NZZ Folio 03/99 - Thema: Frischer Fisch   Inhaltsverzeichnis

Mähdrescher der Meere

Die Raubzüge der industriellen Fischerei.

Von Uwe Wandrey

DER HÖLZERNE SPEER zeigt schräg nach unten. Seine Steinspitze wandert plötzlich zurück, zieht eine unsichtbare Kurve durch die Luft und schnellt ins Wasser. Der Speerwerfer ergreift einen Gabelstock und gleitet den Uferfelsen hinunter ins Meer. Kurz darauf streckt er die Beute triumphierend in die Höhe: einen jungen Roten Thunfisch, die Tagesration für die kinderreiche Aborigine-Familie im Reservat von Mornington Island im Golf von Carpentaria, Nordaustralien. Eine Szene, so alt wie die Menschheit, und auf pazifischen Inseln findet sie noch immer täglich statt.

Ein paar tausend Seemeilen nördlich, in Tokio, in der Einsatzzentrale einer japanischen Fischereiflottille: Der Monitor zeigt verschiedenfarbige Felder und Bänder, Infrarotaufnahmen eines Wettersatelliten: die Temperaturzonen des fast 10 000 Meilen entfernten Mittelmeers. Dort warten die Kapitäne der japanischen Fangschiffe auf ihren Einsatz. Aus den Temperaturfeldern lässt sich schliessen, wo sich der Thun gerade aufhält. Schon eine Erwärmung oder Abkühlung von 0,2 Grad Celsius kann ihn zum Revierwechsel bewegen. Das nächstliegende Schiff peilt den Schwarm unter Wasser exakt an, nimmt Kurs auf und spult in vier, fünf Stunden bei langsamer Fahrt knapp dreitausend beköderte Haken ab. Die hängen an zwanzig Meter langen Mundschnüren, die wiederum mit 250 Meter langen Leinen verknüpft sind. Rund fünfhundert solcher Langleinen werden aneinandergehängt. Die Bojen an den Verbindungsösen markieren die bis zu hundertfünfzig Kilometer lange submarine Spur der Jäger.

Während der Aborigine-Mann geduldig auf seinen Fisch wartet, reissen bei Malta Tausende von Thunfischen die Mäuler auf und werden an ihren Haken zappelnd stundenlang durchs Meer gequält. Und während der Ureinwohner die Beute heimträgt, von seiner Frau zubereiten lässt und im Kreise der Seinen verzehrt, sind einige hundert Tonnen Thun über die Heckrampe des Vollfrosters gehievt worden. Noch vor Sonnenaufgang, wenn sich der Speerfischer wieder auf die Jagd macht, haben seine Kollegen auf ihrer schwimmenden Fang- und Verarbeitungsfabrik die Leiberkette bereits geschlachtet, verpackt und gefroren.

DAS HEHRE DUELL, Aug' in Aug' mit dem grossen Fisch, wie man es bei den Aborigines noch antrifft, ist ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Nicht der Kampf fordert heute den Mann, sondern der Kaufpreis. Bis zu 60 000 Dollar wurden in Japan schon für einen Blauflossen-Thunfisch bezahlt, der - zu Sushi präpariert - das Mehrfache seines Einkaufspreises erzielt. Das Durchkämmen der Weltmeere läuft auf Hochtouren, das biologische Gleichgewicht der Ozeane ist bedroht.

Doch am Fangprinzip hat sich wenig geändert. Der Fisch fällt noch immer jahrtausendealten Tricks und Techniken zum Opfer. Die Materialien der Werkzeuge sind zwar andere: Aus Perlmutt-, Holz- und Feuersteinhaken wurden Edelstahlhaken, aus Manila- oder Baumwollnetzen Synthetiktuche und aus Weidenreusen Stahldraht- oder Kunststoffreusen. Noch immer unterscheidet der Fachmann jedoch aktive und passive Fangtechniken. Je nach Fischart, Revier und Geldbörse des Fängers gibt es Fischfang ohne Geräte, Fischfang mit klemmenden und verwundenden Geräten, Kiemen- und verwickelnde Netze, Angeln, Fallen, Luftfallen, Netzsäcke, geschleppte Geräte, Zugnetze, Umschliessungsnetze, Senk- oder Hebenetze, Stülpgeräte . . .

