DIE BAND IST GUT, sehr gut sogar: «Choo choo ch' boogie», «Caledonia» und allerhand andere Perlen des Rhythm & Blues trägt sie mit Dynamik und Charme vor, ganz als wären es die eigenen Lieder. Durch einen Spalt im schweren Plüschvorhang sieht man, wie die Passanten stillstehen, hereinschielen, sich endlich einen Ruck geben - und voller Staunen in eine Halle treten, die mit ihren Goldstukkaturen, den altmodischen Spiegeln und dem lodernden Kaminfeuer ganz den Vorstellungen von einem Edel-Pub entspricht. Ein Elvis-Medley, «Monster Mash» - die Band kocht, das Publikum schwitzt.
Da steht plötzlich ein Mann vor dem Sänger (ein ganz unauffälliger Mann). Der Sänger beugt sich zu ihm hinunter. Der Mann flüstert ihm etwas ins Ohr, der Sänger flüstert zurück. Der Mann flüstert von neuem. Der Sänger zuckt die Schultern. Die Band stoppt, es wird still. «Sing einen Rebel Song!» gebietet der Mann. «Aller Rock'n'Roll ist Rebellenmusik!» witzelt der Sänger nervös.
Da wird der Mann zur Furie. Er packt den Sänger an der Gurgel und schüttelt ihn mit der Passion eines Besessenen. Der Mann und seine Freunde werden hinausbugsiert, der Sänger singt weiter, mit hochrotem Kopf und mit Fingerabdrücken am Hals. Er und seine Band, die völlig apolitischen «Jump Bump'n'Boogie», sind soeben Opfer der Unruhen in Nordirland geworden. Dies, obwohl sie aus Cambridge, England, kommen und im «Black Lion» an der Kilburn High Road spielen, und die befindet sich mitten in London. Dies auch, obwohl der Friedensprozess in Nordirland doch schon längst am Rollen ist.
«Rebel Songs...», seufzt Geordie, «dafür aus dem Haus gehen würde hier keiner mehr. Es gibt nur noch eine wirkliche Rebel-Band, die <Irish Brigade>. Das sind Opportunisten, die einzig davon profitieren, dass die Fanatiker aufgepeitscht werden wollen. Sie betreiben emotionelle Publikumsausbeutung. Ich hasse die Band von ganzem Herzen - dabei sehe ich mich auch als Republikaner!»
Geordie, ein stämmiges, optimismusgetriebenes Energiebündel, gehörte vor acht Jahren zu den Initianten des «Feile an Phobail», zu deutsch Volksfestival von West-Belfast. Zu West-Belfast gehören all die Strassen, die während der «Troubles» als Herd republikanischer Militanz durch die Weltmedien gingen: Falls Road, Shankill Road, Andersonstown Road. Jedes Jahr in der Woche um den 9.August, den Jahrestag der Einführung des internment - der Gesetzesregelung, die es ermöglichte, jemanden auf Verdacht hin festzuhalten -, findet in diesen Strassen nun das «Feile» statt, ein Festival, das neben viel Musik auch alles andere bietet: vom französischen Alternativzirkus bis zum Malkurs für Pensionäre. «1988 hatten die <Troubles> eine neue Intensitätsstufe erreicht», sagt Geordie, «die Medien stellten West-Belfast als Stadtteil der Barbaren, Mörder und Extremisten dar. Diesem negativen Bild wollten wir ein positives entgegenstellen. Im ersten Jahr war es kein Erfolg. Niemand kam. Und letztes Jahr hatten wir dann eine halbe Million Besucher.»
Das Festival sollte mithelfen, aus der Isolation, in welcher Belfast über die achtziger Jahre hinweg lebte, auszubrechen. «Als die <Troubles> richtig anfingen, kamen keine Bands mehr nach Belfast. Sie hatten Angst - tatsächlich wurde ja das Hotel Europa alle paar Monate ausgebombt. Der Durst nach Musik aus der ganzen Welt ist jetzt enorm!» Eingeladen werden Bands, von der sich die Organisation eine Geistesverwandtschaft erhofft - Bands wie die gemischtrassigen «Mano Negra» aus Frankreich, der Reggae-Dichter Linton Kwesi Johnson aus London oder «Dave Arden & Altogether», australische Ureinwohner.
