NZZ Folio 03/93 - Thema: Neue Grenzen   Inhaltsverzeichnis

Grenzland Europa

Der Osten ist kein Block mehr - Erkundungen auf einem neuen Archipel.

Von Karl Schlögel

DEN POLITISCHEN Umwälzungen im östlichen Europa folgt die Transformation des Raums, der Europa ist. Nun, da der Eiserne Vorhang weggezogen ist, zeigt sich, was Europa ist: ein Kontinent, der ohne Grenzen nicht leben kann. Über die Demarkationslinie, die von der Ostsee bis zum Adriatischen Meer gezogen war, wächst Gras, aber die Differenz, die sie in den Köpfen der jetzt lebenden Generationen produziert hat, ist noch lange nicht getilgt. Die Mauer scheint ostwärts zu wandern: aus dem Berliner Stadtzentrum an die Oder, oder noch weiter nach Brest. Die Embleme der Teilung der Welt werden abmontiert, aber nur um die Embleme der Welt, wie sie aus der Teilung hervorgeht, anzubringen. Die Freude über den Sturz der Tyrannen und ihrer Befestigungen ist übergegangen in die Leidenschaft für die Errichtung neuer Grenzanlagen. Nun, da die Zeitschranke, die Ost und West getrennt hatte, niedergerissen ist, können die unterschiedlichen Zeiten erst aufeinanderprallen. Alte Autoritäten sind gestürzt - also bedarf es anderer. Jeder darf sagen, was er will, also darf man auch zum Massaker aufrufen. Auf die grosse Einheit, die im Kampf gegen etwas zustande gekommen war, folgt nun die Vielheit der Rivalitäten, die sich einstellen, wenn jeder selbst zum Zuge kommen will. Überall gibt es viel zu tun, um die Länder aus dem Ruin herauszuführen, aber nichts scheint so vordringlich wie die Sicherung neuer Privilegien. Die neue Einheit geht einher mit der Verdammung der Vielheit und die Vereinigung der einen mit der Ausgrenzung der anderen, vorzugsweise der Fremden. Im Europa der Selbstbestimmung grassieren die Feind- und Fremderklärungen. Die Entdeckung des Eigenen ist ohne die Verdammung des Anderen offenbar nicht zu haben. Die Toleranz, die man so lange gepredigt hat, soll nun nur noch für einen selber gelten. Von Menschenrechten spricht man, weil sie schon wieder in Gefahr sind. Wir sind die Augenzeugen nicht des Verschwindens der Grenze, sondern ihrer Metamorphose. Das Europa, das entsteht, ist nicht das grenzenlose, sondern eines, das lernt, mit seinen Grenzen zu leben - oder auch nicht.

Der Eiserne Vorhang war so einfach, wie der Zustand, den er fixierte, elementar. Das geteilte Europa war übersichtlich. Nachkriegseuropa ruhte im System der auf Gegenseitigkeit beruhenden Vernichtungsdrohung. Seine Stabilität hing am interkontinentalen Verbund der Raketensilos in Utah und Krasnojarsk und den internationalen Gipfelkonferenzen von Wien und Genf. Nicht die geringste Bewegung war denkbar, ohne dass sie eine Spur auf den Radarschirmen der unterirdischen Zentralen von Omaha und Moskau hinterlassen hätte. Über Touristen wurden Akten geführt, auch wenn sie sich bloss für harmlose Sehenswürdigkeiten interessierten. Die einzigen Subversiven jener Zeit waren die Geheimdienstleute und später die Dissidenten. Nie zuvor ist soviel Intelligenz und Kraft in wechselseitige Feindbeoachtung und Belagerung investiert worden. Die Ökonomien der mächtigsten Länder der Erde haben für die Aufrechterhaltung der Balance gearbeitet, die fähigsten Köpfe der Welt haben sich in der Befestigung des Status quo verausgabt. Kriegsgefahr drohte immer dann, wenn es zur leichtesten Verschiebung dieser Balance kam. Aber die menschliche Intelligenz war dem riskanten Spiel gewachsen: der tödliche Schlag blieb aus. Die Zeit, die Europa brauchte, um wieder zu Kräften zu kommen, war gewonnen: die Arbeiter von Stettin und Danzig, die Bürgerrechtler von Prag, die Intellektuellen aus Budapest haben die Chance im Windschatten des armierten Status quo genutzt. Sie standen bereit, als mit Waffen allein nichts mehr auszurichten war. Die Demobilisierung konnte beginnen.

