NZZ Folio 07/93 - Thema: Woodstock   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Die Katzen von New Amsterdam

Von Herbert Cerutti

DIE HAUSKATZE LIEGT schnurrend auf unserem Schoss. Augenblicke später hat sie anderes im Sinn; der menschliche Freund ist ihr jetzt piepegal. Wir schätzen die Katze dieser Unabhängigkeit wegen. Ein urtümliches Verhalten, das um so erstaunlicher ist, als die Wildkatze bereits vor 5000 Jahren im alten Ägypten domestiziert wurde. Aus jener schwarz-braun gestreiften Urkatze haben sich schliesslich um die fünfzig verschiedene Hauskatzentypen entwickelt. Die Unterschiede liegen vor allem in Farbe und Muster des Felles und in der Länge der Haare, denn zu etlichen der Gene, welche die Eigenarten des Felles bestimmen, sind im Laufe der Zeit durch zufällige Mutation neue Varianten (Mutanten) entstanden. Und da die Katze (so man sie frei laufen lässt) unter allen Haustieren das dem Wildtier noch ähnlichste Fortpflanzungsverhalten hat, kombinieren sich die Mutanten gemäss ihren lokalen Häufigkeiten.

So gibt es eine Mutante, die anstelle der nur teilweise pigmentierten braunen Streifen der Wildkatze eine volle Pigmentation bewirkt - die Katze ist jetzt ganz schwarz. Eine andere Mutante setzt weisse Flecken ins Wildkatzenfell. Diese Mutanten zusammen bescheren uns die drolligen Teufelchen mit weissen Stiefeln und Clowngesicht. Besonders interessant ist «sex-linked orange», eine Mutante, die aus den schwarzen und braunen Streifen rote und gelbe macht. Zufälligerweise sitzt dieses Gen auf dem X-Chromosom, dem weiblichen Geschlechts-chromosom. Da Männchen nur ein X-Chromosom haben, macht dieses Gen also deren Fell entweder schwarz-braun oder als Mutante rot-gelb. Die Weibchen hingegen haben von Vater und Mutter je ein X-Chromosom erhalten und können deshalb gleichzeitig sowohl die ursprüngliche wie die veränderte Form des Gens tragen: das Fell wird beispielsweise schwarz-rot-weiss. Das Volkswissen, Dreifärber seien immer weiblich, hat seinen genetischen Grund.

Im Jahre 1947 schlug der britische Genetiker Haldane dem Studenten Searle vor, die Katzen Londons nach genetischen Gesichtspunkten zu klassifizieren. Und da etwa zehn verschiedene Gene mit ihren Mutanten allein durch den Blick auf das Fell der Katze erkennbar sind, musste Searle lediglich durch Londons Strassen und Katzenheime streifen, um die Häufigkeit der verschiedenen Genmutanten festzustellen. Drei Jahre später machte ein Japaner ein Inventar der Genhäufigkeiten für die Katzen von Mishima; Studien für weitere Gegenden folgten. Hätten diese ersten Beobachtungen für die einzelne Genvariante jeweils ähnliche Häufigkeiten ergeben, wäre der neue Forschungszweig bald uninteressant geworden. Es zeigten sich indes enorme Unterschiede, was den Gedanken weckte, die lokalen Unterschiede könnten die Besiedlungsgeschichte des Menschen widerspiegeln. Denn auf welches Neuland der Pionier seinen Fuss auch setzt, er hat fast immer das Kätzchen aus der alten Heimat als Begleitung.

Diese Migrationshypothese der Katzengenetik zu testen ist in Europa recht schwierig, denn das jahrtausendlange menschliche Hin und Her auf dem Alten Kontinent hat auch die Katzengruppen tüchtig durcheinandergewürfelt. 1964 untersuchte der Amerikaner Neil Todd die Genhäufigkeiten in New England, wo Hauskatzen erst im Jahre 1620 mit den Pilgervätern der «Mayflower» an Land getrippelt sind. Und nachdem 1979 der englische Doktorand Andrew Lloyd diese Beobachtungen auf 6500 Katzen an 35 verschiedenen Orten zwischen New York und Neufundland ausgeweitet hatte, lag eine Datenfülle vor, die eine klare Antwort auf die Migrationshypothese erhoffen liess.

In der Tat. Die Katzen von New England sind den Katzen der britischen Inseln genetisch ähnlich. Bei den beiden Mutanten «Fellfarbe weiss» und «langes Haar» zeigt sich allerdings eine deutliche Zunahme der Häufigkeit von Süden nach Norden. Hier ist als Selektionskriterium das Klima zu vermuten, denn auch bei vielen Wildtieren findet sich ein weisser und langhaariger Pelz im rauhen, winterlichen Norden häufiger. Ausgesprochene Lokalgeschichte manifestiert dann aber die Mutante «Vielzehigkeit». Schon 1848 hatte eine irische Immigrantin aus Boston in die alte Heimat geschrieben, bei ihnen gebe es viele Katzen mit zusätzlichen Zehen an den Füssen. Da solches noch heute bei Katzen in Europa unbekannt ist, muss diese Laune der Natur in New England entstanden sein. Und höchstwahrscheinlich in Boston, denn heute haben dort 15 Prozent aller Katzen bis zu zehn zusätzliche Zehen. Je weiter aber Katzen von Boston entfernt leben, desto seltener wird Vielzehigkeit. Zurzeit hat diese Mutante fast New York erreicht, woraus sich die sehr langsame Ausbreitungsgeschwindigkeit von etwa einem Kilometer pro Katzengeneration abschätzen lässt.

