NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport   Inhaltsverzeichnis

Just do it!

Seit Jahrzehnten scheitert die mächtigste Industrienation der Welt daran, ein Berufsbildungssystem zu installieren. Kein Problem für begabte Autodidakten wie Steve Jobs und Bill Gates.

Von Peter Haffner

Wie man in Amerika Präsident wird, weiss jedes Kind. Wie aber wird man Koch, Coiffeur, Arztgehilfin?

In den USA gibt es keine Berufsbildung, wie sie in Europa üblich ist. Wer in einem Fachgeschäft die Kompetenz erwartet, die eine Lehre garantiert, muss mit Überraschungen rechnen. Meine verbogene Brille kriegte die Inhaberin des lokalen Optikershops nicht so hin, dass sie gerade auf der Nase sass, und ihre Kollegin im benachbarten Uhrenladen brachte es fertig, das Gehäuse meiner Uhr beim Batteriewechsel so zu zerkratzen, dass sie praktisch wertlos war. Es war eine schöne Casio, und sie hatte 9 Dollar 99 Cent gekostet.

Weniger leicht zu verschmerzen war, was mir in der Filiale einer Ladenkette für Autozubehör widerfuhr. Die Klimaanlage meines Chevrolet hatte den Geist aufgegeben, und in einem Anfall von Leichtsinn hatte ich mich entschlossen, sie selber zu flicken. Es brauche dazu, las ich in «Haynes Repair Manual», bloss ein «134 a Charging Kit». Ich kaufte eines, öffnete die Motorhaube und sah nach, wo ich es andocken sollte, als der Verkäufer hinzutrat und sich anerbot, es für mich zu tun, da er vom Fach sei. Es dauerte keine fünf Minuten, da hatte er beim Versuch, das Ding in eine Lücke im Motorraum zu rammen, die Hauptarterie des Kühlsystems getroffen. Eine giftgrüne Lache breitete sich aus, und mir blieb nichts anderes übrig, als das Auto in eine Werkstatt abschleppen zu lassen, wo man den halben Motor ausbaute, das Kühlsystem instand stellte und die Klimaanlage für irreparabel erklärte. Die Rechnung? Vergessen wir’s.

Daraus den Schluss zu ziehen, Amerikaner seien unqualifiziert, wäre falsch. Man darf nur nicht annehmen, dass sie für den Job, den sie ausüben, auch de jure und de facto geschult seien. Eine Berufsbildung gibt es in den USA durchaus, nur ist sie viel weniger formalisiert als in Europa. Rund zwei Drittel derer, die eine absolvieren, tun dies in einer privaten Ausbildungsstätte, einer «career school». Es gibt Culinary Colleges für angehende Köche, Hair Design Colleges für Coiffeusen oder Nursing Schools für Arztgehilfinnen. Wer in New York U-Bahn fährt, findet eine ganze Menge von Anzeigen über den Sitzen, die für solche Schulen werben mit dem Argument, nur sie brächten einen im Leben weiter und in der Lohnskala nach oben. Der Preis dafür sind erkleckliche Studiengebühren.

Der restliche Drittel jener, die einen bestimmten Beruf erlernen, tun dies an einem Community College. Ich staunte nicht schlecht, als ich zum ersten Mal das Vorlesungsverzeichnis des Mendocino College an meinem Wohnort durchblätterte. Da gibt es Lehrgänge für eine Ausbildung zum Fitnesstrainer, Bademeister oder Schweisser, zum Pilzkenner, Bierbrauer oder auch bloss zum «kritischen Denker». Einschreiben kann sich, wer will. Mein Nachbar, Angestellter der Spitalverwaltung, fand auf dem Höhepunkt des Immobilienbooms, er müsse auch mit Häusern handeln, und buchte einen Kurs für Makler. Er war noch nicht fertig damit, da platzte die Blase, und so verzichtete er auf den Erwerb der Lizenz, die für Immobilienhändler wie auch für Bauunternehmer, Elektriker oder Sanitärinstallateure erforderlich ist.