Dennoch erfordert die Zusammenstellung des Programms Gefühl. Letztes Jahr etwa musste die New Yorker Damengruppe «Morning Star» angewiesen werden, ihre republikanischen Lieder aus dem Programm zu streichen, das sie in einer Halle spielen sollte, in der ein gemischtes Publikum erwartet wurde. Geordie: «Wir wollten ja nicht unnötig provozieren!» Damit «Morning Star» doch noch ihre Militanz demonstrieren konnten, wurde eilig ein zweites Konzert in einer anderen Lokalität organisiert.
Die Tradition des Rebel Song reicht ins 17. Jahrhundert zurück. Damals wurde Irland von der englischen Mode gesungener Balladen ergriffen. Mit dem Feldzug des die (protestantische) Kirche von England vertretenden Königs Wilhelm (III.) von Oranien gegen die katholischen «Jakobiter» von Irland wurden diese Balladen zu Allegorien für die politische Situation: die Ballade vom protestantischen Gigolo, der sich an der katholischen Jungfrau vergreift, um sie dann im Stich zu lassen oder gar zu ermorden. Oder vom ehrwürdigen Protestanten, dessen Liebe zu einer Katholikin durch die Umstände zur Tragödie wird.
Anfang dieses Jahrhunderts, im Umfeld des Kleinkrieges zwischen den irischen Nationalisten und der britischen Armee, erlangten diese Balladen neue Bedeutung, als die Republikaner daraus moderne Rebel Songs machten, von der Musik her traditionelle Lieder mit zeitgenössischer politischer Aussage.
In der heutigen Republik Irland gehören diese Lieder zum Nostalgierepertoire von Bands wie den «Wolfetones», die noch in den siebziger Jahren eine bestsellende LP mit dem Titel «Rifles For the I.R.A.» veröffentlichen konnten. Im Norden hingegen wurde das leicht anders verstanden. Jetzt, im Klima des «Peace Process», ist der Rebel Song in Ulster schon fast ein Tabu. Robbie Hannan, ein Virtuose auf den Uillean Pipes und Kurator des Irish Folk & Transport Museum in Holywood bei Belfast, meint dazu: «Es wird wohl schon irgendwo Leute geben, die Rebel Songs spielen. Aber in der Folkszene sind sie eine verschwindende Minderheit.»
«Black 47» sind eine New Yorker Hip-Hop-Gruppe irischer Abstammung. Ihre Lieder vermischen den Inhalt der Rebel Songs mit Rap. Sie sind extrem populär - jedenfalls in den Vereinigten Staaten. Terri Hooley hat sie vor kurzem in New York live erlebt. Die Erinnerung an ihre blutrünstigen, heroisch-republikanischen Texte versetzen ihn immer noch in Rage: «Solche Leute wollen nicht, dass der Waffenstillstand hält! Komisch: Iren im Ausland vergessen rasch, wie schlimm die <Troubles> waren, und sehen sie plötzlich in einem ganz schiefen Licht.» Terri Hooley kennt jeder. Heute führt er an der Nummer 54, Howard Street, den Plattenladen Vintage.
In den siebziger Jahren verhalf Hooley den Punks von Ulster mit seinem handgestrickten Plattenlabel Good Vibrations zu einem ersten Sprachrohr und mit dem gleichnamigen Plattenladen zu einem Ort, an dem sie sich treffen konnten: «Die Punks brachten Leben in die Stadt zurück», erinnert sich Terri, ein Bär von einem Mann, dessen einstige Hexenbesenmähne einem dezent gekürzten Helm von Grau gewichen ist. «In den sechziger Jahren hatte es hier noch von Bands gewimmelt. Es gab 80 Klubs und viele Konzertlokale. Sie gingen alle ein, weil alle Angst bekamen. Als die Punks kamen, war die Situation desperat. Es gab nichts in der Stadt. Die Punks scherten sich nicht um die Unruhen und fingen an, das Stadtzentrum neu zu bevölkern.» Good Vibrations veröffentlichte die ersten Platten unter anderen von den «Undertones» aus Derry, «The Outcasts», «Rudi», «Moondogs» und von Terris polemischen Gedichten. Praktisch keine dieser Bands berührte die «Troubles» in ihren Texten. Hooley: «Erstens waren viele Bands gemischt. Und zweitens wollte man lieber Leim schnüffeln und ein Mädchen finden.»