Zur wechselseitigen Belagerung hatten Disziplin und Präzision gehört. Das Management des Ausnahmezustandes beruhte auf der Einhaltung von Regeln des Entweder-Oder. Die lange Grenze, die durch Nachkriegseuropa ging, war die dem Ausnahmezustand angemessene Grenze. Sie hat unser Leben bestimmt, sie ging mitten durch unser Leben, selbst wenn wir nicht an der Grenze lebten. Sie gab jene Sicherheit, die die zum Äussersten entschlossene Gewaltdrohung eben geben kann. An ihr teilte sich die Welt, die schwarz oder weiss, gut oder böse, frei oder unfrei war. Wir konnten uns im schwierigen Alltag verlieren, aber was unverrückbar blieb, war die Einfachheit jener Grenze. Sie war das Koordinatenkreuz, das den Raum definierte, in dem sich die Kurve zwischen Leben und Tod, Erfolg und Misserfolg einer Generation eingezeichnet hat. Hier stand das verfeindete Europa Rücken an Rücken. Der Eiserne Vorhang war die insgeheime innere Achse, sein Rückgrat. Die über die Karte Europas gezogene Demarkationslinie war der genaueste Ausdruck der Neuordnung der Welt, in der alles seinen angestammten Platz gewechselt hatte: Prag war zur Schwesterstadt von Ulan Bator geworden; Warschau wie Peking haben einen «Kulturpalast» in ihrer Silhouette; Ostberlin lag von nun an in Osteuropa, während Westberlin sich aufmachte, amerikanischer als Amerika selber zu werden.

Diese innere Achse ist verschwunden, weil die Welt, die sie nötig hatte, sie nicht mehr braucht. Die osteuropäische Revolution hat die klar gezogene Grenze unterlaufen und den hermetischen Raum zerfallen lassen, nicht eigentlich gesprengt. Die Vermischung von Reinen und Unreinen hat begonnen. Dass es so still vor sich ging, dass sich dort, wo wir gewöhnt waren, nur einen «Block» zu sehen, über Nacht eine neue Staatenwelt einrichten konnte, ist nicht denkbar ohne eine Selbstdisziplin, die Resultat jenes Wissens um das Risiko des nächsten Schrittes war, der nach aller Erfahrung immer auch der letzte sein konnte. Im Entweder-Oder findet sich fast jeder zurecht, in der Grauzone, in der die Geschichte gewöhnlich spielt, bedarf es stärkerer Begabungen. Die ostmitteleuropäischen Revolutionäre waren auf der Höhe der Zeit, denn sie hatten das Entweder-Oder, das für die Militärstrategen überlebenswichtig war, längst hinter sich gebracht. Sie waren die Meister der Zweideutigkeit. Ihnen war die Bewegung, von der alles abhing, mehr als das Ziel, das sich von selbst verstand - und von dessen wiederholter Proklamation die Lage doch nicht anders wurde. Sie waren Genies der Taktik, noch mehr aber des Takts. Sie haben der Geschichte der politischen Theorie den lebensrettenden Kompromiss der «sich selbst beschränkenden Revolution» hinzugefügt. Sie waren souverän genug, es auch mit den Generälen, den Peinigern, den verhassten Kreaturen aufzunehmen. Ihr Selbstbewusstsein litt nicht darunter, wenn sie, die ehemaligen Häftlinge und Dissidenten, mit den mächtigen Befehlshabern an einem runden Tisch sassen. Ihre Stärke war nicht die Vision der Zukunft, sondern die Bewältigung der Gegenwart. Ihre Tugend hiess Geistesgegenwart. Sie haben den Mächtigen den Weg in den Rücktritt eröffnet und dem Zerfall der alten Ordnung eine Form gegeben. Sie haben das in der Geschichte Menschenmögliche getan: dem Prozess, der im Gange war, ihre Stimme zu leihen und ihm die Chance abzugewinnen, die sich nach soviel Scheitern endlich bot. Sie haben ein Wunder zustande gebracht: die Entstehung einer neuen Staatenwelt, die nicht aus dem Krieg geboren wurde, und einen «Systemwechsel», in dem es fast überall ohne Aufstand und Terror abging.

