NZZ Folio 02/09 - Thema: Parallelwelten   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Wir kennen hier eigentlich alle Kunden»

© Lukas Egli
Annick Pernet, Les Ponts-de-Martel Linktext
Annick Pernet führt einen kleinen Salon in Les Ponts-de-Martel, einem Dorf im Neuenburger Jura. Einmal Haareschneiden, bitte!

Von Lukas Egli

Annick Pernet, Les Ponts-de-Martel, ist 33 Jahre alt. Sie lebt in Petit-Martel, einem Weiler im Neuenburger Jura. Sie ist seit sieben Jahren verheiratet und hat zwei kleine Kinder, drei und sechs Jahre alt. In ihrer Freizeit treibt sie gern Sport: Volleyball, Fahrradfahren, Langlaufen. Sie führt seit dreizehn Jahren ihren ­eigenen Salon, den sie nur sechs Monate nach Lehrabschluss eröffnet hat. Ihre Angestellte Carine Kämpf würde bei einem Vollpensum 3200 Franken verdienen.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Für die Buben an den Seiten kurz, auf dem Scheitel lang und nach oben geliert. Für die Damen hinten kürzer als vorne, so dass die Haare nach vorn fallen. Berühmte Vorbilder gibt es dafür nicht. Die Frauen bringen meist ein Modemagazin mit. Bei den Herren kann man sagen: George Clooney ist immer «à la mode».

Haben Sie viele Stammkunden?

Wir kennen hier eigentlich alle unsere Kunden. Es kommt natürlich immer mal wieder vor, dass Fremde den Weg zu uns finden, aber wir haben sehr wenig Laufkundschaft. Wenn die Kunden zufrieden sind, schliesst man bei uns rasch Freundschaft. Das ist sympathisch.

Was für Leute sind das?

Wir haben viele junge Frauen mit Kindern, meist Hausfrauen, mit einem kleinen Budget. Das spiegelt sich auch in den Produkten wider, die wir verkaufen.

Wie oft kommen die Kunden zu Ihnen?

Alle sechs bis zehn Wochen. Kunden mit gefärbten Haaren alle fünf bis sechs Wochen. Kunden, die wöchentlich kommen, haben wir kaum.

Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?

Mädchen, die nur Mode im Kopf haben. Die sehen ein Bild in einem Katalog und meinen, sie könnten genauso aussehen. Sehr anstrengend!

Haben Sie prominente Kunden?

Nein. Ich habe nur eine Uhrmacherin, die im Dorf bekannt ist: Cinette Robert von Dubey & Schaldenbrandt. Vielleicht habe ich ja welche und weiss es nicht?

Warum sind Sie Coiffeuse geworden?

Ich habe mich immer für Haarmode interessiert, und ich mag den Kundenkontakt. Eine Zeitlang wollte ich Kindergärtnerin werden. Aber ich war nicht sonderlich begabt in der Schule.

Wie haben Sie Ihr Handwerk gelernt?

Ich habe bei Coiffure Viviane in La Chaux-de-Fonds eine Damencoiffeuselehre gemacht – und eine Weiterbildung für Herren. Es war ein guter Lehrbetrieb. Wir durften in Zürich Kurse besuchen und konnten auch an Wettbewerben teilnehmen.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Die sind zurzeit sehr familiär: Ich habe zwei kleine Kinder.

Wer schneidet Ihre Haare?

Meine Angestellte Carine Kämpf.

Wem würden Sie gern die Haare schneiden?

Bundesrätin Micheline Calmy-Rey – um endlich ihre Frisur zu ändern! Manchmal sehe ich Leute am TV und denke: Was für ein schrecklicher Haarschnitt. Denen würde ich gerne die Haare schneiden.

Wann ist eine Frisur gelungen?

Wenn die Kundin sagt: Super!

Welche Reaktionen erleben Sie?

Wenn ich zufrieden bin, sind meine Kunden meist auch zufrieden. Die Unzufriedenen kommen einfach nicht mehr. Viele Alternativen haben sie im Dorf allerdings nicht (lacht).

Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?

Ja. Wenn jemand mit stark strapaziertem Haar noch mehr Mèches will.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Dorf?

Alles. Es gibt Sporteinrichtungen, eine Schule, Einkaufsmöglichkeiten. Hier hat jede Familie zwei oder drei Kinder, und das Verhältnis unter den Eltern ist gut.

Warum haben Sie Ihren Salon hier?

Es ist das Erdgeschoss des Elternhauses. Dass der Salon etwas ausserhalb liegt, ist kein Nachteil. Kunden, die nicht mehr gut zu Fuss sind, holen wir ab.

Wohin gehen Sie, wenn Sie ausgehen?

Wir gehen gern in Neuenburg oder La Chaux-de-Fonds essen.

Wo machen Sie Ferien?

Meist im Wallis, in der Nähe von Martigny. Uns zieht es immer eher in die Berge als an den Strand.

Sie leben in einer abgelegenen Region. Für die Jungen muss es schwierig sein, Arbeit zu finden.

Dafür findet man leicht eine grosse 4-Zimmer-Wohnung für 1000 Franken und ist schnell in Neuenburg, La Chaux-de-Fonds, Le Locle, im Val-de-Travers und im Val-de-Ruz. Für die Jungen ist das kein Problem.

Coiffure Océannick
Wäre da nicht das Werbeschild eines Shampooherstellers, man würde den Salon nicht finden. Er liegt etwas ausserhalb von Les Ponts-de-Martel, einem Dorf im Vallée des Ponts. Bedient werden Herren, Damen und auch Kinder.

Preis für einen Haarschnitt
Ein Herrenhaarschnitt kostet 29 Franken, ein Damenhaarschnitt 54 Franken.

Schweiz
Einwohner: 7,6 Millionen
BIP pro Kopf: 67 223 Fr.
Milch: 1 l 1.50 Fr.
Brot: 1 kg 5.80 Fr.
Kinobillett: 16 Fr.
Zigaretten: 6.40 Fr.
Taxi: 10 km 30 Fr.

Lukas Egli ist NZZ-Folio-Redaktor.

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