Wer Elektriker werden will, kann auch beim Berufsverband, einer Vereinigung mit dem frohen Namen «International Brotherhood of Electrical Workers», eine bis zu fünf Jahre dauernde Lehre absolvieren. Vorkenntnisse sind keine erforderlich, das Mindestalter ist 18, eine Altersobergrenze gibt es nicht. Als Elektrikerlehrling arbeitet man bis zu vierzig Stunden pro Woche unter Aufsicht eines Gesellen, dazu kommen sechs Stunden Unterricht im Klassenzimmer. Es gibt Lohn und Sozialleistungen. Wer das Diplom in der Tasche hat, gilt als hoch qualifiziert und kann einen Tarif verrechnen, der dem eines Anwalts nicht nachsteht.

Privatschulen, Community Colleges und Gewerkschaften offerieren eine Ausbildung, die fachlich vergleichbar ist mit der Berufslehre, jedoch nicht wie diese die Allgemeinbildung pflegt. Was Amerika aber noch mehr von Europa unterscheidet, ist das weitverbreitete «learning by doing». Arbeitgeber achten weniger auf fachliche Qualifikationen der Bewerber als auf Persönlichkeit und allgemeine Fähigkeiten. Man nimmt an, dass jemand, der nicht auf den Kopf gefallen ist und etwas in seinem Leben ausprobiert hat, sich die nötigen «job skills» aneignen wird. Da der amerikanische Staat viel weniger um seine Bürger besorgt ist als der europäische Wohlfahrtsstaat, sind Amerikaner generell initiativer und flexibler, was ihre Lebensgestaltung betrifft. Mag das hohe Mass an Freiwilligenarbeit, das schon dem französischen Historiker und Politiker Alexis de Tocqueville auffiel, sich auch der Not verdanken – es ist Teil der Karriereplanung. Selbst wenn der College-Abschluss den Ausschlag gibt: im US-Curriculum zählt, wie man sich engagiert, wo man Erfahrungen gesammelt hat.

Daraus resultiert eine weitere Besonderheit: Man ist nie zu alt für etwas Neues. Es verblüfft mich immer wieder, wie selbstverständlich Leute mittleren Alters über einen radikalen Wechsel ihrer Tätigkeit reden und ihn oft auch vornehmen. In Community Colleges findet man Fünfzigjährige, die nicht wie die Besucher etwa der Volkshochschule einfach ihren Horizont erweitern, sondern sich auf eine neue Karriere vorbereiten wollen. Oder müssen: Für viele meiner Freunde ist «Kündigungsfrist» ein Fremdwort. Gefeuert werden kann man in den meisten Jobs von einem Tag auf den anderen. Ebenso schnell findet man meist wieder einen neuen, zumindest in normalen Zeiten. Jetzt, in der Krise, ist das nicht der Fall. Die schlecht Ausgebildeten trifft es besonders hart, weil das soziale Auffangnetz fehlt.

Es hat immer wieder Versuche gegeben, ein duales Berufsbildungssystem einzuführen, wie es die Schweiz kennt. Um zu verstehen, warum alle gescheitert sind, muss man in die Anfänge Amerikas zurückblenden. Die junge Nation sah die Schulbildung als Mittel der Erziehung zum Bürger, zur Schaffung einer gemeinsamen Identität, die unabdingbar war, damit sich die Immigranten verschiedener Länder, Kulturen und Religionen als Angehörige desselben Gemeinwesens verstehen lernten. Die aus der Kolonialzeit stammende Lehrlingsausbildung war zweitrangig. Von den Anfängen der Sklavenhaltergesellschaft bis zum modernen, von einem schwarzen Präsidenten geführten Amerika ging das Streben nach Chancengleichheit dem nach sozialer Gleichheit vor. So sind hochbegabte Kinder aus armen Verhältnissen an den teuren Eliteuniversitäten sehr willkommen, während man sich für die solide Grundausbildung der Massen kaum so richtig zu erwärmen vermag.