In Europa, das in die Zeit nach der Grossen Grenze entlassen ist, ist alles in Bewegung geraten: Das fängt an mit dem Raum, in dem wir leben. Das Verschwinden der Mauer konstituiert einen anderen Raum. Von Berlin nach Wroclaw/Breslau sind es jetzt etwas mehr als zwei Stunden Fahrtzeit. Es gibt die Grenze als Zone des angehaltenen Atems, der Einschüchterung, der Umstellung der inneren Zeituhr, der Demütigung durch das Beamtenpersonal nicht mehr. In Hegyeshalom, Cheb und Zgorzelec kann man noch die Ruinen der bürokratischen Reiseerschwerung besichtigen, Helmstedt ist bloss noch ein Parkplatz oder ein schönes Städtchen, von dem nur ältere Reisende wissen, dass es einmal mehr war: Grenzschleuse zwischen den Welten. Der Raum, in dem wir arbeiten, uns erholen, studieren, leben, wird anders - damit auch die Welt in unserem Kopf.

Der Tourismus, der etwas erleben will, geht in die nächste Nachbarschaft, nicht unbedingt nach Übersee. Nachdem man New York schon gesehen hat, kann man sich endlich Prag vornehmen. Man ist dort jetzt nicht mehr ausschliesslich als Tourist unterwegs, sondern aus Arbeits- und Geschäftsgründen. Das steigert die Ansprüche an ungehinderte und praktische Kommunikation. Die Grenzüberschreitung hat pragmatische Gründe, nicht gut gemeinte: es gibt etwas zu tun. Man lernt sich kennen, unabsichtlich, einfach so - beim Einkaufen, Studieren, im Urlaub, auf der Arbeitssuche. Eine exotische Zone, über die böse und sympathische Vorurteile geherrscht haben, löst sich auf, und es bilden sich neue Urteile und Vorurteile - wiederum sympathische und böse.

Es entstehen neue Wirtschaftsräume. Man merkt es auf der Autobahn, wenn sonntagabends Zehntausende von ostdeutschen Arbeitern sich auf den Weg in den reichen und industrialisierten Südwesten Deutschlands machen, um am Wochenende wieder nach Dresden, Halle oder Görlitz zurückzufahren. Man merkt es an der Entfaltung und Beschleunigung des innereuropäischen Austausches, an den LKW-Kolonnen aus Polen, Skandinavien, Südosteuropa, die auf dem Berliner Ring aufeinandertreffen. Am Kursbuch der deutschen Bundesbahn lässt sich ablesen, wie die Passagierströme die Richtung geändert haben. Neue Industrieregionen gewinnen Kontur - die Vorboten sind die schwarzen Limousinen der Unterhändler und Manager, die auf den Autobahnen zwischen Pilsen und Wolfsburg, zwischen Wien und Prag, zwischen München und Dresden, Hamburg und Stettin unterwegs sind. Grenzländer werden wieder zu Achsen intensivierten Menschen- und Güterverkehrs. Das feinste Barometer für die Ausbildung des neuen Raumes ist aber wahrscheinlich die Warenzirkulation, die millionenfache Vermittlung von Allerweltsgegenständen, die Bewegung der Händler zwischen St. Petersburg und Berlin, zwischen Istanbul und Odessa, zwischen Posen und Ulan Bator, zwischen Sinkiang und Kasachstan. Die alten Routen - die Bernsteinstrasse, die Seidenstrasse - werden wieder in Betrieb genommen. Die Staus an der Grenze bei Brest und Grodno zeigen an, dass das Strassen- und Schienensystem dem gesteigerten Bedürfnis nach Austausch längst nicht mehr genügt. Man muss sich etwas Neues einfallen lassen.

