NZZ Folio 01/99 - Thema: Sexgeschäfte   Inhaltsverzeichnis

Im Schosse der Familie

Wie der Inzest die Leser von Sexromanen beflügelt.

Von Urs Bruderer

FÜR DEN UMSCHLAG WURDE dicker Karton gewählt, der Text ist auf gutes Papier gesetzt. «Truckerliebchen» ist ein solides Taschenbuch aus der «Edition Combes». Nur der Slogan «Der erotische Roman, pikant, frech» und das Bild eines etwas grobgepixelten Busenwunders wecken Ahnungen. «Truckerliebchen» ist ein Hardcore-Sexroman. Er erzählt die Geschichte vom Fernfahrer Ralph und seinem acht Jahre jüngeren Schwesterchen Julia, das an der Universität Kunst und modernes Design studiert. Ein kurzer Dialog, und schon geraten die beiden auf Seite 3 aneinander, bis sie von ihrem Vater unterbrochen werden. Da beschliessen sie, dass Julia während der nächsten Semesterferien ihren Bruder auf Truckertour begleitet, und eine endlose Serie von Sexszenen nimmt ihren Lauf. Unermüdlich und mit grösstem Eifer sind die Geschwister von nun an bis auf Seite 192 nur noch mit der einen Sache beschäftigt.

Bei einer solchen Story sehnt man sich nach den Klassikern der erotischen Literatur zurück. Nicht, dass man bei D. H. Lawrence, Anaïs Nin oder Marquis de Sade die ganzen Geschichten gelesen hätte. Aber welches Fieber, wenn man sie verstohlen nach den wenigen heissen Szenen absuchte! «Truckerliebchen» kommt bereits nach ein paar Seiten zur Sache, und nachdem die Akteure einmal in «geile Schwingung» versetzt sind, erschöpft sich ihr Streben und Tun in der endlosen Wiederholung des pornographischen Dreischritts: Oral - Genital - Anal. Wechselnde Partner und Praktiken sollen zwar für eine Steigerung der erotischen Spannung sorgen. Die Schilderung unzähliger Sexualakte hat aber mit Erotik so viel zu tun wie das Sammeln von Bibeln mit Gläubigkeit, daran ändert auch die anatomische Präzision der Beschreibung von Genitalien in Aktion nichts, im Gegenteil. Dafür glänzt die einfache und vulgäre Sprache manchmal mit so schönen lautmalerischen Ausdrücken wie «Rammelhammer» und dergleichen mehr.

Frank de la Porte, der Verleger der Edition Combes, ist 1,90 Meter gross und sieht aus wie der amerikanische Vetter von Franz Josef Strauss: bullig, korpulent, kleine blaue Äuglein und riesige Hände, vor denen ich mich beinahe ein wenig fürchte. Wir haben uns am Bahnhof in Lichtenfels getroffen und fahren jetzt in seinem nicht mehr ganz neuen, weissen 300er-Mercedes nach Küps, einem kleinen Dorf in der hintersten Ecke des Maintales. Vor 17 Jahren ist de la Porte aus Hamburg hierher gezogen, weil er «Ruhe, intakte Natur und unverdorbene Menschen» suchte.

Der 54jährige Unternehmer lebt in einem Einfamilienhaus, zusammen mit seiner 39 Jahre alten Frau Heidemarie, dem 17jährigen Sohn («glücklicherweise ein fauler Leser») und der 11jährigen Tochter. Im Keller ist der «Frank de la Porte»-Verlag untergebracht. Das Kleinunternehmen hat nur zwei feste Mitarbeiter, nämlich Herrn und Frau de la Porte, die vom Erfassen eines Textes über das Redigieren und die Satzherstellung bis zur Entwicklung der Druckfilme alles machen. Auf ihren Geräten stellen sie her, was von ländlich-sittlichen Verlegern eben so gewünscht wird: Gebrauchsanleitungen, Wahlwerbung, Werbeprospekte und so fort. Hin und wieder erscheint auch eine Monographie in ihrem Verlag, letztes Jahr etwa ein rund 400seitiger, üppig ausgestatteter Band über die Lebensweise von Erzbischöfen.

Die Edition Combes gibt es erst seit neun Monaten. In die Erotikbranche ist de la Porte wegen des miesen Geschäftsgebarens eines 80jährigen Kunden eingestiegen, für den er früher die Druckvorstufe von Sexromanen erledigte. Dieser Greis habe ihn derart verärgert, dass er sich sagte: Das könnte ich doch auch selber machen. Ökonomisches Kalkül hat aber auch mitgespielt. Im Druckvorstufen-Geschäft sei alles in rapidem Wandel, und es drohe immer die Gefahr, dass man eines Tages nicht mehr mitkomme. Deshalb wollte er seinen Betrieb auf ein zweites Bein stellen.

De la Porte hat eine pornographische Nische gefunden. Der Markt für Sexromane ist nicht besonders gross, denn der gemeine Pornokonsument steht auf Bilder. Einige tausend Leser findet die Edition Combes in Deutschland, Österreich und der Schweiz aber schon. Die Auflage liegt zurzeit bei 4000 Stück pro Band, soll aber auf 6000 steigen. Die Romane werden für 15 Mark an Kiosken und in Sexshops verkauft. Vom Grosshandel erhält de la Porte 4 Mark 70 pro Band. Damit kommt er gut in die schwarzen Zahlen. Bis jetzt hat er 10 Bände herausgegeben. Nächstes Jahr sollen es 24 werden.