Was das Fischereigewerbe entscheidend veränderte, war nicht die Entwicklung neuer Fangtechniken, sondern die Motorisierung. Die Segelschiffe wurden abgelöst durch moderne industriell-maschinelle Fabrikschiffe. Statt handbedienter Netze, die - in der Heringsfischerei noch bis 1930 - von Segelschiffen gezogen wurden, gleiten heute Netze ins Kielwasser, in die vier Jumbo-Jets übereinander einfliegen könnten und die mit bis zu 10 000 Pferdestärken geschleppt werden. Statt einem Dutzend Haken an handgezogenen Langleinen surren heute Tausende von den elektrischen Motorwinden.

Die grössten Fabrikschiffe sind 130 Meter lang, 24 Knoten schnell, ihre Netze fassen bis zu 400 Tonnen. Ein Gefriertrawler von 1995 holt sich so viel Fisch wie zwei Trawler gleicher Grösse mit Baujahr 1980. Bis in 2500 Meter Tiefe reichen die Hakenleinen des Spanish Longline System, mit dem Tiefenriffe und Meeresgebirge abgefischt werden - zum Beispiel bei der Jagd auf den Schwarzen Degenfisch.

WIE IN ANDEREN HANDWERKEN übernahmen Maschinen die zeit- und kraftraubenden Handgriffe; am eindrücklichsten beim Fang mit dem grossen Schleppnetz, dem Mähdrescher der Fischerei. Setzt man es als Grundschleppnetz ein, fängt man mit ihm in nördlichen Breiten vor allem Kabeljau, Seelachs und Schellfisch, also Arten, die über dem Meeresboden leben und laichen. Das moderne Fangtuch erinnert an einen mit Strapsen gespannten Netzstrumpf: ein langgestreckter, mehrere hundert Meter langer Kegel mit vier spitzen, weitmaschigen Eingangsflügeln, an deren Zipfeln das Netz gezogen wird. Im Fuss des Strumpfes, dem bis zu vierzig Meter langen Steert, wird der Schwarm «eingesackt». Sein Ende ist während des Fanges verschnürt und wird später zum Entleeren geöffnet. Die an umgarnten Stahltrossen befestigte untere Maulleine schleift über den Grund. An der oberen Maulleine sitzen Auftriebskörper, die das Netz vertikal öffnen. Für die seitliche Spreizung sorgen schräggestellte, gewölbte Lenkplatten, sogenannte Scherbretter. Sie spannen die beiden Kurrleinen, die vom Netz zum Schiff laufen, nach aussen.

Eine weitere Variante des Schleppnetzes ist das pelagische Schleppnetz, das seinen Rachen bis zu hundertfünfzig Meter weit aufreisst. Mit ihm wird in allen Zwischenlagen bis unter die Wasseroberfläche operiert, im Nordatlantik vor allem beim Rotbarsch- und Heringsfang. Das Senken und Liften des Netzes erfolgt ähnlich wie bei einem Papierdrachen: durch Ausfahren oder Einziehen der Kurrleine und durch schnelleres oder langsameres Fahren.

Alle Schleppnetze können auch von zwei Schiffen geschleppt werden. Sie führen je eine Kurrleine und nehmen den Schwarm hinter sich in ihre Mitte. Das Fangschiff fährt das Netz über die Bordwand aus und holt es samt Fang auch wieder ein. Das im gleichen Tempo parallel laufende Kettenschiff verstaut nach dem Fang das schwere Fanggeschirr. Auf grosser Fahrt und bei rauher See ist ein einzelner Heckfänger, der das Netz einholt, besser zu manövrieren. Der stösst allerdings beim pelagischen Fang nahe der Meeresoberfläche an seine Grenzen. Denn da werden die Kurrleinen so nah ans Schiff gezogen, Kielwasser, Schrauben- und Motorengeräusche so laut, dass der hellhörige Fisch das Weite sucht.

Oberflächennahe Schwärme, Sardinen, Heringe, Makrelen und Thunfische, lassen sich besser mit einem Umschliessungsnetz überlisten. Die mit Gewichten und Schwimmkörpern gespannte, bis zu hundert Meter tief hängende Netzwand wird von dem mit halber Fahrt laufenden Fangschiff sukzessiv ausgesetzt. Es umkreist dabei den Schwarm und führt die Netzflügel zusammen. Mit einer Schnurleine zieht man dann das Netz zu einem nach oben offenen Beutel zusammen. Mit mechanischen Keschern oder Fischpumpen wird der Fang an Deck geschafft.