Nach dem Fall der Grossen Grenze und der Verausgabung der Kräfte, die zu ihrer Aufrechterhaltung nötig waren, scheint Europa erschöpft. Seine Teile scheinen in eine Ausgangslage vor Jalta, vielleicht sogar vor Trianon zurückzufallen. Der ganze Nachkriegszustand, an den Europa sich wie an einen Naturzustand gewöhnt zu haben schien, scheint mit einemmal künstlich und hinfällig. Block-Europa zerfällt in einen Archipel. Regionen driften auseinander. Korridore müssen geöffnet werden, um vom Krieg bedrohte Nachbarschaften aufrechtzuerhalten. Es gibt im Europa, das die Mauer überwunden hat, wieder geschlossene Städte, geteilte Städte, Städte im Belagerungszustand, offene Städte. Die Teilung der Welt scheint nun im Spannungsfeld von Rom und Byzanz zu verlaufen. Für die einen steht das Abendland wieder einmal auf dem Spiel, für andere gilt als ausgemacht, dass Europa nicht weiter reiche als der Bug. Jeder besteht auf seinem einzig wahren Europa. So grenzt man nach und nach aus, was erst das Ganze macht. Die Grossräume sind dahin, mit ihnen ist es die Bewegungsfreiheit. Eine neue Provinzialität greift um sich. Die Bewegungsströme verdichten sich, aber sie brechen auch ab. Die Ostseestrände bei Riga und Reval sind verwaist, die wenigen Touristen aus dem Westen ersetzen die Touristenmassen nicht, die einst aus dem Reich gekommen waren. Die Krim ist, seit sie ukrainisch ist, von den Gästen der Sanatorien und den Institutionen, die es nicht mehr gibt, getrennt. Auf der Promenade von Suchumi detonieren Granaten. Aserbeidschanische und armenische Intellektuelle, die in Moskau eine gemeinsame Sprache gesprochen hatten, überbieten sich in wechselseitigen Exkommunikationen. Der Wirtschaftsraum des alten Comecon hat sich aufgelöst: die Sowjetunion, die einmal Eisen, Öl, Gas geliefert hat, gibt es so nicht mehr, und geliefert wird nur noch für Weltmarktpreise. Die Kraftwerke in Vilnius und Tallinn hören zu arbeiten auf. Die Ökonomien Ostmitteleuropas, die auf den westeuropäischen Markt wollen, haben kaum eine Chance. So entsteht ein weites Zwischenreich, übersät von Bankrotten, Krisen, Arbeitslosigkeit, Verzweiflung. In den Strom der Händler-Touristen mischt sich der Flüchtlingsstrom, auf den europäischen Flughäfen und Bahnhöfen tauchen inmitten der neuen Reisenden die neuen Vertriebenen auf.

Die Emblematik der geschlossenen Welt des Ostblocks existiert nur noch als Nachlassenschaft, als Ruine. Die Embleme sind national, wo sie vorher internationalistisch blockübergreifend waren; individuell und privat, wo sie vorher Kollektivsubjekte repräsentierten; identifizierbar, wo sie vorher anonym gewesen sind. Kurz: «das System», «der Ostblock» existiert nicht mehr. Dort fand man sich zurecht, wenn man sich mit dem System zurechtfand. Jetzt muss man sich in den verschiedenen Ländern, in den verschiedenen gesellschaftlichen Welten zurechtfinden, mit verschiedenen Sprachen, verschiedenen Kulturen. Es gibt noch einen anderen Osten als den Ostblock, und es gibt noch ein Europa, das sich nicht deckt mit dem Wunschbild, das die Europäer sich von sich selber machen. Die Welt beginnt jetzt dort, wo sie früher schon zu Ende war, die Geschichte beginnt noch einmal, wo sie schon zu Ende gekommen schien. Hinter dem «System», das wir zu kennen meinten, liegt das Neuland, das es erst noch zu entdecken gilt.

