ES IST HEISS IN SILVER CITY, New Mexico. Wir gehen die alte Hauptstrasse, die Bullard-Street, hinunter. Eine knappe halbe Meile ist sie lang und schnurgerade. Unspektakuläre, gedrungene Häuser säumen sie; wenigstens zwei Gebäude zeigen noch die traditionelle Adobe-Bauweise, sanfte rötlich getünchte oder weiss gekalkte Erdziegelmauern, die strassenseits über das Dach hinausragen und die Fassade gegen den knallblauen Himmel hin abrunden. Einige wenige Menschen, den Kopf mit weissen und braunen Stetsons bedeckt, schlendern auf hohen Gehsteigen.
«Buffalo Bar», «Schaedels Bakery», «The Corner Café». Zehn Schritte weiter ein unauffälliges Gebäude.
Wir treten ein und stehen im Treppenhaus. Susann Schocks Büro befindet sich im Obergeschoss. Kein Schild, nur eine Nummer.
Sie stupst sich die Brille auf die Nase und mustert uns neugierig.
«Com'on in», sagt sie.
An der Wand über dem Kopierer hängt die Karte des Gila National Forest, New Mexico, des ältesten Nationalparks der USA und der ersten geschützten Wildnis der Welt. Das Schutzgebiet erstreckt sich vom Mimbres-Tal, den ehemaligen Jagdgründen des Apachen-Häuptlings Geronimo, über die Schwarzen Berge 200 Meilen bis an die nördliche Grenze von Catron County.
Ein leuchtender, von Hand eingezeichneter Kreis markiert das Gebiet im Black Range um den Black Canyon und den Diamond Creek. Susann Schock bemerkt mein Interesse.
«That's the place!» sagt sie und lacht. «Das ist Kit Laneys Diamond Bar Ranch, unser Schlachtfeld.»
Kit Laney ist ein sogenannter Public Land Rancher, der zur Hauptsache Land beweidet, das nicht ihm gehört, sondern - eben public land - den Vereinigten Staaten von Amerika. Er verfügt über eine entsprechende Weidebewilligung des U. S. Forest Service, der Bundesbehörde, die für die Nationalpärke und Wildnisse zuständig ist.
«Das sind Naturlandschaften, die eigentlich geschützt und erhalten werden müssten, vor allem die Gila Wilderness und die Aldo Leopold Wilderness. Aber das schert Kit Laney keinen Deut!»
Susann Schock rafft den weiten, langfliessenden Rock zusammen und setzt sich auf ihren Bürostuhl. Sie ist die Direktorin der Gila Watch, einer kleinen Umweltschutzorganisation. 1991 kam sie von Tucson, Arizona, nach Silver City und begann sich auf der Diamond Bar Ranch umzusehen.
«Die Flussufer waren in einem katastrophalen Zustand. Überall Kuhkacke; die Vegetation und die Fische vollkommen am Ende. Das ganze Gebiet: total überweidet, eine Wüste, nuked.»
«Nuked» ist Susanns Lieblingswort und bedeutet «in einem Zustand wie nach dem nuklearen Krieg».
Sie legt Bilder vor, die auf der Diamond Bar Ranch aufgenommen wurden: verfaulende Kuhleichen liegen in einer ausgetrockneten Mondlandschaft, abgefressene Baumsprosse ragen bizarr in die Landschaft - nuked! Als Kontrast zeigt sie mir die Fotografie einer Flusslandschaft, in der seit Jahrzehnten keine Kuh mehr graste, eine satte grüne Augenweide; das dichte, wuchernde Buschwerk umgarnt ein sprudelndes Wasserspiel - zur offensichtlichen Freude des ebenfalls abgebildeten Fischers.
«Da gehören einfach keine Kühe hin. Kühe sind hier im Südwesten eine fremde Spezies, eine exotische Tierart, vollkommen fehl am Platz. Wir wollen die Kühe draussen haben.»
SUSANN SCHOCK steht mit ihrer Forderung nicht allein, und die Kampfansage gilt längst nicht nur den Kühen auf der Diamond Bar Ranch, sondern dem Public Land Ranching ganz allgemein. Die Rancher stehen unter Schock. Der Schock ist um so grösser, als sie feststellen müssen, dass weite Teile der amerikanischen Öffentlichkeit für die Argumente der Umweltschützer ein offenes Ohr haben.
