IM JAHR DES HERRN 1995, es war Juli, und der Sommersonne heisser Atem wollte das weite grüne Land am obern Zürichsee schier versengen, sah sich der Kirchenrat von Altendorf im Kanton Schwyz vor die Aufgabe gestellt, einer perplexen Öffentlichkeit zu erklären, warum der Pfarrer des Orts - ein inniger Marienverehrer, der sich in elfjähriger Tätigkeit mit einer Serie unvergesslich schöner Beerdigungsgottesdienste einen soliden Namen geschaffen hatte - ein Tunichtgut sei. Der Pfarrer in seinem Pfarrhaus lachte grimmig, als er von den kirchenrätlichen Anwandlungen hörte. Doch seine Überheblichkeit bestrafte ihn. Er verlor den Kampf. Es dauerte keine zwei Wochen, und die öffentliche Meinung lief zum Kirchenrat über. Die öffentliche Meinung stiess den Pfarrer vom Thron. Von Worten zerfetzt, stürzte er kopfvoran.In Altendorf, die Bevölkerung stöhnte unter der Sommerhitze, hatte sich ein Abgrund aufgetan. Ein wahnwitziger Spalt in der Erde reichte bis zur Finsternis bei den gefallenen Engeln hinab. Man konnte sich an seinen Rand schleichen und ins unheimliche Dunkel starren. Heulen und Zähneklappern stiegen herauf, und einigen stach Schwefelgestank in die Nase.
Altendorf hatte vernehmen müssen, dass der Pfarrer einen Unterleib habe, Sex im Gehirn und eine Veranlagung. Die Empörung war weit verbreitet.
Wo sie sich nicht an des Pfarrers Person erschöpfte, richtete sie sich im Gegenteil gegen die Absicht, ihn aus seinem Amt zu entfernen, oder doch gegen die Unverfrorenheit, mit welcher der Kirchenrat diese Absicht verfolgte; dagegen, dass er sich nicht scheute, die Intimsphäre des geistlichen Herrn, um ihn besser loswerden zu können, vor allen Leuten blosszustellen. Denn das war die Karte, die stach.
Der Pfarrer war beliebt gewesen. Er verkehrte mit dem halben Dorf per Du. Der Kirchenratspräsident, Friedlos mit Namen, Josef Friedlos, 56 Jahre alt, Schreinermeister und ein Marienverehrer auch er, war einmal sein Freund gewesen. Friedlos sagte, der Pfarrer habe in all den Jahren seinen Glauben mitgeprägt: marianisch, würdig und ehrfurchtsvoll. Das war der Glaube Wolfgangs, des Bischofs von Chur. So gerüstet liess Friedlos den Pfarrer fallen und versicherte, er stehe mit gutem Gewissen da. Die Kirchgemeinde vollzog den Schritt fassungslos nach.
Martha E. liess einen Monat verstreichen, bis sie wieder in Altendorf zur Messe ging. Sie heisst in Wirklichkeit anders. Sie bat darum, ihren Namen zu ändern. Keine Seele unter den praktizierenden Katholiken im Dorf wollte sich in der Zeit nach dem grossen Schlagabtausch noch öffentlich äussern. Am Spalt, der mit so viel Getöse in die Altendorfer Erde geschossen war, hatten sie sich zu Tode erschreckt. Im Kirchenchor war das Thema tabu. Ein schwarzes Loch hatte es verschluckt. Dem Kirchenchor stand ein grosser Auftritt bevor. Er probte Gounods Cäcilienmesse mit Solistenbegleitung. Jedermann wusste bei diesen Proben, dass der Pfarrer unsichtbar in den Reihen der Sängerinnen und Sänger stand. Er blickte ihnen in die Augen und in die aufgerissenen Münder und berührte ihre Hand beim Wenden der Notenblätter. Doch ein stillschweigendes Einvernehmen verlangte, dass Gegner und Anhänger im Chor ihn totschwiegen. Die Kirchgemeinde gab für die Restauration der Pfarrkirche vier Millionen Franken aus. Diese Arbeiten standen vor dem Abschluss. Am 10. September wollte unser Bischof Wolfgang den neuen Altar einweihen. Auf diesen festlichen Anlass konzentrierte der Kirchenchor seine Kräfte, das andere war, unsagbar, aus den Kehlen verbannt.
