NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

In aller Munde -- Bärenstarker Frühlingssalat

© Ueli Meier
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Von Leonardo La Rosa

DIE NAMEN der Speisen sind zuweilen phantasievoll, um nicht zu sagen abenteuerlich. Der Meerrettich wird wohl kaum mit dem U-Boot geerntet, er hat mit der See so viel zu tun wie ein Fahrrad mit Fisch. Auch vom Löwenzahn brauchen wir uns trotz seinem wilden Namen nicht zu fürchten – er hat ungefähr so viele Klauen und Zähne wie eine Seegurke. Doch beim Bärlauch täuscht der Name für einmal nicht, denn die Bären delektieren sich nach dem Winterschlaf gern an den vitaminreichen Blättern. Böse Zungen behaupten ausserdem, dass der Bärlauch ebenso streng rieche wie Meister Petz selbst.

Beim Bärlauch verhält es sich ein wenig wie beim mit ihm eng verwandten Knoblauch: Es gibt die Aficionados, die ihn am liebsten sogar aufs Butterbrot pressen, und es gibt solche, die Tränengas nicht effizienter vertreiben könnte. Hinzu kommt, dass der Bärlauch, wie alles, was einfach und umsonst vor der Haustüre zu haben ist, lange unter dem Odium des allzu Einheimischen, also Langweiligen litt. Jeder Tolpatsch ist schliesslich fähig, Bärlauch im Wald zu sammeln; Vorsicht ist, seit es hier keine Bären mehr gibt, einzig wegen der möglichen Verwechslung mit den vielbesungenen Maiglöckchen geboten: deren Blätter sehen jung zum Verwechseln ähnlich aus. Wer einen weiteren Frühling erleben möchte, der hüte sich vor dieser Pflanze.

Der Bärlauch ist wie der Frühling: überbordend, vital, intensiv – und trotzdem zart. Mag er auch auf den ersten Biss deftig wirken, er ist ein delikates Kraut. Kochen bekommt ihm nicht. Soll er sich in einer Suppe wohl fühlen, darf man ihn erst dazugeben, wenn die Basis bereits gekocht ist. Ebenso missfällt ihm der Aufenthalt in der Tiefkühltruhe.

Betörend schmeckt er, als Pesto oder fein dosiert, in einem Dip aus Sauerrahm. Jede frühreife Karotte wird sich augenblicklich in ihn verlieben. In kräftigen Mengen ergibt er eine wunderbare kalte oder lauwarme Sauce zu aromatischem Fleisch wie Lamm oder Gitzi. Vielleicht könnte man gar unseren britischen Freunden die Reverenz erweisen, indem man etwas Minze daruntermischt. Einer kommunen Wurst helvetischer Provenienz verleiht er den Pfiff, der jene Lügen straft, die den Schweizern Mangel an Temperament vorwerfen. Ihnen sei gesagt: Eine Schweinsbratwurst mit Bärlauch ist Heimat in der Wursthaut.

Denn wie die Wurst ist auch der Bärlauch unzweifelhaft ein einheimisches Produkt: Er gedeiht gut in gemässigten, ja kühlen und feuchten Gegenden – vortrefflich also bei uns. Kein Wunder, dass er im Zuge von Slow Food und der Rückbesinnung auf das Echte und Typische ein Comeback feiern kann. Und ausserdem ist er eine schöne Metapher für die heutige, schnelllebige Zeit: Kaum hat man von ihm gehört, ist seine Zeit auch schon wieder vorbei. Man muss ihn holen, essen, geniessen.



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