NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business   Inhaltsverzeichnis

Mit Freude im Stall

© Stephan Rappo, Zürich
Ernst Schweizer und sein Sohn Martin, der potentielle Nachfolger, arbeiten schon heute Hand in Hand. Für alle Fälle hat Martin eine Lehre als Metallbauer absolviert. Linktext
In der Familie von Ernst Schweizer läuft alles bestens. Der Hof kommt über die Runden, die ­Bäuerin ­versteht sich mit der Schwiegermutter, der Sohn freut sich auf die Nachfolge.

Von Adrian Krebs

«Manchmal hatten meine Eltern sicher Angst», sagt Ernst Schweizer. Angst, dass er den Betrieb nicht übernehmen und in die nahe Stadt abwandern würde. Die Befürchtungen waren nicht unbegründet, Ernst war kein Kind von Traurigkeit. «Der junge Schweizer trug die Haare bis hier», er legt die Hand ein gutes Stück unter die Schulter und lacht. Die Freizeit verbrachte er in den Berner Szenelokalen statt an Landjugendanlässen, und bis heute geht er lieber an ein Blueskonzert als ans Hornusserfest.

Wir sitzen auf einem Stapel Altmetall hoch über Köniz. Ernst ist geblieben, und es hat sich gelohnt. Ringsum ist alles grün, die Hauptstadt am Horizont nur Kulisse. Auf der Wiese stehen die stattliche Scheune und das Wohnhaus. Daneben drücken die weidenden Kühe die Nase tief ins Gras, es ist, als ob sie wüssten, dass bald der Winter kommt. Sie sind die wirtschaftliche Basis von Schweizers Betrieb. Die gut 40 Kühe produzieren jährlich gegen 300 000 Liter Milch. Eine stolze Menge für hiesige Verhältnisse.

Der Weg dahin war lang. Schweizers bewirtschaften das Land des Könizer Schlossguts. Das Schloss steht unten im Dorf, und dort wuchs Ernst mit vier Geschwistern in den historischen Gemäuern auf. Die Verhältnisse waren eng, im Winter gefror das Wasser in den Leitungen. Das Dorf wurde langsam zur Vorstadt, und der Verkehr nahm zu: «Wenn wir die Kühe aus dem Stall auf die Weide treiben wollten, mussten wir um ihr Leben zittern.» Die Zukunft des Betriebs war ungewiss, bis sich plötzlich, zu Beginn der 1980er Jahre, «ein grosses Fenster auftat», wie Ernst es umschreibt. Der Kanton Bern finanzierte in seiner Rolle als Besitzer eine Siedlung wenige hundert Meter weiter oben auf der Hügelkuppe, 1982 zog man um.

Heute ist Ernst Schweizer 54 und betrachtet die Jungen aus der Vaterperspektive. Die sind damit beschäftigt, dem soeben vollendeten Fahrsilo den letzten Schliff zu geben. «Vorwärts, noch ein bisschen, stop», dirigiert Martin den Lehrling, der mit dem Traktor eine Steinplatte an den Bestimmungsort transportiert. Martin ist Schweizers 25jähriger Sohn, der Älteste und, so hofft der Vater, eines Tages sein Nachfolger. Die innerfamiliäre Konkurrenz ist klein. Martin hat drei jüngere Schwestern: Katrin, Christine und Anna, sie sind Kauffrau, Pflegerin und Handelsschülerin. Für die Landwirtschaft haben sie sich nie interessiert. Die Frage ist deshalb nicht, wer den Betrieb übernimmt, sondern ob er überhaupt eine Zukunft hat.