Passiv, aber höchst effektiv sind die sogenannten maschenden Fangweisen, insbesondere mit dem Kiemennetz, in dem sich der Fisch mit seinen Flossen, Stacheln oder Kiemen verfängt. Die Netze werden mit Ankerbojen vor Ort und auf der gewünschten Höhe gehalten. Auftriebskörper an der oberen Leine und Bleischnüre an der unteren spannen das Tuch. Da die Netze zum eigentlichen Fangen nicht bewegt werden müssen und von kleinen Booten oder gar vom Strand aus geborgen werden können, lassen sie sich zu Vorhängen beliebiger Länge verknüpfen. Sie werden fast allen Süsswasserfischen und in Küstennähe auch allen Meerfischen zum Verhängnis.

Als Treibnetze werden die Kiemennetze unverankert auch auf hoher See eingesetzt. Die kilometerlangen Todeswände bedrohen die Fischbestände vor allem im Pazifik. Denn oft verendet ein Vielfaches der eigentlichen Beute als unerwünschter Beifang im Netz und wird tot über Bord geworfen: zu kleine Fische, aber auch Rochen, Delphine, Haie, Schildkröten, Grenadierfische, kleine Wale. Im Mittelmeer wurde der Ressourcenschwund laut Schätzungen der FAO zu 80 Prozent wegen Beifangs verursacht. Derzeit ist in den Gewässern der Europäischen Union die Länge von Treibnetzen auf zweieinhalb Kilometer Länge begrenzt, auf Druck von Umweltorganisationen werden sie ab dem Jahr 2002 dort grundsätzlich verboten sein.

DIE AUTOMATISIERUNG entzog dem Fischerhandwerk nicht nur den goldenen Boden. Verloren gingen auch seemännisches Geschick und Erfahrung. Sie wurden durch neue Steuer-, Antriebs- und Navigationstechniken ersetzt. Und auch die menschlichen Werkzeuge der Fischortung wie tradiertes Wissen, Sinnesschärfe und Intuition wurden von neuen Techniken wie dem Echolot und dem Radar abgelöst. Nachdem im Zweiten Weltkrieg U-Boote über ihr Ultraschall-Echolot häufig «falsche Ziele», die Echos von Fischschwärmen, erfasst hatten, kamen Ende der vierziger Jahre erste hydroakustische Suchgeräte auf Fischdampfern zum Einsatz. Bald danach wurden sie zu «Fischlupen» und «Fischfindern» verfeinert, welche die akustischen Signale auf Bildschirmen wiedergaben. Sender und Empfänger des Echolots wurden am Schiffsrumpf und später auch als Netzsonde montiert. Über Sensoren am Netzeingang kann so die Netzöffnung kontrolliert und das Einschwärmen verfolgt werden. Drucksensoren am Steert melden, wie viele Tonnen bereits gefangen sind.

Mit Vertikallot, Voraussonar und Netzsonde lassen sich nicht nur Ort, Entfernung, Tiefe, Dichte und Grösse des Schwarms ermitteln, sondern auch sein Tempo und seine Schwimmrichtung. In kalifornischen Gewässern werden besonders grosse Fische sogar von Flugzeugen und Hubschraubern aus geortet. Auf Forschungsschiffen kommen auch ferngesteuerte Unterwasser-Videokameras zum Einsatz, die bis vors Netz und sogar in die Öffnung hineinfahren und eine Live-Show in Farbe auf die Brücke senden.

Der Kommandostand des 57 Meter langen Heckfängers «Atlantic Peace» erinnert an den Tower eines kleinen Flughafens. Kapitän oder Steuermann gleiten beim Kommandieren, Orten und Fangen auf einem Sessel von Bildschirm zu Bildschirm. «Das geschulte Auge», so Kapitän Klaus Hartmann, gelernter Kutterfischer und Miteigner des High-Tech-Vollfrosters, «erkennt am Monitor auch, aus welchen Fischen ein Schwarm besteht.» Echolote verschiedener Frequenzen ermöglichen eine filigrane Auflösung. «Wir empfangen noch das Echo von einem einzelnen armlangen Fisch aus sechshundert Meter Tiefe.» Für den Vorsitzenden des Deutschen Hochseefischerei-Verbandes sind trotz moderner Navigation, Kommunikation und Ortung weiterhin Erfahrung und Intuition wichtige Voraussetzungen für den Erfolg.