Ohne zu begreifen, wie ihnen geschieht, finden sich Rancher und Cowboys, die mythischen Ikonen amerikanischen Pioniergeistes, die good guys der Nation, als bad guys auf der Anklagebank wieder. Der Lasso schwingende Marlboro-Mann wird nun plötzlich als Vertreter einer ökologischen Risikogruppe demaskiert, den es aus der Landschaft zu entfernen gilt: «Tötet die Kühe - soll sich der Cowboy einen anderen Job suchen!» ist nur einer der Slogans der Environmentalists, der Pflanzen- und Wildtier- und Umweltschützer. Die Knüppel, mit denen die Umweltschützer gegen die Kühe auf öffentlichem Grund vorgehen, sind eine Reihe von Tier- und Planzenschutzverordnungen, deren Verletzung sie vor Gericht einklagen. Und die Landschaft, die als erste von Kuhspuren gesäubert werden soll, ist der Gila National Forest, genauer: das Land, das Kit Laney oben im Catron County vom U. S. Forest Service gepachtet hat. Die Diamond Bar Ranch ist zum Präzedenzfall geworden.
U. S. Forest Service Ranger Mike Carr kennt Kit aus früheren Tagen, als Mike selber noch ein Rancher war: «Ein guter Cowboy», sagte er mir, «tatsächlich einer der besten Rancher oben im Catron County. Es ist ein Jammer.»
Der Jammer begann 1985, als Kit Laney, Sohn einer bekannten Rancherfamilie in Luna County, und seine Frau Sherry, ebenfalls eine Ranchertochter, die Diamond Bar Ranch für 800 000 Dollar erwarben. Was Kit und Sherry für ihr Geld bekamen, waren etwas mehr als sechzehn Hektaren privates Land, die Homesteads - die alten Rancherhäuser und die Scheunen - und ein Federal Grazing Permit für 580 Quadratkilometer öffentliches Land.
Dieses Permit, eine Art Pachtvertrag, legte fest, dass Kit Laney auf dem Public Land 1181 Mutterkühe weiden lassen konnte. Der Forest Service erachtete diese Zahl als tragbar für Natur und Tiere.
Kit Laneys Viehherde zählte 1987 vielleicht 800 Kühe, als er feststellen musste, dass die vorhandenen Wasserressourcen nie und nimmer ausreichen würden, um die bewilligte Anzahl Kühe zu versorgen. Er beantragte den Bau von 30 künstlichen Tränken - grossen Teichen, die er mit Dynamit aus dem Boden des Naturschutzgebiets sprengen wollte. Der Forest Service, der mittlerweile den Druck der grünen Welle zu spüren bekam, gab eine Studie in Auftrag, um die naturverträgliche Anzahl Tiere neu zu bestimmen, und erliess einen Baustopp für weitere Tränken. Laney pochte auf sein Recht und erhöhte seine Herde ungefragt auf knapp 1000 Tiere - und das waren tatsächlich zu viele: Die Kühe drängten sich an die vorhandenen Fluss- und Bachufer und zerstörten nicht nur die Flora, sondern brachten auch die Gila Trout, eine einzigartige Forellenart, in arge Bedrängnis.
Das war der Zeitpunkt, als Susann Schock auf den Plan trat und gegen Laney zu prozessieren begann. Laney verlor den Prozess und erhielt den gerichtlichen Bescheid, innert Jahresfrist rund 500 Tiere vom Public Land entfernen zu müssen. Laney seinerseits strengte einen Prozess gegen den Forest Service an und wandte sich an den Senator Sam Domenici. Damit erreichte er, dass er seine Herde nicht um 500, sondern nur um etwas mehr als 200 Tiere reduzieren musste. Ein Prozess folgte dem anderen. Im Februar 1996 schliesslich forderte der Forest Service Kit Laney auf, seine Herde auf 300 Kühe herunterzufahren. Laney hatte die Nase gestrichen voll, verzichtete unter dieser Voraussetzung auf eine Verlängerung der Weidebewilligung, weigerte sich aber gleichzeitig kategorisch, auch nur eine Kuh von der Weide zu nehmen. «Die Kühe müsst ihr euch selber holen. Wenn ihr aber kommt, vergesst nicht, das Gewehr mitzunehmen!» teilte er Anfang dieses Jahres dem Forest Service mit. «Ich werde nicht allein sein; es werden euch hundert Männer mit Gewehren erwarten.»