Eine Generation zuvor war dies noch kein Thema. Man steckte mitten in der Planwirtschaft. Das Einkommen der Bauern wurde mit ­regulierten Preisen jedes Jahr auf das­jenige eines durchschnittlichen Schweizer Arbeitnehmers angehoben, und der Milchpreis stieg bis auf die heute astronomisch anmutende Höhe von 1 Franken 07 pro Liter. Auf ihren 49 Hektaren konnten die Schweizers ebenso komfortabel wirtschaften wie die Generationen davor. Daran änderte sich auch nach dem Umzug in die neue Siedlung wenig. Ernst zerstreute die zeitweiligen Ängste der Eltern. Die Geschwister überliessen ihm den Hof gerne, und er übernahm ihn gleichzeitig mit dem Umzug von seinem Vater in vierter Generation. Gemeinsam bauten sie den Viehbestand aus und sahen einer frohen Zukunft entgegen. Doch dann verdüsterte sich der Horizont für die Schweizer Landwirtschaft. Die Kosten für die staatlich garantierte ländliche Wohlfahrt liefen aus dem Ruder, und vor zwanzig Jahren hielt der Markt Einzug. Dies äusserte sich in sinkenden Preisen und unsicheren Perspektiven.

Die Könizer Bauerndynastie sah das Erreichte plötzlich existentiell gefährdet: «Ich weiss noch, wie ich damals im Auto unterwegs war, und im ‹Regionaljournal› sagten sie, dass der Kanton Bern aus Kostengründen seine elf staatseigenen Landwirtschaftsbetriebe veräussern wolle», erinnert sich Ernst. Dazu gehörte auch das Könizer Schlossgut. «Für mich war das ein Schock. Ich fing sofort an zu rechnen, ob wir uns einen Kauf leisten könnten.» Das Resultat war ernüchternd. Unter drei Millionen Franken würde der Betrieb kaum den Besitzer wechseln. «Wir hatten Erspartes, aber drei Millionen, unmöglich», sagt er. Es begann eine langjährige Zitterpartie. Schliesslich entschied der Kanton, einzelne Betriebe in der Agglomeration im Finanzvermögen zu belassen.» Die Existenz war zunächst gesichert.

Dass wir auf einem Stapel gebrauchter Eisenpfosten sitzen, ist kein Zufall. Ernst und Martin haben immer die Augen offen, ob irgendwo in der Gegend kostenloses und wiederverwertbares Material anfällt. Das Metall soll später in einem Unterstand für die Strohballen verbaut werden. Schon der Vater war ein haushälterischer Investor. Ernst blieb der Devise treu. Er deutet auf den 80-PS-Fiat-Schlepper: «Das ist unser neuester Traktor, Jahrgang 1992.» Er hält wenig von Prestigeobjekten. Die Stalleinrichtung ist 27 Jahre alt, der Vierermelkstand alte Schule: «Die einzige Elektronik steckt im Radio», sagt der Bauer und schmunzelt.

Zeit fürs Zvieri. In der Küche erwartet uns Silvia, Ernsts Frau. «Mir gefällt es, wenn der Tisch voll ist», sagt sie. Zehn Leute finden hier Platz. Jetzt sind es weniger. Auch Ernsts Mutter Martha, die 80jährige Doyenne, ist dazugestossen. Sie lebt in der Einliegerwohnung nebenan – seit dem Tod ihres Manns vor einem halben Jahr alleine. Sie erzählt von früher. Gegen zwanzig Mäuler seien zu füttern gewesen, eine grosse Kinderschar und eine Reihe von Knechten. Es war kein Zuckerschlecken, gemeinsam mit der dominanten Schwiegermutter den Haushalt zu schmeissen. Eine Generation später liess Martha ihrer Schwiegertochter mehr Platz. Sie haben jahrelang in der gleichen Küche gekocht. «Wir hatten nie Streit, das dürfen wir mit ehrlichem Gewissen sagen», sagt Martha, und Silvia stimmt ihr zu. Das Erfolgsrezept? «Man gibt sich Mühe», erklärt die Bäuerin, «und sagt manchmal halt einfach nichts.»