Auch mit neuster Technik lässt sich allerdings nicht verhindern, dass Beifang mit ins Netz geht. Und das beschäftigt nicht nur die Ökologen. Tote Enten und Seevögel im Netz und Albatrosse an der Langleine sind auch für die Fangindustrie ein Problem. Um sie fernzuhalten, werden am Schiffsheck Scheuchbänder angebracht und die Leinen unter Wasser ausgelegt. Das sonst beifangträchtige Kiemennetz lässt kleine Fische meist passieren. In den Fangstrom des einfachen Schleppnetzes dagegen werden sie trotz der grossen Maschen hineingerissen. Tot geht der Beifang wieder über Bord, oder er wird zu Fischmehl verarbeitet.

MIT QUOTEN UND VERBOTEN, Mindestmaschengrössen und Schutzzonen hat sich die Politik darangemacht, den Raubzügen auf den Weltmeeren einen Riegel vorzuschieben und die Fänge auf ein naturverträgliches Mass zu begrenzen. Aber auch die Netzhersteller sind aktiv geworden und haben neue Typen entwickelt, die einen schonenderen Umgang mit den Ressourcen ermöglichen sollen. Aus Norwegen kommen sogenannte Sorting Grids, die inzwischen für Schleppnetze in bestimmten Gebieten und für die Jagd nach bestimmten Arten vorgeschrieben sind. Sie sparen Arbeitsgänge und reduzieren den unerwünschten Beifang, da durch Selektiergitter am Ende des Netztrichters die Mehrzahl der Kleinfische entweichen kann. Der Rest wird von der übrigen Masse im Netz, das bis zu hundert Tonnen fasst, zerdrückt. Zehn Tonnen, so Klaus Hartmann, seien bei Qualitätsware die Grenze des Zumutbaren. Denn guter Fisch soll weder Quetschwunden noch Blutflecken haben. Das Auge isst mit. Und der Gourmet schmeckt den Stress, den der Fisch vor seinem Tod erleiden musste. Er bevorzugt deshalb schonend gefangene Frischware von kleinen Kutterfischern sowie Angelfisch, am liebsten einzeln gefangen.

Den Köder von Hand an die Angel zu haken, ist eine arbeitsintensive Technik, die sich eigentlich nur noch Hobbyfischer leisten können. Selbst ein Kleinbetrieb ist heutzutage mit dieser Methode nicht mehr konkurrenzfähig. Da vollautomatische Beköderungsmaschinen aber sehr teuer sind, liegt der Kompromiss in der mittellangen, windengeführten halbautomatischen Langleine. Otto Gabriel, Leiter des Hamburger Instituts für Fischereitechnik, erprobt eine mechanisch und manuell beköderte Langleine, die sich auch kleine und mittelgrosse Fischereibetriebe leisten können. Die Hauptleine wird hier mit ihren Hakenschnüren durch ein mit Ködern bestücktes Füllrohr gezogen. Dabei reisst sie Fischstücke oder ganze Köderfische mit. Die Fangmethode scheint sich beim Dorsch zu bewähren und könnte wesentlich zur Schonung der Bestände beitragen. «Der überwiegende Anteil der Angelfische war etwa 15 Zentimeter länger als beim Schleppnetzfang», kommentiert Gabriel die Ernte des Forschungsschiffs. «Nur Dorsche ab 35 Zentimetern haben angebissen.» Wirtschaftlich dürfte die Methode selbst in ihrer halbautomatischen Version interessant sein.

Da in der Ostsee immer jüngere Dorsche im Netz enden, steht dort ein strengeres Fischereimanagement bevor, das schon in naher Zukunft die Schleppnetzfischerei der Ostseeanrainer in den Ruin treiben könnte. Mit ressourcenschonender Fangtechnologie könnte die kleinere und mittelständische Fischerei längerfristig gesichert und könnten Arbeitsplätze gerettet oder sogar geschaffen werden. In diese Richtung zielt die Forderung von Greenpeace, die Kapazitäten der industriellen Fischereiflotten um 50 Prozent zu verringern. «Das ist weniger, als man vermutet», sagt der Fischereiexperte der Organisation, Peter Pueschel. «Von den etwa 3,5 Millionen Fangschiffen zählen weniger als ein Prozent zu diesen Monsterschiffen, aber diese sind für etwa zwei Drittel der weltweiten Fänge verantwortlich.» In einer der Meeresumwelt angepassten Bewirtschaftung sollen die kapitalintensiven Fangmethoden den arbeitsintensiven weichen.