Auch Martha E. hoffte, die Zeit sei gekommen, dass es endlich Ruhe gebe. Sie war den Tränen nahe ob all der Lieblosigkeiten rundherum. Sie fragte sich, wie der Boden beschaffen sein musste, auf dem die Botschaft des Kirchenrats erblüht war. Dem Ausbruch des Streits um den Pfarrer war augenblicklich eine beispiellose Flut von Verdächtigungen und Beschimpfungen gefolgt. Die anonymen Telefonanrufe und Schreiben waren nicht zu zählen. Mit ihrer Scham hatten die Leute ihren Namen aufgegeben. Keine Gemeinheit, die sie nicht für selbstverständlich hielten, keine Schandtat, die sie dem Pfarrer nicht zutrauten. Aus der ganzen Schweiz trafen Briefe ohne Absender in Altendorf ein, und für viele fromme Christen war klar, dass auch dahinter nur der Pfarrer stecken konnte.
An Mariä Himmelfahrt hatte Martha E. ihren Widerwillen überwunden und war zur Notkirche im Gemeindezentrum gegangen, wo die Gottesdienste während der Renovation der Pfarrkirche stattfanden. Altendorf zählt etwa 3200 Katholiken. Vielleicht 80 waren im Raum.
Martha E. dachte an die anonymen Briefe, als das Gemurmel der Betenden anhob. Sie sah verstohlen auf ihren Nachbarn zur Rechten, auf die Frauen in der Sitzreihe vor ihr. Sie sah die Ministranten und den Sakristan, wie er tief auf seine Knie sank. Sie sah den Gekreuzigten hinter dem Altar, sein Gesicht mit dem Kinnbart und seinen dünnen Schnauz. Er blickte sie an. Sie bemerkte, wie knabenhaft sein unbehaarter nackter Leib auf sie wirkte, und das Tüchlein, das sein Schöpfer zwischen seine Beinen geklemmt hatte, amüsierte sie. Sie dachte: «Alle haben das Dümmste getan, was sie tun konnten.»
Der Kirchenrat hatte erklärt, der Pfarrer habe den Sakristan zu vergewaltigen versucht, wodurch «seine homosexuelle Neigung offen zutage getreten» sei. Der Kirchenrat bat die Gläubigen: «Akzeptieren Sie den zwar traurigen, aber unumstösslichen Umstand, dass der Pfarrer nicht länger als Pfarrer von Altendorf amten darf und seinen Dienst und das Pfarrhaus verlässt.»
Martha E. schüttelte den Kopf, als sie vernahm, die Haltung dieser Kirche richte sich lediglich gegen homosexuelle Aktivitäten, nicht jedoch gegen homosexuelle Personen oder ihre Neigung. So viel Scheinheiligkeit, dachte sie: Wir verzeihen Dir Deinen Hunger, mein Sohn, aber nicht, dass Du ihn stillst.
Der Aushilfspfarrer am Altar vorn predigte von der reinen Jungfrau und Gottesmutter, dass ihr Leib der Verwesung entging, weil sie leibhaftig in den Himmel aufgenommen worden sei. Er bestand darauf, dass dieser Glaubenssatz, weil ihn der Papst im Heiligen Jahr 1950 zum Dogma erklärte, für alle verbindlich sei. Damals, sagte der Aushilfspfarrer, hätten Hunderttausende dem Papst zugejubelt, als er, von Kardinälen und Bischöfen aus aller Welt umringt, auf dem Petersplatz diese Wahrheit verkündet habe.
In der Notkirche von Altendorf beteten die Gläubigen: «Dank sei Dir, o Herr.» Der Aushilfspfarrer war ein alter Mann. Achtundsiebzig ist er nun.
Martha E. ging über seine Predigt hinweg. Sie hatte vor langer Zeit beschlossen, aus den Glaubenssätzen jene herauszupicken, die sie selbst für richtig hält. Sonst, sagt sie, würde es ihr schwerfallen, in dieser Kirche zu bleiben.
Friedlos ist anders. Er glaubt an die Wiederauferstehung der toten Leiber. Er betet darum, dass er dannzumal nicht in die Hölle kommt. Diese Hölle gibt es, sagt er, es gibt ein Fegefeuer und es gibt den Himmel, in dem die leibliche Jungfrau am Throne Gottes weilt. Doch wenn man ihn fragen wollte, wie er sich das praktisch vorstelle, wäre die Antwort: Es ist ein Geheimnis.