Nicht nur die «Heimwehmilitanz» von Amerika-Iren, auch die Versuche von Iren (Sinead O'Connor, «The Cranberries») und Engländern (etwa Paul McCartneys Single «Give Ireland Back To The Irish» von 1972) werden in Nordirland scheel angeschaut. «McCartney hatte keine Ahnung» und «Sinead - die Arme hat auch sonst Probleme» sind noch die freundlichsten Kommentare dazu. Michael McKeegan von der Gruppe «Therapy?» sieht die Sache so: «Wer den <Troubles> in Songs gerecht werden will, müsste mindestens ein Box-Set mit 24 Alben machen.»
Dennoch gab es zwischen 1975 und 1985 zwei wichtige Rockbands mit politischen Texten: einerseits «Stiff Little Fingers» - sie genossen in Ulster wenig Glaubwürdigkeit, weil sie ihre Texte von einem englischen Journalisten verfassen liessen - und andererseits «Ruefrex». «Ruefrex» waren eine protestantische Band - auch sie fanden ihr erstes Heim bei Good Vibrations. «Meine letzte Erinnerung an Terri ist, wie er mir einen Stuhl über den Kopf hauen wollte!» erzählt lachend Paul Burgess, der Schlagzeuger und Texter von «Ruefrex», jetzt Soziologiedozent an der Universität von Cork, Eire. «Die Äusserungen von unseren katholischen Altersgenossen passten gut in die Anti-Staats-Haltung, die unter Teenagern ja überall populär ist. Die protestantische kulturelle Identität aber findet in Nordirland oft einen staatlich unterstützten Ausdruck. Für einen Teenager war das eine verwirrende, einschüchternde Situation. Die Punk-Rebellion war ein ideales Ventil, diese Frustrationen abzulassen.»
Burgess spielt hier auf die archetypische Musik des protestantischen Nordirland an: auf die Bands, die ihren Ursprung in der Militärtradition haben und sich ausschliesslich aus Flageoletts und Trommeln zusammensetzen. Diese Bands haben ihren grossen Tag jeweils am 12. Juli, wenn sie zur Feier der Schlacht an der Boyne durch die (leeren) Strassen der katholischen Viertel defilieren und dabei so viel Krach wie nur möglich machen. Das ist ein in der Tat schauerlich-beeindruckendes Spektakel - zumal am Vorabend auf Scheiterhaufen Puppen von Päpsten und irische Flaggen verbrannt werden. Burgess war als Knirps bei einer solchen Band: «Am Anfang war man noch zu jung, um zu merken, was da vor sich ging», erzählt er, «aber dann wanderten mehr und mehr Mitglieder wegen Waffenbesitzes ins Gefängnis, da gingen mir die Augen auf.»
«Ruefrex» schrieben zum Beispiel den Song «The Wild Colonial Boy», in dem der Heimwehpatriotismus an den Pranger gestellt wird: «It really gives me quite a thrill / to kill from far away» sangen sie und erfreuten sich damit in Ulster und England grossen Respekts. Viele scheuten wohl auch deswegen vor politischen Texten zurück, weil man eine tiefsitzende Angst davor hatte, im sozialen Umgang irgendwelche Konfrontationen zu provozieren, meint Burgess. «Einmal, als wir in London waren, riefen mich meine Eltern an, bei ihnen seien Billardkugeln durchs Fenster geflogen. Heute glaube ich, dass die Täter Jugendliche waren, die sich darüber ärgerten, dass andere etwas erreicht hatten.»