Sowieso wird man auf der Suche nach den üblichen Konflikten bei Schweizers nicht fündig. Vater und Sohn arbeiten Hand in Hand. Ernst fragt Martin um Rat, und dieser entscheidet mit; er wäre sogar froh, wenn der Vater häufiger alleine entscheiden würde. «Zum Beispiel wenn er mich aufs Natel anruft und fragt, ob er die Kühe auf die Weide lassen soll.» Weniger intensiv – und hier spürt man bei Silvia leichte Frustration – läuft oft die Kommunikation zwischen Feld und Küche. Wenn das Mittagessen wie immer um 12 auf dem Tisch steht und die Männer nicht auftauchen, ärgert sie das. «Da vergessen sie das Telefonieren. Und plötzlich sind sie da, schnabulieren das Essen runter, reden nur über den Silo und verschwinden wieder.» Aber die gelernte Krankenpflegerin lässt sich nicht alles bieten. Als die Männer wegen der bevorstehenden Maisernte auf die sonntägliche Geburtstagsfeier für Anna verzichten wollten, liess sie ihre Muskeln spielen. Der Unmut zeigte Wirkung: Am Sonntag wird gefeiert, trotz Erntedruck.

Die klassische Rollenteilung hat Silvia nie gestört. Sie blieb zu Hause, zog die vier Kinder gross, besorgt den Haushalt, den grossen Garten und kümmert sich ums Wohlbefinden der Familie, zu der auch ein leicht behinderter Knecht und der Lehrling gehören. Sie mache das gerne, auch wenn der Dank nicht überschwänglich sei. Dafür belohnt sie sich ab und zu mit kleinen Fluchten. «Das Generalabonnement ist mein einziges Luxusgut», sagt Silvia.

Ein Bauernhof ohne Familienstruktur sei unmöglich, da sind sich alle in der Familie Schweizer einig. Die vielen unterbezahlten Hände seien unerlässlich, um den Betrieb bei sinkenden Preisen über die Runden zu bringen. Die Selbstverständlichkeit, mit der man bei den staatlichen Stellen diese Gratisarbeit einkalkuliert, findet Ernst «fast hinterlistig». Trotzdem, jammern will er nicht. Der Milchpreis ist zwar auf die Hälfte des Rekordwerts gesunken, «aber wir verdienen trotzdem noch etwas». Wichtiger als das Geld seien ihm die Selbständigkeit und die Freiheit, etwas zu tun, was im Freude mache. «Schauen Sie», sagt er und macht eine Bewegung Richtung Fahrsilo, «da haben wir wochenlang den Rücken krummgemacht, aber es ist für uns.»

Die Weichen sind gut gestellt. Vor fünf Jahren konnte man die Gebäude vom Kanton in einem 50jährigen Baurecht erwerben. Die fälligen 1,15 Millionen Franken liessen sich zu gut zwei Dritteln aus dem Ersparten finanzieren. Und Martin will einsteigen. Er wird demnächst seine Meisterprüfung ablegen. Zuvor hat er, wie heute fast jeder Junglandwirt, eine Zweitausbildung absolviert. Eine Stelle als Metallbauer hat ihn aber nie gereizt, obwohl er der Beste seines Jahrgangs war. «Manchmal wäre es schon schön, am Sonntag einfach im Bett liegen zu bleiben, statt in den Melkstand zu steigen», sinniert er, «aber wenn ich den Nachmittag lang umhergelegen bin, dann freue ich mich schon wieder auf den Stall.»

Er ist noch beim Vater angestellt, 3500 Franken Monatslohn. Das sei mehr als genug. «Ich brauche ja nicht viel.» Die Übernahme kann noch warten, auch die Familiengründung. «Nur nichts überstürzen», sagt Martin. Er kennt seine Freundin Anna erst seit zwei Monaten, sie ist voller Elan mit am Werk bei den Vorbereitungen für die Maisernte. Irgendwann wird auch für sie der Moment kommen: «Man muss sich entscheiden für dieses Leben», sagt Silvia. «Und wenn du einmal drin bist, dann kannst du nicht mehr gut zurück.»

Adrian Krebs ist NZZ-Redaktor.

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