NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

Postkarte -- Die Freiheitsstatue

Von Jürg Federspiel

Nachdem die Freiheitsstatue am 4. Juli 1876 von Manhattan offiziell eingeweiht worden war, wurde sie jeweils von den ankommenden Emigranten frenetisch bejubelt und begrüsst. Aus der Perspektive der einlaufenden Schiffe war sie gigantisch, überwältigend, pathetisch. Sie verkörperte einen Traum, der allerdings oft zerrann, sobald sich die Auswanderer auf Ellis Island den peinlichsten Untersuchungen und Befragungen zu unterwerfen hatten; nicht selten wurden Einzelne oder ganze Familien nach weiteren Untersuchungen in der Quarantäne für zu krank befunden und unbarmherzig in ihr Herkunftsland zurückgeschickt.

Die Freiheitsstatue versprach Freiheit, doch sie garantierte keine Gerechtigkeit: Wer krank war, hatte keinen Anspruch auf Gerechtigkeit und auch nicht auf Freiheit.

War der Anblick der Freiheitsstatue vom Schiff aus majestätisch, so wirkt sie heute - vom World Trade Center aus gesehen - nicht eindrucksvoller als ein aufrecht stehender Zahnstocher.

Frédéric Auguste Bartholdi hiess der Bildhauer, ein Elsässer, der die Freiheitsstatue entworfen hatte. Er war zunächst nicht beauftragt worden, es war seine eigene Idee gewesen: Bartholdi (der Löwe von Belfort gehörte zu seinen Monumentalwerken) was always thinking big, wie die Amerikaner zu sagen pflegen.

Als sich schliesslich ein Gremium gefunden hatte, ein enthusiastisches, machte er sich mit dem Ingenieur Eiffel (ja, jener, der später den Turm schuf) an die Realisierung des Projekts, und Frankreich war stolz darauf, schliesslich hatten die Franzosen in ihrem Kampf gegen die englische Vorherrschaft (eigentlich à contre c?ur) zum Sieg der künftigen USA beigetragen. Noch lieber wäre ihnen natürlich ein französisches Amerika gewesen, was den Vorteil gehabt hätte, dass Kulturminister Jack Lang statt ein Gegner ein Befürworter des «amerikanischen Kulturimperialismus» geworden wäre; doch das gehört nicht hierher . . .

Zurück zur Freiheitsstatue. Sie ist zweihundertundfünf Tonnen schwer (man musste sie in dreihundert Teilen von Paris nach New York transportieren); allein der Zeigefinger ist 2,54 Meter lang; sie besteht aus 120 Tonnen Eisen und 80 Tonnen Kupfer, oxydiert, daher die grüne Farbe, und sie erhebt sich genau 92,99 Meter über den Meeresspiegel, eine Ziffer, die an die heutigen Preisangaben erinnert: $ 99,99, also ganz und gar nicht $ 100,00 . . .

Wie immer, keine Statue der Welt ist von mehr Menschen erblickt worden als eben die grüne Kolossin, und selbst heute, da sie zum blossen Museumsstück verarmt, permutiert und touristiziert worden ist, suchen sie alljährlich Hunderttausende auf, vor allem auch Amerikaner, die heute auf Ellis Island einen Computer nach ihren eingewanderten Ahnen befragen können. Als die Freiheitsstatue errichtet wurde, kamen kaum mehr religiös Verfolgte wie zu Zeiten der «Mayflower», nein, es waren die Armen aus allen europäischen Ländern, nicht zuletzt Schweizer. Die meisten auswandernden Eidgenossen stammten aus den Kantonen Graubünden, Tessin und Glarus, und darunter befand sich auch mein Urgrossvater väterlicherseits. Er hatte sieben Geschwister, denen das arme, schwarzkatholische bündnerische Dörflein Domat/Ems kein Auskommen mehr bot. Ein schlechter Sommer, das Vieh musste notgeschlachtet werden; die Pfarrei und die Gemeinde ermunterten - euphemistisch ausgedrückt - mit ein paar Almosen die armen Kleinbauern, die schliesslich eine neue Heimat fanden in Nebraska und heute Federspill heissen.

Es war auch die Zeit der «great famine», der Hungersnot in Irland, wo Zehntausende von Menschen verhungerten, nicht ohne Schuld der Engländer, wie man weiss. Ebenso viele wanderten aus, wohin? Nach Amerika natürlich. Ein irischer Schriftsteller meint, fast jeder irische Roman ende damit, dass der Held nach Amerika auswandert.

Die Überquerung des Meeres war - zumindest bis Anfang unseres Jahrhunderts - eine Hölle, die Wochen dauerte. Die Auswandererschiffe waren bis auf den letzten Zentimeter vollgepfercht: Das Zwischendeck war von Fäkalien und Erbrochenem bedeckt. Cholera und Typhus und andere pestilenzische Krankheiten brachen aus; die Strapazen der Reise schwächten die vielen, die schon beim Betreten des Schiffs gebrechlich waren.

Von einer acht- oder neunköpfigen Familie erreichte zuweilen kaum mehr als die Hälfte das gelobte Land und danach die Gegend, die sie sich ausgewählt hatte, im Osten oder Nordwesten oder irgendwo. Die Reise hatte meist in Etappen stattgefunden, denn die wenigsten besassen das Geld, um von ihrer Heimat direkt zum Ziel zu fahren. Um etwa nach Le Havre zu gelangen, mussten beispielsweise Schweizer Auswanderer irgendwo in Frankreich irgendeiner Arbeit nachgehen, um - vielleicht ein Jahr später - die Weiterreise aufnehmen zu können.

Oft, sehr oft wurden sie betrogen in Le Havre, von der Reisegesellschaft (den Schleppern der damaligen Zeit), und dann wieder in New York, wo ihnen Gauner Land verkauften, das gar nicht vorhanden war. Ja, die Überlebenden waren hart, sehr hart geworden, inkarnierte Darwinisten. Ich denke, dass zu jener Zeit etwas ausgebrütet wurde, das violence heisst, Gewalttätigkeit. Die USA sind ein gewalttätiges Land, kein intelligenter Amerikaner wird dies bestreiten. Die Statistik bestätigt es ebenfalls. (Dennoch dürfen wir Europäer nicht vergessen, was wir diesem Land zu verdanken haben, politisch und kulturell . . .)

Niemand wandere nach Amerika aus, der nicht dazu gezwungen sei, hat Oscar Wilde in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts geschrieben, und in der Tat haben viele die Freiheitsstatue ohne Rührung betrachtet: Abenteurer, Betrüger, aber auch Einzelgänger jeder Art. Einzelgänger? Gewiss. Doch sie verschwanden zunächst in der Masse der Ankommenden: fünftausend Menschen tagtäglich, jahraus, jahrein, zumindest bis zum Jahre 1915. Und alle kamen aus Europa. Die Boat people von damals, nicht wahr?


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.