Es hat auch finanzielle Gründe, dass gerade im Umfeld des Rock, wo Konfrontation seit langem zur traditionellen Publicity-Maschinerie gehört, kaum über die «Troubles» gesungen wurde: Wer Stellung bezog, war mit einem Schlag die Hälfte seines Publikums los, waren doch die meisten Rock-Lokalitäten mixed. Finanznot und «Troubles» verhalfen zusammen einer anderen Art von Band zu ungemeiner Popularität: der Cover-Band. Cover-Bands - eine Weiterentwicklung der Show-Bands, die noch immer die Runde in den Tanzschuppen im Land machen - sind Gruppen, die gängige Hits und Evergreens notengetreu nachspielen und damit in den Pubs von Ulster das Zehnfache von dem verdienen, was eine Band mit Originalrepertoire bekäme.
Waffenstillstand, Friedensprozess und alles, was damit einhergeht, haben die Musikszene Nordirlands mit einem allumfassenden Optimismus erfüllt. Gary Aitken aber bangt erst jetzt um seinen Lebensunterhalt. Er hat in Belfast zwölf Jahre eines der wenigen Aufnahmestudios mit professionellem Standard geführt: «Überall werden nun mit EU-Unterstützung neue Studios aufgehen, die nicht den finanziellen Zwängen eines kommerziellen Studios wie des meinen unterworfen sind. Gegen deren Preise werde ich nicht ankommen. Die Bands, die den Durchbruch schaffen, gehen ohnehin alle nach London. Dort ist das Business.»
Vor vorschnellem Optimismus warnt auch die in letzter Zeit enorm angewachsene Techno- und Ambient-Szene, in der der Handel von Ecstasy sozusagen dazugehört. Gerade in diesem Umfeld hat die IRA in den letzten Monaten eine neue Daseinsberechtigung geortet. Die IRA hatte schon lang ihre Hände im nordirischen Drogengeschäft. Wie das Dubliner Musikblatt «Hot Press» berichtet, hat sich die Drogenabteilung der IRA nun umbenannt: Unter dem Titel Direct Action Against Drugs hat sie begonnen, mittels exemplarischer Morde an ihr nicht ergebenen Drogenhändlern Angst in der Szene - auch in Dublin - zu verbreiten.
Solche Wermutstropfen tun dem allgemeinen Optimismus wenig Abbruch: Überall wachsen in irgendwelchen Kulturzentren und Garagen Bands heran. Hooley hat Good Vibrations neu gestartet; anderswo präsentiert die Doppel-CD «Alive in Belfast» 14 nordirische Bands, die noch ohne Plattenvertrag dastehen.
Mitverantwortlich für den Aufschwung ist auch der weltweite Erfolg des harten alternativen Rocktrios «Therapy?» aus Belfast. Wie früher die «Undertones», werden sie gern als Vorbild zitiert. Auch «Therapy?» sangen nie über die Unruhen. Er denke, im Alter zwischen zwölf und dreissig Jahren gebe es genug andere Dinge, mit denen man fertig werden müsse, sagt der Bassist Michael Keegan. «Ausserdem hätten wir es allzu einfach gefunden, paramilitärische Kluft zu tragen, aggressive Slogans zu singen und damit in den USA Millionen zu verdienen. Im Grunde beschäftigen uns die <Troubles> jetzt viel mehr als früher: Damals gehörten sie zum Alltag, sie waren normal, wir wuchsen darin auf und wollten nur weg davon. Erst jetzt, wo wir sehen, wie es anders sein kann, kommt so richtig der Zorn darüber auf, was die Unruhen alles ruiniert haben.»
Und Michael McKeegan will nie mehr einen Rebel Song hören: «Wir haben erlebt, was Rebel Songs bewirken - unschuldige Menschen in die Luft zu jagen, das hat wenig mit Rebellion zu tun.»
Hanspeter Künzler, Kulturjournalist, lebt in London.