NZZ Folio 04/98 - Thema: Boomtown Moskau   Inhaltsverzeichnis

Der Meister und der Bürgermeister

Das Erfolgsduo Luschkow und Zereteli.

Von Barbara Kerneck

ZUM ZWEITENMAL rückt eine Schirmmütze ins Zentrum der russischen Geschichte. Im Sommer 1917 entdeckte Wladimir Iljitsch Lenin die Kopfbedeckung für sich als Markenzeichen, während er, als Arbeiter verkleidet, nach Finnland floh. Der heutige Mann mit Mütze ist nicht auf der Flucht, sondern auf dem Vormarsch. Viele sehen ihn im Jahr 2000 den Sessel des russischen Präsidenten einnehmen. «In meine Mütze ist ein Computer eingebaut», sagte der 61jährige kürzlich. «Der Schirm funktioniert als Akku und der Nippel als Antenne.» Juri Michailowitsch Luschkow, Stadtpräsident von Moskau, beantwortete damit die Frage, wie er es schaffe, alle seine Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen.

Der Chef der russischen Hauptstadt wurde im Zeichen des Planeten Jupiter geboren. Der, so wissen russische Astrologen, belohnt Bäuche und kugelrunde Köpfe unter silberschüsselblanken Glatzen mit Erfolg. Und jeder Satz aus Luschkows Mund beweist es: diesen Menschen beladen keinerlei Komplexe. Tatsächlich glotzen ihn die Leute nicht an, sondern hören ihm zu. Denn von Juri Michailowitsch erwarten sie Worte, die sich in Taten verwandeln. «Ein Politiker muss immer brodeln», fordert er, und seine zu den Ohren hin abfallenden Schlitzäuglein funkeln vor Selbstvergnügtheit wie Oliven in Öl.

Dass ihre Stadt Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre, als landesweit Versorgung und Transport zusammenbrachen, keinen Winter ungeheizt blieb und keine Nacht ohne Licht, halten die Moskauer für ein von Juri Michailowitsch Luschkow bewirktes Wunder.

Der Leiter eines Chemiekombinates war 1987 vom Ersten Parteisekretär Moskaus, Boris Jelzin, als Wirtschaftsmanager in die Stadtverwaltung berufen worden. 1991 wurde er zum Stadtdirektor befördert und nahm bald darauf, nach dem Rücktritt von Gawril Popow, dem ersten frei gewählten Moskauer Stadtpräsidenten, dessen Posten ein. Den verteidigt er erfolgreich: Bei den Kommunalwahlen 1996 erhielt Luschkow mit 90 Prozent Ja-Stimmen eine geradezu überdemokratische Legitimation.

Der rührige Stadtvater sorgt dafür, dass ihn seine Bürger auch dann nicht aus den Augen verlieren, wenn er durch einen offenbar für seinen Leibesumfang massgeschneiderten Gully in die Moskauer Kanalisation abtaucht. Gestern noch spielte er im Doppel mit Steffi Graf, heute schlägt er auf einer Galavorstellung im Zirkus Kapriolen. Dass er vor Gesundheit strotzt, bezweifelt niemand. Seit zwanzig Jahren rührt Juri Luschkow keinen Tropfen Alkohol mehr an. In erster Ehe verwitwet und bereits Vater zweier erwachsener Söhne, hat er in seiner zweiten Ehe mit einer Unternehmerin noch zwei Töchter gezeugt. Nun führt, fährt und schleppt er diese bei jeder Gelegenheit stolz spazieren.

Der Mann hat Moskau seinem Idealbild einer «zivilisierten europäischen Hauptstadt» zumindest optisch angenähert. Gleitet heute das Auge auf den noch vor fünf Jahren gähnend grauen Bummelboulevards die Fassaden entlang, sättigt es sich an Pastellfarben, Gold und Marmor. Wer zu Perestroika-Zeiten auf der autobahnähnlichen Ringstrasse das Moskauer Stadtgebiet umrunden wollte, plumpste mit seinem Gefährt von Krater zu Krater und vermochte die Wüstenei kaum fünf Meter weit mit den Scheinwerfern zu durchdringen. Heute zieht sich die makellose Betondecke derselben Kolzewaja Doroga, von Bogenlampen gesäumt, wie eine Milchstrasse um die russische Metropole.

