NZZ Folio 02/04 - Thema: WWW   Inhaltsverzeichnis

Der Herr der Ringtones

© Suzanne Schwiertz, Zürich
«Wenn ich etwas anfange, höre ich nicht auf, bis es ein fertiges Produkt ist»: Jürg Bühler. Linktext
Bei Anruf Konzert: Dass Handys nicht bloss klingeln, sondern Sinfonien und Hitparadenhits abspielen, geht auch auf sein Konto. Jürg Bühler, Chefdirigent von www.infowing.ch.

Von Daniel Weber

Wenn sein Handy klingelt, ertönt «Agua de beber», ein beschwingter Brasilpopsong, dem er schon lange die Treue hält. «Ich lade mir aber oft neue Töne runter», sagt der 44-jährige Jürg Bühler und lacht sein junges Lachen, «mein Handy ist meine Jukebox.» Das ist es wohl auch für seine Kunden: Gegen 40 000-mal pro Tag laden sie bei ihm Logos, Witze, Sprüche und Ringtones herunter. Ein SMS an 248 mit dem Songtitel abschicken, und wenig später hat man für 1 Franken 80 zum Beispiel «Aicha» mehrstimmig auf dem Handy.

Die Geschichte der Firma Infowing tönt wie eine typische New-Economy-Erfolgsstory. Sie ist es aber nicht, obwohl sie Bühler zum Millionär gemacht hat. Der Mann ist ein Handwerker, grundsolide und beharrlich: Lehre als Automechaniker in Erlenbach am Zürichsee, Einstieg in die Computerei, Techniker bei Contraves, Supporter bei Terra Datentechnik. Unter den Ingenieuren fühlte er sich so wohl wie in der klar strukturierten Programmiersprache Modula-2, auf die er bis heute schwört.

Bühler faszinierten neue Kommunikationstechniken. Schon 1989 hatte er einen E-Mail-Account, und als 1993 die ersten Pager auf den Markt kamen, setzte er sich hin und schrieb ein Programm, mit dem man vom Computer aus Textmeldungen an Pager übermitteln konnte. «Wenn ich etwas anfange, höre ich nicht auf, bis es ein fertiges Produkt ist.» Page-it war ein Erfolg. Zu Hause im Kämmerchen verbesserte er es laufend mit einem Kollegen. «Ich sah dabei bald, dass SMS das nächste grosse Ding sein würde.» Es wurde dann noch ein bisschen grösser, als er es sich vorgestellt hatte.

Am Mittwoch, dem 10. Juni 1998, wurde in Frankreich die Fussball-WM angepfiffen. Zwei Tage zuvor hatte Bühler aus einer Laune heraus beschlossen, einen Resultatdienst per SMS anzubieten, und schickte eine Mitteilung an 30 Paging-Kunden. Das Echo war überwältigend: 2600 meldeten sich an. Bühler war elektrisiert – und in einer ungemütlichen Lage: Der Dienst war gratis, aber jede Message, die er verschickte, kostete ihn 30 Rappen. Seine guten Kontakte zur Swisscom retteten ihn: der Netzanbieter betrachtete die Aktion als Test und gab ihm einen kostenlosen Account.

«Für mich war der Fall klar.» Bühler verkaufte Page-it seinem Partner und ging daran, das SMS-Messaging zu erweitern. Für den «Blick» programmierte er einen SMS-Sportnachrichtendienst. Pro Meldung zahlten die Abonnenten 20 Rappen, davon erhielt Bühler einen halben Rappen, und langsam nahmen die mageren Zeiten ein Ende. Seit der WM betrieb er SMS-Info, einen Gratisdienst mit Handy-Tipps. Als das erste WAP-Handy auf den Markt kam, programmierte er eine Konfiguration dafür, die man per SMS herunterladen konnte. «Das war Smart Messaging, und ich merkte, dass man so auch Logos und Ringtones verschicken kann.» Er bastelte ein Logo, kopierte einen Ringtone bei Nokia und bot beides am 17. Dezember 1999 in seiner SMS-Info an. «Ich hatte 2000 Abonnenten und am ersten Tag 1700 Bestellungen.» An Silvester waren es 30 000.

Noch war die Sache gratis, aber das Geschäft lag zum Greifen nah. Bühler schloss mit der Swisscom einen Vertrag, und im März 2000 ging die Meldung raus: Ab jetzt kostet das Herunterladen 50 Rappen. Der Preis richtete sich nach den Kunden. «Von denen, die anriefen, hatte kaum einer den Stimmbruch gehabt.» Die Downloads signalisierten dasselbe: Snowboard-Logos und aktuelle Hits als Ringtones gingen rasant weg, Blümchenmotive blieben liegen.

Bühler hatte sich eine Firma gewünscht, die sich einen Angestellten leisten und auch mal einen neuen Computer anschaffen könnte, ohne dass er deswegen seine Ferien streichen musste. Heute arbeiten im Grossraumbüro der Infowing in Erlenbach 15 Angestellte, das Unternehmen macht Millionenumsätze. Als Ende 2002 das Wachstum zurückging, kam MMS, und wieder hatte Bühler mit dem ersten MMS-Dienst die Nase vorn. Immer noch programmiert der Chef selber in Modula-2 die zentralen Systeme, das ist sein Lieblingsjob geblieben, auch wenn er sich als Unternehmer noch um ein paar weitere Sachen kümmern muss: Mit seinem Team wählt er die hitverdächtigen Songs aus, ringt um die handygängige Umsetzung, für die er zwei Musiker beschäftigt, feilt an neuen Produkten, optimiert die Technik, kümmert sich um Lizenzverträge. Um die «Nemo»-Rechte an Land zu ziehen, waren zähe Verhandlungen mit dem Branchenriesen Disney nötig.

Dabei hat Infowing den Charme eines Familienbetriebs. Die Ehefrau Esther hat ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben und arbeitet seit 2000 mit, der älteste Sohn macht im Betrieb die Lehre als Programmierer. Er ist Skater, und seine Spezialität ist die Aufbereitung von Kurzvideos von Skate- und Snowboardsprüngen, die bereits reissenden Absatz finden. Videos fürs Handy, das ist das nächste grosse Ding, das Bühler kommen sieht. Und er ist dabei.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ-Folio.




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