NZZ Folio 09/94 - Thema: Bauern, was nun?   Inhaltsverzeichnis

Bauernbetriebe

Hugo Imwinkelried, Bergbauer.

Von Ruedi Suter

Jedes Plätzchen ist wichtig. Auch hier, am Hang, zwischen den grasüberwucherten Überresten einer alten Schuttlawine. Vorsichtig drückt Hugo Imwinkelried den knatternden Motormäher einen der kleinen Buckel hinauf; glänzende Halme sinken zu Boden. Für die paar Kuhmäuler Gras weiter oben wird der Walliser Bergbauer jedoch die gute alte «Säysä», die Sense, schwingen müssen. Der Mähdrescher, der die Arbeit erleichtern würde, kann nur auf dem schmalen Talboden um die Gomser Gemeinde Obergesteln und entlang der jungen Rhone gebraucht werden. Die Berge setzen der landwirtschaftlichen Mechanisierung immer noch klare Grenzen. Zu «stotzig», diese Welt.

So sind der 33jährige Hugo Imwinkelried und seine Frau Ursula gezwungen, sich und die beiden kleinen Söhne mit den langsamen Handmethoden verflossener Jahrhunderte ebenso wie mit den zeitsparenden Techniken unserer Zeit durchzubringen. Das hat bis jetzt ganz gut geklappt, was nur auf die wenigsten der ehedem 50 Kleinbauern im 222 Seelen zählenden Obergesteln zutrifft. Derzeit bauern in der Gemeinde gerade noch acht Voll- und zehn Teilzeitbauern, und die meisten der typischen Reihenställe mit den Steinfundamenten und Tannenholzwänden sind in Garagen, Werkstätten und Gerümpelkammern umgewandelt worden.

Hugo und Ursula Imwinkelried haben auf Flexibilität gesetzt. Der 1987 von Vater Imwinkelried übernommene Hof mit den 25 Hektaren Land (zwei Drittel davon gepachtet) wurde modernisiert und angepasst. Früher hatte die Familie in erster Linie vom Viehhandel gelebt, heute vor allem von der Milchproduktion. «Das war die grösste Umstellung», sagt Hugo Imwinkelried, Besitzer eines Dutzends selbst eingekreuzter, «milchbetonter» Braunviehkühe (und ebenso vieler Jungtiere), die von Juli bis September auf der genossenschaftlich geführten Grimselalp grasen. Ob von dort oder vom Stall - die Milch fliesst neuzeitlich via Pipeline in die Sennerei in Obergesteln.

Daneben pflanzt das Ehepaar noch je drei Tonnen Speisekartoffeln und Gerste zum Viehfüttern an. Heu und Frucht müssen auf sage und schreibe 450 verschiedenen, teils weniger als 20 Quadratmeter grossen Parzellen geerntet werden. «Das ist manchmal zum Verrücktwerden», räumt der Bergbauer ein. Doch eine Güterzusammenlegung liege nicht mehr drin, weil 80 Prozent des Landes Nichtbauern gehöre und diese für eine Flurbereinigung kein Geld ausgeben wollten. Das Bauern in den Bergen, sagen Hugo und Ursula Imwinkelried, sei zwar wohl anstrengend, aber auch abwechslungsreich und befriedigend: «Wir fühlen uns frei.»

Für die Imwinkelrieds endet die Welt nicht an der Spitze des «Hausbergs», des Galenstocks. Die möglichen Folgen der EU und des Gatt werden diskutiert. Und zwar sachlich: «Alle reden vom Gatt, aber niemand weiss, wie es sich tatsächlich auswirkt. Vielleicht bringt es uns ja sogar Vorteile.» Ungut fänden sie es, wenn etwa ein holländischer Bauer mit 150 Hektaren flachem Land, das er in fünf Tagen bewirtschaften kann, gleich behandeln würde wie sie, die für ihre 25 Hektaren fünf Wochen brauchen. «Der Bauer sollte an dem, was er bewirtschaftet, verdienen, und nicht an dem, was er produziert. Damit würde die Produktion extensiver und schonender. Eine Milchkuh zum Beispiel müsste so weniger Milch geben und könnte länger leben. Wir müssen umdenken: mehr Qualität und weniger Gehetze.»

Ein mildes Urteil fällen Hugo und Ursula Imwinkelried über die Landwirtschaftspolitik des Bundes. «Es ist schwer, eine bessere Politik zu machen.» Er sei zuerst gegen die Direktzahlungen gewesen, erinnert sich der Bergbauer, doch wisse er sie heute zu schätzen. «Wenn man uns weiterhin mit Direktzahlungen unter die Arme greift, können wir überleben. Wenn wir aber nur über das Produkt überleben sollen, müssten wir zumachen.»

Doch ans Aufgeben denken die Imwinkelrieds zurzeit nicht im entferntesten. Zu gross ist die Zuversicht und Gelassenheit der Bergler: «Wir fügen uns in unser Schicksal und hoffen, dass die Söhne den Hof übernehmen können.»


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