NZZ Folio 04/02 - Thema: Unterwegs   Inhaltsverzeichnis

Nur noch ein fernes Wispern

Mit 62 000 km/h entfernt sich Voyager 1 weg von der Erde, und das schon seit 25 Jahren.

Von Rainer Kayser

Einsam zieht das Raumschiff seine Bahn. Als erster Botschafter der Menschheit schickt sich Voyager 1 an, das Sonnensystem zu verlassen. Sein Heimatplanet ist zu einem unscheinbaren blassblauen Pünktchen geworden, kaum auszumachen neben der winzigen, gleichwohl noch heller als alle anderen Sterne strahlenden Sonne. 12,5 Milliarden Kilometer entfernt lauschen auf der Erde die Forscher der Nasa den schwachen Signalen des fernen Boten. Elfeinhalb Stunden brauchen die Funksignale von Voyager 1, bis sie die grossen Antennen des Deep Space Network der Nasa erreichen, so unvorstellbar weit hat sich die Sonde inzwischen von uns entfernt.

Die Funksignale reisen mit Lichtgeschwindigkeit durchs All - 300 000 Kilometer legen sie pro Sekunde zurück. Etwas mehr als eine Sekunde brauchen sie bis zum Mond, acht Minuten bis zur Sonne. Die Funkstrecke von Voyager 1 zur Erde beträgt also fast das Neunzigfache der Entfernung Erde-Sonne. Und Tag für Tag entfernt sich die Sonde weiter von uns, mit einer Geschwindigkeit von 62 000 Kilometern pro Stunde - das sind in jedem Jahr 540 Millionen Kilometer oder das 3,6fache des Abstands der Erde zur Sonne.

Die unendliche Reise von Voyager 1 begann im Sommer 1977 mit einem Bilderbuchstart vom Cape Canaveral in Florida. Eigentlich sollte die Sonde - ebenso wie ihr Schwesterschiff Voyager 2 - nur die Planeten Jupiter und Saturn erforschen, die Lebensdauer der beiden Raumfahrzeuge war nur gerade auf fünf Jahre ausgelegt.

Die Sonden lieferten phantastische Bilder der beiden Riesenplaneten und ihrer unzähligen Monde, an denen sie in den Jahren 1979 bis 1981 vorbeiflogen. Die Planetenforscher konnten gewaltige Stürme in der Atmosphäre des Jupiter beobachten, entdeckten bis heute rätselhafte Strukturen in den Ringen des Saturn, erhielten Hinweise auf einen Ozean unter dem kilometerdicken Eispanzer des Jupitermondes Europa und vieles mehr.

Die Ergebnisse der Voyager-Sonden übertrafen die Erwartungen der Forscher bei weitem - und weckten den Hunger nach mehr. Aus der Ferne wurden die Bordcomputer umprogrammiert. Die Planeten standen günstig - für Voyager 2 wurde aus der ursprünglichen Zwei-Planeten-Tour nun eine Reise zu gleich vier fernen Welten. Als erstes Raumfahrzeug erreichte sie am 24. Januar 1986 den Uranus und dreieinhalb Jahre später, am 25. August 1989, den Neptun.

Voyager 1 folgte unterdessen einem anderen Pfad. Ihre Flugbahn hatte die Sonde im November 1980 nahe an Titan, dem grössten Mond des Saturn, vorbeigeführt. Die Anziehungskraft des Mondes hatte Voyager 1 dabei nach Norden aus der Bahnebene der Planeten herausgeworfen. Weitere Planeten waren damit für die Sonde nicht mehr zu erreichen - für Voyager 1 wurde der Weg zum Ziel: Als erste Raumsonde soll sie die Schutzzone unseres Sonnensystems, die sogenannte Heliosphäre, verlassen. Am 17. Februar 1998 brach Voyager 1 den Rekord der fünf Jahre älteren Sonde Pioneer 10 und ist seither das entfernteste von Menschen geschaffene Objekt im Weltall. Doch auch damit endete die Reise nicht. Denn immer noch liefern die Plutoniumbatterien genügend Energie, um die Messgeräte und den Sender der Sonde zu betreiben.

Noch mindestens bis zum Jahr 2020 hoffen die Weltraumforscher, Daten sowohl von Voyager 1 als auch vom Schwesterschiff Voyager 2 zu bekommen - und damit etwas über jene unbekannte Grenzregion des Sonnensystems zu erfahren, in der die Teilchenströme aus den Tiefen des Weltalls auf den Sonnenwind stossen.

Doch das ferne Wispern der beiden Raumsonden wird von Jahr zu Jahr leiser. Die heute auf der Erde eintreffenden Funksignale haben nur noch die Energie von einem Zehnmillionstel eines Millionstelwatts. Aber auch wenn die Signale eines Tages ganz verlöschen, bleiben die Voyager-Sonden weiter unterwegs zu den Sternen. An Bord haben sie Bild- und Tondokumente, die vielleicht in ferner Zukunft irdischen - oder auch ausserirdischen - Raumfahrern von der menschlichen Kultur am Ende des zweiten Jahrtausends berichten.

Rainer Kayser ist freier Wissenschaftsjournalist und lebt in Hamburg.


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