Die Grenze verschwand nicht, sie kehrte nur wieder in anderer Form. Sie ist so vielfältig geworden wie die neuen Verhältnisse. Sie ist unsichtbar geworden und lebt nur in der Erinnerung fort, in den Gesten und Gewohnheiten, die ihre lange Genese «von dort» nicht ungeschehen machen können. Sie ist stellenweise zur natürlichen Grenze geworden, die von Sprachen und Bergzügen markiert wird. Aber auch umgekehrt: Grenzen werden gezogen, wo es vorher keine gab. Menschen, die sich an die ungehemmte Bewegung im grenzenlosen Reich gewöhnt hatten, müssen sich nun auf Grenzen, Kontrollen, Übergänge und die damit verbundenen Schikanen einstellen. Grenzen gehen nun durch Familien und Generationen, die bisher schwierig, aber doch in Frieden miteinander gelebt hatten. Die Grosse Grenze durchläuft alle nur denkbaren Stadien der Verwandlung. Sie wird abgebaut, sie hält niemanden mehr auf, nur den, der nicht das Geld hat, sie zu überschreiten, oder den, dem die Papiere verweigert worden sind. Sie bietet keine Hindernisse für all jene, die auf ihrer langen Flucht weit kompliziertere Hindernisse zu überwinden gelernt haben.

Das Verschwinden der Grossen Grenze gibt den Blick frei auf eine Kluft, die nachhaltiger ist als das martialische Bauwerk mit Wachttürmen und Stacheldraht. Europa, das dabei ist, den Todesstreifen zu eliminieren, wird von neuen Todeszonen und Schützengräben aufgerissen. Überall treten Prediger angeblich natürlicher Grenzen auf. An uralten Strassen und Verbindungslinien tauchen moderne Wegelagerer und Banditen, mit Maschinengewehren bewaffnete Rambos auf, Herren der neuen Landnahme und Grenzziehung. Es gehört nicht viel dazu, um im neuen Europa Geopolitik zu spielen, eine Knarre macht einen in der zivilisierten Welt mit ihrem schwachen Staat zum Herrn über Leben und Tod. Überall werden die Zeichen der neuen Staatlichkeit aufgezogen oder ausgewechselt. Oft scheint es, als mache die Grenze schon den Staat, und als sei die Ausgrenzung der Fremden die erste Bedingung dafür, sich als «Eigenes» zu fühlen. Es muss sich um eine schwache Selbstbestimmung handeln, wenn sie von der Ausgrenzung der anderen abhängt. 

Grenzen sind die Aussenhaut von Staaten, ihre Kontakt- und Reibefläche. Sie verraten uns, wohin die Reise geht, auch wenn wir in der Landeshauptstadt noch nicht angekommen sind. Sie sind wie die Staatswesen, die sie nötig haben. Die Stabilität der Grenzanlagen steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrem inneren Gleichgewicht und in direktem Verhältnis zum im Inneren herrschenden Druck. Die Imposanz der Befestigungsanlagen besagt nur, dass das, was sie schützen sollen, hinfällig ist. Ihre Hoheitszeichen sind Drohgebärden oder Verheissungen - je nachdem und je nach Bewegungsrichtung. Diktaturen erkennt man von weitem - an ihren Pforten. Sie verbarrikadieren das Tor, sie verstellen den Durchblick mit Milchglas und Sichtblenden. Sie lassen die Autos, die sich auf den Grenzübergang zubewegen, Slalom fahren. Reisende werden in Kabinen und Verschläge aus Resopal geleitet. Dort wird der Leib von fremden Händen nach Druckwerken abgetastet. Der Gedanke, dass jederzeit etwas passieren könnte, wenn man sich nicht richtig verhält, wird auch dem Sorglosesten implantiert - für die Zeit des Aufenthalts wenigstens. Die Jovialität der Grenzbeamten ist zu jovial, um wahr zu sein. Der rasche Wechsel im Mienenspiel bedeutet, dass sie ganz andere Saiten aufziehen können. Der Grenzgänger aus der anderen Welt ist das einzige Objekt, an dem der ohnmächtige Subalterne seine Macht demonstrieren kann. Der technische Fortschritt auch der zurückgebliebensten Diktaturen zeigt sich zuerst an der Grenze, im Übergang von der handgeschriebenen Kartei zum Computer. Die Grenzöffnung schreckt ab: wer hindurch will, passiert einen Lichtkegel, in dem er geblendet wird und wie ein Insekt von allen Seiten zu sehen ist; er bewegt sich vorsichtig, denn er könnte ins Niemandsland geraten, in dem Gefahren lauern; er unterdrückt seinen spontanen Protest gegen die Prozeduren der Entwürdigung, da er ankommen möchte. Wie sich die Eingangspforten der einstigen Hemisphäre doch alle glichen! Mit ihrem weissen Licht, mit der Neugier, mit der die Reisenden erwartet wurden, mit dem Geruch aus Lysol und Hausbrand, mit den vielen Schalterfenstern, hinter denen kein Gesicht, sondern eine Maske plaziert war, und den vielen Formularen, die auszufüllen und zu unterzeichnen waren, bevor man eingelassen wurde!

