«WER HIER ABSTAUBT? Das fragt jeder, der herkommt. Und das sind viele, es ist ein offenes Haus, man kann es anschauen kommen. Der Wind staubt es ab! Die Seifenblasen! Mit den Seifenblasen habe ich übrigens ein ganz neues Problem entdeckt: Wie putzt man Seife weg? Mit Wasser zusammen wird sie immer mehr! Die Seifenblasenmaschine ist das, was wie die Rückseite eines alten Radios aussieht. Sie läuft über den Lichtschalter. Wenn wir beim Nachhausekommen unten den Lichtschalter betätigen, dann gibt es Licht, Seifenblasen und Musik, die Jupiter-Symphonie. Bis vor acht Jahren, bis zum Tod von Zbigniew Stok, mit dem ich achtzehn Jahre zusammengelebt hatte, war es Chopin.
In dem Chaos ist durchaus Ordnung. Die Dinge sind ja nicht nur Dekoration, das ganze Haus ist ein Schrank, ist Magazin, Werkstatt, Wohnung, Ausstellungsraum. Von Zeit zu Zeit werden die Kostüme im Theater wieder gebraucht, dann werden sie vorher gewaschen. Das weisse Spitzenkleid hat zum erstenmal vor ungefähr fünfzehn Jahren in Ionescos «Stühlen» gespielt. Vor zwei Jahren trug ich es leicht abgewandelt in der Rolle der Tante in einem Wilhelm-Busch-Abend. Die Totenmaske stammt aus dem Grimmelshausen. Ich wandle oft Requisiten ab, wenn ich sie in einem anderen Stück verwende. Ich entwende sie. Sie haben alle eine Doppel- und Dreifachidentität. Manchmal ist im ganzen Haus ein einziges Murmeln.
Bevor wir hier einzogen, hatten wir in einer kleinen Dreizimmerwohnung im Kreis 6 gewohnt. Wir suchten damals ein Magazin für die wachsende Menge von Dingen aus unserem Theater und fanden dieses Haus. Und stellten fest: da kann man ja auch wohnen! Riesig gross, alles da: Wasser, Heizung! So zogen wir ein, an Möbeln hatten wir gerade ein behelfsmässiges Bett, einen Tisch und zwei Stühle. Dafür jede Menge Theaterplakate und andere Requisiten.
Das Haus gehört dem Kanton. Es wurde uns als Abbruchobjekt überlassen, für ungefähr zwei Jahre. Es hätte dem Strassen-Y weichen sollen, das damals in Diskussion war. Die Prognose jetzt? Immer noch etwa zwei Jahre. Es ist ungefähr hundertzwanzig Jahre alt, ein Textilfabrikant hat es gebaut. Man merkt dem Haus immer noch an, das es besseren Leuten gehörte. Es hat ein Türmchen und ein schönes Schmiedeeisengeländer am Balkon und Klingeln in drei Mansarden hinauf. Ich kann da jetzt lange läuten, und es kommt niemand. Jedenfalls kein dienstbarer Geist für den Haushalt, anderweitig dienstbare Geister irgendwie schon. Bevor wir einzogen, hatte das Haus jahrelang leer gestanden, wurde temporär als Ausstellungsraum oder Magazin genutzt. Es war voller Mäuse und voller Charme.
Das Parterre ist an eine Sanitärfirma vermietet. Im ersten Stock ist unsere Wohnung. Das Musikzimmer, in dem wir alle Instrumente aufbewahren und zum Beispiel auch die Tasten des Klaviers, das nicht mehr zu stimmen war und das jetzt ausgeschlachtet als Bar im Theater steht. Dann der Rittersaal: Rittersaal, weil das Zimmer getäfert ist und wir die Masken aus «Ritter, Tod und Teufel» nach C. F. Meyer dort aufbewahren. Er ist unser Esszimmer. Dann der Raum mit den alten Spielsachen und den Büchern. Das Schlafzimmer.
Und natürlich das Atelier, dort wird genäht, gemalt, gehämmert, geklebt. Dort hat letztes Jahr unser Kanarienvogelpärchen in einer Perücke fünf Eier ausgebrütet. Und Sie dachten, das Vogelgezwitscher gehöre irgendwie zur Seifenblasenmaschine?
Oben ist ein grosser Estrich, der jetzt die Ausstellung der Geschichte unseres Theaters enthält, Fotos, Dokumentationen. Die Idee ist, dort auch einmal Lesungen durchzuführen. Weiter gibt es zwei Mansardenzimmer, beide voll von Plakaten, Textbüchern, Requisiten, sowie das Turmzimmer, in dem ein Gästebett steht. Und nicht zu vergessen unsere Dachzinne mit Blick auf die ruhig fliessende Sihl und die diagonal darüberführende stillgelegte Eisenbahnbrücke, die jetzt zu einem Fussgängerweg umfunktioniert wird, und zur anderen Seite auf den stark befahrenen Sihlquai. Im Keller lagern unter anderem 300 Kilogramm Sonnenblumenkerne, mit denen im «Märchen vom letzten Gedanken» der Bühnenboden ausgelegt war. Wenn die einmal feucht würden und ausschlügen . . . und das ganze Haus um Sonnenblumenhöhe anheben würden . . . Nein, die Mäuse haben die Kerne noch nicht entdeckt. Es sind gebildete Mäuse, die leben von geistiger Nahrung.
Wohin ich mit all den Sachen soll, wenn ich hier einmal ausziehen müsste? Darüber mache ich mir keine Gedanken. Vielleicht findet man das Haus, so wie es jetzt ist, so grossartig, dass man es samt Bewohnern unter Denkmalschutz stellt? Ich wüsste ja nicht nur nicht wohin mit den Dingen, sondern auch mit mir. Es gibt halt nichts Sicheres auf der Welt, nichts für immer. Und das ist vielleicht auch gut so. Mit diesem Haus ist es wie mit der Liebe. Es ist jetzt da, also nimm's jetzt!
Die Gartenzwerge hier auf der Treppe haben auch schon Theater gespielt. Sie sind von der Migros, ich habe sie umgestrichen. Ja, sicher mache ich alles selbst! Alles, auch alle Plakate. Siebzehn Gartenzwerge, und die Frau an der Kasse hat einen nach dem anderen getippt. Einmal habe ich für ein Theaterstück aus dem Schlachthaus Knochen gebraucht. Der Chef war begeistert, dass seine Knochen Theater spielen sollten, und lieferte sie uns kistenweise, alle geputzt, aber noch feucht. Wir legten sie zum Trocken auf allen Fenstersimsen aus. Da haben sich die Leute sicher gefragt: Du meine Güte, wer mag da bloss wohnen?»