DER DEKORATIVE PAPIERRING um die Cigarre wird im «Zigarren-Lexikon» unter «Bauchbinde» geführt. Eigentlich ist diese Bezeichnung widersinnig, wird der Ring doch knapp unterhalb des Cigarrenkopfs angebracht. Präziser wäre Kragenbinde, zumal Bauchbinde an eine medizinisch indizierte Ventrale denken lässt und an einen Cigarrenbauch, den es zusammenzuhalten gilt. Eine solche Funktion aber hat die Banderole, die auf Spanisch ganz einfach anillo (Ring) heisst, keineswegs.
Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie die Cigarre zum Anillo kam. Katharina die Grosse sei die Urheberin gewesen, heisst es; sie habe ihre Cigarren mit Seide umhüllen lassen, um die Finger vor Tabakflecken zu schützen. Ebenfalls wird kolportiert, die englischen Gentlemen hätten mit der Banderole ihre weissen Handschuhe schonen wollen. Ammenmärchen! Denn eine Cigarre ist nicht schmutzig, wie ein einfacher Versuch mit einem weissen Seidentüchlein zeigt. In Wirklichkeit verdankt sich die Banderole der 1827 in Havanna eingeführten Lithographierkunst und dem Wunsch der Cigarrenproduzenten, ihren Produkten je ein unverwechselbares Gepräge und die nötige Werbewirksamkeit zu verleihen. Der klassische Anillo hat ein rund oder oval ausgeformtes Mittelstück, das ihm den Charakter eines Siegelrings verleiht. Im Laufe der Zeit zierten unzählige Sujets die Papierringe: Portraits von gekrönten und ungekrönten Häuptern, Tiere, Allegorien, Wappen und sogar die Logos von multinationalen Konzernen wie Shell, Esso oder Ford.
Die Frage, ob man beim Rauchen die Banderole abstreifen soll oder nicht, ist fast schon abgeschmackt. Wir halten es mit dem britischen Understatement: Ein wahrer Connaisseur ist kein Protz und entfernt daher den verräterischen Ring vor dem Rauchen. Aber auch diese Regel darf nicht sklavisch befolgt werden. An erster Stelle steht die Unversehrtheit des Deckblattes. Lässt sich die mit Tragant verklebte Banderole nicht mühelos abstreifen, muss man warten, bis sich der Leim durch die Erwärmung der Cigarre etwas verflüssigt hat; erst dann entfernt man die Banderole. Erweist sie sich als resistent, lässt man sie in Castros Namen am guten Stück. Als Schutz vor der Versuchung, die Cigarre bis zum Stummel herunterzurauchen.