Friedlos sagte, im nachhinein könne es nicht überraschen, dass der Pfarrer nur Ministranten und keine Ministrantinnen um sich habe haben wollen. Und so eine Veranlagung, sagte er, sei für viele ein Schock.
Dieser Pfarrer war eines Tages wie ein junger Gott am Altendorfer Himmel erstanden. Sein Vorgänger hatte die Sprache verloren. Er war im Amt verstummt. Er war menschenscheu geworden und dirigierte die Pfarrei hauptsächlich mit Zettelchen - handgeschriebenen Notizen, Anweisungen und Mitteilungen, die er nach Bedarf den Adressaten überbringen liess oder eigenhändig bei Nacht und Nebel in ihrem Wirkungskreis deponierte. Man rätselte noch, was denn sonst, ob solch absonderliches Verhalten mit der Pfarrköchin in Verbindung zu bringen war, die im Ruf stand, eine äusserst eigensinnige Person zu sein, aber auf keinen Fall war's ein Zustand, der die Zeit überdauern konnte.
Dann kam der junge Gott. Er predigte wie die Propheten. Friedlos sagt, er habe selten einen Priester so gut predigen hören. Er war leutselig. Er war offen. Er war kontaktfreudig. Er war volkstümlich. Er hatte Ideen. Seine Gottesdienste waren Musik in des Volkes Ohr. Er war offen für Vorschläge. Er sprach. Er redete und lachte.
Eine Zeitlang hatte er unter dem alten Pfarrer als Aushilfe gearbeitet, und die Gläubigen sogen ihn ins Herz. Als die Aushilfszeit abgelaufen und er gegangen war, bemühten sie sich, ihn wieder, und endgültig, nach Altendorf zu holen. Er hatte eine Stelle in der Innerschweiz angenommen. Sie warben ihn ab. Sie sandten eine Abordnung nach Chur, damit der Bischof sein Einverständnis zum Wechsel gebe.
Der junge Gott hatte einen harten Kopf. Friedlos sagt, noch selten habe er einen Prediger gekannt, dessen Worte so stark von seinem gelebten Leben abwichen. Ein bisschen sich vor die Leute stellen, sagte er, eine gute Predigt halten, damit sie zufrieden seien, zackig mitmachen, wenn's ein Fest gebe, damit man populär sei - und die eigentliche Seelsorge komme zu kurz! So, sagte er, sei dieser Mensch in Wirklichkeit.
Friedlos erklärte: «Das Thema Alkohol haben wir stets aus dem Spiel gelassen, obwohl uns auch darüber einiges zu Ohren gekommen ist.» Er führte weiter aus: «Aber wir hatten stets den Eindruck, der Pfarrer sei unter Alkoholeinfluss sehr aufgestellt und freundlich.»
Auf einer Wallfahrt nach Italien, sie hatten Cognac getrunken, soll sich der Pfarrer dem Sakristan genähert haben. Es war vor zwei Jahren. Sie schliefen aus organisatorischen Gründen im selben Doppelzimmer. Der Sakristan hatte auf jener Pilgerreise seine künftige Frau kennengelernt. Der Sakristan erklärte: «Er fragte mich vor dem Einschlafen, ob er meine Hand halten dürfe.» Der Sakristan erklärte: «Dass ich eine Frau kennenlernte, ertrug er einfach nicht. In jener Nacht, als er mich anfasste, sagte er die ganze Zeit: Markus, mein Schatz, wie kannst du mir so etwas antun.» Der Sakristan erklärte: «Mitten in der Nacht bin ich dann erwacht, der Pfarrer berührte meinen Körper von oben bis unten.» Der Sakristan erklärte: «Ich sagte ihm, dass ich das nicht wolle und die Annäherungen ein Ende haben müssten.» Schliesslich fügte er an: «Er entschuldigte sich und versicherte, ein solcher Vorfall solle sich nicht wiederholen.» «Dann», sagte der Sakristan, «gaben wir uns die Hand.» «Dann», sagte der Sakristan, «hat er mich in Ruhe gelassen.» «Für mich war der Fall damit erledigt», sagte er, «man kann ja einen Menschen nicht wegen eines einzigen Vorfalls verurteilen.»
