NZZ Folio 05/96 - Thema: Entführt!   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Ernst Scheideggers Stöckli

© Christian Känzig, Zürich
Wie Strandgut eines vielfältigen Lebens haben sich in der Wohnung des 72jährigen Fotografen, Filmers und Autors Ernst Scheidegger Werke grosser Künstler angesammelt. Linktext
Von Lilli Binzegger

«ICH WOHNE HIER, seit dieses Haus steht, seit ungefähr zwölf Jahren. Ich war gerade auf der Suche nach etwas Neuem und sah den Rohbau, der mir gefiel. Es ist ein Bau von Ernst Gisel. Vorher war ich mit meiner Galerie am Steinwiesplatz. Ich habe dann für meine Galerie einen hofseitigen Anbau gemietet, der eigentlich als Wohnatelier gedacht war, und dazu diese Wohnung. Ernst Gisel war ganz begeistert. Er sagte: Da kannst Du den ganzen Hof mit Plastiken vollstellen. Die Galerie habe ich vor zwei Jahren aufgegeben, sie wurde mir zu viel, ich habe damit auch nichts verdient, war froh, die Unkosten decken zu können.

Seither habe ich fünf Bücher gemacht - das zur Ausstellung über mein Werk im Zürcher Kunsthaus, über Alberto Giacometti, über das Bergell und alle Giacomettis, über Miró und über den Maler Rolf Meyer, einen alten Luzerner Freund. Jetzt reicht es mir langsam. Daneben waren noch zwei fünfzigminütige Filme über Max Bill.

Eigentlich müsste ich eine Turnhalle haben. Hier stapelt sich das Papier, und meist ist auch der Boden mit irgendwelchen Dingen ausgelegt. Ich habe immer zu wenig Platz. Wahrscheinlich hätte ich in einer Turnhalle noch mehr Stapel, aber ich müsste die Stapel nicht mehr aufeinanderstapeln wie hier. Eine Turnhalle, oder ein Fabrikraum, wo man nur ein paar Wände hineinstellen könnte.

Mir gefällt dieser Raum aber, er ist offen, hat angenehme Proportionen. Ursprünglich hätte er mit einer Schiebetür unterteilt werden sollen. Ich sagte zu Gisel: Lass das doch offen. Von hier führt eine Treppe in den oberen Stock, dort sind mein Malatelier, eine grosse Terrasse und das Gästezimmer, wo immer der NZZ-Korrespondent Arnold Hottinger wohnt, wenn er in Zürich ist. Einmal wollten sie, als sie die Wände neu strichen, auch die Sichtbetondecke weiss streichen, da habe ich mich aber gewehrt. Natürlich ist die Decke vom Stumpenrauchen unterdessen ein bisschen gelb geworden..

Die Lage ist ideal. Ich bin mitten in der Stadt, kann alles zu Fuss machen. Mit Ausnahme des Verkehrs unten auf dem Zeltweg bin ich ungestört. Früher war hier einmal ein Friedhof, darum hat es wohl auch so viele Kirchen hier. Der kleine Privatfriedhof nebenan ist noch ein Rest davon.

Das Bild hinter mir ist von Varlin. Er wohnte in Bondo im Bergell, und ich hatte dort lange Zeit eine Zweitwohnung, das Pfarrhaus. Dort ging ich immer fischen. Nun gibt es aber Schontage für Fische, und an denen musste ich immer bei Varlin Modell sitzen. Es hatte dort doch sonst keiner Zeit dazu. Auch Giacometti hat an den Schontagen ein Bild von mir gemalt. Dabei fand ich es immer sehr langweilig, zu sitzen. Ich musste immer gähnen, darum habe ich auf vielen Bildern von Varlin den Mund weit offen.

Die Metzler-Figur vor dem Fenster hat an einer Ausstellung niemand gewollt. Seither steht sie hier. Ich finde die grüne Figur schön, weil im Sommer die Bäume vor dem Fenster auch grün sind. Die gehört jetzt allmählich Dir, hat er gesagt. Das Bild im Goldrahmen ist eine frühe Giacometti-Zeichnung, eines seiner allerschönsten Porträts. Er gab mir einmal einen ganzen Stapel von Zeichnungen, ich suchte drei aus und gab ihm die anderen zurück. Ich hätte sie behalten können, aber ich wusste damals nichts damit anzufangen. Etwas ähnliches ist mir mit Miró passiert, der hat mir einmal ein riesengrosses Bild geschenkt, das ich gar nie mitgenommen habe. Er war ganz beleidigt. Ich hatte zu der Zeit keine Wohnung und wohnte mit meinem Hund in einem Willys Overland. Wo hätte ich da mit dem Riesenbild hin sollen? Das war in Paris, Anfang der fünfziger Jahre, ich war gerade zur Fotoagentur Magnum gekommen und wollte mit Werner Bischof, meinem damals besten Freund, auch Dokumentarfilme machen, als Bischof dann leider starb. Ich hatte schon damals einen Boxer, der hat für Miró immer am Meer Material zusammengesucht, aus dem er dann Plastiken zusammenstellte. Davon, dass er mir ein Bild geschenkt haben soll, wollte er später leider nichts mehr wissen.

Das Bild neben der Terrassentür ist ein Neujahrsblatt von Amiet, auf der Rückseite ist ein Brief. Die liegende Figur ist ein Schang Hutter. Sie wurde an einer frühen Ausstellung in Solothurn nicht verkauft, und ich habe sie ganz billig bekommen. Es ist eine bearbeitete Eisenbahnschwelle. Den Tisch hat Max Bill für die Hochschule für Gestaltung in Ulm entworfen, deren Rektor er in den fünfziger Jahren war. Eigentlich sollte er einen Linoleumbelag haben, aber ich habe einen mit Kunststoffbelag machen lassen, auf dem ich meine Toscanis liegenlassen kann, ohne dass es Löcher gibt. Die Stühle sind Breuer-Kopien, Originale kann ich mir nicht leisten.

Den Marokkanerteppich finde ich schön, er passt auch gut zum Jurasteinboden. Der Boden ist sehr angenehm, im Winter ist er geheizt und im Sommer schön kühl. Man kann gut barfuss darauf gehen, das mache ich sowieso gern.

Zappa, er liegt hinter mir unter dem Bild, ist mein dritter Hund, ich hatte stets Boxer. Auch die Hunde hat Varlin mehrmals gemalt. Hunde zwingen einen ins Freie, bei jedem Wetter, das ist gut.

Mit dem Projektor schaue ich mein Filmmaterial an. Da hänge ich jeweils einfach den Varlin weg und projiziere den Film auf die Wand. Im Moment nisten in den Storenkästen aber gerade Spatzen. Da muss ich mit dem Filmeanschauen jeweils warten, bis es dunkel ist, weil ich die Storen doch nicht herunterlassen kann.»


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