Das war kein Bluff. Die Vorgänge rund um den Forest - die Prozesse, der Druck der Behörden, die Publizität - haben im Catron County eine Stimmung geschaffen, die sich in Ausbrüchen Luft macht wie: «Es kann schon so weit kommen, dass da so rotes Zeugs auf der Strasse verspritzt liegt - und ich versichere euch, es wird kein Ketchup sein!» Eine veritable Antiregierungsbewegung machte sich auf, den Kerlen aus Washington den Marsch zu blasen. Das Hauptziel ihrer Hasstiraden ist neben den Umweltschützern der U. S. Forest Service, ein Arm des Landwirtschaftsministeriums. Politiker wie der republikanische Kongressabgeordnete Joe Skeen und der ebenfalls republikanische Senator Sam Domenici begrüssen den Widerstand gegen die Regierung, und das ist im Moment die Regierung des Demokraten Bill Clinton. Der Schlachtruf der wachsenden Bewegung NO WAR ON THE WEST wird Senator Domenici zugeschrieben; er unterstellt, dass Washington einen verdeckten Krieg gegen den amerikanischen Westen führe, der in letzter Konsequenz auf die Eliminierung der gottgegebenen Bürgerrechte, des Privateigentums, des Selbstbestimmungsrechts und der Freiheit, ziele.
«Das ist absoluter Quatsch», meint Susann Schock, «wenn es einen Krieg gibt, so denjenigen dieser Wahnsinnigen, die mir Morddrohungen schicken.»
Sie ist vor kurzem mit ihrer 12jährigen Tochter aus ihrem Haus ausgezogen, als nachts kleine Lastwagen mit ausgeknipsten Scheinwerfern langsam um ihr Grundstück zu kurven begannen.
«Die wollen einfach nicht wahrhaben, dass das Public Land nicht das Eigentum der Rancher ist, sondern Eigentum der USA, auch wenn ihre Weidebewilligungen auf die Zeit ihrer Grossväter zurückgehen. Es kann doch nicht angehen, dass es Leuten wie Kit Laney, die Cowboy spielen wollen und damit die Umwelt bedrohen, überlassen werden soll, was auf diesem Land geschieht.»
Sie neigt sich vor.
«Der Cowboy ist doch längst obsolet geworden. Der Fleischproduzent der USA ist heute Florida mit seinen riesigen Fleischfabriken. Die wenigen Prozente, die New Mexico zur Fleischproduktion beiträgt, sind im Gesamten gesehen bedeutungslos. Kurz: wollen wir für einen vorgestrigen Mythos unsere Natur opfern?»
DIE MCCAULEYS gelten als Musterbeispiel einer traditionellen, alteingesessenen Rancherfamilie. Ihr Homestead in White Signal sind eine knappe Autostunde von Silver City entfernt. Das Land, dass sich vor uns öffnet, ist weit, und das ist eher noch untertrieben.
Vicky McCauley führt uns zu ihrem Trailer, einem dieser monotonen Fertigbauhäuser. Die McCauleys sind Private Land Rancher. Ihre Ranch ist zwar mehr als eine Million Dollar wert, aber das Geld, das sie mit der Viehzucht verdienen, erlaubt keinen luxuriösen Lebensstil. Besässen sie nicht die alten Wasserrechte, die sie an die nahe Kupfermine verpachten, Vicky McCauley müsste wie so viele andere Rancherfrauen in Silver City einem Job nachgehen.
«Wir haben hier vor allem Hereford-Kühe», beginnt Jim McCauley, nachdem er den Hut mit der Krempe nach oben auf das Sofa gelegt und mir kräftig die Hand gedrückt hat. McCauley ist Mitte vierzig. Eine typische Cowboy-Bräune liegt auf seinem Gesicht, die Stirn, die immer im Schatten des Stetson liegt, fast weiss, das Kinn verbrannt.