Und doch ist das Andere zur Grenze, die abschreckt, nicht die Grenzenlosigkeit, sondern die Grenze, die nicht mehr als ein Territorium bezeichnet, einen Anfang und ein Ende, die Markierung eines Übergangs. Nicht der kosmopolitische Traum, der immer einer der wenigen ist, ist die Alternative, sondern die Grenze, mit der sich leben lässt.

Die Grenze macht den Raum, in dem man lebt. In grenzenlosen oder unbegrenzten Räumen lebt es sich schlecht. Die Grenze, auf die wir angewiesen sind, markiert nur den Übergang, den Umschlagpunkt, sie ist Gliederung des Unförmigen und Formlosen. Diese Grenze schreckt nicht ab, sondern ist ein Reiz, der jeder neuen Erfahrung, jedem Abschied und jeder Ankunft eigen ist. Grenzen sind Zeichen des Reichtums an Differenz. Grenze ist die Verpflichtung, für das eigene Haus verantwortlich zu sein, und die Möglichkeit, anderswo Gast sein zu können.

Die Grenzüberschreitung ist im schrankenlosen Raum ein Unding. Ohne die Grenzerfahrung, ohne die Erfahrung der Übergänge wäre Europa ärmer. Der Reichtum Europas bemisst sich nach seinen Übergangslandschaften. Sie sind dort, wo man dazugehören kann, auch wenn man nicht die Sprache des Landes spricht. Sie bringen Kunstwerke zustande, die nur dort möglich sind, wo sich etwas mischt: Italiens Architektur und orthodoxe Gläubigkeit etwa. Dort gibt es eine Musik, die aus vielen Strömen zusammengewachsen ist: aus dem Mährischen, Magyarischen, Deutschen. Dort werden Gedanken gedacht, die nur an der «porta orientis» gedacht werden können. In den Grenzlandschaften stehen die Synagogenbauten mit gotischem Kreuzgewölbe und weisse Pavillons vor märkischer Seenlandschaft. An der Grenze liegen die Landschaften, in denen das ungeübte Ohr in der eigenen Sprache schon das fremde unverständliche Idiom vermutet und in denen der Lebensweg eines einzigen Menschen viele Staatsangehörigkeiten durchlaufen haben kann, bevor er zu Ende kommt.

Europa hat die Grenzen, die es verdient. Sie variieren von Grenzdiffusion bis zur Front. Welche obsiegen werden, wird sich nicht an den Grenzen entscheiden, sondern in den Gemeinwesen, die die Grenzen haben werden, die sie für nötig halten. Wenn wir wissen wollen, wie die Grenzen im künftigen Europa aussehen, brauchen wir nur die Gesellschaften anzusehen, die sich durch sie voneinander abgrenzen. Von Gesellschaften, die mit sich selber nicht fertig werden, ist nicht zu erwarten, dass sie dem neuen, komplexeren Europa gewachsen sein werden.

Karl Schlögel ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz. Zuletzt ist von ihm erschienen «Das Wunder von Nishnij oder die Rückkehr der Städte» (Die Andere Bibliothek, Eichborn 1991).


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