Die Stadtbürger geniessen, auch dies dank Luschkow, lokale Finanzzuschüsse. Fast eine Million Rentner streichen monatlich 100 000 (alte) Rubel Moskau-Zuschlag zu ihren Pensionen ein. Über eine Million Schüler verspachteln ein subventioniertes Frühstück. 228 000 kinderreiche Familien und alleinerziehende Mütter werden mit einem Erziehungszuschuss bedacht.

Den 850. Geburtstag seiner Stadt im September 1997 machte Luschkow zum persönlichen Jubelfest. Zu den Galakonzerten vor den Kremlmauern und im Sportstadium Luschniki hatte zwar nur die Crème der neurussischen Gesellschaft Zutritt. Doch die Massen sollten nicht zu kurz kommen. Für alle sichtbar schwebten riesige Fesselballons über der Stadt. Einer wurde einem ganzen Kremlturm nachgestaltet, im Massstab 1:1. Und auf den Zuckerbäcker-Wolkenkratzer der Moskauer Universität projizierte Jean-Michel Jarre seine musikalisch-historische Lasershow zum Thema «Moskau auf dem Weg ins 21. Jahrhundert». MIT SICHEREM INSTINKT hatte Juri Luschkow erfasst, woran die postsowjetischen Hauptstädter leiden: an einem Mangel an öffentlichen Feiern. Gleichzeitig imponierte er mit seiner Fähigkeit, rasch finanzielle Ressourcen zu erschliessen. Seither stösst er auf Zweifel, wenn er immer wieder beteuert, er denke nicht daran, sich im Jahr 2000 in den Präsidentenwahlkampf zu stürzen. Schon gar niemand glaubt ihm, wenn er sagt, er sei kein Politiker, sondern nur «Chosjajstwennik» - Hausherr und Wirtschaftsfachmann.

Im Föderationsrat wird Moskaus Bürgermeister bereits als gesamtrussischer Politiker gehandelt. Den traditionellen Neid der Provinzler auf die privilegierte Hauptstadt bekämpft er mit Spenden. Moskau schenkt dem südrussischen Budjonnowsk ein neues Krankenhaus, betreut die russischen Truppen in Tadschikistan und baut an einem Atom-U-Boot in Sewerodwinsk mit. Die Stadt hat weit über hundert Verträge über wirtschaftliche Zusammenarbeit mit russischen Regionen geschlossen.

Längst webt der agile Propagandist sein politisches Beziehungsnetz über die Grenzen der Russischen Föderation hinaus. Er streicht dem belorussischen Diktator Lukaschenko um das gewichste Schnurrbärtchen und finanziert Wohnblöcke für die Matrosen der russischen Schwarzmeerflotte in der Krimstadt Sewastopol, die heute zur Ukraine gehört. Auf das Argument, dies sei eine aussenpolitische Angelegenheit, entgegnet er: «Sewastopol ist eine russische Stadt.»

Bei solchen Exkursen beruft sich der Bürgermeister gern auf die Meinung seiner Wähler. Doch in einem Falle ist sie ihm schnurzegal, wenn es nämlich um seinen Freund geht, den georgischen Maler und Bildhauer Surab Zereteli. Zeretelis Werk taxieren Kritiker aus dem demokratischen Lager als erstarrte Ideologie des bar aller Massstäbe vor sich hinwuchernden neorussischen Imperialismus. Die Kreationen des 64jährigen Künstlers verhunzen die ganze Stadt - von der in luftiger Höhe auf einem phallischen Obelisken aufgespiessten Viktoria über den 1995 zum Jahrestag des Weltkriegsendes angelegten Siegespark bis hin zum Tor des totalrenovierten Zoologischen Gartens.

Das Fass des Volkszorns zum Überlaufen brachte eine Statue Peters des Grossen, die 1997 auf einer Landzunge im Moskwa-Fluss gegenüber dem Kreml wie das Monster aus einem Horrorfilm über sechzig Meter hoch emporwuchs. Der Zar und Neuerer wirkt recht unrussisch in seiner römischen Legionärsuniform. Böse Zungen behaupten, Zereteli habe einfach einen Kolumbus umfunktioniert. Kolumbusse produziert er nämlich am laufenden Band.

Im Februar 1997 beantragte eine Moskauer Gruppe von jungen Künstlern und Studenten bei der Zentralen Wahlkommission die Genehmigung zur Durchführung eines Referendums über das Denkmal. Sie protestierten gegen die Methoden, mit denen der Bildhauer seine Projekte durchsetzt. Geht es um ein neues Denkmal, lassen Insider verlauten, werde in den städtischen Gremien selten darüber diskutiert, ob es ein Zereteli oder ein Nicht-Zereteli sein solle. Die Wahl bliebe meist nur noch zwischen dem einen oder dem anderen Zereteli.

