NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Rückendeckung

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Schlechter als sich hinzulümmeln: die aufrechte Sekretärinnenhaltung. Linktext
Vor zehn Jahren zeigte eine gewagte Operation am Rücken: Die Ermahnungen der Orthopäden, sich aufrecht hinzusetzen, basierten auf falschen Messungen.

Von Reto U. Schneider

Am 9. Februar 1996 liess sich der Ulmer Orthopäde Peter Neef zwischen dem vierten und dem fünften Lendenwirbel ein Loch in die Bandscheibe bohren. Operationen am Rücken sind riskant und kommen nur als letzter Ausweg bei Patienten mit starken Schmerzen in Frage. Neefs Rücken war jedoch gesund, als er in der Alpha-Klinik in München auf dem Operationstisch lag. Das hatte eine eigens angeordnete Kernspintomographie vier Wochen vor dem Eingriff gezeigt.

Durch das Loch schob der Chirurg eine kleine Druckmesssonde zwischen die Wirbel. Neef hatte zuvor mit seiner Unterschrift bestätigt, dass er über die Gefahren dieser Prozedur im Bild war.

Mit der gewagten Intervention sollte eine Studie aus den 1960er Jahren überprüft werden. Damals hatte der schwedische Orthopäde Alf Nachemson bei 19 Patienten eine ähnliche Operation vorgenommen. Die Resultate seiner Druckmessungen begründeten die Rückenschule, wie wir sie heute kennen. Dass man sich zum Beispiel besser aufrecht hinsetzt, anstatt sich hinzulümmeln, wurde indirekt aus der unterschiedlichen Belastung der Bandscheiben im Sitzen und im Stehen gedeutet: Im Sitzen war der Druck fast eineinhalb Mal so hoch wie im Stehen. Also muss es rückenschonend sein, im Sitzen das Stehen nachzuahmen, aufrecht mit durchgedrücktem Rücken: Die Sekretärinnenhaltung war geboren.

Doch Biomechanikern kamen immer wieder Zweifel an Nachemsons Messungen. Der Druckunterschied zwischen Stehen und Sitzen liess sich nicht plausibel erklären. Zudem zeigten andere Studien, dass sich die Wirbelsäule nach dem Hinsetzen ausdehnt. Ein Hinweis darauf, dass sie entlastet wird.

Dass da etwas nicht stimmte, sah auch der Biomechaniker Hans-Joachim Wilke von der Universität Ulm. Für das Design von Rückenimplantaten brauchte er aber korrekte Daten. Auch Neef war an einer Messung der Belastungen interessiert.

Er empfiehlt vielen Patienten mit Rückenschmerzen, ihre Rückenmuskeln zu kräftigen. Ihn interessierte, welche Belastungen in seinen Trainingsgeräten auftreten. Neef und Wilke diskutierten immer wieder über die Widersprüche in den alten Daten. Schliesslich entschieden sie sich, die Messung zu wiederholen.

Eigentlich waren für den Versuch zwei Versuchspersonen vorgesehen. Doch bei der ersten, dem Basler Arzt Marco Caimi, rutschte die Drucksonde noch auf dem Operationstisch aus der Bandscheibe heraus. Weil diese Gefahr auch bei Neef bestand, modifizierte Wilke die Messtechnik, und Neef begann nach dem Eingriff mit den am wenigsten belastenden Übungen: liegen, sitzen, stehen, lachen, niesen. Dann folgten die Disziplinen bücken, seilhüpfen, joggen und eine Bierkiste heben. Auch die Belastung im Trainingsgerät und im Schlaf wurde gemessen. Am nächsten Morgen wären noch Flüge mit zwei verschiedenen Helikoptertypen vorgesehen gewesen, Rad fahren und am Presslufthammer stehen. Doch als Neef den Helikopter bestieg, rutschte die Sonde heraus, und das Experiment war zu Ende.

Die Resultate zeigten: Beim Liegen auf dem Rücken standen die Bandscheiben erwartungsgemäss unter dem kleinsten Druck. Bei entspanntem Stehen erhöhte sich der Druck um das Fünffache, blieb aber – anders als bei den alten Messungen – beim Sitzen im selben Bereich. Das für Laien überraschendste Resultat zeigte sich, als Neef immer tiefer in den Stuhl rutschte: Der Druck sank kontinuierlich und erreichte sein Minimum, als der Orthopäde eine Stellung zwischen Liegen und Sitzen eingenommen hatte, wie sie sonst nur Teenager und Rapper hinkriegen. Die Erklärung: Ein Teil der Last fliesst über die Rückenlehne ab.

Zwar dürfe nicht allein aus den Druckwerten auf die Schädlichkeit einer Haltung geschlossen werden, sagt Wilke, doch sollte die Rückenschule überdacht werden. Man sollte es Patienten nach Rückenoperationen selbst überlassen, welche Stellung sie einnähmen. «Die Leute finden von selber die für sie richtige Position», sagt Neef. Wichtig sei nicht die richtige Haltung, sondern, die Sitzposition zu verändern. Dadurch komme es zu keinen Verkrampfungen, und die Bandscheiben würden durch den Lastwechsel mit Nährstoffen versorgt. 




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