Auch die Sozialpartner tun sich schwer mit der Berufsbildung. Die Arbeitgeber, in den USA nicht in Verbänden organisiert, haben kein Interesse, Jugendliche über die Bedürfnisse ihrer eigenen Firma hinaus zu schulen wegen der drohenden Abwerbung durch Konkurrenten, die höhere Löhne bieten können, weil sie sich die Ausbildungskosten sparen. Der niedrige Organisationsgrad macht es den Gewerkschaften ihrerseits schwer, etwas auszurichten. Und die Lehrergewerkschaften befürchten die Beschneidung ihrer weitreichenden Kompetenzen, wenn sie mit Unternehmensvertretern kooperieren.

Einem staatlichen Engagement wiederum steht der konstitutionelle Föderalismus Amerikas entgegen. Die USA werden als eine Supermacht wahrgenommen, die mit einer Stimme spricht und autoritativ handelt. Innenpolitisch jedoch sind sie in ein heilloses Wirrwarr einzelstaatlicher, regionaler und lokaler Kompetenzen verstrickt, die oft im Konflikt miteinander stehen. Selbst die Bundesregierung ist gespalten, wie der deutsche Historiker Matthias Kreysing in seiner Dissertation «Berufsausbildung in Deutschland und den USA» darlegte. So ist das Bildungsministerium auf Ziele wie «Zugang» und «Gerechtigkeit» aus, das Arbeitsministerium hingegen auf «Arbeitsmarktfähigkeit».

Die Nachteile dieses Nichtsystems sind in den USA früh erkannt worden. Die Stärke der Industrienationen Europas wurde nicht zuletzt der Tatsache zugeschrieben, dass ihre Betriebe mit Facharbeitern versorgt werden und Jugendliche nahtlos von der Schule ins Erwerbsleben wechseln. Der 1983 unter dem Eindruck der Rezession publizierte Bericht «A Nation at Risk» gab der Debatte neuen Schwung. Präsident Bill Clinton versprach die Schaffung eines «national apprenticeship system» nach europäischem Vorbild, was in der «School-to-Work Opportunities Act» resultierte. Weil das Gesetz den Gliedstaaten erlaubte, auf bestehenden Programmen aufzubauen, vermochten die lokalen Autoritäten indes den Status quo und damit ihre Macht zu wahren. Die Auflage, dass drei Kernelemente berücksichtigt werden müssen – «school-based learning», «work-based learning» und «connecting activities» –, war nach Belieben zu interpretieren.

Was hat das für Folgen? Im Vergleich zu Europa ist die US-Praxis chaotisch, aber flexibel. Sie ist gut für Individualisten und schwierig für Leute, die ihre Chancen nicht nutzen können und nicht von einem der zahllosen Programme für benachteiligte Minderheiten profitieren. Als Einwanderer tut man gut daran, sich zu versichern, wie qualifiziert jemand ist, dessen Dienste man in Anspruch nimmt. Im Salon meines Coiffeurs hängt ein staatliches Zertifikat des «Board of Barbering and Cosmetology», das für James ebenso wichtig ist wie für Bond die Lizenz zum Töten: Es erlaubt ihm, das Rasiermesser zu benutzen, um Nacken und Schläfen zu säubern. Das Barber College, an dem James die Waffenhandhabung während zehn Monaten gelernt hat, hat ihn 5700 Dollar gekostet.

Wer weder Berufsbildung noch Collegeabschluss hat, muss sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit einem «Paper or Plastic»-Job begnügen, benannt nach der Frage, die einem die Hilfskraft an der Supermarktkasse stellt, bevor sie die Waren in Säcke packt. Hat man seine Ausbildung leichtsinnig abgebrochen, sieht man sich mit dem Problem konfrontiert, eine Stelle zu finden, die ein geregeltes Einkommen garantiert. Drop-outs wie Steve Jobs, Michael Dell und Bill Gates können ein Lied davon singen.

Peter Haffner ist Korrespondent des «Tages-Anzeiger-Magazins» in Kalifornien.

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