«Hereford ist die wichtigste Viehrasse in den United States, so wie ihr guys in Switzerland die Simmentalkühe habt. Wir ziehen die Rinder auf, bis sie sechs Monate alt sind. Dann verkaufen wir sie an Mästereien im Norden, riesige Dinger mit 50 000 bis 100 000 Stück Vieh drin. In den letzten Jahren bekamen wir allerdings Schwierigkeiten, weil die Herefords nicht mit den Veränderungen in der Fleischindustrie mithalten konnten. Das Problem war, dass sie nicht so hoch hinauf gemästet werden können wie andere Zuchten, unsere Tiere sind einfach zu klein. Und so wurde es immer schwieriger, unser Vieh zu einem annehmbaren Preis abzusetzen. Wir beschlossen, etwas dagegen zu tun.»
Vicky McCauley reicht mir eine Baseballmütze: «Certified Hereford Beef» prangt in bunten Lettern auf der Front.
«Hübsch, nicht?»
Vicky McCauley strahlt.
«Certified Hereford Beef, das ist mageres Fleisch für die Gesundheitsbewussten in den Städten, es hat weniger Fett, schmeckt aber trotzdem.»
«Es ist ein gutes Leben, das Leben als Rancher», sagt McCauley, «trotz Dürren und Marktproblemen. Da muss man einfach die Zähne zusammenbeissen; es wird schon Regen geben früher oder später, und auch die Fleischpreise werden sich wieder erholen. Das war schon immer so. Was uns aber seit kurzem wirklich bedroht, sind diese Susann Schocks, die behaupten, unsere Kühe zerstörten das Land auf immer und ewig. Das ist ein Haufen Bullshit. Wir müssen zusehen, dass wir nicht die Kontrolle über das Land verlieren. Diese Sache mit dem U. S. Forest Service und der Diamond Bar Ranch zum Beispiel - ich meine, das macht wirklich Angst: die Regierung führt eine harte sozialistische Hand, um den Leuten etwas aufzuzwingen. Es gibt doch nichts Sozialistischeres als diese Bürokraten, die die Macht über eines Mannes Eigentum und über sein Leben haben. Wann haben diese Leute genug? Wann sagen sie: <Wir haben die Umwelt gerettet>?»
«HUNGRIG UND OHNE ARBEIT? FRISS EINEN UMWELTSCHÜTZER»
Der Kleber verschwindet hinter einer Staubwolke, als der Truck die Abzweigung nimmt und wieder Gas gibt. Wir passieren das kleine Schild, das am Highway die County-Grenze signalisiert: Catron County. Auf 10 000 Quadratkilometern wohnen hier nur gerade 2800 Menschen. Die Haupteinnahmequellen sind die Holzwirtschaft, die Viehwirtschaft, die Minen; der grösste Arbeitgeber ist der U. S. Forest Service; es ist das County der Gila und der Aldo Leopold Wilderness.
Wut auf die Regierung keimte hier erstmals 1990 auf, als die Sägemühle bei Reserve, dem Hauptort des County, auf Druck des Forest Service geschlossen wurde. Als dann ein Jahr später auch noch Susann Schock aufkreuzte und gegen die Rancher loszog, eskalierte die Stimmung. «Die Regierung will uns vertreiben - man will uns vernichten!» behaupteten aufgeregte Bürger. Für die Begründung, die lokale Holz- und Viehwirtschaft hätte die Spotted Owl, eine seltene Eulenart, und die Gila Trout beinahe ausgerottet, haben die Leute nur Spott übrig. Für sie ist das ein billiger Vorwand, hinter dem viel weiterreichende Ziele der Regierung stecken. Paranoia breitete sich aus. Im September 1994 verliessen Familien ihre Häuser und verbarrikadierten sich mit Gewehren bewaffnet im Wald, nachdem das Gerücht verbreitet worden war, 5000 Nationalgardisten seien auf dem Weg, das County zu überrollen. Das Ereignis machte Schlagzeilen, und die Schlagzeilen zogen die Aufmerksamkeit von Leuten auf das County, die den seltsamsten Verschwörungstheorien anhängen. Dort, so glaubten einige von ihnen, beginne die Entscheidungsschlacht um das freie Amerika, und zogen südwestwärts. So kam es, dass an späteren Meetings der Bürgerinnen und Bürger unversehens auch die Rede war von schwarzen Helikoptern ohne Kennzeichen, die über dem County gesichtet worden seien. Eine schleichende Invasion der Uno sei im Gange, wurde gewarnt. «Wir befürchten, dass ausländische Truppen in unser Land kommen», liess die Organisatorin einer Anti-Uno-Aktion in Reserve die «Albuquerque Tribune» wissen, «um uns die neue Weltordnung und die Weltregierung aufzuzwingen.» Dies wiederum ging den Einheimischen denn doch zu weit, und sie begannen sich über die zugewanderten Wirrköpfe zu beklagen.