Das Zielpublikum seien Menschen, die noch lesen und einen Roman von 192 Seiten schaffen; Leute, die zum Beispiel die NZZ abonniert haben oder die «Zeit». De la Porte weiss, dass nur Männer seine Bücher lesen. Frauen würden solche Sachen zwar auch schätzen, sagt er, «aber die Frau hat natürlich einen ganz anderen Anspruch. Sie hat im Ruhestadium einen Gefühlsanspruch. Die hat eine andere körperlich-seelische Verfassung als der Mann, den es an allen Ecken und Enden drückt. Bei dem kann es auf Seite drei schon losgehen.»

Weniger sexorientierte - erotische - Literatur zu produzieren hält de la Porte für aussichtslos: «Softerotik, das können Sie heute nicht mehr als Erotik bezeichnen, das ist etwa so spannend, wie wenn ich beschreibe, wie der Kaffee von der Kanne in die Tasse kommt.» Und seine Frau meint lapidar: «Die Zeiten von Erotik sind vorbei. Heute will man Pornographie.»

Momentan hat de la Porte etwa 60 unpublizierte Manuskripte an Lager. Für einen neuen Roman wählt er das jeweils beste aus. Die Autoren erhalten 1000 Mark, aber nur, wenn ihr Werk auch tatsächlich erscheint. Wer schreibt unter solchen Bedingungen? Leider seien seine Autoren sehr scheu, sagt de la Porte; niemals würde sich einer von ihnen an die Öffentlichkeit wagen, auch nicht unter Wahrung der Anonymität. Dafür erteilt er bereitwillig Auskunft über sie.

Hinter den klingenden Namen (Gilbert Jourdan, Victoria de Torsa, Catherine Blake) verbergen sich durchwegs Männer. Die weiblichen Pseudonyme sollen Authentizität mimen, denn die Geschichten werden oft aus der Sicht von nimmersatten Frauen erzählt, und niemand möchte die Ausgeburt einer perversen Männerphantasie kaufen. Unter seinen Autoren gebe es unter anderem einen Lehrer, einen Finanzexperten, einen 74jährigen Extremschnellschreiber und einen Psychoanalytiker. Alle schrieben, weil sie ein Forum für ihre Geschichten suchen, sagt de la Porte, und die meisten aus persönlicher Betroffenheit. Der Psychiater, der auch schon ungefähr ein Dutzend kriminalpsychologische Fachbücher veröffentlicht habe, erfinde seine Geschichten nicht, sondern zehre von dem, was ihm von den Patienten während seiner langjährigen Tätigkeit als Therapeut erzählt worden sei. Die Themenpalette dieses Autors reiche von «ausgeprägten Kind-Eltern-Beziehungen und Extremsituationen zwischen Enkel und Grossmutter bis hin zu geheimen und durch Hypnose erforschten Sehnsüchten wie Sex mit anderen Rassen, Tieren usw.»

Die Manuskripte erfordern sehr viel Redigierarbeit. Sechs Korrekturdurchgänge leisten Herr und Frau de la Porte pro Band. Am besten geht es, wenn einer laut liest und der andere die Fehler kennzeichnet. «Anregend ist diese Arbeit gar nicht, sondern im Gegenteil mühsam», sagt er. Seine Frau und er hätten lange gebraucht, um sich an das harte Vokabular zu gewöhnen. Sie seien dadurch aber viel freier geworden im Reden über sexuelle Themen.

«Geliebte Mama - Ein Sohn bekennt sich» ist ihr meistverkaufter Titel und als einziger bereits in zweiter Auflage erschienen. Inzest verkaufe sich immer doppelt so gut. «Weil viele Leute solche Erlebnisse gehabt haben. Man denke nur an die Verhältnisse auf dem Land oder in abgelegenen Regionen», meint de la Porte. Vielleicht sind diese Geschichten auch so beliebt, weil Inzestszenen sich für das Auge nicht unterscheiden von erlaubtem Sex, mit Worten aber sehr deutlich ausgemalt werden können. In der Darstellung dieses Tabus kann der Sexroman Fotomagazine und Videos überbieten.

Ob es für ihn inhaltliche Tabus gebe? «Kinder», antwortet de la Porte prompt und im Hinblick auf das Gesetz. In «Im Schosse der Familie» wird ab Seite 126 zwar geschildert, wie das kleine Gittchen, das im Schlaf manchmal noch am Daumen lutscht, sich lustvoll ihrem Vater und ihrem Bruder hingibt, die aufs Ganze gehen, wobei die Beschreibungen die körperlichen Hindernisse bei Sex mit Kindern hartnäckig auskosten. Aber Gittchen ist gar kein Kind. Auf Seite 8 stand nämlich, dass sie bereits 16 Jahre alt ist.

«Der gute Sexroman zeigt die Menschen so, wie sie wirklich sind», sagt de la Porte. Die besten Geschichten fingen ganz normal an, bis eine Frau in einer ungewöhnlichen Situation ihr wahres Ich erkenne. «Die Frau will erobert werden. Das heisst, sie hat eine ablehnende oder neutrale Position. Ich kenne selber eine Frau, die gekniffen, gerissen, gekratzt und, ja, gestossen werden will.» Man müsse warten, «bis bei den Frauen das Tierische durchkommt. Dann sind alle glücklich», der meist mehrfach betrogene Ehemann inklusive, weil auch er von der entfesselten Leidenschaft seiner Frau profitiere.

Frau de la Porte bringt uns Kaffee und Kuchen. Was ihr Mann in der Edition Combes noch vermisst, ist Humor. «So ist er halt, der Deutsche, humorlos», meint er dazu. Da erinnert er sich an «Anju». Das letzte Kapitel dieses Romans sei ein Feuerwerk an schwarzem Humor. Tatsächlich! Da kann man sich totlachen: Ein Mann entwickelt mit Hilfe eines indianischen Aphrodisiakums aussergewöhnliche Liebhaberqualitäten und fickt sich mit dem exotischen Mittelchen buchstäblich um den Verstand, Diagnose: Hirnschaden.


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