Der Kirchenrat schilderte den Vorfall als einen Vergewaltigungsversuch, als er sich nach anderthalb Jahren anschickte, den Pfarrer der öffentlichen Meinung auszuliefern. Der Pfarrer bestreitet. In einer amtlichen Mitteilung, die von den beiden Lokalzeitungen mit unterschiedlichem Eifer in die Haushaltungen verbreitet wurde, beteuerte auch der Kirchenrat seine Unschuld. Er warf dem Pfarrer in einer langen Liste psychische Quälerei von Untergebenen, schlechten Führungsstil, mangelhafte Betreuung der Jugend, mangelnden Einsatz und Eigenmächtigkeit in seiner beruflichen Tätigkeit vor. Er schilderte, wie des Pfarrers 24jähriges Opfer sich in jener italienischen Nacht nur durch Flucht auf den Hausflur der unerwünschten Nähe habe entziehen können und wie selbst des Bischofs Versuche gescheitert seien, den Pfarrer wieder zur Besinnung zu rufen.
Martha E. war aufgefallen, dass der Kirchenrat vom «jungen Sakristan» sprach, wenn er den Sakristan meinte, und vom «guten, väterlichen Freund», wenn er sich auf den Bischof bezog. Sie fragte sich, inwieweit die Wortwahl dazu beigetragen haben mochte, die Stimmung im Kirchenvolk gegen den Pfarrer zu wenden. Sie merkte, dass auch sie selbst ihre Einstellung zu ihm allmählich geändert hatte, wenn auch aus andern Gründen. Sie war höchst erstaunt gewesen, als sie vernommen hatte, dass Friedlos und der Pfarrer sich entzweit hatten; ein frömmeres Gespann hätte man erst noch finden müssen. Sie erinnerte sich, wie sie einmal, es war gegen Abend, in die Kirche gegangen war. Sie suchte die Stille. Sie liebt das Geräusch der eigenen Schritte, wie es von den Kirchenwänden zurückhallt, und die Ruhe nach dem Niederknien, den Geruch von Weihrauch und Kerzen. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, merkte sie, dass sie nicht allein war. Ein Grüppchen von vier Menschen stand verloren da und sang Marienlieder. Friedlos war dabei. Sie sangen vierstimmig. Es kam ihr schleimig vor.
Der Pfarrer hatte einen starken Hang zum Pomp. Kerzen hier und Kerzen dort, schöne Gewänder und Ministranten überall. Er liebte die grossen Auftritte. Den Leuten gefiel's. Viele kamen von auswärts - und viele gingen auswärts. Einige hatten sich mit ihm zerstritten, und einige störte es, dass er in jeder Messe für Bischof Wolfgang beten liess. Es konnte einem bald leid tun, dem Pfarrer widersprochen zu haben; es konnte passieren, dass man danach wie Luft behandelt wurde. Einigen wollte nicht gefallen, wie eilfertig die Altendorfer Kirchgemeinde dem umstrittenen Bischof die Hand hinstreckte und damit unter den Pfarreien fast allein dastand. Einige gingen nach Lachen zur Messe, weil ihnen dieses Verhalten nicht passte, und andere, weil sie den Prediger dort noch volkstümlicher fanden.
Jeder suchte sich das Seine, und die Pfarrer wurden in dieser schwindsüchtigen Kirche am Aufmarsch gemessen. «Einschaltquoten-Katholizismus», sagte Martha E. Wohin sollte das noch führen? Die kürzesten Messen gab's in Nuolen. Wer es eilig hatte, fuhr dorthin. Es war der schnellste Gottesdienst weitherum. Man fuhr hin und zurück, und die in Altendorf waren immer noch nicht fertig.
Im Schulhaus drüben erklärte ein Katechet der Jugend, was wahre Liebe ist. Wahre Liebe braucht kein Kondom. Wahre Liebe verzichtet auf Intimität vor der Ehe. Wahre Liebe ist zweigeschlechtlich. Wahre Liebe ist Liebe und Treue bis zum leiblichen Ende. Der Pfarrer sagte den Schülern, nur Christen würden nach dem Tod erlöst, und ein kleiner Junge weinte, weil er dachte, sein Vater, der Buddhist ist, komme nicht in den Himmel.
