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Die Massnahme
© Nik Hunger, Zürich
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| «Intimster Begleiter eines Mannes»: Schneider Dolph Schmid. |
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Schwarz oder grau? Einreiher oder Zweireiher? Schwere oder leichte Wolle? Ein Massanzug verlangt Entscheidungsfreude. Zu Besuch beim Schneider Dolph Schmid.
Von Anja Jardine
Der junge Mann findet, es sei an der Zeit, sich einen Anzug fertigen zu lassen. Es soll ein Basisanzug sein, der Grundstein für eine Garderobe und ein Leben. Zunächst soll darin geheiratet werden, nichts Geringeres als das, doch auch für Theater, Vernissage, Beerdigung und Geschäftsessen soll der Anzug herhalten. Nicht overdressed will der junge Mann sich darin fühlen und, wenn möglich, nicht wie ein Konfirmand. Preislich bitte eher aus dem unteren Segment. Das liegt, da hat er sich erkundigt, bei etwa 2200 Franken. So viel hat er bisher nicht einmal für ein Auto ausgegeben.
Der junge Mann bringt seine Wünsche schüchtern vor – das Bekleidungsgeschäft des Massschneiders Dolph Schmid am oberen Ende der Bahnhofstrasse, übrigens sowohl für Herren als auch Damen, mit seinem Interieur aus Pfauenaugenahorn, den einzeln in Schutzpapier zur Schau gestellten Hemden und Anzügen aus feinstem Tuch, bei denen der Heftfaden auf den Schultern noch von Jungfräulichkeit zeugt, ist nicht sein angestammtes Biotop. Er hat etwas Mut gebraucht, um die Türschwelle zu übertreten, und sah sich prompt einem international bekannten Fussballtrainer und damit einem für diese Einkaufsliga wahrhaft Qualifizierten gegenüber; der steckte gerade mit einem Arm in einem schweren Herbstmantel.
Doch es ist der junge Mann, den Dolph Schmid an diesem Morgen erwartet: ein Rendez-vous mit einem Schneider! Schmid begrüsst ihn so höflich und selbstverständlich, als sei er mindestens Fussballtrainer. «So fängt es oft an», wird Schmid später sagen, «viele Männer begleite ich dann durch ein ganzes Leben» – was selbst Ehefrauen nur in seltenen Fällen von sich behaupten können. «Neben dem Arzt und dem Advokaten sind wir oft die intimsten Begleiter eines Mannes.»
Schmids persönliches Reich liegt im ersten Stock des Ladens: die Anprobe. Wer mit von rotem Teppich gedämpftem Schritt dort hinaufsteigt, an dem antiken Tisch Platz nimmt, ein wenig in dem Modefachbuch «Homo Elegans» schmökert und sich aus Silbergeschirr einen Kaffee einschenken lässt, mit dem geschieht etwas. «Es ist seltsam», erzählt Schmid, «ich erlebe CEO mit minutiös verplantem Tag, die werden plötzlich ganz entspannt, wenn sie hier sitzen. Viele wollen erst mal ein Viertelstündchen plaudern.» Verglichen mit den Flagshipstores der grossen Designer, die in ihrem kühlen Purismus manchmal an Leichenschauhäuser gemahnen, ist es bei Schmid geradezu behaglich. Fast wie in einem gutbürgerlichen Salon des letzten Jahrhunderts. Wäre da nicht der Hausherr selbst, in Cowboystiefeln aus Schlangenleder, die der Schneider zu seinem dunklen Anzug und dem rosa Hemd trägt. Trotz seiner zurückhaltenden und unprätentiösen Art bringt er etwas Atonales in dieses Ambiente, eine winzige Dissonanz, die das Biedere bricht.