New York selber brachte den Katzengenetikern eine weitere Überraschung. Dort findet sich häufig die kurzhaarige, weissgefleckte Katze und nur ganz selten ein rotes Fell. Sucht man in Europa nach dem ähnlichen Mutantenmix, wird man in Amsterdam fündig: die Katzen der Stadt New York sind noch immer die Katzen der Immigranten von New Amsterdam. Die genetische Distanz zur heutigen Katzenpopulation von Amsterdam ist sogar kleiner als zu den Katzen der Orte im nahen New England. Dies ist um so verwunderlicher, als die von den Holländern 1626 gegründete Kolonie auf der Insel Manhattan bereits 1664 von den Engländern übernommen worden ist. Und während das Menschengesicht in New York heute alles andere als Holland widerspiegelt, hat das Katzenfell die frühe Besiedlungsgeschichte mehr als drei Jahrhunderte konserviert. Man muss vermuten, dass Katzenpioniere, nachdem sie einmal Fuss gefasst haben, späteren Katzenimmigranten genetisch keine Chance lassen. So unabhängig uns Katzen im täglichen Verhalten erscheinen mögen, an ihrem Territorium hängen sie mit grösster Dickköpfigkeit.

Das hat Lloyd auf die Idee gebracht, anhand der Katzenfelle die Besiedlungsgeschichte selbst in ihrer feinsten Verästelung nachzuvollziehen. So gibt es in Yarmouth im kanadischen Neuschottland viele Katzen mit zusätzlichen Zehen. Aber im nur 100 Kilometer nördlich von Yarmouth gelegenen Digby fanden die Forscher kein einziges Tier mit dieser Mutation. Die Erklärung: Yarmouth ist vor über 200 Jahren von Boston aus besiedelt worden und ist, trotz der geographischen Distanz von 500 Kilometern, ein Katzenvorort von Boston geblieben. Digby jedoch war Refugium der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg im Jahre 1783 aus New York vertriebenen Loyalisten, welche in ihrem Fluchtgepäck auch ihre «holländischen» Miezen mitnahmen.

Und ähnlich lässt sich die Besiedlung der beiden Inseln Saint-Pierre und Miquelon vor der Südküste von Neufundland rekonstruieren. Die Katzen dieses kleinsten französischen Überseedepartements sind genetisch deutlich verschieden von allen andern der 35 untersuchten nordamerikanischen Katzenpopulationen. Erstaunlicherweise liess sich aber keine Ähnlichkeit mit Katzen des französischen Mutterlandes finden. Bis 1986 erstmals eine genetische Studie der Katzen von Bordeaux gemacht wurde. Jetzt zeigte sich eine fast perfekte Übereinstimmung der Katzen der französischen Hafenstadt mit den Inselkatzen jenseits des Atlantiks, wobei die Ähnlichkeit weit grösser ist als die zwischen den Katzen von Bordeaux und dem übrigen Frankreich. Ist bei diesen Beispielen die Besiedlungsgeschichte auch unabhängig von der Hauskatzenforschung bekannt, hoffen die Katzengenetiker jetzt, ihre Methoden auch dort einsetzen zu können, wo die historischen Quellen nur dürftig sind oder ganz fehlen. Etwa bei der Frage, wer von den Portugiesen, Engländern, Holländern oder Arabern welche Orte an der Westküste Afrikas besiedelte.

Seit 1947 sind über 300 lokale Katzenpopulationen genetisch studiert worden. So 1981 auch für die Gegend von Konolfingen bei Bern. Die Amerikanerin Sylvia Kerr wollte hier prüfen, wie sich Mutanten in ländlichen Gebieten ausbreiten. Wie ähnlich sind sich die Katzen der benachbarten Orte Niederhünigen, Oberhünigen, Freimettigen und Stalden? Und bedeuten die Hügel zwischen diesen Weilern und den nördlicher liegenden Orten Zäziwil und Bowil für die Katzen eine Barriere? Die Studie ergab, dass Berner Katzen von den übrigen Europas markant verschieden sind. So haben sie deutlich häufiger ein helleres Fell oder tragen ein weissgemustertes Kleid. Auch ist die Mutante «blotched tabby», welche die Streifen eines «Tigerlis» wirbelartig verformt, im Bernbiet leicht häufiger als in Wien, aber viel seltener als im Waadtland, wo dieses typisch englische Fellmerkmal über Frankreich eingewandert ist. Vergleicht man indes die Katzen der sechs Berner Orte untereinander, findet man keine wesentlichen Unterschiede. Die Hügel der Umgebung scheinen Kater und Kätzin also nicht zu bremsen. Oder bringt die Berner Landfrau in ihrem Körbchen der Kollegin über dem Hügel gelegentlich ein junges Kätzchen mit?


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