GERI IST NIE ein Raucher gewesen. In den Jahren, in denen man noch rauchte, hat man ihn zwar selten ohne Zigarette zwischen Mittel- und Ringfinger gesehen (eine von Geris vielen Erfindungen, die man Freddy Gut zuschreibt). Aber geschmeckt hat es ihm nie. Er war dankbar, als Robi Meili - noch zu SchampBar-Zeiten - ohne Vorwarnung demonstrativ beim Apéro keine anzündete. Das bedeutete, dass Geri aufhören konnte, mit vorgetäuschten Lungenzügen Kette zu rauchen, ohne als Möchtegern-Ami zu gelten.
Er gab das Rauchen noch am gleichen Abend auf. Und wenn Robi Meili nicht nach drei Tagen einen Rückfall gehabt hätte (er sagte, er habe nur herausfinden wollen, ob er es könnte, falls er es einmal wirklich wollte), wäre Geri ohne Entzugserscheinungen dabeigeblieben. So aber war er gezwungen, weiterzuschloten, bis es nicht mehr als Vorwurf verstanden werden konnte, dass er nicht rauchte.
Die Übergangszeit hat er in schlechter Erinnerung. Die Clique teilte sich monatelang abwechselnd in Aufhörer, Nichtaufhörer, Wiederbeginner und Wiederaufhörer. Es bereitete ihm Mühe, den Überblick zu behalten und zu entscheiden, wann er aus Solidarität rauchen und wann er nichtrauchen musste. Selbst als Susi Schläfli aufhörte (als Letzte, sie war der Meinung gewesen, Nichtrauchen mache alt), trug er für Notfälle noch wochenlang ein Päckchen Gauloises (Carl Schnell, Alfred Huber) und ein Päckchen Marlboro light (Robi Meili, Susi Schläfli, Freddy Gut) auf sich. Eine Gewohnheit, die er erst aufgab, als er an einem heissen Frühlingstag im (damals noch) Mucho Gusto vor den Augen aller den Brusttascheninhalt seines lässig über die Stuhllehne gelegten Jacketts auf dem Boden verstreute. Damals wurde ihm bewusst, dass Rauchen definitiv als uncool gilt. Erleichtert legte er das Thema zu den Akten und löschte es so spurlos aus seinem Bewusstsein, dass er um ein Haar den Zigarrentrend übersehen hätte.
Es war ihm schon aufgefallen, dass in Lokalen ausserhalb seiner gewohnten Umgebung nach dem Essen Zigarren geraucht wurden. Aber er hatte dem keine weitere Beachtung geschenkt. Er hatte es für einen Anachronismus einer nicht Lifestyle-relevanten Minderheit gehalten. Bis Hofer, sein Chef, bei einem Abteilungsessen eine Zigarre paffte.
Nicht, dass Hofer ein Trendbarometer wäre, im Gegenteil: Daran, was er tut, kann man ablesen, was out ist. Aber Hofer ist militanter Nichtraucher. Wenn der nach einem viergängigen Pseudo-Gourmet-Menu eine grosskalibrige Zigarre zückt, sie genüsslich unter der Nase durchzieht, zeremoniell schneidet, befeuchtet und in Brand setzt, dann kann das nichts mit Rauchen zu tun haben.
Damit ihm nicht der gleiche Fehler passiert wie damals, als das Saufen out war und er die aufkommenden raren Fruchtbrand-Destillate mit Alkohol gleichsetzte, beginnt Geri, sich heimlich mit Zigarren zu befassen. Vorerst nur theoretisch. Er studiert die Marken Cohiba, Trinidad, Montecristo, Romeo y Julieta, Partagas, Punch und Hoyo de Monterrey. Er lernt die Namen ihrer Formate auswendig und die Bezeichnungen für Geschmack, Aroma und Duft (kalt und brennend).
An einem frühen Abend sitzt er allein im Steel und wartet, bis die andern eintrudeln. Als Aira seinen Caipirinha vor ihn hinstellt, legt sie ihm kurz die freie Hand auf die linke Schulter. Es ist, als hätte sich ein reizender kleiner Vogel auf dem Weg in ein schöneres, wärmeres Land kurz auf seine Achsel gesetzt.
Geri trinkt schnell aus und bestellt einen zweiten. Wieder spürt er ihre leichte Hand auf seiner Schulter. Diesmal lässt sie sie einen Wimpernschlag länger ruhen. Kein gedankenloses Abstützen einer Frau auf etwas zu hohen Absätzen. Eine bewusste Berührung.
Nach und nach treffen die andern ein. Aber bei niemandem legt sich Airas schmale Hand kurz auf die Schulter, wenn sie die Bestellung bringt. Und Geri müsste sich schon sehr täuschen, wenn sie nicht seinen Blick sucht. Oder seinem zumindest nicht ausweicht.
Den ganzen Abend lässt er Aira nur ein einziges Mal aus den Augen. Dann nämlich, als Robi Meili ein Zigarrenetui auf den Tisch legt und ihm eine dicke Zigarre entnimmt. Geri, der noch nie in seinem Leben eine Zigarre geraucht hat, nutzt die Gunst der Stunde. So beiläufig wie möglich sagt er: «Cohiba. Esplendidos Churchill. Zucker, Honig, voller Körper, sehr ausgefeilt am Gaumen, kraftvoll, waldig. Gute Wahl, Robi.»
In die verblüffte Stille hört er Aira zu Susi Schläfli sagen: «Igitt, ein Zigarrenraucher. Das ist wie einen Aschenbecher küssen.»