Wer nach Gründen für diese Freundschaft sucht, wird fündig in Luschkows mittlerweile auch verfilmter Autobiographie «Moskau, wir sind deine Kinder». Als mittlerer von drei Söhnen eines Zimmermanns und einer Arbeiterin war der kleine Juri Michailowitsch im Kriege hungrig herangewachsen. Sein Leben spielte sich in einem Moskauer Hinterhof in einem Manufakturbezirk ab. In seinem Buch schreibt er: «Wenn irgend etwas mich von den anderen unterschied, so war es das Fehlen jeglicher Selbstbezogenheit, mein Verschmelzen mit der Umgebung. Ich war glücklich, dass ich in dieser Stadt lebte, in unserem Hof, und ich habe immer genau gewusst, dass der Ort, an dem ich lebe, der beste der Welt ist. Dieses Gefühl rührte keineswegs daher, dass wir, wie man heute sagt, die westlichen Disney-Länder nicht gesehen hatten.»

Das ästhetische Empfinden des Knaben bildete sich bei Ausflügen in eine benachbarte Kartonagenfabrik. «Dort machten sie Konfekthüllen, Schokoladepapierchen und was dergleichen Herrlichkeiten mehr sind. Die Süssigkeiten selbst wurden mir in meiner Kindheit nicht zuteil, dafür hat das Schicksal an mir mit Einwickelpapierchen nicht gespart.» Besonders angetan hatten es ihm die glatten, himmelblauen und goldenen Folien für die Konfektserie «Märchen Puschkins». Für das Schöne entbrannte hier eine Persönlichkeit mit besten Voraussetzungen für eigenes künstlerisches Schaffen. Sorgt sich doch Luschkow nicht allzuviel darum, wie er von anderen wahrgenommen wird. Und was er anpackt, gilt ihm als wichtigste Sache der Welt. Die Gassenjungengesellschaft des Hofes, der seine Weltsicht prägte, forderte von ihm allerdings zuerst einmal «Mutproben». Dazu gehörte zum Beispiel, den Feuerwehrmännern auf der benachbarten Wache die Tür anzuzündeln. Angesichts drohender Strafexpeditionen verteidigte man den Hof dann wie eine Festung.

Mit der Entscheidung für ein Chemiestudium wurden dem Künstler in Juri Michailowitsch die Hände gebunden. Doch in seinen originellen Lösungen für Verwaltungsprobleme zeigt diese unterdrückte zweite Natur ihren rührenden Lebenswillen. Kein Wunder, dass er zugriff, als ihm das Schicksal die Freundschaft einer verwandten Seele anbot - eines Künstlers mit politischen Talenten. AUCH SURAB ZERETELI ist wohlbeleibt. Er verströmt einen welkmäuligen Charme. Seine Werkstatt befindet sich heute in der prachtvollen historischen Residenz des georgischen Staates in Moskau. Noch unlängst diente der Palast der Bundesrepublik Deutschland als Botschaft. Als Anfang der neunziger Jahre Georgiens Präsident Swiad Gamsachurdia eine grosse Skulptur Zeretelis in Tbilissi demontieren liess, organisierte der Bildhauer in Moskau die Opposition und bereitete Eduard Schewardnadses Heimkehr als Präsident vor. Dessen feierlichen Einzug in Tbilissi begleitete er persönlich.

Zereteli und Luschkow kommen beide von folkloristischen Motiven nicht los. Ihre gemeinsamen Hauptstadtprojekte tragen den Charakter von Mutproben: wie hoch kann ich bauen und wie tief kann ich graben, ohne dass das Ganze einstürzt? Erraten wir hinter Luschkows Drang zum Monumentalen ein Streben, das Miniaturformat der Bonbonpapierchen zu kompensieren, steht Zereteli vor der schlichten Notwendigkeit, seine Produktionskapazitäten auszulasten. Denn was das Ausmass der Arbeitsteilung in ihren Werkstätten betraf, waren Leonardo und Rembrandt Waisenknaben im Vergleich zu ihm.