So oder so strengten besorgte Bürger die Gründung einer bewaffneten Bürgerwehr an, einer Militia, nur um festzustellen, dass dies unnötig war: die Leute waren längst alle bewaffnet. «Ich möchte allen Leuten da draussen sagen», informierte Commissioner Hugh McKeen, Mitglied der County-Regierung, die Presse, «dass es zu einem Bürgerkrieg kommen kann, wenn die Regierung nicht endlich aufhört, sich hier dauernd einzumischen.» Bomben wurden in den Wald gelegt; der letzte Sprengkörper wurde Ende 1995 gefunden. Wer das Zeugs dorthingebracht hatte, ist bis heute nicht geklärt.
«Wir wurden von Washington kolonialisiert», meinte der Rechtsberater von Catron County, Jim Catron. Die County Commission, die Gemeinderegierung, versuchte dieses Übel aus der Welt zu schaffen, indem sie kurzerhand die Nutzungsbewilligungen für öffentliches Land in private Eigentumsrechte umdefinierte. Ein Eingriff in öffentliches Land, das mit einem Permit belegt ist, gilt nun gemäss Gemeindeverordnung als Verstoss gegen das Bürgerrecht der Unantastbarkeit des Privateigentums. Dem County Sheriff wurde die Befugnis erteilt, jeden Regierungsbeamten und Angestellten des Forest Service zu verhaften, der versuchte, auf verpachtetem Public Land Bundesbestimmungen durchzusetzen.
«Die Möglichkeit, vom County Sheriff verhaftet zu werden, besteht durchaus», bestätigte mir der U. S. Forest Ranger Mike Carr, der im Catron County arbeitet. Deshalb trügen alle Ranger einen Brief auf sich, der ihnen im Falle einer Verhaftung von Nutzen sein könnte: Verhaltensregeln, Kontaktadressen und Notfallnummern. «Das ist keine Paranoia des Forest Service», sagte er. «Wir sind generell eher unbekümmert; es braucht schon gute Gründe, bis der Forest Service solche Massnahmen ergreift.»
RESERVE, der Hauptort von Catron County: eine Bar, ein Motel, ein Grocery Store, eine Tankstelle, die Reserve Trading Post, das County Building. Hier ist untergebracht, was das County an Infrastruktur braucht: die Einwohnerkontrolle, das Gericht, die Feuerwehr, das Gefängnis, der Sheriff. Eine ältere Dame in Uniform zeigt den Weg.
Sheriff Wellborn, ein schwerer Fünfziger, schliesst die Tür. Während er sich setzt, rückt er seinen Colt zurecht, dann lehnt er sich hinter seinem abgewetzten Schreibtisch zurück. Augenkontakt! Der Sheriffstern glänzt frischpoliert. Wellborn hat seinen Kopf leicht zur Seite gewandt und präsentiert eine Narbe, die seine linke Gesichtshälfte mit archaischer Brutalität verwüstet.
Sheriff Wellborn hebt, ohne den Blick von mir abzuwenden, seinen rechten Arm in Richtung Wanduhr: «Sie haben genau 10 Minuten. Von jetzt an. Bitte stellen Sie ihre Fragen!»
«Was tut ein Sheriff hier in Catron County?»
«Ich fange die bad guys.»
«Und das wären - hier in Catron County?»
«Das grösste Problem sind hier die Drogen, die aus Mexiko kommen.»
«Drogen?» frage ich.
«Yes, Sir! You know, diese Typen gibt es mittlerweile doch überall.»
