NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Franziskas Loft

© Christian Känzig
Die 43jährige Fotografin Franziska Bodmer hat, nach Jahren in New York und Rom, zusammen mit Freunden im Zürcher Seefeld eine stillgelegte Fabrik erworben und sehr sanft renoviert. Linktext
Von Lilli Binzegger

«MIT DEM VELO ist man von hier in fünf Minuten mitten in Zürich, und nach hinten ist es nur grün. Bäume, ein Bach, der genau hier einen kleinen Wasserfall bildet. Wer zum erstenmal hier schläft, meint am Morgen, es regne. Hinter dem Haus ist ein Garten, der allen gehört. Die Pflanzen sind alle in Töpfen, weil unter dem Garten ein Keller ist. Die Töpfe sind meine Abteilung. Es finden sie alle irrsinnig schön, aber keiner hat Zeit, die Blumen zu giessen. Im Sommer ist es extrem, da muss man manchmal zweimal am Tag giessen. Bei 300 Töpfen! Ich bekomme zum Geburtstag jeweils Gutscheine für Blumenspritzen. Damit gehe ich immer ganz sparsam um. Als ich zum erstenmal in dieses Haus kam, dachte ich: das gibt es doch nicht! Vielleicht in New York, aber doch nicht in Zürich. Wir, ein paar Freunde und ich, hatten schon lange ein Haus gesucht, in dem man wohnen und arbeiten kann. Hier darf man beides, das ist das Geniale an diesem Gebäude, weil es früher eine Fabrik war, aber eindeutig in der Wohnzone steht.

Der älteste Teil des Hauses stammt von 1845. Von aussen ist es ein ziemlich nichtssagender Bau. Zuerst war da eine Textilfabrik, dann eine Zigarettenfabrik, wir haben jede Menge halbvermoderter Papierpäckli gefunden, als wir vor fünf Jahren einzogen. Ich mag es, dass hier früher etwas hergestellt wurde. Zigaretten sind sowieso gut. Zuletzt war es eine Buchbinderei. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Wir wollten aber ohnehin nicht viel verändern. Die Zementpodeste etwa, auf denen die schweren Maschinen standen, hätte ich entfernen können, aber ich fand: die sind da, also bleiben sie da. Und auch die Lavabos, an denen die Arbeiter die Hände wuschen.

Hier war alles leer ausser alten elektrischen Kästen, aus denen extrem viele Kabel heraushingen. Da war immer wieder etwas drangehängt worden. Die Handwerker wollten unbedingt schöne Schalter anbringen, ich wollte aber robuste Stecker und Industrielichtschalter. Sie fanden: das geht in einer Wohnung doch nicht. Und für das Neonlicht musste ich auch kämpfen. Das war aber drin, und zum Arbeiten muss ich gut sehen, und da ist Neonlicht total gut. Der Boden ist alt, da habe ich nächtelang auf Knien mit dem Schraubenzieher Reste von Drahtspiralen von der Kalenderbinderei zwischen den Brettern herausgeklaubt. Auf diesem Stock wurden eine Küche und zwei Bäder eingebaut. Eigentlich war es aber insgesamt eher ein Putzen als ein Umbauen.

Dieser Raum ist extrem wichtig für mich, er ist Luft und Licht. Wir bleiben zwar alle immer in der Küche hängen, weil dort die Kaffeemaschine steht. Und ich arbeite meistens unten im Studio. Aber ich komme oft herauf, weil ich sowieso immer in Bewegung bin, und denke dann, wenn ich hier hereinschaue: So schön, so gut, so etwas zu haben! Wenn gerade jemand wieder einmal einen Ort braucht, um zu wohnen oder etwas zu machen. Morgen zum Beispiel kommt ein Künstler, der für ein paar Wochen ein Atelier braucht. Da stelle ich einfach alles in die Ecke und placiere meine Matratze anderswo. Auf der anderen Seite ist nochmals gleich viel Platz, sind nochmals 175 Quadratmeter.

Irgendwer ist immer für kürzer oder länger hier, von einem Tag bis zu einem Jahr. Letzten Sommer waren es einmal 18 Leute. Die bekommen dann einfach einen Schlüssel, und manchmal trifft man sich, und dann kocht vielleicht einer etwas. Das ist im ganzen Haus so: man kann den ganzen Tag niemanden antreffen oder den ganzen Tag zusammen verbringen, so wie man gerade Lust hat. Früher habe ich extrem viel gekocht, da konnte man Tag und Nacht kommen, und es gab etwas zu essen. Das Restaurant habe ich dann zugemacht, dafür habe ich jetzt einen Hotelbetrieb. Am liebsten wäre mir, die Fabrik hätte zwanzig Stockwerke statt nur vier und es könnten alle unsere Freunde hier wohnen.

Manchmal gibt es hier auch eine Party. Da muss ich jeweils die Tische abräumen, auf denen immer ein halber Meter Papier liegt. Sie sind alle gleich hoch und auf Rädern, man kann sie zu einem ewiglangen Tisch zusammenschieben. Als die Nachbarn heirateten, waren hier 90 Leute.

Weil hier alles Holzdecken sind, höre ich von oben jeden Schritt. Ich mag das, schon weil es meine Freunde sind. Ich weiss dann immer: jetzt kommen sie nach Hause, jetzt rennt der dort hinüber. Das stört mich auch nachts nicht. Ich gehe sowieso nie schlafen. Ich werde einfach nie fertig, es sind immer so viele Dinge, die ich machen möchte. Fotografieren, Dinge organisieren, E-Mails schicken. Anfangs haben die Nachbarn reklamiert, weil hier fast Tag und Nacht Licht ist. Früher war da abends um fünf Schluss. Jetzt haben sie aber Freude am Hof mit den Blumen.

Ich habe auch schon enger gewohnt. In Rom hatten wir zu zweit eine 30-Quadratmeter-Wohnung, in der auch noch das Studio untergebracht war, die Dunkelkammer war in der Küche. Kunden durften nie zu uns ins Studio kommen. Weil es so eng war, mussten wir manchmal vom Balkon aus durchs Fenster fotografieren. Und um ins Schlafzimmer zu kommen, musste man unter dem Tisch durchkriechen.

Am allerschönsten fände ich es hier, wenn gar nichts drin wäre. Aber ein paar Sachen braucht es doch. Ein Sofa, um Videos zu gucken. Sonst sitze ich fast nie, ausser am Compi und nachts beim E-Mailen. Ich esse immer im Stehen. Der Tisch mit den Stühlen, sie sind riesig und schwer, stand im Garten meiner Grossmutter unter einem Riesenbaum, als ich klein war. Zu <designte> kann ich nicht verputzen. Meine Eltern finden meine Einrichtung nicht so super, sie fänden es hier mit Teppichen, Vorhängen und ein paar Kissen schöner.»


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