Schätzungen zufolge arbeiten direkt für Zereteli 450 Leute, Graveure, Formgiesser und Ingenieure. Ausserdem vergibt er reichlich Aufträge an zuliefernde Manufakturen. Neben dem neuen alten Palast hat der Meister auch seine bisherigen Werkstätten in Tbilissi und am Moskauer Twerskoj-Boulevard beibehalten. Er ist Anteilseigner der Fabrik Monumentalskulptura in Petersburg, wo er seine Bronzekolosse herstellen lässt, und hat eine Giesserei in Minsk gekauft. Ableger des Zereteli-Konzerns sind unter anderem die Moskauer Abteilung der georgischen Stiftung für Design, die Aktiengesellschaft Kolumbus, die Moskauer internationale Stiftung zur Unterstützung der Unesco, der Konzern Wunderpark, die Kunstgalerie Zereteli und das Internationale Designzentrum der russischen Akademie für bildende Künste.

«Zereteli», schrieb das Journal «Itogi», «ist bekanntlich schon lange kein Familienname mehr, sondern die Bezeichnung für eine äusserst mächtige Korporation, in der Geldmittel zirkulieren, die sich allem Anschein nach auf Hunderte von Dollarmillionen belaufen. Wenn jemand den Bürgermeister überzeugen kann, dann nur der Meister, und wenn jemand den Meister korrigieren kann, dann nur der Bürgermeister.»

Und weil er als Geschäftsmann und Organisator hinter dem Bürgermeister nicht zurücksteht, kann der Skulptor diesem eine ideale Sicherheit bieten: nie gibt es bei Zereteli Schwierigkeiten wegen fehlenden Materials oder Terminverzögerungen, und er ist liquide genug, um Materialkosten und Co-Honorare für seine Aufträge vorzuschiessen.

Genau wie das Stadtoberhaupt macht auch Zereteli gern Geschenke, die verpflichten. Sein grösster Kolumbus sollte - wie einst der Koloss von Rhodos - über einer Hafeneinfahrt aufgestellt werden. New York und Miami lehnten die Gabe nacheinander dankend ab, und das Zentrum der amerikanischen Ureinwohner hat sich inzwischen jegliche Aufstellung der Statue verbeten.

Unzimperlich war Luschkow, als er das umstrittene Remake der Christ-Erlöser-Kathedrale ertrotzte. Ein ordentliches Scherflein an die auf 250 Millionen Dollar veranschlagten Wiederaufbaukosten galt lange als Vorbedingung Nr. 1, um irgendwo in Moskau die Genehmigung zum Bau eines Gebäudes oder zur Restauration eines Ladenlokals zu erhalten. Die Innenausstattung der Kathedrale erfolgt unter der Leitung Zeretelis.

Das Referendum über die Statue Peters des Grossen konnte der absolutistische Bildhauer abwenden. Im Rahmen der Akademie der bildenden Künste rekrutiert er derzeit einen staatlichen Expertenrat für monumentale dekorative Kunst und das Design von Stadtlandschaften. Was Staatsaufträge betrifft - so Zereteli -, soll dieser Rat im Prinzip über ein Monopol verfügen. Des Meisters eigenes gegenwärtiges Lieblingsprojekt ist ein «Wunderpark» in Terechowo. An die Stelle dieses letzten alten Dorfes aus holzgeschnitzten Häuschen innerhalb der Moskauer Ringautobahn will er nun einen eintrittspflichtigen Vergnügungspark pflanzen. Also doch ein «Disneyland», aber kein westliches, sondern ein sehr russisches, eine Mischung aus Moskowien und Entenhausen. «Wenn ich kein Beispiel mehr gebe», sagt Zereteli, «wer wird denn dann noch arbeiten?» Der Satz könnte auch von Luschkow stammen. DIE KONTINUIERLICHE ZERETELISIERUNG der Hauptstadt ist garantiert, denn der Hofskulptor wurde Ende 1997 zum Präsidenten der Akademie der bildenden Künste gewählt. Niemand verschweigt, dass dafür kräftige Finanzspritzen ausschlaggebend waren, die er der siechenden Institution verpasste. Das Ereignis wusste Zereteli gebührend zu feiern - mit an die zweihundert Gästen im Hotel Metropol unter dem Gesang Josif Kobsons.

Auch Josif Kobson ist ein Freund Luschkows und zudem sein Kulturberater. Das FBI verweigert ihm hartnäckig die Einreise in die USA, weil es in ihm einen der Hauptvermittler russisch-amerikanischer Mafiakontakte sieht. Kobson streitet die Vorwürfe ab. Man muss sich allerdings fragen, in wessen Namen der Sänger handelte, als er sich 1994 öffentlich mit dem Vorschlag an die Moskauer Kriminalpolizei wandte, eine Art Burgfrieden mit den höchsten Autoritäten der Unterwelt zu schliessen. Diese - so Kobson - würden sich ihrerseits verpflichten, das kriminelle Fussvolk, die sogenannten Wanderheuschrecken, in Schach zu halten.