Eindringlich aber waren des Pfarrers Trauerfeiern. Sie waren sein Markenzeichen. Viele Leute kannten ihn nur von daher. Diese Leute gehen regelmässig an Beerdigungen, aber nicht regelmässig zur Kirche, oder sie sind andersgläubig oder kommen von auswärts. Diese unregelmässigen Gäste priesen den Pfarrer besonders und trugen seinen Ruhm über die Grenzen von Altendorf hinaus. Der Pfarrer tröstete die Verzweifelten, wenn ihre Tränen in Strömen flossen. Er fand die Worte für die Zweifler, die Sinn im scheinbar Sinnlosen suchten. Wenn sie nicht begreifen wollten, mühte er sich, damit sie ein wenig heiterer wurden. Keine Seele nahm er aus: Er beerdigte Kinder und alte Leute, Opfer von tragischen Unfällen und von grässlichen Krankheiten, er beerdigte Bischoftreue und von des Bischofs Feinden; tote Protestanten geleitete er ans Grab, und Menschen, die sich selbst getötet hatten, empfahl er der ewigen Ruhe. Das war nicht selbstverständlich: dass sie zwar nicht im Leben und nicht in der Ewigkeit, aber wenigstens in jener kurzen Zeitspanne alle gleich waren, wo der Pfarrer sie der Erde übergab.
Martha E. schöpfte Hoffnung aus der weitverbreiteten Wertschätzung, die ihm für diese Offenheit zuteil wurde. Sie möchte glauben, dass die allermeisten Katholiken gern grosszügiger wären, sei es beim Zölibat, bei der Geburtenkontrolle oder bei der Beerdigung von Andersgläubigen. Sie sagte, viele hätten sich abgewandt, weil ihnen klar geworden sei, wie konservativ im Grunde genommen dieser Pfarrer sein müsse, wenn er dem Bischof mit solcher Treue anhänge.
Kirchenratspräsident Friedlos unterscheidet zwischen angeborener und erworbener Homosexualität. Fragte man ihn, ob die eine oder die andere von Gott stamme, würde er antworten, es sei so etwas zwar dem Menschen in die Wiege gelegt, aber man habe, wenn man wolle, die Möglichkeit, es ein bisschen zu dämpfen, wenn man wolle. Friedlos sagte, er habe dem Pfarrer eine Heilung angeboten, bei vollem Lohn, doch dieser sei darauf nicht eingetreten. «Mehr, als wir taten, kann man eigentlich gar nicht tun», sagte Friedlos, «wir waren allzu lange allzu gütig.»
«An seiner Stelle», sagte er, «würde ich mich im Urwald verkriechen und zehn Jahre nicht mehr zeigen. Und schämen würde ich mich auch.»
Der Pfarrer, statt seine Vorzüge hervorzustreichen, versteifte sich darauf, eine Verschwörungstheorie aufzubauen, als die Angriffe seiner Gegner gegen ihn brandeten. Seine Überlegungen liefen darauf hinaus, dass er, ausgerechnet er, Opfer einer ultra-konservativen Verschwörung sei, ausgehend von einem jungen, traditionalistischen Kaplan, der bei ihm gearbeitet hatte, einer Hilfskraft, die sommersüber winkend und in kurzen Hosen durch die Pfarrei geradelt war und es verstanden hatte, sich ungeachtet des ausländischen Dialekts sogar ins Herz der Altersheimbewohner zu lachen.
Der Pfarrer hatte dem Bischof die Demission unterbreitet. Vielleicht hoffte er, der Oberhirte werde darauf nicht eintreten. Mit des Pfarrers Einverständnis erschien danach im «March-Anzeiger» und in der «March Höfe Zeitung» eine längere Erklärung. Eine dem Pfarrer ergebene Gruppe sprach von dunklen Kräften, die den Pfarrer auf dem Altar höherer kirchlicher Machtpolitik geopfert hätten. Sie beschimpfte den «Diktator von Chur» und richtete heftige Angriffe gegen den Kirchenrat und Präsident Friedlos. Der Chefredaktor der «March Höfe Zeitung» schrieb: «Nächstenliebe, Solidarität und Toleranz sind zu Fremdwörtern geworden in einer Zeit, wo jeder sich selbst der Nächste ist.»
