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Die Shopokalypse
© Fred Askew, New York
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| Halleluja! Reverend Billy auf der Roadshow gegen Grosskonzerne. |
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Der amerikanische Priester Reverend Billy ist mit seiner «Church of Stop Shopping» auf einem Kreuzzug gegen den Konsum.
Von Marc Pitzke
Schweissfurchen graben sich durch seine Schminke. Die aufgerissenen Augen starren ins Nirgendwo, das hochtoupierte, weissblond gebleichte Elvis-Haar spreizt sich. Die linke Hand umklammert das Mikrophon, die rechte reckt sich gen Himmel, halb beschwörend, halb abwehrend. «Tut Busse!» brüllt Reverend Billy bebend. «Tut Busse! Der Antichrist ist überall!» Der Antichrist? Wo? «Disney! Starbucks! Victoria’s Secret!»
Sonntagmittag in einem Festzelt am East River in Lower Manhattan. Ein paar hundert Gläubige haben sich versammelt. Sie hocken auf Gartenstühlen und klatschen rhythmisch, angespornt von einem Gospelchor in wallenden Safranroben. Vorne tigert Reverend Billy auf und ab, ein Hüne in crèmefarbenem Smoking mit Schlaghose und weissem Priesterkragen. Er ruft und spuckt, er bibbert und betet, er wimmert und fällt auf die Knie. «Halleluja!» skandiert der Chor. «Halleluja!» jauchzen die Zuschauer zurück.
Nein, dies ist keine normale Messe. Auch wenn es hier Psalmen gibt und eine Predigt und einen Moment am Ende der Messe, bei dem man sich per kollektive Beichte erleichtern kann. Es ist eine Show, und Reverend Billy ist kein echter Priester, sondern ein Performancekünstler, der in Wahrheit Bill Talen heisst. Seine Psalmen sind Tiraden gegen Massenkonsum, Kaufrausch und Grossbetriebe, die Predigt ist ein Aufruf zu sozialem Geist, und die Beichte – nun ja, die ist der Augenblick, da das schlechte Gewissen freibricht. Da haben sich die 15 Dollar Eintritt doch gelohnt.
«Ja, ich habe von euren Sünden gehört!» donnert Talen, als er in dramaturgischem Delirium auftritt, zum flotten Swing der siebenköpfigen Band. «Eure Sünden, sie sind mir bekannt. Bekennet!» Und damit beginnt eine eineinhalbstündige Höllenfahrt der Konsumkritik. Eine Reise durch Exzess und Übermass, Ausbeutung und Unterdrückung, Umweltsünden und Unverantwortlichkeit – eben durch die moderne Verbraucherwelt, namentlich die amerikanische, in der an jeder Ecke ein Starbucks, ein Lokal der weltgrössten Kaffeehauskette aus Seattle, lauert und Tante-Emma-Läden tot sind.
Reverend Billys Kreuzzug richtet sich gegen die wahren Machthaber unserer Welt: die Megakonzerne und Medienmogule, die Werbefüchse, Einluller und Big Brothers, die ganze Städte in Shopping-Malls verwandeln und Parks in «Big-Box-Stores», die die Seele der Menschen töten und nur noch auf eine Weise aufzuhalten seien: «Stop shopping!» Mit diesem Schlachtruf tingelt Talen, 54, seit Jahren durch die Konsumentennation Nummer eins und mittlerweile sogar um die Welt. Gerade gastiert er an der Südspitze Manhattans – direkt neben dem South Street Seaport, einem von Touristen überlaufenen Einkaufszentrum, in dem sich all seine Erzfeinde tummeln: Abercrombie & Fitch, Benetton, Body Shop, Foot Locker, Gap. (Fürs nächste Starbucks muss man eine Strasse weiter laufen.)
Man mag Talens «Church of Stop Shopping» für ein Kuriosum halten, einen weiteren Auswuchs der Stadt, in der nichts unmöglich ist. Doch für eine wachsende Zahl von New Yorkern ist er zum Hohepriester geworden, zum Sprachrohr der entrechteten Massen – einer, der beim Namen nennt, was die meisten im alltäglichen Kauf- und Konsumrausch längst vergessen haben. Hunderte folgten ihm neulich auf einer Fahrraddemo durch Manhattan, um gegen den ausufernden Stadtverkehr zu protestieren.
Seine Jünger sind sich einig: Der Teufel – «die Bestie, das Böse!» ruft Reverend Billy – schwimmt im Fliessband-Latte-macchiato von Starbucks, dessen Filialen «unsere Nachbarschaft zerstören». Er döst in den Endlosregalen von Wal-Mart, der weltgrössten Handelskette aus Arkansas, deren Umsatz höher ist als das Bruttosozialprodukt der Schweiz. Er lugt durch die BH-Auslagen von Victoria’s Secret, der Reizwäschefabrik aus Ohio, die mit der Produktion von Millionen von Katalogen «ganze Wälder in Postwurfsendungen verwandelt».
Das ist kein Jux mehr. Langsam dämmert das auch dem Publikum, das immer beklemmter lacht. «Reverend Billy muss dich nicht unbedingt bekehren», schrieb die «New York Times» über ihn. «Aber anschliessend überlegst du es dir gründlich, bevor du das nächste Mal einkaufen gehst.»