Noch werden die Schätze der Ozeane von den schwimmenden Fang-, Fisch- und Transportfabriken heimgefahren. Ihre Vollfrostanlagen und Tiefkühldecks erlauben wochen- und monatelange Törns. Aber weltwirtschaftlich gerechnet, fahren sie rote Zahlen ein: 1989 machten die industriellen Flotten aller Kontinente laut FAO-Schätzungen 54 Milliarden Dollar Verlust - so hoch waren die staatlichen Subventionen. Arbeitsplätze wurden dabei nicht nur beim Fang gestrichen. Auch Heere von Hilfskräften in den Fischfabriken an Land verloren ihre Arbeit, weil immer mehr Fisch bereits auf den Schiffen vollautomatisch verarbeitet wird.

AUS DEN NETZEN ERGIESST SICH der Fischstrom durch eine Luke im Fangdeck in einen Tank auf der darunterliegenden Fabriketage. Durch hydraulisch bediente Türen gelangt der Fang in einem Muldenband zur Köpfmaschine. Die Kopfgrösse wird elektronisch ermittelt. Die Kreismesser sind, so der Prospekt des Herstellers, «individuell für jeden Fisch über den Zentralrechner gesteuert. Entsprechend seiner Grösse wird der Fisch zunächst in die optimale Position zum Köpfaggregat gebracht. Das Köpfen erfolgt in der sehr fleischsparenden Form des Keilschnittes.» Der Schwanz bleibt dran. Eine Vakuumpumpe saugt dann die Innereien ab. Soll der Rest ganz bleiben wie beim Rotbarsch, beim Schwarzen Heilbutt oder bei grösseren Weissfischen, wird er mit dem leicht geschwungenen Japanese Cut guillotiniert. Der Torso läuft über einen Rost zum Ausbluten und zum manuellen Putzen auf den Kontrolltisch. Ein Förderband schiebt ihn zum Flowgrader, der nach Gewichtsklassen sortiert.

Fische, die zu Fischstäbchen werden sollen, werden automatisch gehäutet, entgrätet, geprüft, in einen 6-Kilo-Flachkarton gepresst und im Plattenfroster zu einer Normplatte gefroren. Sie ist so dick, wie die Stäbchen später lang sein werden.

Die Filetanwärter gleiten, nachdem sie geköpft worden sind, über Fallklappen in ein Muldenband und dann - pro Minute etwa hundertzwanzig Stück - in die vollautomatische Filetiermaschine. Auf dem Kontrolltisch werden sie nach Würmern und Blutflecken durchleuchtet, getrimmt und vor dem Frosten einzeln mit Folie überzogen. Filetausbeute: gerade dreissig Prozent. Sauberes Fleisch, das abfällt, wird zu Fischpaste oder zu Masse für Fischfrikadellen weiterverarbeitet, der Rest zu Fischmehl. Oder er geht über Bord.

Die Mannschaft der «Atlantic Peace» besteht aus zwei Zehn-Mann-Schichten; fünf Fischwerker und fünf Decksleute arbeiten im Sechs-Stunden-Takt. Ihr Lohn entspricht dem eines Facharbeiters an Land, Kost und Logis sind frei. Billiger arbeiten die russischen Fabrikschiffe im Beringmeer. Sie fangen den Fisch und gefrieren ihn. Gelöscht wird die Ware in chinesischen Häfen, wo sie aufgetaut und filetiert oder direkt «plattgemacht» wird. Zu Dumpingpreisen gelangt dieser Fisch auch nach Europa. Double Frozen Fish gilt zwar als zweite Wahl, ist aber nicht kennzeichnungspflichtig.

Auch der nur einmal aufgetaute Fisch ist heute lediglich ein besserer Eiweissrohstoff. Für den gibt kein Fischer mehr sein Letztes. Und fragt nicht, wie einst Hemingways einsamer alter Mann: «Wie vielen Menschen wird er als Nahrung dienen? Aber sind sie's wert, ihn zu essen? Nein, natürlich nicht. Es gibt niemand, der's wert ist, ihn zu essen, wenn man die Art seines Verhaltens und seine ungeheure Würde bedenkt.»

Uwe Wandrey, gelernter Schiffbaukonstrukteur, ist Autor und freier Journalist. Er lebt in Hamburg und auf Paros.


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