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NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Wann, wie und wo entstehen Gerüchte?

Von Franziska Wanner-Müller

Jean-Noël Kapferer, 1955 in Paris geboren, ist Professor für Soziologie an der HEC (Hautes études commerciales) in Paris. Auf die Gerüchteforschung kam Kapferer Mitte der siebziger Jahre, als in Frankreich gerade wieder einmal das Gerücht umging, irgendwelche Bösewichte würden im grossen Stil Lebensmittel vergiften ? ein klassisches und immer wiederkehrendes Gerüchtemotiv. Kapferer erforscht somit seit zwanzig Jahren die Mechanismen, Funktionen und Auswirkungen «des ältesten Massenmediums der Welt». Neben anderen vielbeachteten wissenschaftlichen Publikationen hat er das Buch «Rumeurs ? le plus vieux média du monde» verfasst und bis vor kurzem die von ihm gegründete Stiftung für Gerüchteforschung, die Fondation pour l'étude et l'information sur les rumeurs, präsidiert.

Mit Jean-Noël Kapferer sprach Franziska Wanner-Müller.

Herr Kapferer, wie definieren Sie den Begriff «Gerücht»?

Ähnlich wie der amerikanische Soziologe Shibutani, der Gerüchte «ein wichtiges Ereignis von zweideutigem Charakter» nennt: als nicht nachprüfbare Neuigkeiten, die innerhalb einer Gruppe zirkulieren. Andere amerikanische Pioniere der Gerüchteforschung sagen, beim Gerücht deute nichts auf den Wahrheitsgehalt des Erzählten hin. Auch die meisten weiteren Erklärungsversuche basieren auf der Annahme, dass ein Gerücht falsch sein muss, weil sein Inhalt nicht von offizieller Stelle abgesegnet wurde.

Ist das nicht eine tendenziöse Interpretation?

Tendenziös, ideologisch, moralisierend. Der unterstellten Harmlosigkeit liegt in Wirklichkeit die Angst, vielleicht sogar die Gewissheit zugrunde, dass Gerüchte Wahrheiten enthalten.

Welche Rolle spielt die Plausibilität eines Gerüchtes für seine Verbreitung?

Dem schwatzhaften Volk dient die Annahme, das Gerücht sei wahr, als Antriebsfeder. Stellt sich die Geschichte später als unwahr heraus, wird sie unwichtig, nicht mehr weitertransportiert und damit inexistent.

Ein plausibel klingendes Gerücht ist ja nicht als Gerücht zu erkennen?

Nein, natürlich nicht. Es kursieren viele Gerüchte, die wir nicht als solche wahrnehmen.

Klatsch, «bruit», Geschwätz, Gerücht: woher stammen die Begriffe?

Etymologisch gesehen haben all diese Phänomene klangreichen Effekt. Der französische Ausdruck für Klatsch, «ragot», bedeutet auch «Grunzen des Wildschweines», was vieles über den Charakter des Klatsches, des Geschwätzes aussagt: an der Grenze zur Verleumdung, wird mit Klatsch und Tratsch ? oft unter vier Augen ausgetauscht ? absichtlich und böswillig Schaden angerichtet. «Bruit», auch mit «Geräusch» übersetzt oder mit «ich habe gehört . . . », sagt viel über den etwas feigen Charakter dieser Art «Nachrichten» aus, die, wie das Gerücht auch, keine offiziellen oder gar keine Quellen haben. Im Gegensatz zum Klatsch, der oft sehr privater Natur ist, liegen Gerüchten Ansichten und Gefühle zugrunde, die ein grosses Publikum teilt. Im Gegensatz zum Klatsch und Tratsch wollen Gerüchte nicht a priori Schaden anrichten. Mitunter, natürlich bei weitem nicht immer, haben sie sogar ihre moralische Berechtigung. Mit banalem Geschwätz haben sie wenig zu tun.

Gibt es «berühmte» Gerüchte?

Ja, zum Beispiel, dass gewisse Kinderabziehbildchen LSD anstelle von Leim enthielten; dass man für zehntausend leere Gitanes-Zigarettenschachteln einen Rollstuhl bekomme; dass in Hamburgern Mäuseschwänze gefunden worden seien;dass Amanda Lear ein Mann sei; und dass sich ein Hündchen nach monatelangem Zusammenleben als Riesenratte entpuppt habe . . .