Die subversive Show ist ein Spagat zwischen Farce und bitterem Ernst, Klamauk und Sozialkritik. Talen berichtet von an Spekulanten verlorenen Stadtvierteln, von Massenproduktion in asiatischen Sweatshops, von der Illusion der freien Auswahl, die nur eine Chimäre der Monopole und ihrer Marketingstrategen ist. «Wir erleben die Shopokalypse!» ruft er. Wobei er von Selbstvermarktung kaum weniger versteht als die, die er verdammt. Nicht von ungefähr hat es der 1 Meter 90 grosse Wanderpoet, Schauspieler und Berufsdemonstrant aus einer strenggläubigen, erzkonservativen Familie in Michigan geschafft, einen Einmal-Gag in ein Allroundgeschäft zu verwandeln (wiewohl ein gemeinnütziges, das keine Gewinne macht).
Begonnen hatte er 1997, als New York unter dem Law-and-Order-Bürgermeister Rudy Giuliani anfing, den zur Sexmeile verlotterten Times Square in einen «familienfreundlichen» Vergnügungspark zu verwandeln. Das geschah mit Hilfe des Disney-Konzerns, der die meisten Grosstheater an der 42nd Street besitzt und sie als Gratiswerbeträger für seine Produktpalette nutzt: Da kann man erst den «Lion King» auf der Bühne sehen, dann nebenan die Plüschtiere und die DVD dazu kaufen und sich schliesslich eine Tür weiter sattfressen im grössten Innenstadt-McDonald’s der Welt, wo es wiederum noch mehr Disneyfiguren gibt – dank dem Merchandisingabkommen beider Konzerne.
«Ich jobbte damals in der Gastronomie und besass ein weisses Frackoberteil», erinnert sich Talen, der 1994 von San Francisco nach New York gezogen war. «Ich kaufte mir einen Kragen dazu und begann, vor dem Disney Store am Times Square zu predigen.» Der Times Square war immer schon ein beliebtes Ziel für Evangelisten gewesen, die dort gegen Sünde und Sittenverfall wetterten, buchstäblich in der Höhle des Löwen. «Meine Theologie war eine andere», sagt Talen. «Sie lautete: Micky Maus ist der Antichrist.»
Die Figur des Reverend Billy entstand auf Anregung eines echten Priesters: Reverend Sidney Lanier, ein episkopaler Vikar aus dem New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen. Lanier, ein Cousin des Dramatikers Tennessee Williams, brachte in seiner Kirche Avantgarde-Theaterstücke zur Aufführung; Talen half ihm als Inspizient. Obwohl er nicht viel übrighatte für Kirche und Religion, liess er sich überzeugen, die affektierten Gesten der radikalen US-Evangelisten für seine Zwecke zu nutzen.
Anfangs war er Solo-Performer, eine einsame Stimme im Marktgeschrei des Shoppingwahns, nur verstärkt von einem Megaphon, das er bis heute bei seinen Strassenauftritten mitführt. Doch bald scharte sich ein Grüppchen Gleichgesinnter um ihn. Sie taten, als würden sie in den beschuldigten Läden einkaufen, nur um dann publikumswirksam in Aktion zu treten, bis die Polizei eintraf und hoffentlich auch die Presse. Zu Disney gesellten sich schnell Wal-Mart und Starbucks, dessen aggressive Marktpraktiken und «falsche Bohème» (Plüschsessel, Kaffeehaustischchen, bemalte Wände) Talen besonders verabscheut.
Im August 2001 fand Talen erstmals ein breiteres Publikum, als er mit über 120 000 Demonstranten gegen den Wahlparteitag der Republikaner durch Manhattan zog. Seither ist seine «Gemeinde» exponentiell und global gewachsen. Er hat sein Hochamt nach Europa gebracht und sogar nach Zürich, auf Einladung des Schauspielhauses, wo er im Mai dieses Jahres im Rahmen der Veranstaltung «Sanatorium» auftrat. Schon auf dem WC des Flughafens schlüpfte Talen in sein Kostüm und seine Frau in eine weisse Schwesterntracht. Dann machten sie sich in die Innenstadt auf, um vor dem Globus-Eingang zu predigen: «Stop Shopping! Heilt euch!» Mit mässigem Erfolg, meint Talen: «Wir durchbrachen die Schweizer Trägheit zumindest für einen Moment.» Schliesslich wurden Talen und seine Frau von Wachbeamten festgenommen und erst von Schauspielhauskurator Matthias von Hartz gerettet.
Dagegen ist ihm das Festzelt im Schatten der Brooklyn Bridge ein sicheres Umfeld. Er redet sich so sehr in Rage, dass ihm die Stimme wegbricht und man fürchtet, er kippe gleich um. «This town ain’t no supermall», singt der Chor, während er sich im Hintergrund mit einem Taschentuch die Stirn tupft. Zwanzig Meter weiter drängen sich derweil bei Victoria’s Secret die Sonntagskundinnen. Im Sonderangebot sind Stütz-BH, Babydolls und Seidenpyjamas. Damit man auch ruhigen Gewissens schlafen kann.
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für «Facts» und «Spiegel Online» in New York. Er hat sich kürzlich zwei Polohemden von Abercrombie & Fitch gekauft.
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