NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Die Heiteren

© Foto: Suzanne Schwiertz
César Keiser, 81, und Margrit Läubli, 78: «Humor ist eine Geisteshaltung.» Linktext
Margrit Läubli und César Keiser ist das Lachen ein Leben lang nicht vergangen. Das Kabarett-Paar im Dialog.

Von Daniele Muscionico

Keiser: Worüber die Leute lachen? Unser Publikum hat über all die Zeit eigentlich immer ähnlich oder gleich reagiert. Doch 40 Jahre sind ja eigentlich keine riesige Spanne. Ich glaube, dass sich die Menschen im Grunde nicht verändert haben. Sie haben die gleichen Ängste, die gleichen Hoffnungen, die gleichen Befürchtungen. Vielleicht tendieren sie ein bisschen mehr nach links oder nach rechts, nach vorwärts oder rückwärts. Eine gesellschaftliche Stimmung kann mal gelöster sein, mal gedämpfter – nach Tschernobyl zum Beispiel. Aber im Prinzip sind die Menschen die gleichen wie vor 40 Jahren, als wir angefangen haben. Wenn sie zu uns kommen, sind sie jedenfalls grundsätzlich positiv gestimmt.

Läubli: Aber es gab auch Programme, nach denen die Leute sagten: «Ihr seid ja gar nicht mehr so lustig!» Vielleicht, weil wir Tschernobyl angesprochen hatten? Aber die Jungen verstanden es. Immer!

Keiser: Am Anfang habe ich viel unbelastetere Nummern gespielt als gegen Ende. «S Telefon» oder «Der Vater», das sind für die Leute Lachnummern. Das hat sich mit den Jahren natürlich etwas verändert, denn die Zeiten wurden anders. Da kann dann einer schon finden: Früher wart ihr aber lustiger!

Läubli: Nach Tschernobyl hast du den «Überlebenskoffer» geschrieben. Wir traten damals mit einem Überlebenskoffer auf der Bühne auf.

Keiser: Der Humorist betrachtet lächelnd die Welt, der Satiriker will sie verändern. Ja, in diesem Sinn sind wir Satiriker!

Läubli (lacht): Ich überlege mir jetzt gerade, ob das Alter auch eine Satire ist. Und wir müssen Humor haben, um es auszuhalten!

Keiser (murmelt zweifelnd) …

Läubli: Aber gelacht haben wir schon immer viel, gäll? Wir haben so viel gelacht zusammen … Wir haben uns schon lachend kennengelernt.

Keiser: Ja, wir haben uns als Kabarettisten mit sehr viel Heiterkeit durchs Leben gebracht.

Läubli: Wir haben im Theater mit lachenden Menschen so viele glückliche Momente erlebt, die wir heute in uns tragen. Das nimmt einem niemand weg, gäll?

Keiser: Wir konnten uns immer gut auf unsere Zuschauer einstimmen.

Läubli: Aber das Publikum stimmte auch uns ein!

Keiser: Richtig, wir haben uns gegenseitig eingestimmt. Das Publikum ist eine Menge von unbekannten Menschen, die dasitzen und warten und hoffen, dass es lustig wird. Diese positive Stimmung am Anfang einer Vorstellung spüren wir auf der Bühne sofort. Es gibt Abende, da ist die Stimmung sehr positiv, an anderen ist sie abwartend oder kritisch abwartend. Wenn es dann funktioniert, wenn man diese Masse unbekannter Menschen in Heiterkeit versetzen kann, dann ist es wunderbar, auf der Bühne zu stehen.

Läubli: Ich habe eine Allergie gegen gewisse Wörter. Ich würde nicht «Masse» sagen, sondern «Gruppe». Das sind doch immer alles individuelle Einzelmenschen.

Keiser: Natürlich, das stimmt. Es ist ein wunderschönes Erlebnis, jeden Abend eine positive Stimmung herzustellen und ein heiteres Gegenüber zu haben. Man präsentiert das, was man selber geschaffen hat, und ist glücklich, wenn man damit Erfolg hat.