Schon als Kind hat Schmid seinem Vater, einem Schneidermeister im Zürcher Engequartier, beim Hantieren mit Nähring, Massband und Kreide zugesehen, abgeschaut, wie der auf dem riesigen Zuschneidetisch seine Linien zog: das Revers, der Kragen, unermüdlich, bis die Proportionen stimmten. Später hat er an der Fachschule das Handwerk erlernt und nebenbei die Handelsschule besucht. Dann aber ist Schmid erst einmal abgehauen. Das war Ende der 1960er Jahre, da trafen Vestons, die so steif waren, dass man sie in die Ecke stellen konnte, nicht gerade den Zeitgeist – auch Schmids nicht. Er ist auf Reisen gegangen, hat in England Teller gewaschen, Fish & Chips verkauft und in Clubs gejobbt. Zurück in Zürich, hat er die Kunstgewerbeschule besucht und Modedesign studiert. Erst danach hat er sich für die Mode entschieden. «Wegen der Menschen», sagt Schmid.
Zu seinen Kunden zählen nicht nur Banker, Juristen und Wirtschaftsbosse aus aller Welt, sondern auch Künstler, Professoren, Sportler und beinahe ein Scheich. Der hatte sich angemeldet, Kundschafter zur Ortsbegehung vorausgeschickt, Bodyguards in Treppenhaus und Hintereingang postiert, den ganzen Laden in helle Aufregung versetzt und war dann mit einer schwarzen Limousine vorgefahren. Fünf Minuten hat der Scheich lustlos durch die Stoffproben geblättert und ist grusslos wieder abgerauscht. Dann doch lieber einen schlaksigen jungen Mann in grüner Bomberjacke und mit knappem Budget.
Der hat durchaus präzise Vorstellungen von seinem Anzug: Der Veston soll leicht tailliert sein, ein Einreiher mit zwei Knöpfen und insgesamt eher kurz als lang. Aber wie viele Schlitze? – «Welche Bedeutung haben die Schlitze?» fragt der junge Mann. – «Keine», sagt Schmid. «Das ist reine Geschmackssache.» Der junge Mann schweigt und überlegt eine kleine Weile, und da es nun mal keine philosophischen Anhaltspunkte gibt, entscheidet er willkürlich, aber energisch: «Einen Schlitz find ich gut.»
Die Hose soll um Himmels willen keine Bundfalten haben, etwas tiefer sitzen und am Fuss schmaler sein. Doch welche Farbe? Grau, braungemustert oder vielleicht Nadelstreifen? Hier gilt es nun einiges zu bedenken und zu erörtern. In Streifen fühlt sich der junge Mann wie ein Clown, und Braun könnte wieder aus der Mode kommen, obwohl so ein englisches Karo natürlich schön wäre. Aber wenn man auf absehbare Zeit nur einen solchen Anzug besitzen wird, wohl doch zu speziell. «Ich empfehle jedermann, einen schwarzen Anzug im Schrank zu haben», sagt Schmid beiläufig. Ein schwarzer Anzug also.
Zum Massnehmen schlüpft der junge Mann in einen Probeanzug von Ermenegildo Zegna. Denn was hier entstehen soll, ist Masskonfektion, «obwohl ich das Wort nicht ausstehen kann», sagt Schmid. Es handelt sich dabei um eine Mischform, bei der die Hersteller einen industriell gefertigten Anzug den individuellen Massen eines Kunden anpassen. Auch in diesem Bereich gibt es grosse Qualitätsunterschiede. Schmid, so sagt er, arbeitet mit «den fünf Besten von Zegna bis hin zu Kiton und Attolini»: Der Deckstoff und das darunterliegende formgebende Material werden nicht verklebt, sondern mit Nähten fixiert, Knopflöcher an den Jackettärmeln sorgfältig umsäumt, Knöpfe durchgeknöpft, die Ärmel per Hand eingepasst und so weiter. Der Finish geschieht bei Schmid im Haus; unter dem Dach hat er ein Atelier, in dem drei Angestellte die letzten Anpassungen und Korrekturen vornehmen. «Die meisten Masskonfektiönler vermessen Beinlänge und Bauchumfang, und das war’s», sagt Schmid, «doch gerade im Massnehmen liegt die Kunst.» Es brauche ein geschultes Auge für Körperhaltung und Anatomie.