Man spricht von schwarzen, den negativen, und von rosaroten, den optimistischen Gerüchten - nach welchen Kriterien wird da unterschieden?


Diese Unterscheidung machen die Amerikaner. Als rosarot, also als optimistisch, gelten jene Gerüchte, die einem Wunschdenken entspringen. Schwarz, also pessimistisch, sind jene, die Angst und Unsicherheit ausdrücken und Personen im eigenen Umfeld betreffen. Das ist allerdings eine sehr oberflächliche Gerüchteanalyse. Um den genauen Charakter eines Gerüchts auszumachen, beziehe ich darum noch andere Faktoren mit ein: den Zeitpunkt und das soziale Milieu seines Auftretens, seinen Ursprung. Die Gerüchtequelle ist schwierig zu rekonstruieren, aber sie ist sehr wichtig. Ist das Gerücht auf ein unwichtiges Detail oder auf ein grosses Ereignis zurückzuführen oder auf pure Imagination? Entstand das Gerücht aus dem Nichts, durch etwas provoziert, oder spontan? Insgesamt habe ich sechs Schemata geschaffen, nach denen ich das Phänomen studiere. Im Verlaufe der Jahre konnten so alle grossen Fragen zum Thema beantwortet werden.

Was bewirken Gerüchte?


Es gibt zum Beispiel Gerüchte, die Autoritäten, die Mächtigen, angreifen. Überlegen Sie sich einmal, was der Verbreitung von ? zum Beispiel ? politischen Gerüchten besonders abträglich wäre: ein Volk, das unerschütterlich an seine Regierung und das von ihr verkörperte System glaubt und alle ihre Statements für aufrichtig hält und zudem blindes Vertrauen in die Medien hat, ins Radio, ins Fernsehen, in die Zeitungen. Weil es dieses Volk nicht gibt und weil Gerüchte unkontrollierte Nachrichten sind und sich in ebensolcher Form verbreiten, also eine inoffizielle Darstellung der Dinge sind, sind sie als subversive Kraft auf allen sozialen Ebenen so gefürchtet. Gerüchte sind sozusagen eine eigene Wahrheit, eine, die nicht schwarz und nicht weiss ist - eine Gegenmacht, die Verborgenes, Schlimmes zutage befördern kann.

Welcher menschlichen Eigenschaften bedient sich das Phänomen?


Das Gerücht setzt Misstrauen, Respektlosigkeit und Informationshunger bei den einen und Konservatismus, Desinteresse und Intoleranz bei den anderen voraus.

Braucht die Gesellschaft Gerüchte?

Ja, sie haben eine soziale Funktion.

Welche? Und woher rührt sie?


Gerüchte entspringen ganz unterschiedlichen Energien. In kleineren Dorf- und Lebensgemeinschaften entstehen Gerüchte in der Regel auf Grund gegenseitiger Beobachtung. Ich habe auch Untersuchungen in ländlichen Gegenden Nordafrikas durchgeführt und festgestellt, dass sich dort das Leben nicht zuletzt deswegen fast ausschliesslich im Freien abspielt, damit die Sozialkontrolle gewährleistet ist. Damit keine Gerüchte entstehen konnten, waren in früheren Zeiten als Hausbesucher in anderen Dörfern einzig Kinder geduldet. Im Verlauf der Jahre übernahmen sie dann allerdings die Rolle der Gerüchteverbreiter. Die Kinder brachten die Sittenwidrigkeiten, die sie in den Häusern beobachteten, in aller Unschuld, aber um so schonungsloser unters Volk.

Und bei uns?


Bei uns observiert man die Nachbarn vom Fenster aus oder durch den Türspäher. Solche Kontrollen, die nichts anderes sind als eine Suche nach regelwidrigem Verhalten und damit der Nährboden für Gerüchte, resultieren aus dem Bedürfnis, gesellschaftliche Regeln und Traditionen zu erhalten. Also jene sozialen Gesetze, die das Überleben der Gemeinschaft letztlich sichern. Gerüchte, die im nahen Umfeld zirkulieren, ermöglichen die Bestrafung dessen, der die Regeln bricht.