Sheriff Wellborn verrenkt sich und mimt ekstatisches Inhalieren eines Marihuana-Joints.
«Was? Hier in Catron County?»
Wellborn grinst.
«Nicht hier! Hier gehen bloss die Transporte durch. Und die schnappen wir uns.»
«Und mit den Ranchern hier? Haben Sie Probleme mit den Ranchern?»
«Keine Probleme.»
«Und die Sache mit den Bomben?»
«Bomben?»
«Ich habe gehört, dass hier in Catron County, in Ihrem District, im Forest, Röhrenbomben gefunden wurden. Das ist eine Information des Forest Service, der die Bomben auch eingebracht hat.»
«Ich wurde nie aufgefordert, das zu untersuchen. Was ich weiss, weiss ich wie Sie aus der Zeitung. Der Forest Service hat mich weder informiert noch aufgefordert, diesen Fall zu untersuchen.»
«Sie wissen also auch nicht mehr . . .»
«Ah ye know, der Forest Service hat ja bloss gesagt, dass explosives gefunden wurden. Ob das nun eine Bombe war oder nur ein Knallfrosch - für den Forest Service ist das m-ö-g-l-i-c-h-e-r-w-e-i-s-e das gleiche. Die haben mich nicht aufgeboten, also ist da auch nichts.»
Der Deputy-Sheriff kommt herein und zwängt sich, auch er ein schwerer Mann, hinter sein Pult.
«Well Jerry, war da nun etwas mit dieser B-o-m-b-e, oder was weisst du dazu zu sagen?»
Der Deputy blättert in einem Bündel Akten, grinst vor sich hin und nickt mehrmals, schüttelt dann den Kopf, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.
WIR FAHREN nach Glennwood, einem Weiler an der Strasse nach Reserve. Das Picknick, zu dem die Coalition for Public Lands and Natural Resources eingeladen hat, ist in vollem Gang. Gut einhundert Männer und Frauen, allesamt mit Stetsons bewehrt, die sie auch unter dem grossen Sonnendach aufbehalten, sitzen an langen Bänken. Sie mustern uns verwundert, strangers in town, wie wir uns zu ihnen setzen. Eine ältere Dame im traditionellen Outfit der Settler des letzten Jahrhunderts - blütenweisse Bluse und weitgefalteter Rock aus starkem Tuch - drückt mir eine Zeitung in die Hand: «People for the West! - Grassroots Campaign». Ich blättere.
«Ihr müsst fragen: Ist der Krieg gegen den Westen < War on the West > vorbei?» fordert Senator Larry E. Craig in der Schlagzeile seines Beitrages. Einige Seiten weiter die Rubrik «Unter dem Vergrösserungsglas»: «Die äusserste Ironie ist, dass Noah, würde er heute leben, wegen Verstosses gegen das Gesetz zum Schutz gefährdeter Tierarten ins Gefängnis geworfen würde mit der Begründung, er habe gefährdete Tiere ohne Bewilligung der Regierung gefangen und abtransportiert.»
Der republikanische Kongressabgeordnete Joe Skeen tritt ans Rednerpult.
«Seid ihr noch hungrig?»
Er hat bis jetzt den Anwesenden eigenhändig das Fleisch geschöpft. Als wir an der Reihe waren, hatte er gefragt: «You guys from Switzerland? Good country - alle haben dort ein Gewehr im Schrank, right?»
Joe Skeen ist ein alter Fuchs im Politgeschäft.
«Geht es euch gut?» ruft er in die Menge.
Lachen, Applaus.
«Ich kam her, um euch zu sagen, wie wunderbar ihr seid und wie wertvoll eure Arbeit ist. Der Rancher ist einer der besten Umweltschützer, den ich kenne, und ich weiss, wovon ich spreche, denn ich bin selber einer. Ich bin die vierte Generation, mein Sohn die fünfte, und er zieht nun die sechste Generation auf . . . Es ist sehr, sehr schwer, sich den Lebensunterhalt zu verdienen mit einem Stück Boden in diesem Teil des Landes. Wenn ihr im Kuh-Business seid, dann versteht ihr genau, was ich meine. Ihr müsst eure Kühe fast für nichts weggeben, weil ihr es euch nicht mehr leisten könnt, die Kühe zu füttern. Und das ist eine schreckliche Situation. Wir wollen das ändern . . .»
