Am 22. November 1994 beschloss eine vom Verwaltungsrat einberufene ausserordentliche Generalversammlung der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG), einheitliche Inhaberaktien zu schaffen und die Mitte der 1970er Jahre eingeführte Namenaktie wieder abzuschaffen. Namenaktien waren im Verhältnis zu ihrem Wert mit einem deutlich stärkeren Stimmrecht ausgestattet und für Schweizer reserviert. Mit Hilfe dieser Wertpapiere hatten Martin Ebner und die von ihm gegründete BZ-Gruppe versucht, die Kontrolle über die SBG zu gewinnen und diese auf eine neue Strategie auszurichten.
Obwohl der damalige Verwaltungsrat der Schweizerischen Bankgesellschaft unter der Präsidentschaft von Nikolaus Senn eine Fülle von Gründen für die Einführung der sogenannten Einheitsaktie anführte, ging es ihm bei seinem Antrag ohne Zweifel vor allem darum, die Machtübernahme durch die BZ-Gruppe zu verhindern.
Das gelang ganz knapp. Der Verwaltungsrat benötigte für seinen Vorstoss eine Zweidrittelmehrheit von knapp 21,1 Millionen Stimmen. Er übertraf dieses Mehr hauchdünn um 65 000 Stimmen – nicht zuletzt dank einer da und dort umstrittenen Stimmenakquisition. Hätte der Entscheid anders gelautet, hätte Ebner also weiter relativ billig SBG-Aktien zukaufen können, wäre die Schweizer Wirtschaftsgeschichte der letzten zehn Jahre wohl anders verlaufen.
Ebner wollte die Bank fokussieren – und zwar auf das damals wie heute hochrentable Vermögensverwaltungsgeschäft. Er wollte auch die Auslandsexpansion der Bank und den Eigenhandel eindämmen. Durchaus möglich, dass auf diese Weise der Kelch des LTCM-Debakels an der SBG vorübergegangen wäre: Der Zusammenbruch des LTCM-Hedge-Funds führte 1998 zum Rücktritt von Mathis Cabiallavetta als Verwaltungsratspräsident und zu seinem Ersatz durch Alex Krauer. Ziemlich sicher hätten auch das Investment Banking und das Engagement im amerikanischen Immobilienmarkt nicht das Gewicht erhalten, das sie heute in der UBS haben, die 1998 aus der Fusion der Schweizerischen Bankgesellschaft und des Schweizerischen Bankvereins hervorging.
Vorstellbar ist auch, dass es gar nie zur heutigen UBS gekommen wäre. Am 1. April 1996 schlug CS-Verwaltungsratspräsident Rainer E. Gut seinem Counterpart Nikolaus Senn von der SBG in einem Telefongespräch nämlich vor, die beiden Banken zu fusionieren. Senn lehnte ab. Ebner hätte an seiner Stelle vielleicht angenommen. Dann hätten CS und SBG statt Schweizerischer Bankverein und SBG zur UBS fusioniert. Noch wahrscheinlicher ist jedoch, dass eine von Martin Ebner kontrollierte oder wesentlich beeinflusste SBG weder den Avancen der Credit Suisse noch jenen des Schweizerischen Bankvereins nachgegeben hätte. Dann hätte die Schweiz immer noch drei grosse Banken, darunter eine reine Vermögensverwaltungsbank, die in der internationalen Finanzkrise der letzten Monate nicht einen Schaden von zig Milliarden Franken davongetragen hätte.
Martin Ebner wiederum hätte seine Ambitionen in der SBG selbst ausleben können und müssen, wäre nicht bei Alusuisse und ABB eingestiegen und hätte seine «Visionen» nicht nach einem Kursdebakel dieser Aktien 2002 der ZKB abtreten müssen. Selbst die Swissair-Krise hätte ganz anders verlaufen können, wenn Marcel Ospel mit seiner Basel-Connection «nur» dem Schweizerischen Bankverein vorgestanden wäre und nicht dem Muskelprotz UBS. Im Zusammenspiel von drei Grossbanken und in einer anderen personellen Konstellation wäre vielleicht der Stecker für die nationale Fluggesellschaft nicht gezogen worden und sie flöge noch heute unter der Marke Swissair – unter der Führung von Mario Corti. Einige der besten Köpfe des Landes hätten nicht Jahre mit der Vorbereitung auf einen Prozess vertun müssen und stünden noch immer als kraftvolle Persönlichkeiten zur Verfügung. Eine Schweiz mit drei Grossbanken, darunter mindestens einer kerngesunden, mit einer selbständigen Swissair und mit einem Financier, der mit der Zeit seine Aussenseiter- und Aufsteigerrolle überwunden und sich gesellschaftliche Respektabilität erworben hätte: Das wäre eine deutlich andere Schweiz als die, die wir heute kennen. Nostalgiker würden sagen, es wäre auch eine bessere Schweiz.
Gerhard Schwarz ist Leiter der Wirtschaftsredaktion und stellvertretender Chefredaktor der NZZ.