Läubli: Vielleicht würden wir heute gewisse Nummern trockener bringen, weniger Musik, weniger Choreographie, mehr dem Wort vertrauend.

Keiser: Wir haben in unseren Programmen tatsächlich immer sehr viel Aufwand betrieben, mit Musik und Tanz – das lag an der Zeit, und es hat uns ja auch grossen Spass gemacht. Aber wir haben wirklich nie gespart.

Läubli: Darum haben wir ja auch mal einen Preis «für das Gesamtkunstwerk» bekommen, das fand ich sehr schön.

Keiser: Stimmt.

Läubli: Die Leute fragen ja immer: Wo nehmen Sie die Ideen her? Und ich sage einfach: Ideen haben, das ist das wenigste!

Keiser: Ja, das ist das wenigste.

Läubli: Aber was man aus den Ideen macht! Da ist immer Artistik dahinter. Und das machst du so wunderbar: die Idee formulieren und sie dann zu einem Kunstwerk formen, vom Anfang bis zum Schluss.

Keiser: Es ist schon etwas vom Schönsten, mit dem, was man selber erarbeitet hat, Erfolg zu haben. Humor entsteht ja nicht erst vor dem Publikum, sondern bereits vorher, wenn man etwas schreibt, etwas erfindet, etwas erschafft.

Läubli: Es ist ein langer Weg.

Keiser: Ja. Und bis zur Premiere ist man nicht sicher, ob es klappt. Inzwischen sind wir aus langer Erfahrung ziemlich sicher, dennoch könnte das Gebäude jedes Mal zusammenbrechen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund. Das ist uns zum Glück noch nie passiert. Um das zu verhindern, ist zum Beispiel das Timing sehr wichtig. Man darf das Publikum nicht überfordern, indem man etwas zu lang macht, zu weit dreht. Das Geheimnis ist, alles, was man präsentieren möchte, so knapp wie möglich zu halten.

Läubli: Beim Opus 8 nahmen wir zum Beispiel noch vor der Premiere zwei Nummern raus. Und du hattest sie geschrieben und komponieren lassen, das war aufwendig, das hat alles viel gekostet – und dann haben wir sie einfach weggeworfen!

Keiser: Wir hatten nach der Generalprobe gespürt, dass man schneller zum Schluss hinkommen muss.

Läubli: Da war doch diese Nummer dabei, in der ich eine Tramkontrolleurin war. Weisst du noch? Die war so herzig! Aber wir mussten sie einfach opfern, sonst wäre es zu lang geworden. Es ist ja nicht so, dass man von Anfang an alles genau weiss. Man probiert aus. Manchmal sagten wir zu Freunden: «Kommt, wir proben, setzt euch ein bisschen dazu.» Wir wussten, dass das Freunde sind, die lachen, und das gibt einem dann wieder Mut.

Keiser: Der Humor auf der Bühne hat sich durch die Comedy sehr geändert. Er ist primitiver geworden.

Läubli (flüsternd): Ich darf es gar nicht sagen, es sind ja Kollegen. Aber das meiste halte ich nicht aus! Das Leben ist zu kurz, um sich zu langweilen. Auch im Schauspielhaus, die Nackten überall … Mit der Zeit weiss man doch, wie das aussieht.

Keiser: Ich kann mich jedes Jahr über Freddie Frintons «Dinner for One» freuen. Er ist für mich eine Quelle der Heiterkeit. Diese Komik ist für mich zeitlos und etwas vom Besten, was ich je gesehen habe.

Läubli: So etwas ist uns eigentlich nie gelungen.

Keiser: Humor ist eine Geisteshaltung, eine Haltung, die man erwirbt.

Läubli: Den Blick für Komik haben teils auch schon Kinder. Vielleicht ist Humor eine Begabung?

Keiser: Eine Begabung, ja.

Läubli: Eine, die man vielleicht kultivieren kann?

Keiser: Dass Kinder öfter lachen als Erwachsene, liegt wahrscheinlich daran, dass man mit der Zeit eine Selbstkontrolle entwickelt. Die Kinder stehen dagegen viel unbelasteter im Leben.