Joe Skeen beginnt zu grinsen.
«. . . und wir von der Regierung sind hier, um euch dabei zu helfen!»
Höhnisches Gelächter. Applaus.
«Wir hatten eine schlimme Dürre die letzten zehn Monate, bis wir endlich diesen Regen bekamen. Und wir danken Gott dafür. Wenn wir nun endlich diesen Regen bekamen, so erinnert das uns daran, dass dort oben jemand sitzt, der wirklich mächtig ist . . . Der Regen kommt weder vom Capitol noch vom Weissen Haus!»
Zustimmendes Gemurmel.
«Wie auch immer!» ruft er unvermittelt, «die Themen, die wir nun in Washington anreissen, die haben sehr viel mit all dem zu tun. Und es bewegt sich was, man braucht nur den Grundton zu hören: Huuuuuuu! Well, das ist Macht! Das erstemal in meinem ganzen Leben gehöre ich zur Mehrheit im Parlament. Und ich liebe es! Jetzt muss ich nicht mehr in irgendwelchen Hinterzimmern die Steine aus dem Weg räumen, um irgend ein Programm ins Rollen zu bringen. Jetzt brauche ich bloss zu sagen: <Schafft sie weg!>»
Applaus.
«Ich will die Leute vom Schlag dieses Landes hier vertreten. Und wir haben langsam Erfolg. Aber jedesmal, wenn wir etwas bewegen wollen, kommen die Leute, die meinen, dass alles öffentliche Land ihnen gehört. Aber diese selbsternannten Umweltschützer richten damit nur eine verdammte Schweinerei an. Und wir wollen keine Schweinereien, wir wollen ein sauberes Land und alle Bürgerrechte respektiert sehen. Wir sind anständige Leute. Und wir wollen, dass alle anderen uns so behandeln, wie wir auch sie behandeln - auch wenn sie Newcomer sind. Sie müssen einfach merken, dass das hier nicht New York oder Kalifornien ist. Wir brauchen New York und Kalifornien nicht! Das hier ist zuerst einmal New Mexico. New Mexico ist ein eigener Staat, und wir hatten hier schon ein einfaches Staatswesen im späten 16. Jahrhundert.»
Joe Skeen setzt wieder sein Grinsen auf.
«Und wir sassen schon da und warteten auf euch, als ihr mit der «Mayflower» kamt. Und wir sind stolz darauf!»
Der Witz mit der «Mayflower», dem Schiff, mit dem die Puritaner 1620 von England kommend an der Ostküste landeten, löst ausgelassenes Gejohle aus. «Mayflower» - ein Synonym für die «Big Guys» in Washington DC.
«Ich lasse mir von der Regierung doch nicht sagen, wie ich eine Ranch führen soll!» ruft Skeen. «Und Ihr sollt es auch so halten. Ich kenne niemanden in den Büros der US-Regierung, der wüsste, wie man eine Ranch betreibt. Viele wissen nicht einmal, wie man einen National Forest betreibt. Die wissen nicht einmal, wie man einen kleinen Erfrischungspark dort draussen im National Forest betreibt!»
AN DER GRENZE zum National Forest grüsst ein grosses Plakat: Adolf Hitler in Nazi-Montur mit steif erhobenem Arm: «Alle, die für Waffenkontrollen sind: Hebt Eure rechte Hand!» steht darunter in ungelenken Lettern. Präsident Clinton ist für Waffenkontrollen. Ergo - so die Logik - ist Präsident Clinton ein Nazi.
Wir lassen das Mimbres-Tal hinter uns und steigen hoch in die Berge hinauf. «No Gas, Food, Lodging Next 120 Miles» ist das letzte Zeichen von Zivilisation für die nächsten drei Stunden Fahrt auf Dreckstrassen durch Wälder und Schluchten. Dann endlich: Black Canyon. Ein idyllischer Flecken am Ende der Welt. Ein altes Homestead aus dem letzten Jahrhundert am Rande einer grossen Waldlichtung. Erinnerungen an meine Jugendlektüre werden wach - Karl May: Der Schatz im Silbersee.
