GERHARD POLT, 1942 in München geboren, ist Kabarettist, Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Seine Revuen («Diridari»), seine Filme («Kehraus»), seine CDs («Attacke auf Geistesmensch») wurden mit Erfolg und Auszeichnungen überschüttet. Seine Figuren mit den finsteren Herzen und verbohrten Köpfen vertreiben jede falsche Gemütlichkeit. «Das Beste kommt auf die Bühne, den Abfall erzähle ich meinen Bekannten», sagt Polt.
Gerhard Polt, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.
Es gibt Kinder, die sind als Kinder schon alt. Aber ich war noch jung. Als Kind schon jung, so war ich. Neugierig eben. Heute werden Kinder ja gern aus der Versicherungsperspektive betrachtet; man fragt sich, wieviel Schaden ein Kind anrichten kann. Taucht irgendwo ein Kind auf, heisst es: Vorsicht, ein Kind! - Früher war man nicht so gut gegen Kinder versichert. Wie erklären Sie sich das?
Ein Kinderzimmer kostet heute mehr als ein Kind. Nicht die Wertschätzung der Kinder ist gestiegen, aber der Wert des Drumherums.
Sie sind in Altötting, einem katholischen Wallfahrtsort, aufgewachsen.
Da lernte man schon früh, dass mit dem Glauben gute Geschäfte zu machen sind. Wir haben Heiligenbilder verkauft, und auch für Wallfahrer das Vaterunser zu beten lohnte sich immer. Aber sonst? Es ist sehr schwer zu beschreiben, was es bedeutet, in einem katholischen Wallfahrtsort aufgewachsen zu sein. Man kann sagen, der Katholizismus, das ist eine Schwarzwälder Kirschtorte, er ist üppig und spektakulär; der Protestant hingegen ist das Knäckebrot, die Askese, die Verneinung des Spektakels.
Sie haben mal gesagt, Bayern sei ein Ort, wo Politik als Theater verstanden würde. Wieso denn ist aus Ihnen kein Politiker geworden?
Diese Bühne ist als Zuschauer viel lustiger. Da hat man mehr davon.
Wie wurden Sie Kabarettist?
Zufälle, Zufälle, Zufälle. Ich bin durch Zufälle in etwas hineingerutscht, was ich für mich allein nie als Möglichkeit in Betracht gezogen hätte. Zufällig lernte ich jemanden kennen, der fragte mich, ob ich Lust hätte, ein Hörspiel zu schreiben, ich erzähle so schöne Geschichten. Das erste Mal auf der Bühne stand ich, weil ein anderer krank war, sie suchten einen Ersatz. Auf Grund dieses Auftritts wurde ich wieder eingeladen, und auf Grund dieses Auftritts bekam ich dann den Kulturförderpreis der Stadt München. Das war 1976.
Seither arbeiten Sie als Satiriker und Kabarettist. Bereuen Sie es nie?
Ich gratuliere mir jeden Tag. Ich kann leben von dem, was ich gern mache, und das ist ein Privileg. Schlechte Tage gibt es, aber selbst der Papst wird manchmal aufstehen und all den Weihrauch nicht ausstehen können, was also soll's?
Sind Sie routiniert geworden?
Wie ein Seekranker immer krank sein wird auf See, so werde ich immer Lampenfieber haben. Die Angst bleibt.
Man trifft manchmal auf Leute, die tragen einem ganze Polt-Nummern auswendig vor. Selbst aber scheinen sie absolut humorfrei zu sein. Kriegen Sie oft Applaus von der falschen Seite?
Es gibt nur Applaus, keinen richtigen oder falschen. Und selbst wenn er zaghaft ausfällt, muss das nicht heissen, dass man schlecht war und nicht verstanden wurde, vielleicht sind die Zuschauer ja vor Überraschung gelähmt, oder sie sind generell zurückhaltend. Was zwischen Bühne und Publikum passiert, ist sehr kompliziert.
Sie werden stark mit Bayern identifiziert. Zeigen Sie den typischen Bayern? Ich bin halt ein Bayer. Einen Norddeutschen kann ich höchstens nachäffen, aber nicht spielen, das wäre nicht authentisch. Als ich in Schweden auftrat, versuchte ich deshalb auch nicht, einen Schweden zu spielen, obwohl ich gut Schwedisch spreche. Sondern ich nahm Figuren, die die Schweden gut kennen, und dann habe ich ihnen etwas über sich erzählt, aber als einer, der von aussen kommt. Das war der Trick. Ich variierte leicht die Form, aber die Themen musste ich nicht ändern, weil die eben gar nicht typisch bayrisch sind. Das typisch Bayrische gibt es nicht. Es gibt höchstens ein Bedürfnis nach dem Klischee und solche, die das bedienen. Emil etwa liefert den Deutschen ein wunderbares Klischeebild vom Schweizer.
Ihre Lieblingsfigur ist der Kleinbürger, denkmüde, grossmäulig, spiessig.
Man sollte sich nie zum Richter machen und sagen, wer spiessig ist.
Es gibt diese Geschichte vom Vater, der sich über seinen Sohn ärgert, weil der den Kaiser Nero mit Arnold Schwarzenegger verwechselt, wo doch jeder weiss, dass Peter Ustinov Rom verbrannt hat.
Da mache ich mich aber eben nicht über Ungebildete lustig. Mir geht es darum, zu zeigen, wie sehr unser aller Geschichtsbild von der Antike durch Hollywood geprägt ist.
Finden Sie Ihre Arbeit sinnvoll?
Unterhaltung ist sehr wichtig. Ich persönlich verdanke Schriftstellern, Musikern, Künstlern viel. Sie halten unseren Blick auf die Welt beweglich.