafter von eigenen Reben und solche, die ihr Traubengut kaufen, Weinmacher aus dem Sopraceneri und dem Sottoceneri? Nicht weniger versucht «Ticinowine»: einen gemeinsamen Auftritt von 170 Tessiner Weinproduzenten.

Guido Brivio, 38, ist Präsident von Ticinowine und repräsentiert beide Komponenten des Wort-Hybriden, Ticino und Wine, gewissermassen die Spannweite zwischen seinen kleinen, in den Fuss des Monte Generoso gehauenen Kellern, den traditionellen Cantine an der Via Vignoo, und den zehn besten Restaurants von New York, auf deren Weinkarten er stolz seine Weine aufgeführt weiss.

In der Tessiner Weinszene ist der urbane Weltmann ein Parvenu. Die önologische Ausbildung in Bordeaux musste dem jungen Mann erst mit sanftem Nachdruck seine Mutter nahelegen. Sie, eine geborene Botta, hatte mit seinem Onkel Alfredo während Jahrzehnten Cynar produziert. Grossmütterlicherseits hiess ein Teil der Vorfahren Branca. Die hatten neben ihren Geschäften an der Mailänder Börse auch schon mit Wein gehandelt und am Anfang des vorletzten Jahrhunderts zwischen Melide und Morcote die legendäre Villa Branca gebaut. Sie ziert heute die von weitem nicht zufällig an Château Lafite erinnernde Etikette von Brivios prestigiösem Merlot «Riflessi d’Epoca». Vor solchem familiären Hintergrund ist er wiederum das Gegenteil eines Parvenus, der Name des Weins ist eine Verneigung vor den Ahnen.

1989 kaufte Guido Brivio den Betrieb der Fratelli Valli in Stabio und verwandelte ihn mit Drive und Hartnäckigkeit in seinen eigenen (seit 1994 heisst er I vini di Guido Brivio SA). Dass er nicht aus einer Familie von Tessiner Weinbauern kam, machte ihm den Anfang gleichzeitig schwer und leicht. Schwer, weil dem Lebensstil des insubrischen Elégant seine Vorstellung von Weinen entsprach, nämlich die in Bordeaux gewonnene, und beides ihm als Arroganz ausgelegt wurde. Leicht, weil ihm keine Tradition vor neuen Trends stand. Von Anfang an setzte er auf Holz, gelegentlich etwas zu sehr. Heute produziert er aus den Trauben von rund 80 Vertragswinzern 350 000 Flaschen, darunter den reinen Merlot «Riflessi», die «Vigna d’Antan» (70 Prozent Merlot, 30 Prozent Cabernet franc) und den ebenfalls im Holz ausgebauten «Bianco Rovere».

Die Globalisierung ist ein Paradox. Sie ebnet einerseits die Differenzen ein, installiert weltweite Moden, auch önologische, auf dem grössten gemeinsamen Nenner. Anderseits provoziert sie den regionalen Widerstand, die Wahrnehmung des Naheliegenden, die Kultur des Regionalen, die Aufmerksamkeit für Vielfalt und Differenz – das, was im Besonderen die Situation des Weinbaus im Tessin, diesem kleinteiligen, mikroklimatisch und geologisch vielfältigen Weinbauflecken im Zentrum Europas, ausmacht, und dies in einer Zeit, wo nach dem Ende der rigorosen Kontingentierung an einen Export überhaupt erst zu denken ist.

Das erste Informationsdefizit sieht Brivio immer noch innerhalb der Schweiz. Wer eine Sache nicht kennt, kann sie nach aussen auch nicht vertreten. Unvergesslich ist ihm, wie am Schweizer Stand der Tourismusmesse Mailand Parmigiano und Prosecco serviert wurde. Und also sagt er, Marketing sei schon mal dringend, um den Schweizern selbst die Schweizer Weine nahezubringen. Dann erst lasse sich etwas tun gegen die weitverbreitete Meinung, die Schweiz sei kein Weinland.

Das Tessin hat vor der Haustür eine Region von 6 Millionen Einwohnern. Wenn es auch besonders schwierig ist, Italienern Tessiner Weine näher zu bringen: Einige Restaurateure in der Gegend um Como und Varese seien doch aufmerksam geworden auf den Qualitätssprung. Im mittleren und oberen Preissegment, versteht sich.

Brivio, der seine Eitelkeit angenehm durch Understatement mildert, ist diplomatisch, konziliant, ein guter Geschäftsmann, einer, der weiss, dass den eigenen Interessen am besten gedient ist, wenn sie sich mit denen möglichst vieler anderer decken. Er liebt Eleganz, also auch Weine, die dafür stehen («Gleichgewicht» und «Harmonie» sind Lieblingsworte von ihm).

Als deren Botschafter versteht er sich, und sieben Deziliter davon entkorkt er zum Abschied, einen Syrah «Cayas» von Bon Père Germanier in Vétroz im Wallis, ein noch junger 2000er, vom Önologen Gilles Besse in ein frühes Gleichgewicht von Holz und reifer Frucht und Gewürznoten gebracht. Ein austarierter Wein. «Keine Bombe, wie ein Kalifornier mit 15 Prozent Alkohol, aber unendlich viel – nun: eleganter.»

Überhaupt, meint er, sei auch in der amerikanischen Fachpresse «langsam wieder eine Rückkehr in Richtung altes Europa, Eleganz, Rasse, Stil, Gleichgewicht festzustellen, die manchen Überseeweinen fehlen». Anders als von denen möge man von Germaniers Syrah doch gern eine Flasche trinken. – Quod erat demonstrandum.


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