Läubli: Aber jetzt möchte ich schon etwas sagen: Die Leute meinen immer, man lache über etwas. Das stimmt gar nicht! Man kann auch einfach aus Glück lachen. Weil es gerade so schön ist und es einem gutgeht. Dann kann der ganze Körper lachen, innerlich. Aus Glück.

Keiser: Du meinst eine Heiterkeit, die man hat oder entwickelt und die viele Menschen nicht haben.

Läubli: Die Heiterkeit der Kinder nehmen manche Menschen eben mit ins Erwachsenenleben, und andere verlieren sie im Laufe der Zeit.

Keiser: Heute lachen wir anders als früher, natürlich. Vielleicht nicht mehr so schnell, so impulsiv. Aber wir lachen eigentlich immer noch sehr viel und immer wieder über Dinge, über die wir auch früher gelacht haben. Ich lache zum Beispiel immer über die Nummern von Franz Hohler, und als wir kürzlich in einer Ausstellung die Karikaturen von Peter Gut gesehen haben, haben wir sehr gelacht.

Läubli: Das Buch von Alice Herdan-Zuckmayer über ihren alten, blinden Hund, «Das Scheusal», bringt mich immer wieder zum Lachen.

Keiser: Das Lachen steckt ja auch an. Man kann mit anderen zusammen lachen. Wenn die anderen nicht mitmachen, dann erstirbt das Lachen vielleicht. Bei uns kommt es immer wieder vor, dass wir etwas komisch finden oder unalltäglich. Oder dass wir etwas Alltägliches plötzlich hinterfragen und darin etwas Komisches entdecken … Ich habe immer Schwierigkeiten, über das Lachen zu sprechen. Sobald man es analysiert und seziert, nimmt man ihm seine Unmittelbarkeit.

Läubli: Was mir in den Sinn kommt, wenn ich über das Lachen nachdenke, über das Lachen im Alter vor allem, ist dies: Ein Musiker pflegt sein Instrument, er übt, so dass er es auch im Alter noch spielen kann. Er kultiviert eine Fertigkeit. So ist es auch mit dem Lachen. Man muss schon achtgeben, dass man im Alter das Lachen nicht verliert. (Alle lachen.) Und das findet nicht nur im Herzen statt, sondern auch im Kopf.

Keiser: Im Alter ändert sich so vieles für einen Menschen, bei mir ist das jedenfalls so. Es kommen Krankheiten, die man nur theoretisch erwartet hat. Und wenn sie sich dann praktisch einstellen, wird es schwierig. Der Mensch hat es schwer, bei all den Unwägbarkeiten des Alters die Heiterkeit zu bewahren.

Läubli: Wenn man alt ist, wird einem bewusst: Wir alle gehen aufs Sterben zu. Ich finde, das kann einen ja auch heiter stimmen, oder? Man weiss, es ist halt einfach so. Ich hoffe, dass ich bis zum Ende immer noch etwas Positives, etwas Heiteres, etwas zum Lachen habe. Nur so kann man das Alter annehmen.

Keiser: Und mit diesem Schlusswort von Margrit Läubli beenden wir unsere Sendung.


Das Schweizer Kabarett-Paar Margrit Läubli (geboren 1928 in Zürich) und César Keiser (geboren 1925 in Basel) spielte während mehr als 40 Jahren gemeinsam Bühnenprogramme. Sie haben in Keisers Solo (1962), in Opus 2 bis Opus 13 und im letzten Programm, «Frisch geliftet» (2002), das Bild der heilen Schweiz immer wieder witzigen und zeitkritischen Fragen ausgesetzt; viele ihrer Nummern sind heute helvetische Klassiker. Die beiden erhielten zahlreiche Preise und Ehrungen, unter anderem die Auszeichnung der Stadt Zürich für kulturelle Verdienste und den «Salzburger Ehrenstier». Keiser und Läubli treten noch mit Vorlesungen auf und spielen Nummern, Szenen, Dialoge und Limericks aus ihrem Lebenswerk. Ihr Sohn, Lorenz Keiser, ist auch Kabarettist geworden.

Daniele Muscionico ist Kulturredaktorin der NZZ.


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