Aber die Politik wurde bei der Konkurrenz gemacht: Der «March-Anzeiger» brachte die Farbe ins Spiel. In kurzer Folge veröffentlichte die Zeitung lange Artikel und Interviews über Befindlichkeit und Meinung, Neigung und Vorlieben von Pfarrer, Kaplan, Sakristan und Kirchenratspräsident. Das forsche Vorgehen trug dem Blatt Kritik ein. Der Chefredaktor wies sie zurück: dass sein Blatt unfair und reisserisch berichtet oder gar schmutzige Wäsche gewaschen habe, treffe nicht zu. Vielmehr sei es stets nur darum gegangen, den Leserinnen und Lesern des «March-Anzeigers» die Bildung ihrer eigenen Meinung zu ermöglichen.
Der Kirchenrat von Altendorf schlug, als der Angriff auf den Bischof erschienen war, mit fast brutaler Kraft zurück, schilderte in Einzelheiten, mit all wem sich der Pfarrer im Lauf der Zeit verkracht, dass er Geld verschleudert und wie ungnädig er seit der Rückkehr aus Italien den Sakristan, andere Untergebene, einfache Pfarreiangehörige und selbst ihn, den Kirchenrat, behandelt habe; das Mass sei voll. Um das Kernstück der Botschaft, mit der Überschrift: «Vergewaltigungsversuch auf einer Wallfahrt» auch im Titel irreführend, ergab sich eine zusätzliche Kontroverse. Die «March Höfe Zeitung», auf des Pfarrers Seite stehend, hatte es abgelehnt, den würdelosen Passus abzudrucken, und der Chefredaktor bemühte sich nachträglich um Beifall, was gleichbedeutend mit einer Verurteilung der Konkurrenz vom «March-Anzeiger» war. In dieser Kontroverse nahm der angerufene Journalistenverband zugunsten des Chefredaktors Stellung; eine Zeitung trage eine moralische und rechtliche Verantwortung und könne sich nicht hinter dem Argument verschanzen, sie sei amtliches Publikationsorgan, wie dies der «March-Anzeiger» getan hatte.
Dem Pfarrer trug das Verdikt nichts mehr ein. Das Volk, obwohl für Annahme oder Ablehnung einer pfarrherrlichen Kündigung nicht zuständig, hatte sein Urteil gefällt. Vielen Leute missfiel, dass der Pfarrer nach dem Auszug aus dem Pfarrhaus sich eine Wohnung im Dorf genommen hatte, nicht weit von der weissen Kirche entfernt und der süsslichen Mariengrotte davor. Auch Martha E. hatte die Befürchtung, sein trotziges Verharren sei ein Hindernis, wenn nun der Friede wieder ins Dorf zurückkehren solle. Es war ein Sieg des Kirchenrats.
Friedlos denkt, Homosexualität sei unter Umständen heilbar, doch heute hätte er keine Zeit für Erklärungen. Heute ist er in Chur am Schwing- und Älplerfest, wo sich die stärksten Schweizer im Sägemehl an die Hosen greifen. Heute ist Sonntag nach Mariä Himmelfahrt.
In der Notkirche von Altendorf sind die Reihen gelichtet. Der Aushilfspfarrer, der erst noch die leibhaftige Aufnahme Mariens in den Himmel verkündete, ist wieder da, schleppt sich, alt und gebeugt, tapfer durch den Gottesdienst. Heute predigt er von abgeschlagenen Köpfen, von Gemarterten und Verfolgten, vom Blut der Märtyrer, wie es in Strömen floss und weiterfliesst, und wie nach der Evangelisten Wort der Gottessohn gekommen sei, nicht um den Frieden, sondern das Schwert zu bringen. Er spricht mit brüchiger Stimme vom Kampf gegen das Böse, wie er sich bis in die Familien hinein fortsetze, Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater, Mutter gegen Tochter und Tochter gegen Mutter. «Wer kämpft, der siegt, und wer siegt, der wird gekrönt mit den Heiligen», sagt der alte Mann, und im Saal erwidern Mütter, Väter, Söhne und Töchter: «Lob sei Dir, Christus.»
Balz Theus, freier Journalist, lebt in Immensee SZ.