Kit Laney, breitschultrig und gross, zieht zur Begrüssung seinen Stetson. Er mustert uns neugierig und grinst etwas verlegen. Er sei soeben aus den Bergen zurückgekommen und habe einen Heisshunger. Seine Frau Sherry serviert ein frühes Abendessen.
«Die Kerle an der Ostküste wollten schon immer die Kontrolle über den Westen», sagt Kit Laney. «Sie wollen nicht, dass der Westen reicher wird als der Osten. Als die USA das Land hier im Krieg gegen Mexiko erobert hatten, schickte die Regierung die Siedler her, es auch wirklich zu besetzen. Mein Urgrossvater gehörte zu denen, die in den 1880ern Kühe ins Land trieben und in der Wildnis mit dem Ranchen begannen. Als er im Spätherbst achtzehnhundertachtzigundetwas über die Berge ritt, wurde er von einem Schneesturm überrascht. Sein Pferd strauchelte und brach sich das Bein. Er sass fest. Er erschoss sein Pferd, weidete es aus und kroch in die offene Bauchhöhle, um nicht zu erfrieren. Trotzdem froren ihm die Füsse ab. Er schleppte sich zu einer nahegelegenen Ranch. Er blieb dort ein Jahr, bis er sich wieder erholt hatte und zu seiner Ranch zurückkehren konnte. Als er dann zum zuständigen Regierungsbeamten ging, um das Land, das er abgesteckt hatte, zu seinem Privateigentum erklären zu lassen, wollte der die entsprechenden Papiere nicht unterschreiben. Er habe nicht die erforderlichen vollen fünf Jahre auf seinem Land verbracht. Das war die Auflage der Regierung damals; man musste fünf Jahre auf dem Land gelebt haben, bis man es als sein Eigentum beanspruchen konnte.»
Kit Laney lacht. «Die Bürokraten sind zu allen Zeiten immer dieselben gewesen; wahrscheinlich war das schon im Römischen Reich so. Die haben wohl gedacht, mein Urgrossvater habe sich absichtlich die Füsse erfrieren lassen. Anyway. Als alles endlich aufgebaut war, kamen wiederum die Leute von der Regierung und sagten ihm, er brauche eine Permit für das Land, das er beweidete. Mein Urgrossvater ritt auf seinem Pferd, bis er achtzig war, und er liess sich erst kurz vor seinem Tod dazu erpressen, eine Permit zu unterschreiben. Mein Grossvater weigerte sich standhaft gegen weitere Auflagen, aber mein Dad musste nachgeben, weil sie drohten, ihm sonst seine Privilegien zu nehmen, als ob diese Pachtverträge für das Weiden auf öffentlichem Land ein Privileg wären. Und jetzt, bei mir, sind sie mit den Auflagen ganz extrem geworden. Nur weil die aus den Städten ihre zwei Wochen Ferien in der Wildnis verbringen wollen, soll das nun alles hier aussehen, wie sie sich das vorstellen.»
Er schüttelt den Kopf.
«Die spinnen, die Städter.»
«Und - werden sie das Land hier bekommen?»
Wir treten aus dem Haus. Sherry hat uns zum Abschied selbstgemachte Blueberry-Konfitüre mitgegeben.
«Oh well, die kriegen dieses Stück Land nicht.»
Kit Laney lacht und wirft den Kopf zurück. Die warme Abendsonne dringt unter die Krempe seines Stetson und lässt ein rundes Jungengesicht aufscheinen. Er blinzelt mit hellen Augen in den tiefblauen Himmel; weit oben zieht ein Falke langsam seine Kreise.
«Und wenn sie das Land trotzdem kriegen?»
Kit Laney krault den Welpen auf seinem Arm. Auf der kleinen Weide vor dem Haus grunzen zwei riesige Schweine, und ein halbes Dutzend Pferde grast still vor sich hin; die dichtbelaubten Bäume am Creek leuchten in den letzten Sonnenstrahlen, die über die Krete des Schwarzen Berges ins Tal hinunterdringen.
«Wenn sie die Diamond Bar Ranch kriegen wollen, müssen sie zuerst mich erwischen.»
Jetzt lacht Kit nicht mehr. Er schaut mich bloss an.
Marcel Zwingli, Zürich, ist freier Journalist und Filmer.