Juri Michailowitsch Luschkow selbst hat inzwischen zwei Dutzend Prozesse gegen Journalisten gewonnen, die ihm Mafiaverbindungen nachsagten. Dafür bekennen sich die Autoritäten der ehrenwerten Gesellschaft um so freudiger zu ihm. Schabtai Kalmanowitsch, der als einer der Organisatoren russischer Mafiaaktivitäten im Westen gilt und der wegen Spionage für die Sowjetunion sieben Jahre in einem israelischen Gefängnis sass, kehrte nach seiner Entlassung 1993 auf Einladung Josif Kobsons zwecks gemeinsamer Geschäfte nach Russland zurück. «Ich bin ein absoluter Luschkowianer», bekannte er, befragt nach seinen politischen Ansichten, und meinte: «Ja, auch wenn ich jetzt alles hinwerfen müsste, um ein halbes Jahr nur dafür zu arbeiten, dass Luschkow Präsident wird - ich täte es.»

Niemals lässt der Moskauer Stadtpräsident einen Zweifel daran, dass er die Erfüllung der Gesetze für die wichtigste Voraussetzung eines funktionierenden Gemeinwesens hält. Aber er stellt dabei immer klar, dass Moskau seinem eigenen Gesetz gehorcht. So war er nicht bereit, die Privatisierung der Moskauer Betriebe nach dem Plan seines Erzfeindes Anatoli Tschubais durchzuführen, und räumte der Hauptstadt ein besonderes Privatisierungsrecht ein. Dieses überträgt dem Moskauer Bürgermeister die Entscheidung über das Schicksal von Grundstücken, Gebäuden und regierungsunabhängigen Stiftungen.

Für solche Operationen gab es lange keinerlei parlamentarische Kontrolle. Nicht nur unter Tschubais, sondern auch unter Luschkow griff das Modell, demzufolge eine kleine Gruppe von Leuten einen gewaltigen Brocken eines prestigeträchtigen Stadtteils erhielt und sich in den dort von der Sowjetmacht errichteten Gebäuden installieren konnte. Aktien ihrer eigenen Betriebe bekamen nicht nur die Kollektive der Moskauer Fabriken, sondern - in besonders dicken Paketen - auch vom Bürgermeister ausgewählte «Unternehmer, die ihre Nützlichkeit für die Stadt schon unter Beweis gestellt» hatten. Die Anzahl der Moskauer Munizipalbeamten wuchs dabei weit über das sowjetische Mass.

Da Luschkow eine Zuzugsbeschränkung für die Hauptstadt braucht, gilt ihm die Meinung der Verfassungsrichter nichts, die für das Recht aller russischen Bürger auf freie Wahl des Wohnortes plädieren. Wer in Moskau seine Schwester aus der Provinz zu Besuch hat, muss sie unverzüglich polizeilich melden. Überdies lässt der Bürgermeister periodisch alle Stadtstreicher hundert Kilometer aufs Land hinausfahren und dort wieder aussetzen. Ganz nach der Maxime der Luschkowschen Biographie: unser Hof muss sauber bleiben!

Weit mehr als die Landstreicher leiden unter den Meldeschikanen Personen «kaukasischer Nationalität», die den Herren der Moskauer Wochenmärkte Konkurrenz machen. Gruppen von Milizionären veranstalten unter glutäugigen und dunkelhaarigen Personen beliebigen Geschlechts Razzien, schleppen sie regelmässig zwecks Feststellung ihrer Personalien auf die Reviere und prügeln sie dort windelweich. Ethnische Säuberung? Aber woher denn. Sind die Bürger etwa dagegen?

Schon werden Stimmen laut, wonach Luschkow als Präsident der Russischen Föderation nicht nur gewinnen könnte. Wohin, zum Beispiel, soll er die Landstreicher abtransportieren, wenn sein Hof nicht nur Moskau, sondern ganz Russland umfasst? Und käme er noch mit dem Geld aus, wenn es ihm die Nachbarn nicht mehr zuschusterten wie jetzt per Finanzausgleich zwischen der Föderation und ihrer Hauptstadt? Könnte es dann gar geschehen, dass nicht die Provinz so reich würde wie Moskau, sondern Moskau so arm wie die Provinz?

Barbara Kerneck ist freie Journalistin in Moskau; sie schreibt unter anderem für das «Kursbuch».


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