Schaffen Gerüchte Ereignisse?


Nein, es ist umgekehrt. Ereignisse schaffen Gerüchte, und diese provozieren in ihrer Überspitztheit wiederum Reaktionen. Gerüchte, die der puren Phantasie entspringen, sind nur selten. Die Reaktion am Schluss des «Gerüchtemechanismus» hat oft klärende Wirkung, weil sie unterschwellig vorhandene Konflikte thematisiert.

Liegt es in der Natur der Sache, dass Gerüchte meist negativ sind?


Nicht alle Gerüchte sind negativen Inhalts; denken Sie an die Kapitulationsgerüchte im Zweiten Weltkrieg oder an Gerüchte um Stars, an die Spekulationen um bevorstehende Heiraten und Schwangerschaften. Es stimmt aber, dass inhaltlich positive Gerüchte in der Minderzahl sind. Man kann sagen, dass im Volk ein Bedürfnis nach Negativmeldungen existiert - nach Unglück, Katastrophen und Tod. Damit Information entsteht, transportiert und aufgenommen wird, braucht es in der Regel also negative Elemente. Das ist gleichzeitig eine Antwort auf die häufig gestellte Frage, warum Gerüchte so leicht kursieren.

Wer schafft und verbreitet sie denn?


Gerüchte sind meistens Gemeinschaftswerke, und sie entstehen - das haben Untersuchungen gezeigt - in allen sozialen Schichten, so wie sie auch ihre Zielscheiben in allen Schichten haben. Erzeugt werden sie von jenen, die einen direkten Bezug zu den Personen und Ereignissen haben. Bei der Schaffung von Gerüchten und ihrer Verbreitung gibt es feine Motivationsunterschiede: es gibt Leute, die aus reiner Lust ein Gerücht fabrizieren und es geniessen, wenn es in Umlauf kommt. Sie glauben nicht daran und betrachten es nicht als eine «Alternativwahrheit». Andere erzeugen Gerüchte, um die eigenen Moralvorstellungen und eigene Unsicherheit oder Schwäche zu legitimieren.

Woran erkennen wir Gerüchte?


Erst wenn Zweifel am Gehörten aufkommen, nehmen wir Gerüchte allenfalls als solche wahr. Das hört sich banal an, hat sich in dieser Eindeutigkeit aber erst im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit für die Fondation pour l’étude et l’information sur les rumeurs gezeigt. Dabei wurde eine Telefonlinie installiert, auf der ganz Frankreich Gerüchte deponieren konnte. Da wurden ausnahmslos Geschichten erzählt, an denen die Anrufer ihre Zweifel hatten. Von uns, der «offiziellen Stelle», wollten sie dann die Wahrheit hören.

Stimmt es, dass vor allem Frauen Gerüchte schaffen und verbreiten?


Auf die Gefahr hin, in Ungnade zu geraten: Frauen sind tatsächlich nicht nur an der Gerüchteverbreitung stärker beteiligt, sie sind auch für erstaunlich viele Gerüchte verantwortlich. Gerüchte entspringen meist dem Gerede, und dass dieses unter Frauen stärker verbreitet ist, ist möglicherweise auf Isolation und mangelndes öffentliches Mitspracherecht zurückzuführen.

Was sind so die Renner unter den Gerüchten?


Beliebt sind Gerüchte über Vergiftungen, über obskure Krankheiten, dann politische Gerüchte über Komplotte und Attentate; in der Geschäftswelt sind es Gerüchte über geplante Beförderungen, drohende Entlassungen, mögliche Bankrotte; in der Familie jene über regelwidrige Liebschaften, über das Verschwinden und Wiederauftauchen von Familienmitgliedern, über uneheliche Kinder. Es gibt die immer wiederkehrenden Gerüchte, es gibt Langzeit- und Kurzzeitgerüchte, historische Gerüchte und Modegerüchte.

Was bewegt uns denn dazu, zu glauben, was man uns erzählt?


Es müssen zwei religiöse Voraussetzungen erfüllt sein, nämlich die, glauben zu können, und die, glauben zu wollen. Da stossen wir ins Herz der Gerüchteforschung vor.


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