ZUR DEUTSCHEN SPRACHE haben in den letzten Monaten vier höchst unterschiedliche Instanzen einen jeweils bemerkenswerten Beitrag geleistet: Brigitte Bardot, die «New York Times», die Zeitung «L'Estel de Mallorca» und die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich.
Die Bardot lässt uns in ihren Memoiren wissen, den deutschen Playboy Gunter Sachs, später einer ihrer Ehemänner, habe sie mit seinen Freunden reden hören «in dieser gutturalen, wilden und keinen Widerspruch duldenden Sprache». Hübsch gesagt und schwer zu glauben: der Widerspruch wohl mehr eine Frage des Individuums, das Gutturale in Uri, Amsterdam und Kairo in höherem Grade zu Hause.
Wenn die deutsche Sprache aber «wild» sein sollte, so kann sie sich doch ebenso in einer flüsternden Zärtlichkeit entfalten, die viele Ausländer an ihr rühmen: Schmusen ist das Lieblingswort eines spanischen Journalisten, der in Deutschland lebt, es ist von einer Sanftheit, die seine Sprache nicht kennt - sie, in der selbst die Frau mit einem Rachenlaut benannt wird, mujer, zu schweigen von Krächzwörtern wie cerrajeria, der Schlosserei. Und Mark Twain, der viel Spott über das Deutsche ausgegossen hat, lobte seinen Reichtum an Wörtern für das Leise: surren, summen, sirren, schwirren, säuseln, rascheln, plätschern, raunen, wispern, rieseln.
In der «New York Times» prophezeite ihr Sprachkolumnist William Safire, in hundert Jahren werde Englisch die Muttersprache eines Drittels der Menschheit sein und für die anderen zwei Drittel die internationale Verständigungssprache - ein mit frischer Würze versehenes Englisch freilich, mit Importen angereichert, wofür Safire als Anleihen beim Deutschen Schadenfreude, Faulpelz und Fingerspitzengefühl empfahl. Andere zusammengesetzte Hauptwörter sind ja längst zu Dutzenden im englischen heimisch: Rucksack und Hinterland, Weltschmerz und Weltanschauung, Realpolitik und Ostpolitik, Katzenjammer und Götterdämmerung, Zeitgeist, Waldsterben, Vergangenheitsbewältigung und Fahrvergnügen. Auch unter den einfachen Substantiven haben sich einige den Weg ins Englische gebahnt: Angst, Lied, Kitsch, Ersatz und Gemütlichkeit.
Der «L'Estel de Mallorca» ist eine Zeitung in Mallorquin, einem Dialekt des Katalanischen, wie es in Barcelona gesprochen wird. Das Blatt hat sich an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die dabei ist, die Rolle der von Franco unterdrückten Regionalsprachen weiter zu vergrössern: In drei Sprachen, Katalanisch, Englisch und Deutsch, fordert es, Spanisch auf Mallorcas Schulen nur noch als Wahlfach zuzulassen, es als Pflicht aber durch Englisch oder Deutsch zu ersetzen: «Wir sind in Europa! Wir wolen besser Deusch oder Englisch als Spanisch!» heisst es in der deutschen Version des Aufrufs.
Auf Mallorca zu erstaunlicher Höhe gehoben und in New York immerhin mit einem Schulterklopfen versehen, wird das Deutsche von den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich auf den Boden der traurigen Tatsachen heruntergeholt. In ihrer Zeitschrift «Strom» ist eine Seite «That's it» enthalten, auf der man erfährt, dass «The Beep» einen «alphanumerischen Pager» bekommen hat oder dass eine MiniDisc, kleiner als jeder Discman, wo hineinpasst - in jede Handtasche? Nicht doch: in jeden Citybag. Dass sich da High-Tech für Freaks breitmacht, wird ja schon kaum noch als Englisch empfunden - wofür schliesslich hat die Schweiz fünf Landessprachen!
Nicht, dass es auf einer Seite «That's it» nicht auch deutsche Wörter gäbe. «Lavalampen sind praktisch unkaputtbar» zum Beispiel heisst einer der wenigen Sätze, in die das Englische sich nicht eingeschlichen hat. Aber so geht es eben, wenn man heute noch deutsch zu schreiben versucht: unkaputtbar schreibt man dann. Werbetexter haben das Unding ersonnen, «Deutschlands meiste Kreditkarte» stammt ja auch von ihnen; offenbar versprechen sie sich eine vermehrte Aufmerksamkeit, wenn sie die deutsche Grammatik fröhlich ruinieren.
Selbst in ihrem Sinne aber hat das einen Haken: Zwischen modischer Schul-Laxheit, zunehmender Lese-Unlust und hochmütigem Werbedeutsch zerrieben, wird die Grammatik immer mehr Zeitgenossen so wenig selbstverständlich, dass sie über kurz oder lang einen Verstoss gegen sie gar nicht mehr erkennen werden, der Werbung also ihre eigene Waffe aus der Hand schlagen. Sollten wir auf diese Weise den Tag erleben, an dem eben ein korrekter Satz aus deutschen Wörtern von den Umworbenen als Sensation empfunden würde? (Nur mal als Hinweis auf eine mögliche Werbestrategie von übermorgen.)
Werbung hin oder her - eine Kundenzeitschrift der Elektrizitätswerke hätte den Unfug ja nicht mitmachen müssen. Mit der Nachsilbe -bar lassen sich nur transitive Verben in Adjektive verwandeln: heilen - heilbar - unheilbar. «Unkaputtmachbar» wäre zwar nicht schön, aber immerhin korrekt; in Ermangelung eines Tätigkeitswortes wie kaputtieren steht aber fürs Kaputte das bar nicht zur Verfügung.
Hört das noch jemand? Spürt das noch jemand? Oder sollte das Deutsche schon irreparabel zerkaputtet worden sein, unganzbar sozusagen? Nun, ein paar Freunde hat es wohl noch, und mit ihnen allen rufen wir: «Wir wolen besser Deusch, von Miteleuropa meiste Sprache!»