NZZ Folio 07/92 - Thema: Sport und Geld   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Mythenspiele

Von  Andreas Heller

Roland Barthes beschrieb die Tour de France als Epos, als mythisches Drama. Im Rennfahrer meinte er den Helden der Antike wiederzuerkennen, der die ewige Schlacht des Lebens schlägt: im Kampf gegen sich selbst, den Gegner und die Widrigkeiten der Natur, und dies in einer wahrhaft homerischen Landschaft, zum Beispiel in der Bergwelt beim Aufstieg zur Alpe d'Huez. Der archaische Wettkampf, die Überwindung von Leistungsgrenzen, der ungewisse Ausgang der Veranstaltung erheben den Sport in den Worten des Philosophen zum die Massen fesselnden Mythos der Moderne. Die Sprache des Mythos ist universell, seine in alle Welt getragene Botschaft allerdings nicht bloss eine sportliche - weil es gerade zum Wesen des Mythos gehört, dass er sich vielfältig benutzen lässt.

Die Nationalsozialisten missbrauchten den Sport zu Propagandazwecken, und die Parteibonzen des ehemaligen Ostblocks taten dasselbe mit ähnlicher Rhetorik. In der Ära des kalten Krieges war der Sport auch ein Mittel des politischen Kampfes. Und heute? Zwar ist der Sport, der manchen Fan in den Taumel nationaler Gefühle versetzt, längst nicht frei von jeder Politik; unübersehbar in den Vordergrund geschoben hat sich heute jedoch die andere Macht, die sich den Sport seit je dienstbar zu machen suchte: die Wirtschaft. In Japan halten sich die Konzerne eigene Sportmannschaften; Athleten aus West und Ost stellen ihre Heldenbrust - gegen fürstliches Entgelt selbstverständlich - als Werbefläche zur Verfügung; im Fernsehen garantieren Sportveranstaltungen hohe Einschaltquoten und damit höhere Werbeeinnahmen. Medien und Sponsoren haben den Sport zum Milliardengeschäft gemacht - und ohne sie wäre kaum mehr ein Sportspektakel zu veranstalten.

Sport und Geld: In diesem Heft wird aufgezeigt, wie sich das eine mit dem anderen vermischt hat, wer im Hintergrund kassiert und weshalb sich die Spirale weiter drehen wird. So lange jedenfalls, wie der Sportfan im Athleten - der sich seine Leistung mit Millionen honorieren lässt und auch vor unerlaubten Mitteln nicht zurückschreckt - geduldig die mythische Urfigur zu erkennen glaubt: den Helden, der eigentlich längst Legende ist.




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