KAUM EIN BAUWERK der modernen englischen Architektur hat die Stimmen der Kritik derart anhaltend polarisiert wie James Stirlings 1967 fertiggestelltes Gebäude für die geschichtswissenschaftliche Abteilung der Universität Cambridge. Lobte der Architekturhistoriker und Theoretiker des «new brutalism», Reyner Banham, die «beachtliche Verwegenheit», so zeigten sich andere Rezensenten verstört und irritiert, ja entsetzt. Nicolaus Pevsner, Doyen der britischen Architekturkritik, sprach gar von «Antiarchitektur».
Auf Ablehnung stiess nicht nur die ungewohnte Formensprache, sondern auch die Tatsache, dass der 1926 in Glasgow geborene Stirling seinen Bau in der traditionsreichen Universitätsstadt realisieren konnte. Dabei befindet sich das Gebäude keinesfalls in der von der Schleife des Flusses Cam umgebenen historischen Altstadt mit ihren weitläufigen College-Arealen, sondern westlich davon, auf dem Campus an der Sidgewick Avenue, der seit dem Ende der fünfziger Jahre nach einem Masterplan von Hugh Casson und Neville Conder entwickelt wurde. Unmittelbar südlich des Baus von Stirling steht der atriumähnliche, aufgeständerte Block der Sprachfakultät. Ihm gegenüber verhielt sich Stirling in der Tat schroff: zwar war er an den rechtwinkligen Raster des Masterplans gebunden, doch nahm er weder hinsichtlich der verwendeten Materialien noch mit der Gliederung der Volumina Bezug auf die Baukante von Casson und Conder. Eine Fassade im traditionellen Sinne existiert nicht; Stirling entwarf einen expressiven, plastisch bestimmten Solitär, der allerdings um 90 Grad gedreht zur Ausführung kam.
Gemeinhin wird der Bau, der nach einem Wettbewerbssieg 1964 zwischen 1965 und 1968 entstand, als «Bibliothek» tituliert, obwohl der Komplex auch Besprechungs-, Seminar- und Büroräume enthält. Diese doppelte Funktion als Institutsgebäude und Bibliothek lässt sich an der Baugestalt unmittelbar ablesen: zwei siebengeschossig hochragende, im rechten Winkel aufeinanderstossende Flügel umfassen den nach Südosten orientierten, um 1,2 Meter abgesenkten Lesesaal. Sein vieleckiger Grundriss setzt sich im vorgelagerten Flachbau fort. Ein fünffach abgestuftes Glasdach über dem Lesesaal vermittelt zwischen horizontalem und vertikalem Bauteil und verbindet diese.
Das Stufenmotiv hat der Architekt an der Nord- und Westfassade variierend aufgegriffen. Je nach Sichtweise strebt die Fassade in unregelmässiger Stufung empor - oder fällt kaskadenförmig ab. Weisse Profile gliedern die schmalen Fensterflächen; der enge Rapport verstärkt die vertikale Dynamik des Volumens. Die Rücksprünge der Fassade ergeben sich aus der Funktion der dahinter liegenden Bereiche: in den unteren Geschossen befinden sich Aufenthalts- und Seminarräume für die Studenten, darüber schmalere Bürozimmer für die Dozenten und die Verwaltung. Die Gänge sind zur Innenseite hin orientiert und ebenfalls verglast, so dass zwei rechtwinklig zueinander stehende Glaswände das im Zwickel bis zur vollen Gebäudehöhe ansteigende Glasdach des Lesesaals optisch hinterfangen.
In wirkungsvollem Kontrast zu den seriellen Glasstrukturen stehen die Sockelzonen und Stirnseiten des Winkelbaus mit ihren orangeroten Ziegelflächen. Sie rahmen die kristallinen Baukörper und verleihen ihnen optisch Halt. Indem Stirling die Ziegelflächen, um 90 Grad geknickt, als schmale Mauern über die Bauflucht hinaustreten lässt, gelingt es ihm, die Zäsur zwischen Arbeitsräumen und verglasten Gängen visuell zu artikulieren und zudem durch die entstehenden Schatten die Plastizität des Baus zu steigern.
Eigentliche Hauptfassade des Baus ist die Nordseite, welche durch vorgelagerte Annexe, vor allem aber durch zwei quadratische, an den Ecken abgeschrägte und mit ebenfalls orangeroten Fliesen verkleidete Türme besonders hervorgehoben wird. Durch Glasgänge in den einzelnen Stockwerken verbunden, enthalten die Türme Treppen und Aufzüge. Die Auslagerung von Funktionsräumen in turmartige Bauteile dürfte unmittelbar von dem kurz zuvor (1957-60) errichteten Richards Medical Research Building der University of Pennsylvania in Philadelphia inspiriert sein, einem Meisterwerk von Louis I. Kahn. Stirling befleissigt sich indes der Funktionstrennung nicht konsequent: An den Enden der Gänge, mithin in den Bau integriert, finden sich zwei weitere Treppenhäuser, die auch als Fluchtwege dienen.
Ein irritierendes Spiel treibt Stirling mit dem Eingangsbereich: weder die Freitreppe an der Nordostecke noch die Rampe im Norden führt zum eigentlichen Eingang, der sich unprätentiös und wenig auffällig unterhalb der Rampe auf Erdgeschossniveau befindet. An ähnlich verborgener Stelle gelangt man in Stirlings überragendes postmodernes Spätwerk, die Stuttgarter Staatsgalerie (1977-84).
Im Inneren wird die Bibliothek zum räumlich bestimmenden Faktor des Baus. Glaserker, Kanzeln und Sichtfenster ermöglichen von den Gängen aus Einblicke in den Lesesaal, der viertelkreisförmig möbliert ist. Die radiale Organisation setzt Stirling konsequent fort: nicht nur durch die Orientierung der zwischen äusserer und innerer Verglasung befindlichen Tragstruktur des Daches, sondern vor allem durch den auf Bodenniveau installierten Kontrolltisch, auf den die zweigeschossig angeordneten Regale ausgerichtet sind.
Nach einer auf Grund von dramatischen Schäden und Klimatisierungsproblemen schon in den achtziger Jahren nötig gewordenen Generalsanierung ist der bauliche Zustand - trotz einigen Veränderungen - relativ gut. Wer heute nach Cambridge kommt, mag angesichts der frühen Verrisse des Gebäudes erstaunt sein. Längst hat es seinen abweisenden Charakter verloren, wozu auch Norman Fosters geschickt zwischen den Solitären von Stirling und Casson/Conder vermittelnder Neubau der Juristischen Fakultät (1995) beigetragen hat.
Vielleicht lassen sich mit einigem Abstand und vier Jahre nach Stirlings Tod die Qualitäten des Baus in Cambridge deutlicher erkennen. Im Gegensatz zum brutalistischen Hauptwerk Stirlings, der Ingenieurabteilung der Universität Leicester (1957-63), die seinen Ruhm begründete, zeichnet sich das Gebäude in Cambridge durch eine Tendenz zur Zusammenfassung der Volumina aus. Bei allem Rationalismus mag die Vieldeutigkeit der Formensprache schon auf die Postmoderne vorausweisen, als deren britischer Hauptvertreter sich Stirling später profilierte. Wie eine gläserne Stufenpyramide, die inmitten von befestigungsartig anmutenden Wällen, Böschungen und Türmen emporwächst, erscheint das Gebäude von Norden; das Bibliotheksdach im Süden erinnert dagegen an viktorianische Glasarchitekturen.