Der junge Mann zum Beispiel, das sieht Schmid sofort, hat hohe Schultern. Das wusste der noch gar nicht. Doch einmal hingewiesen auf diesen Sachverhalt, ist es nicht mehr zu übersehen: Der Veston liegt am Hals nicht auf, deswegen bildet sich am Nacken eine unschöne Querfalte, wodurch das Rückenteil kürzer wird, im schlimmsten Fall absteht wie ein Zelt, und vorn auf der Brust springt das Revers auf. Unglaublich, was so ein Paar hohe Schultern alles anrichten! Und ehe man sich’s versieht, hat Schmid den ganzen Mann vermessen, flink und geschmeidig, wie ein Schneider zu sein hat, und, das Nadelkissen am Handgelenk, mit wenigen Stichen eine neue nackenfaltenfreie Kontur gezeichnet.
Würde der junge Mann nicht so hartnäckig fragen, hätte er kein Wort über dessen körperliche Eigenarten verloren. Denn das ist es ja gerade: Schmid persönlich und vor allem seine Anzüge sind kein ständiger Vorwurf menschlicher Unzulänglichkeit wie so manche Hose von der Stange, in die der Hintern passt, die Hosenbeine aber 30 Zentimeter zu lang sind, so dass man sich im unbarmherzigen Licht der Umkleidekabine fragen muss: Wie kann das sein? Dies ist eine Menschenhose, alle Welt passt rein, nur ich nicht! Schmids Anzüge sagen: Du bist richtig.
Fast täglich bekommt Schmid zu hören: «Nun bin ich zu schwer, Schmid, nun nehme ich ab.» – «Gut», antwortet der Schneider dann, «wollen wir heute Mass nehmen oder in zwei Wochen?» – «Ach, lassen Sie es uns jetzt machen», sagen die Herren meist. Und damit ist das Gewichtsproblem gelöst. Schmid weiss es zu verhindern, dass ein kleiner Mann mit dickem Bauch aussieht wie eine Schachtel, nur weil der Veston, der den Bauch umfasst, an den Schultern eine halbe Meile zu weit in der Landschaft steht.
Bei Schmid, so sagt Schmid, werden Bauch und Schulter nicht gegeneinander ausgespielt, alles bekommt seinen Raum. Ob Hohlkreuz oder starkes Gesäss, es gibt immer eine Lösung. Für den schiefen Mann zum Beispiel, und schief werden fast alle im Laufe der Jahre: Meistens ist die rechte Schulter irgendwann tiefer als die linke, zumal bei Rechtshändern, was der Körper zu kompensieren versucht, indem er die Hüfte hochschiebt. Für den Veston bedeutet das: Das Armloch gehört tiefer geschnitten. Und für die Hose, dass eines der Beine länger sein muss. «Wenn Sie einen gut gemachten Anzug anziehen, spüren Sie das sofort», sagt Schmid, «der hat eine Seele.» Und die ist, na klar, mit der seines Trägers verwandt.
Doch so weit ist der junge Mann noch nicht. Tatsächlich gelangt er nun an einen Punkt, an dem er fast zu scheitern droht. Die Farbe steht fest, der Schnitt auch, doch welcher Stoff? «Er soll fein sein, aber eine gewisse Grobheit nicht verloren haben», sagt er. Selbst kryptische Ansagen wie diese können Schmid nicht irritieren. Und so stehen am Ende in der gewünschten Preisklasse eine 250, 270 oder gar 300 Gramm schwere Schurwolle zur Auswahl. Der junge Mann ist im Moment ein wenig erschöpft, er muss sich darüber erst mit seiner Braut beraten. Schmid lächelt, er hat keine Zweifel, dass der junge Mann wiederkommt.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin und hat sich vor kurzem grüne Ohrringe von Lisa Hoskin gekauft.
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